Spiegelungen des Autors, Brechung des Auktorialen, Spiele der Prosa – „Aléas Ich“ in erster Lesung, erste Szene

Der Schein des Scheins ist das Wesen der Kunst. Potenzierung und Depotenzierung. Diese Leseszene, die Anordnung des Textes, die Wörter, die Identität sowie die Positionierungen von Erzählerin oder Erzähler lassen sich in bezug auf den Roman „Aléas Ich“ trefflich mit einem Zitat von Michel Foucault zeichnen und in eine Signatur bringen. Es ist jedoch, um das Gleichgewicht zu kippen, bloß eine von vielen möglichen Signaturen. Es ist diese Textstelle ein dem ersten Anschein nach fiktiver Dialog in Foucaults „Archäologie des Wissens“. (Über die Struktur von Eigennamen wäre noch zu schreiben.)

„Sie präparieren bereits den Ausweg, der Ihnen im nächsten Buch gestattet, woanders aufzutauchen und, wie Sie es jetzt tun, zu höhnen: nein, nein, ich bin nicht da, wo Ihr mich vermutet, sondern ich stehe hier, von wo aus ich Euch lachend ansehe?
Ja, glauben Sie denn, daß ich mir so viel Mühe machen würde und es mir soviel Spaß machen würde zu schreiben, (…), wenn ich nicht mit etwas fiebriger Hand das Labyrinth bereite, wo ich umherirre, meine Worte verlagere, (…). Mehr als einer schreibt wahrscheinlich wie ich und hat schließlich kein Gesicht mehr. Man frage mich nicht, wer ich bin, und man sage mir nicht, ich solle der gleiche bleiben: das ist eine Moral des Personenstandes; sie beherrscht unsere Papiere. Sie soll uns frei lassen, wenn es sich darum handelt zu schreiben.“
(M. Foucault, Archäologie des Wissens)

Text-Zitate sollten nicht als Motto verwendet werden, um bloß zu illustrieren oder in anderer Stimme anklingen zu lassen, was nicht selbst als Formulierung und Text geschafft wird. Aber sie sind dennoch eine (Text-)Stimme als Resonanz-Körper. Ich werde mich in einer, zwei oder drei Folgen an dem Roman „Aléas Ich“ entlangschreiben. Die Form herkömmlicher (literarischer) Kritik, wie wir sie in den Feuilletons der Zeitungen finden, scheint mir in diesem Falle unangemessen zu sein. Zu fragen, wer dieses Ich sei, das schreibt, inszeniert und in eine Anordnung bringt, drängt sich natürlich immer wieder auf, weil wir fixierte Bilder möchten. Für den Raum des Textes sind solche Fragen jedoch unerheblich.

„Aléas Ich“ läßt sich von verschiedenen Seiten her erzählen oder: in eine Darstellung bringen. Allerdings kann man, was meiner Abneigung gegen die Nacherzählung entgegenkommt, den Plot oder das, was Handlung heißt, nicht unmittelbar als Story und launig in Linie gebracht wiedergeben, denn jedes Erzählen, was genau da im Buch geschieht, verfehlt im Grunde den Gehalt des Textes. „Aléas Ich“ spielt damit, daß beständig die Perspektiven wechseln. Schreibszenen sind Fiktionsszenen, Fiktionsszenen werden – ich komme darauf noch zurück – wiederum selber als Fiktionalisierungen markiert. Es läßt sich dieser Text auch deshalb nicht gut (nach-)erzählen, weil dies bedeutete, sich auf eine Sprecher:innen:position, auf eine Blickachse zu kaprizieren. Ist es die junge Frau aus Rumänien, die Schriftstellerin werden will, die wir als Protagonistin inszenieren möchten? Oder ist es jener mysteriöse Mann, jenes Alter Ego, das als Adrian auftaucht und auf einem Friedhof in Bukarest dem Ich, das als Eigenname Aléa führt, eine Geschichte erzählt (S. 309)? Ist es jenes Wesen, das am frühen Morgen des 11. September 2011 sowie am Abend des 11. September 2012 im Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum in Berlin sitzt und sich als Aléa Torik ausgibt – eingerahmt zwischen diese beiden Zeit-Räume eine Geschichte?

„Aléas Ich“ ist in gewissem Sinne zugleich ein Bildungsroman, allerdings ein solcher, der die klassische Struktur umpolt und sie überborden läßt. Nicht mehr verfolgen wir ein (sich irgendwie bildendes, entwickelndes) Subjekt beim Gang durch die Welt, an der dieses Subjekt wächst wie in Goethes „Wilhelm Meister“ oder eben nicht wächst, wie in Flauberts „Éducation sentimentale“, oder aber wo es in der Schwebe bleibt, ob überhaupt eine Entwicklung stattfand und wenn es sie gab oder nicht gab, wurde diese Ausbildung eines Ichs möglicherweise auf dem großen Schlachtfeld Europa ausgelöscht, so wie dies im „Zauberberg“ geschieht. Sondern vielmehr geht der Blick auf die Perspektivierungen des Ich. Klassisch mag in „Aléas ich“ noch jenes Motiv auftreten: Eine junge Frau, die ihr Elternhaus verläßt, in eine Großstadt zieht, um zu studieren und um partout und koste es, was es wolle, Schriftstellerin zu werden – zunächst als Lehrjahr inBukarest, dann prononcierter in Berlin. Ebenso handelt dieser Roman davon, wie ein Ich sich bildet, wie eine Fiktion entsteht, wie eine Autorin damit beginnt, „ich“ zu schreiben. Der Roman beginnt und endet in einer Art Solipsismus, der sich jedoch im seinem Verlauf, als Verlauf des Textes, nicht mehr bloß an ein einziges Ich bindet.

„Aléas Ich“ scheint auf eine Weise verworren und klar in einem. Aléa Torik ist eine Schriftstellerin, die sich der Frage stellt, wie sich die Identität von Autorin/Autor, aber auch die des Fiktiven, die von Romanfiguren konzipiert. Aber es bleibt festzuhalten „Natürlich heißt niemand Aléa Torik“, wie wie Nicole Henneberg ihre FAZ-Kritik zu „Das Geräusch des Werdens“ titelte. Insofern ist „Aléas Ich“ als Roman und als Text grenzgängerisch: Erzählung, Poetik und Metapoetik in einem. Es wird solches Verfahren von den Verfechtern des Identitären und des Bei-sich-seins im Raum vorgeblicher Erfahrungen als haltloses Spiel, wenn nicht als Betrug abgetan. Aber Authentizität ist innerhalb der Literatur eher ein Schimpfwort und nichts, das es anzustreben gilt oder was als Kategorie der Poetik etwas taugt. Literatur ist nicht authentisch, sondern sie ist in sich stimmig gebaut, enthält einen Wahrheitskern, ist gekonnt geschrieben, gehorcht den Gesetzen der Rhetorik, sie führt Rhythmus mit sich, sie fabuliert, erzählt, läßt die Phantasie strömen oder aber sie streicht diese Elemente im selben Akt und zugleich durch, sie radiert und löscht aus. Was zählt, ist die Konstruktion, und die entscheidende Frage – egal in welcher Weise nun erzählt wird – bleibt immer: Funktioniert es? Insofern kann, dies zeigt der Roman „Aléas Ich“ gut, eine Ästhetik des Erzählerischen plural verfaßt sein. Auktorialer Blick und assoziativer Bewußtseinsstrom, innerer Monolog, Figurenrede und objektivistischer Kamerablick schließen sich – diese Erkenntnis ist für die literarische (Post-)Moderne keineswegs neu – nicht aus, und es läßt sich innerhalb des Erzählens das Erzählen dekonstruieren, ohne daß es wie eine akademische Übung ausschaut. Dies zumindest vergegenwärtigt der Roman „Aléas Ich“. Was zugleich nicht bedeutet, dieser Text wäre ganz frei von Schwächen. (Welcher Text ist das schon?) Und es will dieser Essay keineswegs einen Lobgesang anstimmen. Vielmehr möchte auch dieser Essay sich Phänomenen wie Fiktion, Schein, Wahrheit und Text näheren. Ein Unternehmen, nebenbei, das dieser Blog schon seit einigen Jahren versucht, wenn es ihm um die Rhetorik von Bildern, um ihr Leben, ihre Macht und ihre Struktur geht.

Das inszenatorische Spiel, das Aléa Torik über die Literatur sowie ihren Blog betrieb, um sich als reale Person, als Schriftstellerin, als Schriftsteller zu verbergen und zu maskieren, wurde von einigen mit dem Hinweis darauf kritisiert, daß in solchem Verfahren nicht ein multiples Subjekt dargestellt oder eine Dekonstruktion der Begriffe männlich/weiblich durchgeführt würde, sondern vielmehr ein Spieler hier wie im Marionettenspiel sämtliche Fäden in der Hand halten möchte, während alle anderen an diesen Fäden zappeln. Dies sei mit Freiheit und dem Spielcharakter nicht zu vereinbaren. Ein im Hinblick auf das Spiel der Literatur, das die Grenzen überschreitet und überschreibt, eigentümlicher Vorwurf; zumal wenn man bedenkt, daß dieselben Menschen vor den personen- und subjektinszenierten Photographien und multiplen Selbstportraits von Cindy Sherman mit andächtigem „Oh“ verweilen. Natürlich hängt ein Text, eine Photographie – auch – an einer Autorin, an einem Autor. Doch ist das zugleich eine Binsenweisheit. An wem sollten sie sonst hängen? Vom Himmel kommen Werke nicht gefallen. Aber Autorinnen und Autoren sind zugleich bloße Instanzen im Betrieb der Kunst und des Feuilletons. Im Akt der Produktion oder des Schreibens, in ihren Rollen, Inszenierungen, wenn sie sich im Arsenal der Figuren und Figurationen entäußern und entwerfen, bleibt nichts von der Identität übrig. Der Blick hinter die Masken schuldet sich lediglich dem identifizierenden Denken. Doch selbst die Biographie bleibt ein Stück weit Inszenierung.

Eine Grenze jedoch läßt sich – zumindest im herkömmlichen Medium Buch/Werk – nicht überschreiten: die zwischen Produzent und Rezipient. Es sein denn, die Rezipienten produzierten selbst.

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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28 Antworten zu Spiegelungen des Autors, Brechung des Auktorialen, Spiele der Prosa – „Aléas Ich“ in erster Lesung, erste Szene

  1. Aléa Torik schreibt:

    Lieber Bersarin

    ich freue mich, dass mein Buch Deine Aufmerksamkeit erringen konnte.

    Zu einem Punkt möchte ich mich äußern, dem Begriff der Wirklichkeit. Was ist Wirklichkeit? ist eine der zentralen Fragen in dem Buch. Kann man die überhaupt durchgängig festlegen oder gibt es nur Mircroebenen der Wirklichkeit? „Was ist das wirkliche an der Wirklichkeit“, fragt Joseph Vogl seine Promovendin. Die Antworten, die sie geben kann, sind nicht ausreichend. Gegen Ende des Romans, als sie, auf dem Boden liegend, sich dessen erinnert, fragt sie sich, ob, was sie dazu sagen kann, nun hinreiche. Man darf also den zwischen diesen beiden Szenen liegenden Text als Versuch verstehen, eine Antwort auf diese Frage zu finden.

    Ich sehe im Grunde drei Möglichkeiten.
    Erstens: Die Autorin sitzt in der Bibliothek und schreibt an ihrem Roman. Man weiß über die reale Person, also die, die auf dem Cover als Autorin bezeichnet wird, nichts, außer dass sie eben an ihrem Roman arbeitet. Zu Beginn liegt der Text vor und am Ende hinter ihr. Aber womöglich ist dieses Ende auch nur die Vorstellung vom Anfang: womöglich sitzt sie dort und stellt sich den Gang ihres Romans eben nur vor.
    Die zweite Möglichkeit ist die, dass der Autor von „Aléas Ich“ jener Adrian ist, der einen Roman über das Mädchen schreibt, die an dem Tag geboren wurde als er das Dorf verlassen hat. Er imaginiert nun, wie es aussähe, wenn sie einander träfen: aber aus ihrer Perspektive. Er selbst verschwindet nahezu vollständig.
    Und die dritte Möglichkeit scheint in dem Kapitel „Aléa, wach auf“ hervor: Hier werden verschiedene Verhältnisse von Wach- und Schlafzustand beschrieben und es wird angedeutet, dass Aléa womöglich noch immer als kleines Mädchen auf dem Hochplateau in Mărginime liegt und sich lediglich vorstellt, dass sie bei Cărtărescu und Vogl studiert und eines Tages nach Deutschland geht, um Schriftstellerin zu werden.

    Das alles nur ganz schnell. Weil ich jetzt aus dem Fenster springen muss. Als Erzählende. Und als Erzählte fange ich mich unten wieder auf. Es hat Vorteile, wenn man mehr als eine Rolle im eigenen Leben übernehmen kann.

    Aléa

  2. Bersarin schreibt:

    Genau diese Möglichkeiten sehe ich auch. Insbesondere die Traum- und Schlafszenen, wo Aléa von ihrer Mutter geweckt wird, halte ich für sehr aufschlußreich, und ich werde in meiner Sichtung (eine Besprechung mag ich es nicht nennen, weil’s im Grunde oberlehrerhaft klingt), auf einzelne Szenen des Romans noch eingehen.

    Ein wenig hat mich diese Durchführung der Imaginationen übrigens an den Schluß von Nabokovs „Lolita“ erinnert: „Keiner von uns beiden ist am Leben, wenn der Leser dieses Buch aufschlägt.“ Zumindest gibt es in diesem Roman eine Zone der Indifferenz. Ich mag solche Zonen.

  3. anne schreibt:

    Ich kann gut nachvollziehen, dass Ihnen das Verfahren, nach dem dieser Roman geschrieben und gebaut ist, gut gefällt; denn es werden hier erkenntnisstheoretische Fragen aufgeworfen, die zu beantworten ja mittlerweile das Haupt“geschäft“ ist, das die Philosophie noch betreibt (und antreibt). Spiegelung und Schein sind, bei aller Objektivität (Hegel: der Schein ist objektiv), Spiegelung und Schein von – etwas. Ein reines Spiegelkabinett, in dem die Spiegel sich selber abspiegeln, ist leer. Bei einem Kunstwerk handelt es sich zudem -anders als etwa im Felde mathematischer Formelsprache- um ein sinnliches Scheinen – von etwas.
    Die Struktur des Spiegels ontologisch zu denken als Modell der Reflexion des Ontischen, in dem die Refexion der Reflexion, das Denken, nur als Sonderfall erscheint, ist das Denken von Sinn als funktionaler Einheit einer geordneten Beziehung, deren Glieder zueinander sich verhalten, also füreinander sind. Der Autor mag ein Glied in dieser Beziehung sein.

  4. Bersarin schreibt:

    Autorin/Autor sind, wenn ich Sie richtig lese, lediglich ein Glied innerhalb einer Kette von (Text-)Verweisungen. Wobei ich bei „Das Geräusch des Werden“ und bei „ALéas Ich“ immer die Frage mitlaufen habe: Wie wirklich ist die Wirklichkeit. Und zudem steckt in dem Substantiv Wirklichkeit eben auch das Verb „wirken“, und wenn wir uns die Kantische Kategorientafel betrachten, wenn wir denn schon bei einer gleichsam ins ästhetische gewendeten Erkenntnistheorie sind, dann habe wir dort unter dem Begriff der Modalität: Möglichkeit, Dasein, Notwendigkeit.

    Ein zweites Hauptgeschäft der Philosophie ist – leider und zu meinem Verdruß – die Ethik, die Moralphilosophie.

    Der Schein ist bereits aus sich heraus in seiner Mehrdeutigkeit ein wunderbarer dialektischer Begriff, wie auch der der Aufhebung.

  5. ziggev schreibt:

    Der Schein scheint, wie könnte er sonst Schein und somit scheinend sein? Kunst scheint nicht nur etwas selbst zu sein, sondern in ihrer darstellenden Funktion ein Scheinen herzustellen. Aber was ist schon es selbst?, ohne dass diese Frage zuerst möglich ist, um als Selbstanschein zu existieren? Nichts kann es selbst sein ohne den Anschein davon zu erwecken. Die alberne selbstvergewissernde Rede vom „Wesen“ löst sich hier in ein halbgelangweiligtes Gelächter über die hilflosen aristotelischen Versuche, zu einer Theorie der Definition zu gelangen, auf. Es gibt nichts, was nicht auf diese Weise existierte. Anstelle einer Klarstellung über das Wesen von irgendetwas geraten wir in eine ausgeschmückte Tautologie.

    Es gibt kein spiegelloses Sein, das nicht ohne diese Metapher denkbar wäre. Aber müssen wir uns wirklich in solchen Tautologien ewig im Kreise drehen?

    Nur vermeintliche Depotenzierung täte hier gut; da es aber nichts zu depotenzieren gibt, kann es genausogut Potenzierung sein. Wir bewegen uns im so gebauten unabänderlichen Zirkel. Die gigantische Arbeit, über hunderte Seiten einen Satz nach dem anderen aneinanderzuhängen, um zu einem stimmigen Werk zu gelangen, allein diesen Versuch zu unternehmen, wird nur sich selbst auflasten, wem wir alle den erdenklichsten Respekt zollen werden, weil es uns, die wir noch nie davon auch nur geträumt haben, soetwas zu versuchen, als ein Unternehmen der Unmöglichkeit erscheinen muss.

    Mit Tautologien finden wir aber keine den Blick freistellende philosophische Interpretation, welche selbst ja zweifelsohne notwendig ist, es sei denn wir unternehmen es, das Werk Satz für Satz durchzuarbeiten, im Vertrauen darauf, dass es sich nicht in solchen Zirkeln bewegt.

    Es sind Zirkelschlüsse, deshalb sind wir ja so dankbar für jede ästhetische Hervorbringung. Was ist aber eigentlich die Notwendigkeit, sofort wieder in denselben Zirkel hineinzuspringen, haben wir das Buch beiseitegelegt während draußen die Sonne scheint oder es schneit oder beides zusammen?

  6. anne schreibt:

    Das ist aber kein Zirkel als circulus vitiosus. Sondern das ist das Denken des Kreislaufs der Kräfte selbst, eines ganzes Systems von Wechselwirkungen. Ästhetische Hervorbringungen sind nur ein Spezialfall dabei.
    Der ganze zirkuläre Prozess der Reflexion eines sich selbst als Ausdrücken eines ihm äußeren Gegenstandes bestimmenden Denkens – lässt sich, in strenger Analogie, am Modell der Spiegelung darstellen. Es handelt sich bei diesem Modell um die Formulierung des apriorischen Anfangs in einer zirkulären ontologischen Refexionsstruktur.

  7. ziggev schreibt:

    ja , danke Anna, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, meine Zweifel aufzulösen.

    Dennoch möchte ich diesem Zwischenruf die Frage anfügen, wie es einen vor der Erfahrung liegenden „Anfang“ geben kann. Dass es ein Draußen gibt, und ein Drinnen der Spiegelung, ist m.E. eine banale Festellung. Wundern kann sich darüber nur, wer sich im Spiegelkabinett verirrt hat. Ohne Empirie lässt sich, soweit ich sehen kann, kein Anfang denken.

    Bin ja selbst ein großer Fan der Spiegelmetapher, würde aber ins Esoterische oder die sehr unvollkommen verstandene „indische“ Philosophie hineindriften, wollte ich versuchen, um die beste Formulierung in einen Wettbewerb zu treten.

  8. Bersarin schreibt:

    Womit der Anfang in der Wissenschaft zu machen sei, fragt Hegel zu Beginn seiner „Wissenschaft der Logik“. Mit kann hier fast schon mit Heidegger sagen, im Sinne seines Begriffes von Daseins, daß wir immer schon mitten drin sind: Heideggers Beispiel ist das des Handwerkes. Ich lasse dieses Ontischwerden des doch eigentlich Ontologischen und das Altertümliche solcher Standesbegriffe inmitten einer hochindustrialisierten Gesellschaft mal beiseite. Das alles ist an Heidegger zu kritisieren: Aber mir geht es hier um den Gehalt seiner Aussagen: Wenn wir uns in einer selbstzweckhaften (oder auch nicht- bis wenig entfremdeten) Tätigkeit befinden, sei das nun ein Handwerk oder aber daß wir etwas wie ein Kunstwerk fertigen, einen Sport betreiben, schreiben, denken und anderes, so steht uns die Welt nicht als Objekt gegenüber, sondern wir sind mitten drin, in einer Art Zustand des Dabeiseins. Heidegger spricht in „Sein und Zeit“ (etwas überdehnt gebraucht) von der Zuhandenheit. Erst wenn ein Problem in der Tätigkeit auftaucht, wenn ein Werkzeug nicht funktioniert und kaputtgeht, dann geht das Bewußtsein auf den Gegenstand, er wird zum Vorhandenen. Insofern sieht Heidegger den Zustand der Subjekt/Objekt-Spaltung als einen abgeleiteten. Ähnlich verhält es sich, um das nur kurz zu illustrieren, auch mit der Frage des Anfangs, weshalb Annes Hinweis auf den Kreislauf der Kräfte gut paßt. (Womit wir eben auch bei Nietzsche wären.)

    Insofern: Danke für die Erläuterung. [Und ich sehe, daß ich meine Hegellektüre hier im Blog fortsetzen muß.]
    Was also den Anfang betrifft, so sind wir immer schon mitten drin. Insofern auch Hegels Kritik an der Kantischen Erkenntnistheorie: bereits wenn man die Präliminarien der Erkenntnisweise untersucht, betreibt man schon Erkenntnistheorie. Schwimmen lernt man nicht am Beckenrand, wie Hegel sinngemäß schreibt, sondern indem man einfach mit dem Schwimmen anfängt. [Sozusagen wie ein Fisch im Wasser. Oder wie „eine Träne im Ozean“] Wobei kein Anfang voraussetzungsfrei ist, oder eben doch, weshalb Hegel mit der Leere des Seins in der WdL den Anfang macht.
    Wobei ich, ziggev, im Falle dieses Blogbeitrages doch darauf verweisen möchte, daß es weniger um ein erkenntnistheoretisches oder ein metaphysisch-logisches Problem, sondern um einen konkreten Text geht, genauer noch um die Frage der Identität, darum, wie sich (literarische) Wirklichkeit konstituiert und wer im Akt des Schreibens eigentlich schreibt. Es geht um (literarischen) Text und womöglich auch um die Bedingungen der Möglichkeit der Konstitution literarischer Texte. Weshalb ich „Aléas Ich“ zugleich als eine Art Meta-Buch zum Buch beschreiben würde.

    Dieses Kapitel „Womit muß der Anfang in der Wissenschaft gemacht werden“ harrt noch einer Lektüre. Aber das ist dann nicht mehr „Hegel für Anfänger“ (was auch mehr satirisch gemeint war), sondern eher Hegel für Dialektikerinnen und Dialektiker. Wobei: die Dialektik ist eben nicht jedermanns oder jederfraus Sache. Manche verharren Modus eins-zu-eins. Aber bereits Tocotronic textete und sang: „Eins zu eins ist jetzt vorbei.“

  9. anne schreibt:

    „Alles, was der Ordnung gemäß ist, kann durch irgendein Geschöpf begriffen oder verstanden werden“. (Leibniz, Neue Abhandl.) Denken und Sein bilden als ein in sich Unterschiedenes eine reale Einheit und Differenz. Formen des Denkens sind auch Formen des Seins. Und diese Entsprechung ist das ontologische Apriori. „Das Logische“ ist „die allgemeine Weise, in der alle besonderen aufgehoben und eingehüllt sind“. (Hegel, Wissenschaft d. Logik) Es verschwindet so die Äußerlichkeit der Sache in der Innerlichkeit des Begriffs, wird aufgehoben. Mithin ist das Apriori (bei uns hier in Form der exakten Spiegelmetapher des Widerspiegelungstheorems), mithin ist das Apriori die vorgängige, wenn auch nur durch die Reflexion erreichte Identität von Begriff und Sein.
    Zumindest gilt, dass für alle nicht endlichen Systeme, also alle nicht durch eine Entscheidung limitierten Gegenstandsbereiche, ein r a t i o a l e s Verfahren der Grenzüberschreitung ins Unendliche und der Integration des empirisch nicht gegebenen entwickelt werden muß.

  10. anne schreibt:

    Heidegger hat in der Tat gesehen, dass unsere Erfahrung die Bewegung `zeigt` und uns `in` die Zeit stellt. Die Feststellung und Aufhebung der Disparität von B e g r i f f des Seins und E r f a h r u n g des Sein fällt in die Bestimmung von Sein und Zeit. Aber Heidegger hat dies zugleich gesehen und verfehlt. Gesehen und verfehlt, indem er die ontologischen Charaktere der Zeit aus der subjektiven Phänomenologie des Erlebens der Zeitlichkeit herleitete.

  11. ziggev schreibt:

    bei aller Freude über Annas Kommentare, die sich philosophisch offenbar nicht unkompetend äußert, bin ich etwas verwirrt über den „Kreislauf der Kräfte“. So epochemachend scheint es mir nun wieder nicht zu sein. Wie könnte es denn anders sein, als dass sich alle Kräfte wie in kommunizierenden Röhren gegenseitig bedingen und einander herstellen, aufeinander einwirken ?

    Blank so gelesen habe ich mich bemüht, es zu überlesen. Denn, zugegeben, zugegeben, ich kranke etwas an der Esoterikkrankheit. Trotzdem würde ich mich niemals für ein Paperback hergeben, wo Heraklit mit dem neusten Weisheitsspruch lauthals auf den Markt geworfen würde. Als selber könnte ich nie in denselben Fluss steigen. – Obwohl ich bereits (aber eben nicht solche!) Esoterikbücher übersetzt habe.

    Bersarin, jedenfalls danke für Deine interessanten Verweise auf Heidegger! Den Zusammenhag zum genannten Kreislauf habe ich jedoch ehrlich gesagt nicht ganz verstanden.

    Ansonsten aber, wieder: ich frage mich, warum mir das alles so klar ist und einleuchtet, obwohl ich Heidegger nur sporadisch kenne. Als Handwerksfetischist, der ich schon immer war, kannte ich auch solche, die das als Graphiker auch praktisch bis in die letzte Konsequnz durchzogen.
    Also nicht nur zeichnerisch, malerisch, sondern auch was die verwendeten Materialien betraf, von denen keines verwendet wurde ohne der vollständigen Kenntnis ihrer Verarbeitungsweise, Bedeutung in der Alchimie, der Art der in Urzeiten gepflegen Gewinnung, welche kosmologischen und geologischen oder biologischen Prozesse für ihre Entstehung verantwortlich zeichne(te)n, und was Michelangelo damit anstellte. Verweis – Groove ist „Präzision“ ;-)

    Heidegger macht da einen big buzz über Sachen, die für mich schon immer selbstverständlich waren. Es kommt halt aus einer seltsamen Praxis, die mit dem seltsamen unbekannten Ding namens „Körper“ zu tun hat.

    Bitte nicht ins Esoterische abgleitend: Eine Erklärung wg. des Hinweises auf Nietzsche, für mich nicht sofort einleuchtend ? (Baghwan/Osho war ja bekanntlich der Ansicht, dass dieser einer seiner Liebligsautoren kurz vor der „Erleuchtung“ gestanden haben müsse; der, wie wir wissen, manchmal nackt in seinem Zimmer herumtanzend angetroffen wurde, im Begriff eine seiner Aufsehen erregenden Schriften zu verfassen.)

    Aber ok., ich versuche mich zu bremsen. Mach also bitte gerne weiter mit Deiner Hegellektüre. Das ist sicherlich (für mich) ein guter Anfang.

    „bereits wenn man die Präliminarien der Erkenntnisweise untersucht, betreibt man schon Erkenntnistheorie“ – Desh. meine Skepsis gegenüner dem Apriorischen. – Und meine Tendenz zum Empirismus.

    Zur Frage der Identität – bei solchen Fragen brauche ich keine Antwort auf die Frage, sondern eine Antwort auf die Frage, ob sie sich überhaupt stellt. Und so lässt sie sich charmant in einem Roman behandeln.

    Meine Provokation gestern sollte aber sein, dass ich in Zweifel ziehen wollte, ob das philosophische Pattern, mit dem Du über diese Frage weiterdenken wolltest, wirklich angemessen ist. Bekanntlich stehen Kunst und Kunsttheorie in einem paranoiden Verhältnis zueinander.

    Aber plötzlich stehe ich vor dem Rätsel, ob nun Philosophen Romane schreiben, um zu philophieren, anstatt Romane zu schreiben, oder ob Romanautoren philosophierend Romane schreiben, damit Philosophen darüber philosophieren können, anstatt selber Romane zu schreiben.

    Langweiligere Alternativen kann mir aber nicht vorstellen und wurde in meinen beängstigsten Alptäumen von keinen grässlicheresn Monstern gejagt.

  12. Bersarin schreibt:

    „Aber plötzlich stehe ich vor dem Rätsel, ob nun Philosophen Romane schreiben, um zu philophieren, anstatt Romane zu schreiben, oder ob Romanautoren philosophierend Romane schreiben, damit Philosophen darüber philosophieren können, anstatt selber Romane zu schreiben.“

    Da freilich liegt das Problematische einer philosophischen Lektüre, die Romane liest: wenn sie den Eigensinn des Literatur in das Korsett der Philosophie zwängt. Insofern sollten Kritik und Kommentar bzw. die essaiistische Lektüre in ihrer Arbeit behutsam vorgehen. Zunächst einmal sind Literatur und Philosophie zwei Bereiche, die ganz unterschiedliche Sorten von Texten produzieren. Andererseits sind die Grenzen wiederum flüssig. Es gibt – der Text Nietzsches , aber auch ein Buch wie „Der Mann ohne Eigenschaften“ zeigen dies wohl am augenfälligsten – Texte, die lassen sich nicht mehr nur einer dieser beiden Weisen des Schreibens zuordnen.

    Problematisch zumindest wird es immer dann, wenn in ein Buch Thesen hineingepreßt werden ohne daß diese sich aus der Geschichte selbst entfalten. Dies gilt sowohl für die politische Literatur als auch für Thesen- oder Erfahrungsliteratur. Das Wesen des Romans ist es, zu erzählen, Literatur ist keine Illustration oder Beiwerk der Gesellschaftstheorie oder der Philosophie. Becketts oder Prousts Texte lassen sich philosophisch lesen, gerade weil sie sich der Philosophie enthalten.

    Dabei kann dieses Erzählen eben auch von der Unmöglichkeit des Erzählens handeln oder aber die Frage nach dem stellen, was wir Wirklichkeit nennen.

  13. anne schreibt:

    Ich möchte noch einmal kurz eine umwegige Bemerkung machen und damit einem aufgekommenen Missverständnis begegnen, welches die Kategorie des Gesamtzusammenhangs (Welt) in den Kontext irrationaler Esoterik rückt. Esoterisch wäre dieser Begriff aber nur, wenn er als ein von den Inhalten der Wissenschaften abgetrennter Gegenstand aufgefasst und zum Gegenstand einer eigenen Wissenschaft gemacht würde. Er kann aber schon deshalb kein Gegenstand einer eigenen Wissenschaft sein, weil er empirisch überhaupt nicht gegeben ist, vielmehr jede mögliche Erfahrung eines endlichen Bewusstseins übersteigt. Wohl aber ist W e l t als die Synthesis aller Erscheinungen in der Erfahrung, die das Denken an sich selber macht, enthalten. Wir sprechen in der traditionellen Terminologie von einem Apriori. Ich möchte hier auf die Monadenlehre des großen Leibniz verweisen und mit einem Zitat aus dessen Werk den Notenwechsel beenden: „In der Natur ist alles angefüllt. Es gibt überall einfache Substanzen, die tatsächlich durch eigene Handlungen voneinander geschieden sind und die dauernd ihre Beziehung zueinander ändern. Und jede einfache Substanz oder unterschiedene Monade, die das Zentrum einer zusammengesetzten Substanz … und das Prinzip seiner Einzigkeit bildet, wird von einer M a s s e umgeben, die aus einer unendlichen Zahl anderer Monaden zusammengesetzt ist, welche den eigentlichen Körper dieser Zentralmonade bilden, gemäß dessen Erregungen sie gleichsam als eine Art Mittelpunkt der Dinge, die außer ihr sind, darstellt … . Und da wegen der Erfülltheit der Welt alles verknüpft ist und jeder Körper auf jeden anderen Körper je nach Entfernung mehr oder weniger stark einwirkt und von ihm durch Gegenwirkung betroffen wird, so folgt daraus, dass jede Monade ein lebendiger Spiegel oder mit innerer Handlung ausgestattet ist, dass sie das Weltall gemäß ihrem Gesichtspunkt darstellt und ebenso geregelt ist wie das All selbst.“
    Im Monadensystem haben wir erstmals in der Geschichte der abendländischen Philosophie ein metaphysisches M o d e l l vorliegen, das die Welt durchgängig aus dialektischen Formbestimmtheiten konstruiert.
    Soll für einen Erfahrungsgegenstand dessen notio completa ermittelt werden, so muss ein Fortgang ins Unendliche möglich und nötig sein.

  14. ziggev schreibt:

    @ bersain, danke nochmal für den Verweis auf Musil! Mir steht leider nur eine 120-seitige Kompilation zur Verfügung, was aber natürlich lächerlicher nicht hätte sein können. Sonst hätte ich mich sofort drangesetzt.

  15. anne schreibt:

    Es muß im Zitat: „…als eine Art Mittelpunk d i e Dinge…“, nicht „d e r Dinge“, lauten.
    Es war gestern schon spät geworden, ich bitte um Nachsicht. Der Vorteil dabei ist natürlich jetzt die Gelegenheit einer zweiten Lektüre des wichtigen Textes!

    „In der Natur ist alles angefüllt. Es gibt überall einfache Substanzen, die tatsächlich durch eigene Handlungen voneinander geschieden sind und die dauernd ihre Beziehung zueinander ändern. Und jede einfache Substanz oder unterschiedene Monade, die das Zentrum einer zusammengesetzten Substanz … und das Prinzip seiner Einzigkeit bildet, wird von einer M a s s e umgeben, die aus einer unendlichen Zahl anderer Monaden zusammengesetzt ist, welche den eigentlichen Körper dieser Zentralmonade bilden, gemäß dessen Erregungen sie gleichsam als eine Art Mittelpunkt die Dinge, die außer ihr sind, darstellt … . Und da wegen der Erfülltheit der Welt alles verknüpft ist und jeder Körper auf jeden anderen Körper je nach Entfernung mehr oder weniger stark einwirkt und von ihm durch Gegenwirkung betroffen wird, so folgt daraus, dass jede Monade ein lebendiger Spiegel oder mit innerer Handlung ausgestattet ist, dass sie das Weltall gemäß ihrem Gesichtspunkt darstellt und ebenso geregelt ist wie das All selbst.“

  16. ziggev schreibt:

    @ Anna, habe eingesehen, es geht nicht ins hirnlos-modern Esoterische !

    Mein Problem bei Leibnitz immer: Ich sehe ein logisch-mathematisches Muster, bei jemandem wie ihm selbstverständlich vollkommen kohärent, bekomme aber den Punkt (ich meine nicht nur die Monade) nicht zu fassen.

    Im Barock, eigentlich kenne ich da neben etwas Bach nur noch Grimmelshausen (zu nennen wären bei mir noch Zinzendorf und Comenius), haben wir diese Streben ins Unendliche, mathematisiert gedacht. Bachs „unendlicher Kanon“.

    Nur als Anmerkung gedacht beim Versuch, Ihnen zu folgen. Über das, was Sie hier ansprechen und schreiben (auch die vorigen Kommentare), muss ich nocheinmal nachdenken oder -lesen!

    Ein Satz wie „In der Natur ist alles angefüllt“, kann schon mal wirken, als hätte er gerade seine Sachen gepackt, um in eine Comeniussche Mystik abzuwandern. Dies nur meine Versuche, zu kontextualisieren, um mich hier Leibnitz anzunähern.

    Es ist für mich interessant, was Sie schreiben; ich habe das Gefühl, im Barock besser aufgehoben zu sein als bei Hegel – ein Leseprojekt, das ich Jahrzehnt um Jahrzehnt immer weiter vor mir herschiebe.

  17. ziggev schreibt:

    „Leibniz“ selbstverständlich ohne „t“ – ich bitte tausendfach um Entschuldigung !

  18. Bersarin schreibt:

    @ Anne
    Wenn sich Menschen mit Philosophie beschäftigen, so wird leider häufig die Tradition vergessen und vor allem; von woher bestimmte Begriffe, wie etwa der der Substanz stammen und wie sie in der Antike bei Aristoteles oder eben bei Leibniz konzipiert waren. Erst vor diesem Hintergrund erschließen sich die komplexen Denkgebäude etwa Hegels oder Adornos. Und diejenigen, die nach der Seite 73 Hegels „Phänomenologie“ dann gelangweilt zur Seite legen, weil sie meinen, das ginge sie nichts an, die sind fehl in der Philosophie. Philosophie zu betreiben, bedeutet eben gerade nicht, sich aus dem Ikea-Katalog oder bei Schöner Wohnen zu bedienen. Wie schrieb es Walter Benjamin: die Philosophie ist eine Zuhältersprache. Sie erschließt sich nicht jedem, und wer einen solchen Slang geübt beherrschen will, der muß sich in diesem Bezirk gut auskennen. Insofern danke ich Ihnen für Ihren Hinweis auf und das Zitat von Leibniz.

    Danke auch für Deinen Hinweis auf das Esoterische.

  19. ziggev schreibt:

    Bersain, noch mal gut als Bestandsaufnahme meiner Unwissenheit zusammengefasst. Aber es war mir natürlich klar, dass Leibniz hier sich an der aristotelischen Fehlkonzeptzion des Substanzbegriffes abarbeitet. Auch der Hinweis auf Benjamin trifft sicher meine Sprachlosigkeit. Ein Idiom zu richtig zu verwenden, erfordert jahrelnge Übung, keine Frage. (Philosophie ist eigentlich wie Jazz…) Hegels Phänomenologie langweilte mich in der Tat im Vergleich zu dem drolligen Stil eines Descartes in den Meditationen (und der Übersetzung). Aber die alleinige Behauptung, es zu beherrschen, ist in Übersetzungsfragen leider ungenügend. Ließt sich dann bedauerlicherweise als abgeschriebene Sekundärliteratur. An dieser Stelle hat mich schon immer die Neugier verlassen. Welch ein Genuss war es dagegen, mal in Keplers Harmonice mundi hineinzuschauen. Oder mal Jakob Böhme?

    Wieviele Sekundärliteraturtexte habe ich bereits überflogen, die nie etwas auswiesen! In Deinen Blogs lässt Du da üblicherweise immer etwas Freiraum, damit Luftzufuhr da ist und die Flamme der Neugier nicht erlischt. Man kann atmen. Ein Lexikon, in dem ich immer wieder gerne herumblättere, um in für mich völligem Neuland, etwa Postmoderne, herumzustolpern. Deshalb habe ich Dein Blog ununterbrochen immer weitergelesen.

    Es handelt sich aber aus moderner, analytischer Sicht durchgehend um Fehlkonzeptionen. So wird ein Sound tradiert aber keine Erkenntnis. Damit das Gegenteil bewiesen wäre, brauchte ich aber etwas mehr. Bezwecke ja gar nicht, meine Lernunfähigkeit unablässig unter beweis zu stellen. Aber meine eingestandene Unwissenheit hier nochmal auszustellen, anstatt etwas mehr Klarheit zu schaffen missbehagt mir doch ein klein wenig.

  20. Bersarin schreibt:

    Von einer Fehlkonzeption bei Aristotels im Hinblick auf den Begriff der Substanz würde ich nun nicht so vorschnell sprechen wollen, zumal es in der Philosophie nicht darum geht,eine Position als überholt und damit hinfällig zu überführen. Die logisch-ontologischen Fragen, die Aristoteles stellte und die Antworten, die er gab, müssen einerseits aus ihrer Zeit heraus gelesen werden, und andererseits stecken in diesen Fragen und Antworten Dimensionen, die auch heute noch ihre Berechtigung haben. Aber diese Fragen lassen sich eben nicht so nebenbei im Kommentar abhandeln.

    Nichtsdestotrotz freut es mich natürlich, in Dir einen Leser zu haben, der in Kontinuität hier liest. Ob Philosophie wie Jazz sei, vermag ich nicht zu sagen. Sicherlich gibt es auch das Moment der Lust am Text und beim Schreiben und einen bestimmten Ton, der als Ausdruck firmiert. Denn das Schreiben sollte der Sache nicht bloß äußerlich bleiben. Insofern hängt die Philosophie bzw. der Text derselben auch am Stil. Andererseits bedeutet Philosophie Arbeit: Lektüre, Lektüre, Lektüre, Diskussionen und dann: schreiben. Diese Form der Arbeit wird aber ebenso in der Musik anzutreffen sein.

  21. anne schreibt:

    Zweifeln heißt denken, und Ziggevs Zweifel an der Richtigkeit der Konzeption des von Aristoteles vor mehr als 2000 Jahren entwickelten Substanzbegriffes ist in diesem Sinne das volle Recht auf argumentative Entfaltung einzuräumen. Die Darstellung einer kategorialen Grundverfassung ist allerdings darauf angewiesen, sich an den historisch realisierten Paradigmata zu bewähren.
    Bersarins Hinweis ist deshalb insofern notwendig und richtig, als in das Denkmuster jeder Zeit die Erinnerung an die Gattungsgeschichte des Denkens eingewoben ist.

  22. Bersarin schreibt:

    @ Anne
    Es ist richtig, daß Denken auch zweifeln bedeutet (neben dem Staunen, das etwas ist und nicht vielmehr nichts). Unkritische Übernahmen von „Positionen“ sind problematisch, weil Philosophie eben kein Positionsdenken ist. Allerdings setzen Kritik und Zweifel eben auch die Kenntnis der kritisierten Position voraus. Ich reagiere in der Regel sehr allergisch auf Behauptungen, ohne daß das Moment dessen, was in der Kritik steht, dargelegt wird. Es hätte mir besser gefallen, wenn ziggev schriebe, was konkret er am Begriff der Aristotelischen Substanz kritisiert. (Am liebsten übrigens ist mir immanente Kritik.)

  23. ziggev schreibt:

    stimmt natürlich, Bersarin, ne leere Provokation ist in einer ansonsten interessanten Diskussion kaum mehr als ein Störgeräusch. (hoffentlich habe ich nicht zu allzulaut herumgelärmt.) Seit der Scholastik – dieser faszinierenden Tradition, über die sich modern, fast überheblich gerne etwas lustig gemacht wird – schien mir jedoch der Bubstanzbegriff etwas Wirkungskraft verloren zu haben. Auf dieses Vorurteil, dass da nichts dran sei, wollte ich anspielen. Selbstverständlich hat da Aristoteles, so würde man in Musikerkreisen sagen, „mal ganz schöne Sachen gemacht“.

    Anzunehmen, dass, nur weil wir die Idee, dass etwas eine Eigenschaft ist, es notwendig auch einen Träger solcher Eigenschaften geben muss, entspringt zwar einer kindlich-spekulativen Logik und leuchtet sofort ein, hat aber im Verlauf der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte keine weiteren nennenswerten Ergebnisse gezeitigt. Es ist aus heutiger Sicht vollkommen plausibel anzunehemen, dass wir es nur noch mit „Eigenschaften“ zu tun haben. Ein Elektron hat keine Substanz sondern ist eine Eigenschaft.

    Unkreative Geister hätte sogar die Annahme, es gebe etwas „Festes“, irgend Substanzielles, einen Kern, dazu verleiten können, ihre sonstigen Vorurteile flugsgeschwind, sobald sie irgendeinen Begriff verwenden, mithineinzulegen, etwa anzunehmen, es gebe etwas wie „Schwulheit“, „Nicht-Schwulheit“, „Fraulichkeit“, „Männlichkeit“ und so weiter. Dabei handelt es sich lediglich um Definitionsfragen.

    Das ist doch Erstsemester, dass uns die Sprache, die zwischen Substantiven und Adjektiven unterscheidet, dazu verleitet, auch eine Substanz, die schrecklichen Substantivierungen, anzunehmen. Daher habe ich angenommen, dass meine Provokation als Witz, als der sie gemeint war, auch aufgefasst werden würde. Aber hier wird sicherleich kein Streit entstehen.

    Sartre können wir hier, glaube ich, getrost beseitenehmen, dass die Existenz der Essenz vorausgehe. Ich tendiere halt mehr zur rein logischen Auffassung, dass wir willkürlich definieren können, was als notwendige Eigenschaften zu gelten habe, damit wir wissen wovon wir sprechen, wenn wir einen Begriff verwenden. Sehen wir nicht, dass es sich um willkürliche – lediglich aus praktischen Gründen – vorgenommene Definitionen handelt, handeln wir uns eine Unsicherheit ein, die zu Zirkelschlüssen verleitet.

    Daran kranken IMHO viele Genderdiskussionen, der Bohei, der darum gemacht wird, oder um radikal naturalistische Positionen. Jetzt bin ich etwas von Thema abgekommen und beim „Wesen“ gelandet. Soweit ich sehen kann aber zwei vielleicht gar nicht soweit voneinander entfernt liegende Fragen. Aber ich mache es mir halt gern etwas einfach. „Wesen“ ist durch die notwendigen Eigenschaften definiert; Ende der Durchsage. Einfachstes logisches Denken hat es uns erlaubt, auf dem Mond zu landen, mit Mobiltelephonen zu telephonieren usw. Hat irgendjemand philosophisch Buddha widerlegt? Was wollen wir also mehr?

    Als ich neulich den Wicki-Artikel zur „Definition“ durchlas – vor ein paar Jahren war ich noch etwas enttäuscht -. der m.E. z.z. ausgezeichnet ist, bekam ich ein zuckend-lachendens Gefühl in der Magengend, als ich davon las, dass Aristoteles tatsächlich gemeint zu haben schien, dass es bei Definitionen darum ginge, das „Wesen“ von irgendetwas zu erfassen.

    Nietzsche hat war villeicht tatsächlich noch umgetrieben wegen des Verlusts dieser Tradition. Aber wir?

  24. Bersarin schreibt:

    Ich denke, mit Aristoteles machst Du es Dir etwas zu einfach. Es geht nicht darum daß er „mal ganz schöne Sachen“ gemacht habe. Vielmehr ist Aristoteles für die abendländische bzw. europäische und arabische Philosophie zentraler Antrieb, Motor und Kraft gewesen. Mit ihm entwand sich die Philosophie der Naturphilosophie, die relativ unvermittelt Wasser, Feuer, Erde als Prius annahm, sie entwand sich dem bloß Narrativen und vor allem: dem Mythos selbst. Der Nörgler verwies verschiedentlich auf diesen ganz wesentlichen Aspekt bei Aristoteles. Und darin eben unterscheidet sich Aristoteles fundamental von Platon: Philosophie steht nicht mehr mit einem Bein im Mythos. Mit Aristoteles begann die Philosophie als strenge Wissenschaft und als Erkenntniskritik, mit Aristoteles differenzierte sich zum ersten mal explizit so etwas wie theoretische und praktische Philosophie sowie Ästhetik aus.

    „… dass etwas eine Eigenschaft ist, es notwendig auch einen Träger solcher Eigenschaften geben muss, entspringt zwar einer kindlich-spekulativen Logik und leuchtet sofort ein, hat aber im Verlauf der Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte keine weiteren nennenswerten Ergebnisse gezeitigt. Es ist aus heutiger Sicht vollkommen plausibel anzunehemen, dass wir es nur noch mit “Eigenschaften” zu tun haben. Ein Elektron hat keine Substanz sondern ist eine Eigenschaft.“

    Darüber dürfte kaum das letzte Wort gesprochen sein. Zudem: Eigenschaften bedürfen natürlich eines Trägers, zumindest im Bereich des Empirischen. Es gibt kein rot als solches als reine Rotheit, sondern wir können von rot nur sprechen, weil es Dinge gibt, die rot sind. Sei das nun der rote BH der ungeheuer blond-schönen Frau oder aber das Rot der Geranien. Und auch im Raum des Apriorischen bzw. des Transzendentalen streicht sich der Subtanzbegriff nicht durch. Substanz muß dabei – en passente bemerkt – nicht unbedingt nur als Präsenz und ungeteilte Form, als Anwesenheit, als Parusie, als Hypokeimenon oder statische Wesenszuschreibung gedeutet werden. Hegels Sicht auf den Begriff der Substanz zeigt bereits, avant Derrida, sozusagen ein différance-Geschehen der Substanz.

    Aber der Begriff von Subtanz und Akzidenz sind wohl hinreichend komplex, so daß sich im Hinblick auf die Philosophie des Aristoteles diese Aspekte nicht in wenigen Sätzen entfalten lassen.

  25. ziggev schreibt:

    ok., höre ich mit alles sehr gerne an oder lese es mir durch; es ist ja nicht so, dass ich nicht auch mal in Aristoteles´ Metaphysik hineingeschaut hätte. Und die Nikomachische Ethik würde ich immernoch gern als Enführungstext empfehlen, um einmal zu sehen, wie eine philosophische Argumentation aufgebaut werden kann.

    und es stimmt schon, mit meinen flüchtigen Andeutungen sind sicherlich keine letzten Worte gesprochen; mit der „Rötheit“ wären wir beim Universalienproblem uswusw, würden unterwegs bei der Mereologie vorbeikommen … Philosophie ist und bleibt eben immernoch eine der faszinierendsten Disziplinen, mit denen man sich beschäftigen kann.

    Beim Substanzbegriff kann es nur schnell so scheinen, ob wir nicht in einen Regress hineingeraten? Denn solche Träger (-warum hier eigentlich im Plural?) von Eigenschaften weisen, empirisch nachgeforscht, wieder Eigenschaften auf und so weiter. Auch da dürfte ich als jemand, der es mit der Empirie hat, Aristoteles nicht mal eben so auf die Schippe zu nehmen versuchen.

    Wie gesagt, ich mache es mir gern etwas einfach. Anstatt das Apriorische und Transzendentale als hinreichend zu betrachten, um auch vom Substanzbegriff zu sprechen, ziehe ich lieber auch diese Begriffe in Zweifel. Wo Du Dich ja schon mal ziemlich aufgebracht gezeigt hattest: ich ziehe sogar Begriffe selbst nicht nur als solche philosophische Konzetionen in Zweifel. Trotz dieses Zirkels. Mein Verdacht immer: Wir geraten hier in eben solche Zirkularitäten, wie oben angedeutet. „Konzept“ – oder „concept“ im Englischen – gefällt mir da viel besser. Hier scheinen wir mir viel deutlicher zu wissen, wovon wir sprechen. Oder halt auch: Hypothesen aufstellen, nachprüfen, … und was bleibt dann noch?

    Zu Zeiten eines Cassierers oder z.B. Weitzsäckers, der Reichenbach-Schule sprach man noch gern unter Physikern gern von Kant oder dessen Anschauungsformen. Heisenberg driftete ebenso folgenlos ins indische Gefilde ab. Hab von alldem schon lange lange nichts mehr gehört.

    Ich habe aber selbstverständlich nichts gegen „tricky problems“ und Leuten, die sich mit ihnen beschäftigen. Substanz, Akzidenz – und Potenz bitte nicht vergessen!

  26. Bersarin schreibt:

    Von der Potenz halte ich nichts: mich interessiert das Unmögliche. Nur kurz auf die schnelle geschrieben.

  27. ziggev schreibt:

    was aber ist Akzidenz ohne Potenz(ialität)? Ist alles bereits vollkommen verwiklicht geschaffen? Für mich, in meiner mystisch-esoterischen Weltsicht, zwar kein unschöner aber etwas langweiliger Gedanke. Hat Gott aus einer Laune heraus nur Unmöglichkeiten geschaffen? Allerdings, ich glaube zu verstehen, ich will auch immer nur das Unmögliche.

  28. Bersarin schreibt:

    Das war auch eher ein metaphysischer Scherz. Potenz ist natürlich im Zusammenhang dieser Begrifflichkeiten ein notwendiger und damit: nicht zu eliminierender Begriff.

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