Weiterentwicklungen – Compendium in Furore („Denn das ist Rock ʼnʼ Roll“)

In einem der Kommentare des gestrigen Tages gebrauchte ich für die Musik des neuen Albums von Tocotronic die Wendung, die Band habe sich weiterentwickelt. Darauf intervenierte Alterbolschewik und strich den beleidigenden Charakter dieses Begriffes gegenüber Rockmusikern heraus.

Ja, es ist – durchaus mit Bedacht gewählt, denn der Schreiber dieser Zeilen kann ein gewisses Ressentiment nicht verhehlen – „weiterentwickeln“ ein Begriff, der nicht als Auszeichnung zu sehen ist. Ich schrieb das Wort „weiterentwickeln“ ganz bewußt und ehrabschneidend, um die Musikerinnen und Musiker unter meinen Leserinnen und Lesern zu provozieren, zu ärgern, gegen mich aufzustacheln.

Und natürlich als Rache: Rache für alle die Partys, wo es Musiker gegenüber dem poststrukturalistischen Dialektiker immer sehr viel leichter hatten, mit der attraktiven und zugleich hochphilosophisch gebildeten Frau, die alle Männer gleichermaßen interessant fanden, zu flirten und ins Gespräch zu kommen. Denn die hochphilosophische Frau war durchaus dem Sinnlichen zugetan. Sie war umworben, mein Platz an ihrer Seite nur dem (leider vergänglichen) Moment geschuldet. Der Musiker nahm in reiner Unmittelbarkeit einfach nur so seine Gitarre, spielte eine fröhliche, besinnliche, romantische oder unschuldige Weise und fertig war’s. Egal ob „Angie“, „Holiday in Cambodia“, „Zombie“ oder „Smells Like Teen Spirit“ – es verfing immer. Ich hingegen mußte mich sehr viel mehr bemühen und abrackern: Es reicht auf einer Party nicht aus, die neuesten Theoreme aus Frankreich oder Italien wiederzugeben und mit einem Schuß Kritischer Theorie, Hegel, Nietzsche und Ästhetik auszubauen und damit Theorie in die Polyphonie umzupolen, ganz zu schweigen davon, daß die Theorie am Ende des Abends gar praktisch würde – schnell schallte als Antwort „Ich geh mal kurz ein Bier holen, bin gleich wieder da“. Aber Da-Sein war nirgends, war Abwesenheit ohne Ankunft, Präsenz und Hoffnung. Da nütze mir der hintergesprochene Verweis auf Heidegger nicht viel: die Frau kam nicht wieder. Definitiv. Insofern mußte ich das profunde philosophische Wissen mit Witz und biographischem Einschlag samt Anekdoten paaren, um überhaupt eines Zuhör- und Flirterfolges teilhaftig zu werden. Darin lag das soteriologische Moment zielführend-anbalzender Partykommunikation gegründet. Meine Theorie des kommunikativen Handelns orientierte sich sensu originale und sensu stricto gleichermaßen gendermäßig, weshalb ich mich mit Recht und auch mit Fug als einer der ersten (männlichen) Kritisch-Theoretischen Genderphilosophen der späten 80er und der frühen 90er bezeichnen darf. (Und ab 1 bis 2 Uhr nachts gilt auf jeder Party, in den Worten Rilkes trunken in die trübe Düsternis auf dem Fahrrad beim Nachhausefahren genuschelt: „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben“)

Jedoch: Bis diese Konstruktionsleistung eminent gender-moderner und durchkomponierter Unterhaltung unter Einbezug von Kairos, Augenblick, Spiel und Zufall glückte und gelungen zustande kam, so daß gleichsam eine Art von Metanoesis in den erotischen Ausdrucksformen performativer Weiblichkeit sich einstellte : Bis dahin hatten die Musikerjungs schon zwei oder drei Stücke auf ihren rau klingenden Gitarren vorgetragen, mit schmelzender Stimme das Herz erweicht: dem folgt deutscher Gesang, wenngleich das früher noch Liedermacher und nicht Singer-Songwriter hieß. Was nützten mir da Adorno, Lederjacke, schwarzes oder weißes Hemd, cool im Mundwinkel hängende Zigarette, snobistische Äußerungen über den schlechten Geschmack des Partygebers sowie die mindere Qualität des Weins samt der Hauseinrichtungsgegenstände, was half jener an Heine und Kraus gemahnende Witz gegen ein einziges sinnlich vorgetragenes Lied? Und ich wußte fortan: der Junge mit der Gitarre – das würde ich niemals sein. Die feinen Unterschiede: das ist mehr als eine Soziologie der Herrschaft.

Nicht anders, früher, in der Schulzeit beim Sport: während die tüchtigen Jungs durch Sprint-, Sprung- oder Stufenbarrenleistungen glänzten, Kugeln stießen, Speere warfen, Diskusscheiben schleuderten, Medizinbälle stemmten und im Basketball Korbleger legten, blieb mir der Platz des böse blickenden Zuschauers übrig. Und wenn es beim Basketballspiel schalte: „Bersarin, werf den Ball endlich rüber!“, konnte ich nur kontern und rufen: „Es heißt ‚wirf‘: Imperativ, Erweiterung des Stammvokals!“ Was dazu führte, daß Sportlehrer, Gegner und eigenes Team ob dieser ungewöhnlichen Spielunterbrechung entgeistert dreinblickten. Lediglich einige der auf den Holzbänken zuschauenden Mädchen in ihren weißen, knappen Sportshorts lachten herzlich. Und darum ging es ja schließlich. Um die Mädchen, um die weißen Sportshorts und um das, was darunter war. Der Weg dahin führte über zweierlei: Sprache und Wortwitz – in einen Begriff gefaßt: Esprit. (Also, nicht als Bekleidungsmarke genommen. Popper, die tummelten sich zu dieser Zeit, als ich die Oberschule besuchte, zahlreich.)

Ich war, was den Sport anbelangte, nicht ungelenkig oder dick (im Gegenteil): ich war einfach nur unsportlich, an Sport nicht interessiert und in Musik nicht talentiert genug. Dieser Mangel läßt sich durch einen bestimmten Habitus ausgleichen, so sinnierte ich. Aber Sprache und Witz allein reichen nicht hin. Am Ende hängt es an der Person, an den Distinktionen, und das wußte bereits Karl Kraus nur zu genau: „Gute Ansichten sind wertlos. Es kommt drauf an, wer sie hat.“ Gitarrespielenkönnen mag da ein Standortvorteil sein, wobei die Musik durchaus eine Sache ist, die auch um ihrer selbst betrieben werden sollte. Nur war mir das leider nicht möglich. Und so überlegte ich mir: mach doch etwas besonders Schwieriges! Ich nahm  mir Hegels „Phänomenologie“, erwarb mir durch reichhaltiges Trinken eine gewisse Alkohol- bzw. Wein-Kompetenz, dann dachte ich mir „Ach, tu doch Adorno und Derrida mit hinzu, das verfeinert die Angelegenheit!“ Und so wurde ich der, der ich bin, glänzte auf Studentenparties mit gallig-schwarzen Bemerkungen, zitierte von Walter Benjamin die Textstellen mit dem eschatologisch-metaphysischen Einschlag, freute mich diabolisch am Verhängnis und streute Überheblichkeiten. Zu dem gitarrespielenden jungen Rivalen konnte ich dann, im Beisein von Mädchen, nonchalant, entgegnen: „Du hast Dich seit dem letzten Jahr aber gut weiterentwickelt!“ Und da nützte es dann nichts mehr, wenn der Junge mit der Gitarre und der Mundharmonika „Love my Ständer“ spielte. Im Witz des Wortes war ich schneller. Und Linda Lovelace (oder lovely dark Esther) schaute mit ihrem erratisch-erinnyschen Lächeln tief in meine blauen Augen, während ihre Finger durch ihr sommerlanges Haar spielten: Esse est percipi.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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3 Antworten zu Weiterentwicklungen – Compendium in Furore („Denn das ist Rock ʼnʼ Roll“)

  1. Modest schreibt:

    Oder sich gleich selbst „weiterentwickeln“, das eine Symposion durchlaufen, zu Eros werden, und fortan bei allen anderen den Liebenden mimen und im Laufe des Abends zum Geliebten werden. Stören diesen dann berauschte, mit Efeu und Veilchen bekränzte, Verehrerinnen mit ihren Lobreden, spricht das für Deinen Erfolg, der – nun auch von einer Musikerin – akustisch untermalt wird.

    In Berlin wird es wieder heller; so wünsche ich einen sonnigen Tag.

  2. irisnebel schreibt:

    hihi. das laesst schmunzeln.
    noetigt aber auch achtung vor deinem ungeschoenten selbstblick ab.
    den wortwitz nehm ich dir glatt ab, wobei du vllt auch leicht ins zynische rutschen wirst… oder?

  3. Bersarin schreibt:

    Ja, liebe Irisnebel, da hast Du recht! Aber das wechselt, je nach Stimmung: bin ich milder, dann gerät es zur (Thomas Mannschen) Ironie.

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