Marina Abramovic im Interview

Diesen Passagen bleibt nichts hinzuzufügen:

tip: Ihre Arbeit gilt als radikalfeministische Kunst, aber Sie sind bei solchen Begriffen selbst misstrauisch.

Marina Abramovic: Zunächst glaube ich nicht an die Gender-Theorie. Kunst hat kein Geschlecht. Und dann hasse ich diese Prozentrechnerei, die besonders in Amerika gepflegt wird: Wie viele Frauen arbeiten in der Kunst? Wie viele Lesben schaffen es? Wie viele Afroamerikaner machen Karriere? Wie viele Puerto Ricaner? Wen interessiert das? Kunst ist nicht demokratisch. Es gibt gute und schlechte Kunst. Die Frage, wer sie macht, ist unwichtig. Wer feministisch denkt, sitzt schon im Ghetto fest. Ich kämpfe seit Jahrzehnten dagegen an, als Frauenkünstlerin gesehen zu werden. Denn ich habe mich als Frau nie schwach gefühlt, sogar meist sehr überlegen, um ehrlich zu sein. Feminismus in der Kunst ist ein Stigma. Und ich habe nie in meinem Leben eine gute feministische Ausstellung gesehen.

Aber es ist doch eine Tatsache, dass immer noch so viel mehr Männer in der Kunst reüssieren. Das liegt ja wohl nicht daran, dass sie grundsätzlich besser wären.

Das hat einen ganz simplen Grund: Frauen sind in der Regel nicht dazu bereit, so viel für die Kunst zu opfern wie Männer. Viele gute Künstlerinnen wollen eben auch eine Familie und Kinder – und Erfolg auf dem Kunstmarkt. Sobald man Kinder hat, geht das Gros der Energie aber eben an diese. Die schlechte Nachricht ist: Man hat nur eine Energiequelle.

(In: tip Berlin 25/12)

Ein Kunstwerk steht für sich, wer es mit subjektiver Intention auflädt, mag das tun, aber diese Intention sowie die mehr oder weniger akzidentellen Merkmale seiner Produzenten verselbständigen sich. Auch gegen seine Schöpferin, gegen den Schöpfer. Es gälte, sich von den Schöpfermythen zu verabschieden und diese als das zu markieren, was sie sind. Die Produktion von Kunstwerken ausschließlich an die Frage des Geschlechts, an Hautfarbe oder an die Herkunft zu koppeln, verfehlt das Kunstwerk bis hin zum amusischen. Ein gelungener Film über Rassismus kann – entgegen Spike Lees eigentümlicher Annahme – durchaus von einem Weißen gedreht werden.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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26 Antworten zu Marina Abramovic im Interview

  1. muetzenfalterin schreibt:

    Ah, vielen Dank für dieses Interview von einer Frau, die ich absolut großartig finde.

  2. muetzenfalterin schreibt:

    Gerade ist mir aufgefallen, dass mein Kommentar so etwas dümmlich aussieht. Was ich an Marina Abramovic bewundere, ist ihre Radikalität, sie hat sich entschieden, nicht nur Kunst zu machen, sondern selbst zur Kunst zu werden, mit allen Konsequenzen, ohne sich in irgendwelchen Entschuldigungen zu verlieren, gesellschaftlicher oder persönlicher Art. Das ist, was mich zutiefst beeindruckt.

  3. Maier schreibt:

    Offenbar hast du den Passagen ja doch etwas hinzuzufügen.

  4. hANNES wURST schreibt:

    Ich finde es absolut legitim zu fragen, weshalb bestimmte Lebensbereiche von bestimmten Gruppen der Gesellschaft dominiert werden. Was Abramovic hier hervorbringt, ihre angeblich ach so aufgeklärte Genderunabhängigkeit und dann noch diese locker aus dem Ärmel geschüttelte These von der weiblichen Opferbereitschaft für die Familie halte ich für grauenhaft dümmlich.

    Richtig ist, dass der künstlerische Ausdruck unabhängig vom Geschlecht Bestand hat. Kunst existiert aber nicht im Elfenbeinturm und Kunst hat wichtige gesellschaftliche Funktionen, es ist ebenso wenig wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen sinnvoll, wenn bestimmte Gruppierungen über- oder unterrepräsentiert sind.

    Um noch einmal Politik als Beispiel zu nennen: ich bin kein Soziologe, aber mein Eindruck ist, dass weibliche Kompetenz in der Politik inzwischen ganz selbstverständlich angenommen wird, und das wurde und wird hart erkämpft und es ist wichtig, denn Frauen bringen Fähigkeiten ein, die der Gesellschaft sonst fehlen würden. In anderen früheren Männerdomänen haben die Frauen längst überholt, zum Beispiel in der Medizin (erfolgreiche Politikerinnen und Medizinerinnen trotz dieses – scheinbar biologistisch zu erklärenden – stärkeren Familienwunsches).

    In der Kunst liegt etwas im Argen, Kultur ist patriarchalisch dominiert, das ist meine These und ich sehe mich selber als schlechtes Beispiel. Meine Eltern sind Vor-68er, Mutter Haushalt, Vater Karriere. Ich bin meinen Töchtern schuldig zu hinterfragen, weshalb Männer meinen Kulturkonsum dominieren.

  5. ralphbuttler schreibt:

    Reblogged this on Auf dem Dao-Weg.

  6. frauwunder schreibt:

    Der Feminismus ist eine Kruecke, wer laufen kann sollte sich auf seine Beine verlassen.

  7. Noergler schreibt:

    “ … denn Frauen bringen Fähigkeiten ein, die der Gesellschaft sonst fehlen würden.“
    So ist es. Daher pflege ich auch zu Merkel, Hegemann und Lantzsch zu sagen: „Die hat mir gerade noch gefehlt!“

  8. hANNES wURST schreibt:

    Ich verstehe nicht, wie jemand ein böses Wort über Angela Merkel schreiben kann. Sie ist eine gütige Frauscherin und sehr geschmeidig. Nur Roland Koch und Friedrich Merz fehlen leider sehr in ihrer Frauschaft.

  9. Bersarin schreibt:

    @ Mützenfalterin
    Das eben bewundere auch ich an ihr. Es ist ein Ganzes, keine Trennung sei zwischen Kunst und Leben.

    @ Maier
    Ich füge nicht hinzu, sondern schreibe das, was Abramovic sagt, weiter.

    @ Hanneswurst
    Heute Abend mehr, da ich einen langen Arbeitstag habe und im Bundesjustizministerium weile.

    @FrauWunder
    Schön daß Sie und ich von Zeit zu Zeit und immer mal wieder eine Sicht teilen. ;-)

    @Nörgler
    Es freut mich, hier von Dir einmal wieder zu lesen.

    _____________

    Zum Weiteren schreibe ich (hoffentlich) mehr, und zwar heute am späten Abend. Bitte auch um Entschuldigung wegen des Kurzangebundenseins. Es ist das Thema interessant, aber die Zeit knapp. Leben kurz, Zeit kurz, Kunst kurz.

  10. Bersarin schreibt:

    @ Hanneswurst
    Natürlich trägt das Kunstwerk jenes Moment des Gesellschaftlichen in sich – Abramovics Werk zeigt dies. Aber ebenso Werke, die auf den ersten, den zweiten und den dritten Blick anscheinend nicht mit Gesellschaft konnotiert sind. Allerdings entstehen Kunstwerke nicht über eine Quote, sondern sie werden gemacht. Mehr nicht. Sie werden unter bestimmten Bedingungen gemacht. Diese Bedingungen kann ein Kunstwerk reflektieren. Hinzu kommt sicherlich der Kunstmarkt, der manches pusht, was im Grunde den Rummel nicht wert ist, und anderes gerät radikal in Vergessenheit. Sowieso scheint mir im Moment das am interessantesten, was sich im Bereich der Bildenden Kunst oder der Medienkunst nicht auf der ganz großen Ebene in den Spitzengalerien abspielt, sondern vielmehr im Mittelbau.

    „Kultur ist patriarchalisch“ Mag sein, kann auch nicht sein. Mein Eindruck ist, daß es sehr viele Frauen gibt, die insbesondere mit dem Beginn der Klassischen Moderne Kunst mach(t)en. Kunst war einmal eine Angelegenheit der Männer, das hatte gesellschaftliche Gründe, dafür kann man sich – insbesondere kunstsoziologisch – interessieren und dieser patriarchale Diskurs ist sicherlich ein wichtiger Aspekt, wenn es um Gewalt- und Unterdrückungsverhältnisse geht. (Und ich streite alle diese Dinge auch gar nicht ab.) Als (ausgebildetet) Soziologe interessiert dies mich natürlich. Im binnenästhetischen Diskurs allerdings gehen solche Diskussionen leicht in die Irre und es kommt da so eine merkwürdige Art des Frausein auf, die inszenatorisch ins Spiel gebracht wird. Frau Wunder hat das mit ihrem Satz auf den Punkt gebracht. Ich sehe es genauso. Anstatt ewig und am Tisch über den bösen Gewaltdiskurs zu klagen, erweist es sich am Ende lediglich am Werk selbst, was geht und was nicht mehr geht. Was gelungen und was epigonaler Abklatsch und die Wiederkehr des Immergleichen ist.

  11. summacumlaude schreibt:

    Der Nörgler hat auch lange gefehlt – nun ist er wieder an Bord. Gottseidank! Ein Willkommen dem geschätzten Mitkommentator!

  12. genova68 schreibt:

    Die Sachen von Abramovic, gerade die Filmchen, finde ich seit Jahrzehnten eindrucksvoll. Aber, bersarin, ich würde die Aussagen von Abramovic da oben etwas anders interpretieren. Die Einteilungen in irgendwelche Kategorien, Hautfarbe, Herkunft, Frisur etc., wie sie Abramovic exemplifiziert, sind Quatsch, was aber noch nicht heißt, dass jeder Bezug auf den Künstler als Individuum Quatsch wäre. Vor diesem Zusammenhang redet Abramovic und gerade bei ihr wäre es verfehlt, den individuellen Bezug herauszunehmen, denn sie beschreibt sich ja selbst als extrem außergewöhnlich. Ein Kunstwerk kann für sich stehen aber es muss nicht für sich stehen.

    Die gesellschaftlichen Bedingungen kann ein Kunstwerk reflektieren, aber tuen wir doch nicht so, als würden wir bei Kunst, gerade bei zeitgenössischer, diese Reflektionen noch irgendwie mitkriegen. Im günstigsten Fall ein wenig, der Rest ist bewusster Analphabetismus, es wird im Ungefähren gearbeitet und rezipiert. Die documenta vergangenes Jahr hat mir gereicht. Das meiste sagt mir nichts, weil es beliebige Scheiße ist, und zwar weil es heute in diesem grenzenlosen Liberalismus hergestellt wird. Ich könnte natürlich auch schreiben, dass es mir nichts sagt, weil ich zu dämlich bin, aber warum sollte ich das tun? Es ist ähnlich wie mit den Grünen.

    Ich gucke mir biographische Details der Künstlerin an und bin vielleicht ein bisschen schlauer. Wer bestimmt eigentlich, wann das subjektive Moment, das der Rezipient im Kunstwerk ausmacht, sich gegen den Schöpfer richtet?

    Es ist eine merkwürdige Gratwanderung: Kunst ist natürlich gesellschaftlich bedingt, der Künstler hat aber sich ausschließlich über seine Kunst auszudrücken und jede Frage an ihn wird interpretiert als Kapitulation der eigenen Rezepitonsqualitäten.

  13. hANNES wURST schreibt:

    Bald hat das Frauenwahlrecht in Deutschland 100. Jubiläum, was nicht hieße, dass man es mit ausreichendem Engagement von Personen, die es nicht oder nicht mehr benötigen wieder abschaffen könnte.

    @genova: Ist diese übersättigte Richtungslosigkeit nicht gerade die Reflektion der Gesellschaft? Es folgt die Flucht ins Dekorative oder in „persönliche Abgründe“ und ähnlichen Schmarrn. Kunst, Philosophie und Religion unterliegen außerdem Konjunkturzyklen, es kann nicht zu jeder Zeit die gleiche Anzahl von Künstlern erfolgreich sein.

  14. Bersarin schreibt:

    @ hanneswurst
    Zum Frauenwahlrecht habe ich keine Meinung. Das muß die bürgerlich-kapitalistische Demokratie mit sich selber abmachen.

    @ genova
    1. Texte (und noch allgemeiner: Kunstwerke) werden von bestimmten Personen (oder auch Kollektiven), in bestimmten (gesellschaftlichen oder psychischen) Situationen gefertigt. Das können ägyptische Intellektuelle, serbische Bäuerinnen, deutsche Forstarbeiter, eine US-Studentin, ein peruanischer Schmuckverkäufer, ein spanischer Geistlicher, ein Arzt aus Kamerun, eine Gewerkschafterin aus Nepal oder ein deutscher, katholischer Hausmann sein. Oder alle diese Personen zusammen schreiben ein Buch.

    2. Biographische, gesellschaftliche, psychische Umstände, unter denen ein Kunstwerk geschaffen werden, prägen ein Werk bewußt oder unbewußt. Das Kunstwerk ist also vom Künstler und von Gesellschaft geprägt. Abramovic zeigt diese Verbindung ja sehr gut. Und sie sträubt sich gegen jegliche Vereinnahmung. Eben weil es ihr um ihr Werk geht.

    3. Alles diese Umstände mögen für ein Werk eine Rolle spielen. Aber in diesen Biographismen erschöpft sich ein Werk nicht. Ich weiß eigentlich nicht, was daran so derart schwierig zu verstehen ist. Weil ein gelungenes Buch von einem schwulen, behinderten, schwarzen, jüdischen Kommunisten, der früher eine Frau war, geschrieben wurde, ist das Buch doch keine schwule, behinderte, schwarzen jüdische kommunistische Frauenliteratur. Und was bitte nützen Dir biographische Umstände vor einem Bild von Ad Reinhardt: Weil Reinhardt gerne dunkle Schokolade aß, hat er dann schwarze Bilder gemalt oder wie muß ich mir diese Biographismen vorstellen? Über die Biographie Kausalitäten auszumachen, ist reine Spökenkiekerei. Natürlich lese ich die Briefe Kafkas mit Interesse und Aufmerksamkeit. Aber jemand wie Fräulein Bürstner ist am Ende doch mehr als Felice Bauer. Das mag ein Einfluß gewesen sein, spielt aber am Ende kaum noch eine Rolle, bleibt spekulativ. Gleiches gilt für die Vater-Sohn-Konstellation. Nebenbei ein beliebtes Thema im Expressionismus.

    4. Noch schlimmer wird es, wenn es beim biographischen Reduktionismus auf diese beliebte Phrase vom weibliche (oder auch: männlichen) Schreiben hinausläuft. Da haben wir dann den Bitterfelder Weg der Literatur: schlimmer geht‘s nimmer. Und dementsprechend lesen sich solche Texte. Ein guter Text, ein gutes Kunstwerk wächst aber über genau diese (biograpischen, zufälligen) Umstände hinaus. Es kann hilfreich sein, eine Biographie zu Rate zu ziehen, muß es aber nicht, allenfalls spielen Biographien dem Werk bei. Sie sind ein hinzutretendes Moment. Eine Künstlerin/ein Künstler haben ein Werk geschaffen. Und nun ist das Werk da. Als solches und für sich.

    5. Der Name des Autors als Eigenname steht lediglich für eine bestimmte (Text-)Bewegung, eine bestimmte Struktur des Textes. Bspw. eine vernachlässigte, sich langweilende Frau in der französischen Provinz. Ein Künstler, der sich als Biographie und mitsamt seinem Leben selbst, in allen Details, als Kunstwerk ausstellt – Schlingensief z.B. -, ist am Ende mehr als diese Biographie. Die „Kirche der Angst“ ist ein Stück über den Tod, geschrieben im Angesicht der Todeserfahrung. Diese (biographisch prägende) Todeserfahrung ist aber keine notwendige Bedingung, um ein Stück über Todeserfahrung zu schreiben.

    Beim Monolog der Molly Bloom am Schluß des „Ulysses“ ist es egal, ob das eine Frau oder ein Mann schrieb: es ist der ungehemmte, wilde, bejahende Ausfluß weiblicher Lust, wie ihn Frauen empfinden, und die „Madame Bovary“ ist ein Roman, der von einer Frau geschrieben hätte werden können.

    Wie gesagt: ich halte solche Lesarten, die ein Werk auf ihre Urheberin, seinen Urheber reduzieren möchten, für eine Weise Kunst zu entschärfen und Inkommensurbles gleichnamig zu machen. Und deshalb eben: amusisch.

    „Wer bestimmt eigentlich, wann das subjektive Moment, das der Rezipient im Kunstwerk ausmacht, sich gegen den Schöpfer richtet?“ Das Kunstwerk – insofern es denn von seinem Betrachter ernst genommen wird. Das geschieht allerdings nicht, wenn man ein Werk so im Vorbeischlendern zwischen Brezeln und Bier streift, um‘s dann noch en passante kurz biographisch abzuchecken. Ein Kunstwerk erfordert Zeit, Zeit und nochmal Zeit. Wird diese aufgewendet, so freut‘s auch die Künstlerin, den Künstler. Mal so ganz künstlerbiographisch gedacht.

  15. genova68 schreibt:

    „Aber in diesen Biographismen erschöpft sich ein Werk nicht. Ich weiß eigentlich nicht, was daran so derart schwierig zu verstehen ist. Weil ein gelungenes Buch von einem schwulen, behinderten, schwarzen, jüdischen Kommunisten, der früher eine Frau war, geschrieben wurde, ist das Buch doch keine schwule, behinderte, schwarzen jüdische kommunistische Frauenliteratur.“

    Behauptet doch auch niemand, dass sich da irgendwas erschöpft, wenn man sich die Biographie anguckt. Aber wenn ein schwuler, behinderter, schwarzer, jüdischer Kommunist ein Buch über schwule, behinderte, schwarze, jüdische Kommunisten schreibt, dann könnte es interessant sein, sich das schwule, schwarze, behinderte und jüdische Kommunistenleben anzuschauen. Dass der Typ auch ganz andere Themen wählen kann, ist klar.

    Von weiblichem und männlichem Schreiben halte ich auch nichts, das ist wohl konstruiert.

    „Diese (biographisch prägende) Todeserfahrung ist aber keine notwendige Bedingung, um ein Stück über Todeserfahrung zu schreiben.“

    Nicht notwendig, davon habe ich nicht gesprochen, aber interessant fände ich das Wissen um den Hinweis schon. So wie es bei Böll nicht verkehrt ist, seine realen Probleme mit dem Katholizismus zu sehen oder bei den Texten von Niedecken zum selben Thema seine Qualen, die er in einer katholischen Schule erlitt.

    Der Punkt geht aber wohl eher darum, dass du sagst, das muss alles im Kunstwerk aufscheinen. Wenn es das nicht tut, dann ist es halt keine gute Kunst. Wobei man ja jederzeit die Möglichkeit hat, die Schuld dem dummen Rezipienten unterzuschieben. In vielen Fällen sicher zurecht.

    Ach, wir sind uns da sicher einig.

    Eigentlich müsste sich Aléa Torik zum Thema äußern.

  16. genova68 schreibt:

    Und das mit der Zeit ist auch so eine Sache. Dann bitte nicht zu solch Veranstaltungen wie der documenta gehen, man wird erschlagen. Zumal in Berlin ja eh alles vorhanden ist.

    Es ist aber wohl auch so, dass ich aktueller Kunst zunehmend misstraue, weil so inflationär viel hergestellt wird es keinen mehr interessiert, außer den Teilnehmern am Kunstmarkt und mich. Das zum Thema ernst nehmen. Dann gehe ich am besten nur noch in Galerien, wo drei Sachen hängen, damit beschäftige ich mich und dann gehe ich wieder nach hause.

    Und dann noch dieser scheiß Grasbottich auf dem großen Rasen bei der documenta. Die Kuratorin hat Natur mit Kultur verwechselt und präsentiert einen Erdhaufen, in dem irgendwas wächst, als eines der wichtigsten Kunstwerke der Welt. Was soll ich dazu sagen? Vielleicht habe ich mich genug damit beschäftigt, aber man muss sich irgendwann ja auch mal ein Urteil bilden.

  17. genova68 schreibt:

    Hannes, 14.10 Uhr,

    ja, ist wohl so. Biedermeier. Warten wir also auf Achtundvierzig.

  18. Bersarin schreibt:

    „… dann könnte es interessant sein, sich das schwule, schwarze, behinderte und jüdische Kommunistenleben anzuschauen.“ Das kommt ganz auf den Text an. In der Konstruktion mag alles möglich sein, aber oft ist es so, daß jemand, der direkt involviert ist, zu nahe dran steht. Konstruktion, Komposition erfordert Abstand, aber das läßt sich zugleich nicht pauschal sagen. Es mag eine Art von écriture automatique geben, die das, wovon berichtet werden soll, in eine Schrift bringen kann.

    Noch problematischer wird es bei den sogenannten engagierten Texten bzw. bei der engagierten Literatur. Ein Teilgebiet davon waren die sogenannten „Verständigungstexte“ in den 70er Jahren: unsägliches Betroffenheitsgeleiere, in einer Form dargeboten, bei der ich mich weigere, sie als ästhetisch zu bezeichnen. An solchen Stellen wurde die Grenze zwischen Dokumentation und Literatur fließend. Leider auf eine sehr schlimme, grauenerregende Weise.

    In bezug auf die Literatur sei das Schlagwort „Neuen Subjektivität“ genannt. Hier müßte man sich Texte wie Bernhards Autobiographie „Der Atem“ usw., Max Frischs „Montauk“ oder einige der Bücher von Peter Handke und anderer Schriftsteller anschauen, um das konkret zu sichten.

    Die documenta ist problematisch und interessant in einem: sie bietet einen Überblick und zeigt Positionen der Gegenwartskunst, und zugleich handelt es sich um eine dieser unsäglichen Leistungsschauen. Im Grunde benötigt man, um das adäquat sich anzusehen, viel Zeit. Zwei Tage am Wochenende reichen nicht aus. Der Erdhügel mit Gras war in der Tat unsäglich. Selbst ein Begriff wie das Kunstschöne oder die soziale Plastik können dieses Urban Gardening nicht retten. Und auch im Inneren des Ottoneums ging es nicht sehr viel besser zu. Wenn man das, was gezeigt wurde als eine Art ökologische Dokumentation betrachtet, mag es noch angehen. Mich erinnerte das im Ottoneum Gezeigte jedoch sehr an die in den 80er Jahren obligatorische Schülerprojektwochen.

    In der Tat: lieber in eine Galerie gehen, wo wenige Werke an der Wand oder sonstwo hängen. Wir in Berlin haben dazu – zum Glück – hinreichende Möglichkeiten.

  19. genova68 schreibt:

    die ökologische Dokumentation: Bei sowas schalte ich sofort um auf Interesse und vergesse den eventuellen künstlerischen Aspekt. Stimmt, Schülerprojektwochen. Hängt vielleicht damit zusammen, dass die Leiterin der documenta aussieht wie die Vorsitzende der Frauenunion von Waiblingen.

  20. ziggev schreibt:

    ein Freund von mir hat den ganzen Keller voll mit „Baumknollen“, das sind knollenartige Wucherungen, die Bäume ausbilden, wenn sie an dieser Stelle, wo sich einmal eine Wunde befunden hat, von einem Pilz befallen wurden. Alle geschält und es ist die wunderbare Musterung zu bewundern. Wie gesagt, mindestens 4 qm.

    Ich habe den ganzen Keller voll mit „Moorwurzeln“, das sind die Überreste von Bäumen, wie sie typischerweise beim Torfabbau in Torfmooren gefunden werden.

    Ideen?

  21. Bersarin schreibt:

    @ genova
    Ich würde nicht unbedingt nach dem Aussehen gehe, aber das Konzept von Carolyn Christov-Bakargiev (das ja nach ihrer Aussage kein Konzept sein sollte) gestaltete sich stellenweise sehr eigenwillig. Nichtsdestotrotz gab es auf dieser documenta einige interessante Werke zu sehen. In der Wahrnehmung dieser Veranstaltung scheint es mir eine Zwischenform von Rezeption zu geben: man muß sich einige Elemente herausbrechen, sich diesen Werken aussetzen, und zugeich ist es erforderlich, den Zusammenhang, die Verbindungslinien und die Konnexionen im Auge zu behalten. Die Rotunde im Fridericianum war ein solcher Ort der Korrespondenzen.

    @ ziggev
    Land-Art in the Cave hieße dieses Projekt. Und der Clou dabei: das ganze Haus (oder am besten beide) werden mitsamt seinen Bewohnerinnen und Bewohnern von Ausstellungsort zu Ausstellungsort verlagert, bis die beiden Häuser dann zur nächsten Biennale in Venedig in den Deutschen Pavillon eingebaut werden.

    Und da ich als Freund des dialektischen Feuer-Zaubers die Alraune liebe, bitte ich darum, auch diese in irgend einer Form einzubeziehen.

  22. genova68 schreibt:

    Ja, man soll nicht nach dem Aussehen gehen und tut es dennoch ständig. So ist er nun mal, der Mensch. Ich bin auch nur genervt, weil ich mir kein Urteil bilden kann, weil ich dazu mindestens zwei Wochen in Kassel umherlaufen müsste. Überhaupt ist das eine Ausstellung nur für Kasselaner, die kaufen sich eine Dauerkarte und gucken sich das 100 Tage an, immer wieder mal ein bisschen.

    Merkwürdig fand ich auch dieses alte Haus, das von amerikanischen Künstlern umgebaut wurde. Die saßen dann desinteressiert in der Küche und aßen zu Abend, die Besucher schauten zu und das ganze Haus war voll mit irgendwelchen Basteleien. Mir ist das alles zu blöd, und die Gespräche anderer Besucher, denen ich lauschte, bezogen sich auf handwerklich-konstruktives („Das haben die jungen Leute aber schön gemacht.)

    Ich habe mir im letzten Vierteljahr nur noch die Gemäldegalerie in Berlin, das Reichsmuseum in Amsterdam, das Wallraff-Richartz in Köln und das mkp in Düsseldorf angeguckt: Alte Schinken, in denen es soviel zu entdecken gibt.

    Aber alles natürlich meine radikal subjektive Sichtweise. Das geht auch wieder vorbei.

  23. genova68 schreibt:

    Sowas wie Abramovic oder Kippenberger fehlen.

  24. Bersarin schreibt:

    Ja, Besuchergespräche sind eine Klasse für sich.

    Kippenberger fehlt. Aber dafür ist er nun im Museum. Gott hab‘ ihn selig. Und darauf trinke ich gerade ein Bier.

  25. summacumlaude schreibt:

    Bier?

    Halb Mensch, halb Bier
    der Grenadier!

  26. Bersarin schreibt:

    Leider nur Bier. Es muß sein. Die Gesundheit verlangt’s. Der Virus sitzt noch in mir. Alkohol und er vertragen sich nicht gut. Samstag probierte ich eine Flasche Riesling. Aber das war nicht so gut. Zumindest nicht für mich.

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