Steckst den Finger in Arsch und drehst‘n …

Analfixierungen, Assoziationsketten, Anus, Arno, Elbflorenz: Welcher Marktingfritze dachte sich für diese Stadt die Wendung Elbflorenz aus? Florenz hat mit Dresden soviel zu tun wie Sizilien mit Grönland. Hier in Dresden ist es kalt, die Stadt eine karge Puppenstube. Barock ist wonanders besser aufgehoben. Die Frauen sind ostig, die Menschen sprechen einen unausstehlichen Singsang-Dialekt. Abends ist die Stadt ausgestorben. Wahrscheinlich schauen die Eingeborenen hier immer noch Ostfernsehen und warten auf die „Aktuelle Kamera“. Die Elbe in Dresden ist im Vergleich zu Hamburg ein Rinnsal. Zumindest zocken einen die Taxifahrer nicht ab. Und die Bedienung im Lokal war höflich. Ansonsten: Dresden ist eine öde und langweilige Stadt. Wer je in Rom oder Florenz war käme kaum auf die Idee, diese Stadt mit Dresden zu vergleichen. Diese Analogiebildung kann im Grunde nur jemand vorgenommen haben, der niemals Ostdeutschland verlassen hat oder aber ein Florentiner, der Florenz abgrundtief hassen muß. Vielleicht ein verstoßener Medici oder ein Nachkomme von Girolamo Savonarola. Ich hoffe, daß wenigstens die Kunst entschädigt. Ansonsten gehe ich ins militärhistorische Museum.

Wird die Ausstellung „Die Erschütterung der Sinne“, die gestern in einer Art Preview eröffnet wurde, mich milder stimmen? Der Titel klingt verheißungsvoll. Er paßt gut zu Dresden.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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20 Antworten zu Steckst den Finger in Arsch und drehst‘n …

  1. genova68 schreibt:

    Das mit dem Elbflorenz bezieht sich auf die Zeit vor Februar 45.

    Die Elbe ist dort ein Rinnsaal, aber der Arno in Florenz ist auch nicht größer.

    Abends ist die Stadt ausgestorben bis auf die Ecken, in denen sie nicht ausgestorben ist. Das ist so wie in jeder anderen Stadt auch. Ich vermute, die meisten Berlin-Touristen sagen über Berlin auch: „Abends ist die Stadt ausgestorben.“

    Aber mir gefallen solche aus der Hüfte geschossenen Artikel, wir nähern uns dem Goetz an; dafür sind blogs gut. Als nächstes schreibe bitte, wann du mit Adorno zur Eisdiele radelst und über welchen Satz du gerade nachdenkst. Es wäre lesenswert, da bin ich mir sicher.

  2. Bersarin schreibt:

    Ich bin im Zentrum von Dresden!!!! Das ist ja das schlimme. Vor 45 war’s hier auch nicht besser.

    Ich denke , wenn ich durch Dresden gehe, über den Satz „Das Sein bestimmt das Bewußtsein“ nach.

  3. genova68 schreibt:

    “ Vor 45 war’s hier auch nicht besser.“

    Ein interessanter Ansatz.

  4. hinz&kunz schreibt:

    Man müsste nur Dresdner fragen, die die ursprüngliche Frauenkirche noch ästhetisch rezipierten, ob sie vor 45 „schöner“ war, also ob der Wiederaufbau und somit der mitaufgebaute historische Selbstkommentar als Zeugnis die Kirche nicht eigentlich schöner machte, als sie zuvor war. Wäre das bedenklich, weil Inhalt über Form?

  5. ziggev schreibt:

    oh je, Bersarin, was sagst Du uns Hamburgern denn zu unserem „Elbvenedig“ ? Venedig hat überhaupt nichts mit Hamburg zu tun ! Hamburg hat nämlich viel mehr Brücken !!

  6. summacumlaude schreibt:

    Nun Bersarin, der Begriff Elbflorenz (Spree-Athen gibt es übrigens auch!) kommt aus dem 18. Jhd. – also etwa zu der Zeuit, als der Venezianer (sic!) Canaletto Dresden malte – und hat nichts mit der deutschen Teilung zu tun. Er ist ein Ausdruck der ebenso alten deutschen Italiensehnsucht und trifft die Wirklichkeit etwa so wie die Caprifischer.

  7. Bersarin schreibt:

    Ich weiß wohl: der Begriff Elbflorenz, den dachten sich nicht die DDR-Oberen aus, der ist alt und stammt aus der Sehnsucht nach Italien.

    Zur Frauenkirche kann ich nicht viel sagen, weil ich mich damit nicht beschäftigt habe. Prinzipiell sind Rekonstruktionen heikel, weil dann eine fiktive Stadtlandschaft wie der Frankfurter Römer entsteht. Andererseits scheint mir die Wiederaufbau der Warschauer Altstadt (gleich nach dem Krieg wohlgemerkt) ein Beispiel für gelungene Rekonstruktion zu sein.

    Hamburg und Venedig: na ja. Am Ende hinken alle diese Vergleiche doch sehr.

  8. David schreibt:

    2002 war es, daß kurzzeitig die Bezeichnung „Elbatlantis“ eine große Attraktivität aufwies, die jedoch bald wieder im Erdreich und der zweiten rot-grünen Legislaturperiode versickerte. An dieser Bezeichnung schien mir wenig verkehrt, da ja Vergleiche mit dem echten Atlantis aus verschiedenen Gründen ausbleiben müssen, und somit jeder mit seinen Vorstellungen hantieren durfte, wie ihn die Wasser gewaschen haben.

  9. David schreibt:

    Der letzte Satz ist übrigens ein Tempussalat, eine meiner eklen Spezialitäten.

  10. ziggev schreibt:

    stimmt, summacumlaude, die Parallelisierung Dreseden-Venedig ist interessanter – die hamburger Selbstbetitelung ist mal wieder etwas hanseatisch-banausisch.

    Wir landen im Barock: „Venedig-Dresden. Ideale Projektion und kulturelle
    Modellierung“ http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1839

  11. genova68 schreibt:

    Zum Thema Rekonstruktion in Warschau und Dresden empfehle ich folgende sehr gute Artikel zur Lektüre:

    http://exportabel.wordpress.com/2010/10/29/rekonstruktion-und-geschichte-1-warschau/
    http://exportabel.wordpress.com/2011/01/01/rekonstruktion-und-geschichte-2-dresden/

    Danach wird der Leser die Welt mit anderen Augen sehen.

  12. che2001 schreibt:

    Das mit dem Elbflorenz bezieht sich auf die Zeit als August der Starke noch im Amt war. Da war Dresden die Hauptstadt von Polen.

  13. katja1982 schreibt:

    Ich finde nicht, dass Dresden diese polemische Abwatsche verdient hat … Eingeborene, Ostfernsehen, Frau sind „ostig“? Ich hoffe, du meinst das nicht ernst … Eine Stadt lebt durch die Menschen, ich kenne tolle Menschen in Dresden, mit tollen Ideen … Dann warst du wohl noch nicht in manch anderer wirklich leeren und kargen ostdeutschen Stadt? Wie oft warst du denn schon dort und was für Menschen haben dir denn „ihr“ Dresden gezeigt? Berlin ist auch kalt, und so dreckig und häßlich an vielen Stellen … Aber davon fang ich jetzt nicht an, denn ich lebe gern hier. Du kannst Dresden doof finden, aber bitte keine Ostdeutschen-Klischees … Was ist denn eine „ostige Frau“?

  14. Bersarin schreibt:

    @ che
    „Da war Dresden die Hauptstadt von Polen.“ Das erklärt den Verlust meiner Mütze.

    @katja
    Ostige Frauen sind wie ostige Männer. Ich mag übrigens ebensowenig westige Frauen und westige Männer. Menschen sind mir am liebsten, wenn sie sich sehr weit entfernt befinden. Ich würde mir wünschen, durch leergefegte Städte und Straßen flanieren zu können. Ich gehe deshalb gerne nachts spazieren.

    Ich liebe karge ostdeutsche Städte und auch westdeutsche, wie z.B. im Ruhrgebiet oder Dörfer in der Oberpfalz, weil da nichts ist als Leere und Ödnis. Dresden schmückt sich, Dresden ist langweilig, in Dresden ist man in zwei Stunden durch und hat im Grunde alles gesehen.Insofern kann ich die Proteste gegen die Waldschlößchenbrücke nicht verstehen. Die Brücke nimmt der Stadt nichts weg. Ein Ort wie Loschwitz ist nichts als kunstgewerblicher Kitsch.

    Das beste an Dresden ist die Gläserne Manufaktur. Weil an diesem Ort in Handarbeit der VW Phaeton hergestellt wird. Und die Gemäldegalerie „Neue Meister“ lasse ich noch gelten. „Alte Meister“ war geschlossen.

    Städtebaulich ist Dresden ein Desaster. Und die Neustadt ist einfach nur alternativ-bieder, fast so schlimm wie Friedrichshain.

  15. summacumlaude schreibt:

    Hallo Katia, ja das war ein wenig „abgewatscht“, da gebe ich Dir recht, aber Bersarins Artikel korrespondiert möglicherweise mit dem medial vermitteltem Generallob über Dresden ( Beispiel: Aufbau Frauenkirche, und wehe da übt einer Kritik!!! Zweites Beispiel: Schuldenabbau aber auf wessen Kosten?), das auch ein wenig abgestanden wirkt. Generallob im Generalbass!

    Immerhin ist die sächsische Staatskanzlei relativ dicht an der bayrischen – was den Korruptionsfaktor angehet. Was dem Bayern sein Uhl, ist hierbei dem Sachsen sein Nachtigall. König Kurt hat da durchaus nicht nur segensreiche Finger im Spiel gehabt. Auch in Dresden gibt es Amigos – und nichts davon wird reflektiert!!! Die Lobredner des neuen Dresden – eine einzige Daumenhochfraktion!

    Zur Warschauer Altstadt gibt es einen schönen Kommentar vom Architekten und Schriftsteller Max Frisch, sinngemäß etwa so: „Auch rekonstruierte Gebäude setzen Patina an.“

  16. Bersarin schreibt:

    @summacumlaude
    Mensch, mach mir nicht meine Berhard-Goetz-Tour kaputt! ;-)

    Ich vergaß übrigens im Rahmen der Positivierungen die Ägypten-Serie von Max Slevogt im Albertinum zu erwähnen.

  17. katja1982 schreibt:

    Was dass Politische angeht, da mögt ihr Recht haben … Die mediale Wahrnehmung von Dresden und eine Lobhudelei, das kann auch sein. Da bin ich raus, weil ich dazu nicht aktuell informiert bin, dennoch befinde ich persönlich Dresden als schöne Stadt. Und ich freue mch auf meinen nächsten Dresden-Tripp zu Freunden .Es hat mir immer dort gefallen, ich verbinde positive Erinnerungen mit Dresden, natürlich wenn man die sozialistische Überbleibsel entfernt …Aber was soll ich sagen, ich bin aus Gera, da ist alles schöner =) … Daher wird vielleicht meine Verteidigung Dresdens als schöne ostdeutsche Stadt klar. Übrigens – schon mal in Görlitz gewesen? Sehr schöne Stadt wahnsinnig vielen Baudenkmalen und Jugendstilfassaden …

  18. genova68 schreibt:

    Es geht doch darum, dass Dresden nach der Wende vom rechten Bürgertum als Vorzeigestadt auserkoren wurde. Deshalb die Rekonstruktion der Frauenkirche und die unglaublich warenweltmäßig verkitschte Umgebung drumherum. Das ist Disneyland, in jeder Beziehung, eine große Katastrophe, die nur durch eine erneute Bombe zu entschärfen wäre. Es ist die Absage an jede Form des Ernstnehmens von Stadt, von Geschichte, von Beziehungen.

    Das ist vor dem Hintergrund der Geschichte der Stadt vielleicht verständlich. Massiv zerstört im Krieg, danach in einer Zwangsgesellschaft ohne materielle Mittel nur mühsam ein bisschen repariert (Zwinger u.a.), ohne ernsthafte öffentliche Diskussinonen darüber, eine heimliche und unheilvolle Anlehnung der Realsozialisten ans rechte Bürgertum, das ihnen ja offiziell verhasst war. Ab 1990 rückte Dresden ins Fokus des reaktionären Blocks. Das ZDF als Frauenkirchen-Sponsor aus Zwangsgebühren war vorne dabei, um klarzumachen, dass es sich hier um eine überparteiliche nationale Aufgabe handelt, die zu kritisieren Volksverrat bedeutete.

    Das Verhältnis der Dresdner zu ihrer Stadt kann nur ein neurotisches sein.

    Was dort an Diskussionen abgeht, sprengt die Vorstellungskraft: Es gibt eine starke Fraktion, die so ziemlich alles, was nach 45 gebaut wurde, wegsprengen und ein imaginiertes Erbe aus der guten alten Zeit pflegen will. Die völlig kaputte Debatte um die Waldschlösschenbrücke, hier schon angesprochen, zeigt das ja auch. Die Brücke ist harmlos, der Blick, verstellt oder nicht, ist banal, aber es wurde aufgebauscht auf Teufel komm raus, um ein Exempel zu statuieren.

  19. Bersarin schreibt:

    @ genova
    Dresden ist Disneyland: genau das trifft es gut.

    Deinem Kommentar ist nichts hinzuzufügen.

  20. Bersarin schreibt:

    @ Katja
    Nein, ich war noch nicht in Görlitz, das kommt noch dran. Ich selber mag Anklam, Prenzlau, Eisenhüttenstadt. Halle steht noch aus, es folgt ein Besuch demnächst, wenngleich dies die vielleicht mitlesende Irisnebel nicht mehr glauben mag: aber es ist so. Es ist geplant. Denn meine Serie ausgewählt öde Orte sollte nicht einschlafen.

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