„Frühling kommt, der Sperling piept …“: Love me, gender

1. März, der Frühling hält Einzug – zumindest meteorologisch. Leider. Ich, im Eispalast melancholischer Abschweifungen und Einsamkeiten, in den Stahlgewittern ästhetischer Existenz und Herr sowie Freund des Frostes, mag nicht auftauen. Einziger Trost mögen die Narzißen sein, die bald erblühen. Aber diese Blumen stehen in Berlin (und wahrscheinlich ebenso in anderen Städten) meist in einem häßlichen Leuchtgelb am Straßenrand oder Stadtgärtner pflanzten sie auf Verkehrsinseln, autoumrauscht. Manchmal auch Statdtgärtnerinnen. Ich mag Narzissen in weiß lieber, Narzissen gehören zu den spargelartigen Gewächsen, phallische Erblühungen. Frühlings Erwachen.

Am Mittwoch letzter Woche ging es zur Lesung aus Aléa Toriks Roman „Aléas Ich“ im Literaturhaus in der Fasanenstraße. Aléa Torik selbst hat gelesen, der Leiter des Literaturhauses, Ernest Wichner, sprach einige einführende Worte. Auch zum Problem der Identität und zur Autorinnenschaft. Ich bin kein großer Freund von Dichterlesungen, denn meist lesen Autorinnen oder Autoren nicht besonders gut. Verdruckst, zu leise, zu laut, es trägt die Stimme nicht, die Vortragende quiekt, der Dichterleser stolpert im Text; lieber höre ich den Stimmprofis vom Schauspielfach zu. Unvergessen bleibt Peter Fitz‘ Lesung von Thomas Bernhards Roman „Beton“  „Wir müssen allein und von allen verlassen sein, wenn wir eine Geistesarbeit angehen wollen.“

Hier aber war die Lesung gut und der Ton des Vortrages brachte einige Aspekte wie z. B. den Witz dieses Buches sowie den zuweilen düsteren Humor ein wenig besser zum Vorschein als das beim stillen Lesen geschieht. Es gab keinen Skandal, kein Gezetere, keine Moralergüsse. Die Diskussion hätte lebhafter sein können. Ich hatte mich schon ein wenig auf Krawall gefreut und zog vorsorglich meine schwarze Lederjacke statt eines Anzugs an. Nach der Lesung hätte ich gerne am Umtrunk und am Gespräch im kleinen Kreise teilgenommen, allein um der Frau mit den kurzen dunklen Haaren willen, die zum Schluß an der Seite von Aléa Torik bzw. an der Seite ihres Alter Egos stand. Aber leider ist die Krankheit immer noch Teil meines Lebens, was bedeutet, daß ich auf Wein verzichten muß. Zudem war ich müde und angeschlagen.

Was ist Identität, was ist eine Autorin, was ist ein Autor?

„Zwei Texte von ungleichem Wert regten zu dem Unternehmen an. Der eine ist jenes philologische Fragment des Novalis, welches in der Dresdener Ausgabe die Nummer 2005 trägt, in dem das Thema der totalen Identifikation mit einem bestimmten Autor umrissen wird.“
(J.L. Borges, Pierre Menard, Autor des Quijote)

Ob dieses Fragment nun erfunden ist oder ob es existiert, spielt in diesem Falle keine Rolle, denn das Thema von Identität und Differenz ist für die Philosophie von Novalis wesentlich und nimmt insbesondere in seinen Fichte-Studien einen prominenten Platz ein: „Wie wird das absolute Ich ein empirisches Ich“. Die philosophischen Fragmente des Novalis sind spekulativ-genial. An vielen Stellen schwer verständlich und in einem Denken befangen, das und heute fremd erscheinen muß. Es ist einerseits die Philosophie als Wissenschaft und zugleich der Rausch des Erratischen. Literatur und Philosophie sind die Weisen der Entäußerung:

„Um sich selbst zu begreifen muß das Ich ein anderes ihm gleiches Wesen sich vorstellen, gleichsam anatomiren. Dieses andre ihm gleiche Wesen ist nichts anderes, als d[as] Ich selbst“ (Fichte-Studien)

Der Philosophie ist, in erkenntniskritischer Absicht, die Aufspaltung des Ich, die Division nicht ganz fremd. Wobei innerhalb der literarischen Romantik die Frage bleibt, inwiefern diese Spaltungs- und Abgrunderfahrung des (modernen) Subjekts in seiner Konsequenz doch wieder zu einem umfassenden, in seiner Einheit konzipierten Subjekt führt.

Daran anknüpfend sei eine kurze Textstelle aus dem Roman „Aléas Ich“ zitiert:

„Olga unterschied offenbar nicht zwischen richtig und falsch, sondern nur zwischen Mann und Frau. Das mögen manche als eine dermaßen fundamentale Unterscheidung empfinden, dass sie zu anderen Differenzierungen nicht mehr in der Lage sind.“

Besser kann man es all den Gendertröten und den Quotenleserinnen nicht ins Stammbuch schreiben. Insbesondere weil durch diesen Mangel im Blick gerade das, worauf als Differenz ursprünglich geschaut werden sollte, verfehlt wird. Der weibliche oder der männliche Blick, der weibliche und der männliche Körper entstehen eben nicht in jener unidirektionalen Reflexion aufs bloß unmittelbar Gegebene. So wie der Satz 2 x 2 = 4 gültig ist, egal ob eine Frau oder ein Mann ihn ausspricht, so hängt der weibliche Körper, wie ihn das Kunstwerk inszeniert und aufbaut, bspw. in der „Madame Bovary“, nicht daran, ob ihn Herr oder Frau Flaubert schrieben und in die literarische Darstellung brachten. Allerdings kann dieser weibliche Körper männlich unsichtbar oder weiblich sichtbar (und vice versa) gemacht werden. Erst auf der Ebene von Inszenierung, Spiel, Schleier und Performanz wird es hinreichend interessant, um die Differenz zwischen männlich/weiblich aufzuziehen.

Und auf einigen krummen (dekonstruktiven) Wegen sind wir bei der so steilen wie genialen These, daß Nietzsche (auch) als eine Frau schrieb. Innerhalb dieser Szenen von Spiel, Verbergung und Entbergung als Verschleierung beginnen die Figuren (und manchmal auch die Verhältnisse) zu tanzen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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6 Antworten zu „Frühling kommt, der Sperling piept …“: Love me, gender

  1. hANNES wURST schreibt:

    Möglicherweise ist Ihr andauerndes Kränkeln auf mangelnden Alkoholgenuss zurückzuführen. Das passiert schneller als man meint: ein Gläschen Wein am Abend ausgelassen, zu Mittag keine Fischsuppe also auch keinen Weißwein, zu oft ins Kino und den Whisky ausgelassen. Der Mangel an desinfizierender Alkoholwirkung führt zu Flatulenz, Magenverstimmung, Vervirung, Abgeschlagenheit. Es folgt ein gefährlicher Teufelskreis: dem Patienten wurde die Binsenweisheit beigebracht, dass bei körperlichem Unbehagen der Alkohol gemieden werden sollte. Seine eigenen Erfahrungen, wie er zum Beispiel im Jugendlager der grassierenden Magen-Darm-Infektion als einziger durch regelmäßige Bacardi-Zuführung entkam, hat er verdrängt – zugunsten altbackener Konditionierungen, die Deinen Freund Alkohol regelrecht verteufeln. Also lässt der Patient auch noch das Bier nach dem Tennisspiel aus, dann sogar den Aperol nach der Lesung, und geht unweigerlich zugrunde. Meine Empfehlung dürfte klar sein: ein Whisky aus der Isle of Jura-Destillerie, zum Beispiel den 10 Jahre alten, der ist preiswert, leicht zu beschaffen, dennoch sehr wohlschmeckend und hat eine hervorragende medizinische Wirkung.

  2. Bersarin schreibt:

    Ihre Überlegungen haben einiges für sich, ich werde darüber nachdenken. Aber zur sanften Aufsteigerung der Kräfte wähle ich doch besser statt des Whisky den Wein. Oder doch das Bier? Sie haben mir durch diesen Text mehr geholfen als jeder Arzt. Wenn eine Viruserkrankung so oder so nicht aufhört, denke ich, es stirbt sich mit wehenden Fahnen und im Exzeß besser als im Siechenlager des Krankenhauses.

  3. genova68 schreibt:

    Ihr solltet Eure Dialoge sammeln und komprimiert veröffentlichen. Immer wieder lustig.

  4. Bersarin schreibt:

    Komprimiert? Wieso komprimiert? Natürlich in voller Länge und zwar als „Gespräche zwischen Göttlichem Wirken in Welt und Göttlicher Substanz. Grenzgänge zwischen Bergischem Land und Brenzlauer Berg“.

  5. genova68 schreibt:

    Ja, komprimiert ist Quatsch. Ich meinte, nur das, was Ihr beide schreibt, alles eventuell sich dazwischen gemogelt Habende wird rausgestrichen. Man könnte auch etwas Nettes mit Düssel und Spree machen oder Rhein und Kanal.

  6. Bersarin schreibt:

    Streichen ist immer gut!

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