Eloge zum Abschied – das c/o Berlin

Die c/o-Galerie im ehemaligen Postfuhramt schloß am 8.3.2013 endgültig ihre Pforten. Gut ist es, wenn ein Abschied den angemessenen Ausklang findet, wie z. B. einen Tag später mit einer Party. Schön wenn der Rückblick auf einen besonderen Ort so ausfällt, daß einer sagen kann: Nichts bereut und diese Zeit war eine erfüllte. Das ist bedauerlicherweise nicht immer der Fall.

Für die, welche nicht in Berlin leben dürfen: das c/o war einer der herausragenden Ort für Photographieausstellung: Ob nun 100 Jahre Modephotographie, die Bilder von Annie Leibovitz, Nan Goldin, Roger Melis, Photos der Agenturen Magnum und Ostkreuz, die unheimlich-schönen, zerfressenen Industrielandschaften von Edward Burtynsky, diese ausgedienten Container- und Frachtschiffe aus Stahl, die am Strand irgend eines Landes liegen, um ausgeschlachtet zu werden, die verlassenen Erdölfelder, der Müll der Zivilisation; die harten Bilder der amerikanischen Jugend in den 60er/70er Jahren, die Larry Clark schoß, Peter Lindberghs vielseitige Photographien: Models, die mitten in New York zwischen den ganz normalen Menschen auf der Straße sich bewegen. Schnappschüsse aus dem Alltag, die schöne, die harte Welt der Mode und der Models; Sibylle Bergemanns Polaroids, Anja Niedringhaus‘ genial-drastischen Kriegsbilder aus dem Irak und aus Afghanistan. „Unheimlich vertraut. Bilder vom Terror“: eine klug konzipierte Ausstellung über die mediale Darbietung terroristischer Akte. Und und und. Ich möchte mich am liebsten im Aufzählen von Namen ergehen, weil dieses Durchdeklinieren einen Assoziationsstrom an Visuellem, an Eindrücken und an Bildern heraufziehen läßt. Daß eine solche Institution der Photographie nicht mit Geldern des Senats gefördert wird, ist im Grunde schlimm genug. Wenn aber weder Bezirk noch Stadt es vermochten, dem c/o Berlin seinen Platz im Postfuhramt zu ermöglichen, so hinterläßt das nur noch Kopfschütteln. Zumal der Senat über das Baurecht sowie den Denkmalschutz jedem Käufer, Investor oder wie sich die Heuschrecken auch nennen mögen, das Leben hinreichend schwermachen könnte. Andererseits: Von diesem oder von einem anderen Senat in Berlin ist im Grunde nichts zu erwarten.

Das Postfuhramt ist ein gar verwunschener Ort gewesen. An den Wänden bröckelte es, riesenhohe Decken, Stuck, Verzierungen und Wand aus alten Tagen: ideal um Photographien zu präsentieren. Selbst wer sich nicht für die Photographien interessieren mochte, der warf einen Blick auf dieses eigenwillige Gebäude. Und von der Augustraße aus ließ sich der riesige Hinterhof betreten. Man mußte nur das zwar verschlossene, aber oftmals nicht abgeschlossene Tor öffnen und eintreten. Das Unfertige und Ruinöse des Ortes, das Abgebröckelte im Zusammenspiel mit den durchkomponierten Photographien machte den besonderen Reiz dieser Galerie aus.

Nun ist das Postfuhramt nicht mehr öffentlich zugänglich, sondern es wird Firmensitz der Biotronik SE & Co. KG, im Privatbesitz von Max Schaldach jr. Das Unternehmen produziert medizinisches Gerät. Zutritt für Unbefugte verboten!

Die Wiedereröffnung von c/o Berlin im Amerikahaus in der City West ist im Herbst 2013 geplant.

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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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