„Das Geräusch des Werdens“: Sein – Nichts – Werden: diese (auch literarische) Trias. Sonntäglicher Anreizerblick auf ein großartiges Debüt-Roman

Ein Buch muß alle Sinne beanspruchen – so zumindest behaupten es manche. Es muß aufrütteln, es muß auflachen machen, es muß (ebenso) sinnlich daherkommen, selbst wenn es unsinnlich-abstrakt wie die Prosa Becketts auftritt (Beckett ist – dennoch und contre cœur – extrem sinnlich, selbst der Durchstrich samt der Dekonstruktion des Sinnes konnotiert Sinn; sowieso sind Begriffe ohne Anschauung blind: dennoch: sie treffen in ihrer sinnlich-unsinnlichen Weise genau; „zur Blindheit überredete Augen“, P. Celan), andere Leserinnen und Leser wiederum  möchten mit den Figuren mitfiebern, ohne dabei identifikatorisch oder genußsüchtig zu lesen, so wie ich mit K. im „Prozess“ oder im „Schloß“, struktural rezipierend, Subjekte tilgend, so wie mit der jungen Frau Bovary geschehend, es sollte das Buch mit Verstand geschrieben sein, es darf nicht artifiziell oder überkonstruiert auftrumpfen, sondern in natürlicher Anmut schimmern und scheinen, wie es jener Jüngling in Kleists Marionettentheaterschrift tat, als er sich nackt im Bade einen Splitter aus dem Fuße zog und dabei als Gestalt und Körper so ausschaute, wie Wohlgeformtes eben aussieht: anmutig, gefällig und in keiner Weise aufdringlich. Und im Hintersinn dennoch vertrackt bleibend – diese Dialektik von Schwerelosigkeit und Schwere austarierend, zum Bewußtsein bringend. Die Identität des Textes hängt an keinem Fixpunkt. Autorinnen und Autoren sind keine Marionetten, aber sie sind ebensowenig die Marionettenspielerinnen oder -spieler, sie strukturieren in letzter Instanz das Feld des Textes nicht. Sie erzeugen den Überfluß des Textes und treten darin und dahinter zurück.

„Das Geräusch des Werdens“ ist sinnlich, ohne dabei banal zu sein oder sich emotional-delirierend daherzuschreiben. Ich bin nicht unbedingt empfänglich für die Oden ans Leben, aber in diesem Buch paßt es. Es ist mit Leidenschaft und Eros geschrieben. Dennoch tummeln sich dort keine Befindlichkeiten, keine hineingepreßte Philosophie lauert da, die vor lauter Überambition, auf ein Leib-und-Magen-Thema schielend, das Erzählen vergißt. Ein Sog ist dieses Buch, darin der Blick sich verfängt – dieser Blick, der all den Figuren und Perspektiven folgt, die sich auftun. So soghaft geschehen bereits im ersten Satz des Romans. Ja, wir kommen blind zur Welt und vor allem treten wir blind in die Welt der Literatur, in die neuen Räume. Denn im Idealfall eröffnet ein Buch – rezeptionsästhetisch gedacht – einen neuen Blick. Literatur lebt – so paradox das zunächst klingen mag – von der Blindheit und vor allem: Vom Vergessen. Leserin und Leser wollen darin immer weiter lesen und immer weiter und weiter sich verstricken in das fiktive rumänische Dorf Mărginime und ins Berlin der Nachwendejahre.

Ein Reigen an Konstellationen und Figuren eröffnet sich über jenes wundersame rumänische Dorf, das in einer Linie zu Berlin liegt und eigenwillige Bögen schlägt. Alles das und noch viel mehr gibt es in Aléa Toriks Romandebüt „Das Geräusch des Werdens“ zu entdecken. Ich werde dieses Bucht demnächst hier im Blog detailliert besprechen und mit einem kleinen Essay würdigen.

Doch Obacht: es ist – zum Glück – kein Berlinroman und auch kein Heimatroman einer rumänischen Schriftstellerin, sondern es geht um sehr viel mehr. Nicht existential-ontologische Schollen samt dem Blut im Boden, sondern Heimat und Identität (als Dissoziation) in einer Art Verschlingung, die gleichsam an einen Ort an sich gebunden ist. Dieser Bezug zwischen Mărginime und Berlin als literarische Landschaft und Region der (post-modernen) Identitätsbildung könnte, wenn sich das Projekt denn auswüchse, was sehr zu wünschen wäre, ein zweites Jericho wie von Johnson oder gar ein Yoknapatawpha County von Faulkner ergeben. Aber wir wollen nicht zu hoch greifen. Die literarischen Qualitäten von Aléa Torik sind unbestreitbar. Und das soll zunächst und für einen Romanauftakt ausreichen.

Alle Sinne zu beanspruchen, mag für ein Buch harter Tobak sein, insbesondere wenn es – als eine der vielen Figuren des Romans – um einen Photographen geht, der blind ist und der in Berlin eine Ausstellung mit seinen Photographien eröffnet. So nämlich taktet der Roman auf. Doch ich verrate nicht mehr als dies. Alles weitere kommt dann in meiner Kritik nächste Woche. Soviel nur: ich empfehle dieses Debüt dringendst, rate zu: kaufen, Folie aufreißen, lesen! Und der zweite Roman von Aléa Torik erscheint demnächst, Ende Februar. Es muß also keiner lange warten, wer von diesem Buch nicht genug hat.

Aléa Torik, Das Geräusch des Werdens, Osburg Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-940731-75-3, zum Preis von 19,90 EUR zu beziehen

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Zu kaufen gibt es das Buch – sicherlich – bei ihrer örtlichen nicht-kettengebundenen Buchhändlerin oder ihrem Buchhändler auf Bestellung. Die kleinen Verlage sind in den meisten Buchhandlungen leider oftmals nicht vorrätig. Und wer nach dem Wissen um Amazon auf seinem Blog immer noch unschuldig-blödig auf Amazon als Bezugsquelle verweist, die oder der hat immer noch nichts begriffen. Wahrscheinlich muß Amazon erst das Wort „Neger“ verwenden oder sich als patriarchaler Konzern erweisen, dann geht entfernt ein Lichtchen auf.

Die Anregung, Buchvorstellungen und Buchessays mit Photographien zu illustrieren, die nicht von den Verlagen stammen, sondern die selber geschossen wurden, entnehme ich dem anregenden Literaturblog deep reed von Karoline Laarmann. Weshalb ich als Photograph auf diese Idee nicht selber kam, bleibt mir schleierhaft. Manche Dinge freilich enträtseln sich niemals, oder man steht zu dicht davor, so daß sie von der Ferne her zurückblicken.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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32 Antworten zu „Das Geräusch des Werdens“: Sein – Nichts – Werden: diese (auch literarische) Trias. Sonntäglicher Anreizerblick auf ein großartiges Debüt-Roman

  1. hANNES wURST schreibt:

    Das Buch hat es mir auch erst einmal angetan, einige Sätze mochte ich mir einrahmen (leider vergesse ich immer, mir solche Sätze zu markieren oder herauszuschreiben). Dann kam das Kapitel „Der Salon Sucre“ und ich fing an, Seiten zu überblättern und musste das Buch dann leider auch ad acta legen. Aber ich finde schon, dass Wumms dahinter ist.

    Ich hoffe übrigens, dass Ihr Buchhändler das bestellte Buch mit dem Fahrrad vom Verlag abholt, denn wenn er einen Paketdienst nutzt, dann ist es wiederum nur ein Niedriglohnlesegenuss.

  2. Bersarin schreibt:

    Ich denke es lohnt sich, das Buch bis zum Ende zu lesen. Der Salon Sucre ist aber doch eine sehr schöne, feine Berlinimpression.

    Die Bücher in den Buchhandlungen werden meines Wissens nicht nur mit der Post, sondern auch über die Bücherwagendienste verschickt. Ob die jedoch besser bezahlen? Zudem würde ich die Post nochmal anders gewichten als Amazon.

    Bei Amazon sollte man aus verschiedenen Gründen nur im Notfall bestellen. Antiquarisch beziehe ich von dort ab und zu Bücher, weil es die woanders oder über ZVAB nicht gibt. Oder aber Photobände aus dem Segment einer bestimmten Erotik und zu bestimmten Fessel- und Sexualpraktiken, weil es mir unangenehm ist, das bei meiner (jungen) Buchhändlerin zu ordern.

  3. Aléa Torik schreibt:

    @ hANNES wURST: Ich könnte jetzt ein Dutzend Versuche machen, Sie zur weiteren Lektüre zu ermuntern. Aber ich mache es nicht. Ich erzähle Ihnen nichts davon, dass viele große Schriftsteller Listen geschrieben haben. Oder dass die Aufzählung der Anfang der Erzählung ist. Ich könnte sagen, dass der Überfluss der deutschen Stadt der Armut des rumänischen Dorfes gegenübersteht; dass das Kapitel überflüssig ist, aber dass ein Kapitel über den Überfluss, das nicht überflüssig ist, überflüssig ist. Also ist es notwendig. Ich könnte etwas von Adorno erzählen, seiner Bestimmung dem Leser das kontemplative Verharren vor dem Text mittels Schocks zu verbauen. Aber entweder ist Adornos These zu schwach oder mein Schock zu stark. Ich könnte mich auch wundern, dass angeblich im ersten Teil so viele schöne Formulierungen zu finden sind, aber bei der ersten Schwierigkeit bereits die Flinte ins Korn geworfen wird. Ich könnte darlegen, dass die Literatur ganz anders aussähe, wenn die Autoren sich die Leser aussuchen könnten, statt die Leser die Autoren. Oder dass man, um eine Liste lesen zu können, es richtig können muss: das Lesen. Mache ich alles nicht. Ich mache das anders. So wie man das bei mir zu Hause macht: http://www.youtube.com/watch?v=At5nYDFDzXw
    Aléa

  4. hANNES wURST schreibt:

    @Aléa Torik: Sie können sich Ihre Leser durchaus selber aussuchen, zum Beispiel, indem nur Sie allein Ihr Buch lesen, oder vielleicht noch ein paar gute Freunde von der Art, die immer nur zustimmt. Ich wollte mit meiner schlabbrigen Bemerkung auch gar keine Kritik ausüben sondern habe nur berichtet; mein Leseabbruch ist nicht richtig oder falsch zu nennen, er könnte auch Effekt einer besonderen Aversion gegen Aufzählungen sein. Ihr herausragendes Talent mache ich Ihnen nicht streitig, und wie Ihr Roman beweist, können Sie es auch ausüben. Es kam mir sogar manchmal vor als würde Ihnen das Schreiben zu leicht fallen und Sie müssten deswegen nicht hart genug mit Ihrem Text ringen, ihn zurechtstauchen, strukturieren.

  5. Aléa Torik schreibt:

    @ hANNES wURST: Gesichtszüge sind in Blogtexten noch schwieriger zu entziffern als in Romantexten. Ich habe den obigen Text mit einem Lächeln auf den Lippen geschrieben. Jetzt also ernsthaft: es gibt immer Gründe, einen Text zu Ende zu lesen oder ihn vorher abzubrechen. Der Autor hat darauf keinen Einfluss. Allen Einfluss den er hatte, hat er in den Text legen müssen.
    Zurückweisen allerdings muss ich Ihre Vermutung, ich hätte nicht mit dem Text gerungen. Ich habe gerungen, zu viel sogar für meinen Geschmack. Aber es ist gut, dass man es nicht sieht. Vielleicht machen Sie einen Versuch mit meinem zweiten Text? Auch da wurde hart gerungen. Aber keine Aufzählungen! Jedenfalls keine, die über die übliche Aneinanderreihung von Worten hinausgeht.
    Aléa

  6. Bersarin schreibt:

    @ Hanneswurst
    Wenngleich ich der Instanz der Autorin oder des Autors kaum bis wenig Bedeutung beimesse, da Autorin/Autor am Ende im Text verschwinden, so sei doch dieses festgehalten: Gerade die Text, welche ausschauen, als kämen sie leicht, fließend, wie von selber geschrieben daher, sind die, worin die meiste Arbeit der Konstruktion und der Strukturierung stecken kann.

    Über die Gründe, weshalb nicht weitergelesen wird, ist es müßig zu spekulieren, solange keine ästhetische Kritik oder wertende Äußerungen vorgenommen werden oder solcher Ranz wie „Der Text hat mich gelangweilt, deshalb ist er schlecht“ abgesondert wurde. Niemand muß alles lesen, schon gar nicht, wenn man sich nicht professionell oder semiprofessionell mit Literatur beschäftigt. Manchmal aber, wenn man sich nicht den Schwierigkeiten der Lektüre aussetzt, verpaßt man das beste.

  7. hANNES wURST schreibt:

    Sie haben Recht, die Nichtweiterlesegründe sind vielfältig und korrelieren wenig mit der Qualität des Werks. In meinem Fall könnte es leider an einm hartnäckigen Kulturchauvinismus liegen – oder schlicht an der mangelnden Empathie für „das Weibliche“ was auch immer das ist. Siri Hustvedt (nur wegen Auster angeschafft, mehrfach dabei eingeschlafen) 100 Seiten, Elfriede Jelinek (die ersten zwanzig Seite waren eine Erfahrung) 50 Seiten, Toni Morrison (nach Literaturnobelpreis gegoogelt, leider) 30 Seiten, Charlotte Roche (Hörbuch) 10 Minuten. Das waren zuletzt meine Erfahrungen mit Autorinnen, Aléa Torik mit gut 200 Seiten ist also schon rekordverdächtig.

  8. Bersarin schreibt:

    Texte hängen nicht am Geschlecht oder an Herkunft, Nation oder anderem Äußerlichen, sondern es sind erst einmal Texte. Sie sind, sofern sie literarischer Natur sind, eine Fiktion. Sie können vom Weiblichen, vom Männlichen oder von etwas ganz anderem handeln. Die Idee der Autorenschaft freilich, die sich an die Blickachsen, an den Genus oder den Lokus bindet, ist die Fiktion der westlich-identifikatorischen Gesellschaften.

    Fast könnte man meinen, Sie hielten ein Plädoyer für oder gegen Frauenliteratur. Es gibt aber keine Frauenliteratur, genausowenig wie es Männerliteratur gibt. Es gibt lediglich gute oder schlechte Literatur. Und manchmal bewegen sich auch Bücher so dazwischen. Da zuckt man dann die Schultern und fragt: was soll es? Es ist nicht richtig schlecht, aber auch nicht wirklich gut.

    Die Einteilung des Kunstwerkes nach Geschlecht ist im Grunde ein umgekehrter Rassismus oder ein Biologismus. Es gibt Kunstwerke. Mehr nicht. Diese können die Unterdrückung der Frau, den Blick der Frau, den Blick des Mannes zum Thema haben, sie können von Rumänien und Berlin, vom Fremden und vom Eigenen handeln und beide Aspiekte in eine Art Schrift bringen. Kunstwerke sind vielfältig strukturiert. Die Schöpferin oder der Schöpfer spielen dabei bloß eine untergeordnete Rolle. Ob Kafka seinen Vater nun mochte oder ihn eher verachtete, ob er ein Problem mit Frauen hatte oder eher keines mag für Biographiforscher bedeutsam sein. Für den Text nicht, der hat sich abgelöst.

  9. hANNES wURST schreibt:

    Es geht mir keineswegs darum, eine These zu verteidigen (die ich selber schon als Chauvinismus tituliert habe). Ich mache mir ernsthaft Gedanken darum, ob meine kulturellen Vorlieben dafür sprechen, dass mir Frauen eigentlich fremd bleiben und ob das daran liegt, dass ich mir nicht genügend Mühe gebe. Lems „Solaris“ habe ich auch zweimal weggelegt, habe aber den Faden wieder aufgenommen, ähnlich bei „Also sprach Golem“. Ich glaube, es ist echt ein ganz primitiver Chauvinismus, ich erkenne die Autorität der Autorinnen nicht an. Was ich komisch finde ist, dass ich zum Beispiel überhaupt keine Probleme mit der Autorität von Politikerinnen oder anderen Frauen in Führungspositionen habe. Irgendwas läuft da schief. Aber hier will mir ja wohl keiner helfen.

  10. ziggev schreibt:

    Virginia Woolf, Jacobs Zimmer, Mrs Dalloway? Da zumindest ist IMHO von der Qualität her eine Schallmauer durchbrochen, so dass ich Bersarin nur unumwunden zustimmen. Ich will mich nicht und kann mich nicht zum Richter über Qualität aufschwingen, dazu habe ich zuwenig gelesen insgesamt und habe halt meine Vorlieben. Aber hier war ich beeindruckt, es war gewissermaßen eine Art Lehrzeit in Sachen Literatur, ehrfurchtgebietend, dass, ob Männlein oder Weiblein, nun wirklich in den Hintergrund trat. Sehr unterhaltsam: Orlando

  11. Bersarin schreibt:

    @Hanneswurst
    Das liefe dann auf die These hinaus, Frauen könnten nicht schreiben. Zumindest wenn man sich an Ihre Beobachtungen hält. Ob aber solcherart Empirismus ausreicht?

    Ich erkenne keine Autoritäten an. Lediglich Kompetenz. Jemand kann schreiben oder er bzw. sie kann es nicht. Um das zu beurteilen, gibt es den Text, das Werk. Nicht das Geschlecht. Ob „Malina“ von einer Frau oder einem Mann geschrieben wurde, ist Nebensache. Viel interessanter ist der Charakter des Spiels mit der Identität, was eben auf deren Dekonstruktion hinausläuft. Mit Foucault sei die Frage gestellt: „Was ist ein Autor?“

    Schreiben als Mann, schreiben als Frau, und mit E.T.A. Hoffmanns Kater Murr kann man auch sagen: „Schreiben wie eine Katze“. Solche Schreibszenen und Anordnungen besitzen rein fiktionalen Charakter, sind selber ein Stück, ein Teil des Textes. In der Literatur gibt es nur Texte. Keine Biographien.

    @ziggev
    Leider kenne ich von Viriginia Woolf fast nichts. Deren Texte sollte ich womöglich lesend nachholen.

  12. katja1982 schreibt:

    Eine sehr interessantes Gesprächsentwicklung hier … ich denke auch oft darüber nach, ob und warum man manchmal den Eindruck hat, es mache eine Unterschied, ob eine Frau oder ein Man einen Text verfasst hat … Mir fällt das besonders auf, wenn es um die Beschreibung von Erotik und den sexuellen Akt geht. Es gibt männliche Autoren, die einer weiblichen Figur interessante Empfindungen und Worte über die Erfahrung des Aktes zusprechen, die ich so als Frau nicht nachvollziehen kann, da die Frau nunmal beim Akt eine andere Position einnimmt als der Mann. Hier würde ich doch von geschlechtlich gefärbter Beschreibung sprechen, da ein Mann nun mal den weiblichen sexuellen Akt nicht wie eine Frau empfinden kann. Das erst einmal ganz körperlich. Aber auch da wurde ich schon von männlichen Autoren überrascht, die das sehr glaubwürdig und empfindsam erzählen konnten. Sicherlich hat das immer auch was mit meiner persönlichen Empfindung und Sexualität zu tun. Aber es stört mich eben massiv … und Literatur und Erotik ist ein schwieriges Thema, sowieso, da vermag mich keine Charlotte-Roche oder Shades-of-Grey-Ficki-Ficki-Literatur (>>> Deepread ;)) irgendwie sprachlich faszinieren … und obwohl ich einen gewissen derben männlichen Blick auf Sex nicht mag, fasziniert mich da Henry Miller … Was würdet ihr sagen? Ist das Autoren-Geschlecht nicht doch irgendwie dann schon ein Aspekt, wenn es um Erotik und Sex in der Literatur geht?

  13. alterbolschewik schreibt:

    Die FAZ hatte vor geraumer Zeit mal eine hübsche Versuchsanordnung publiziert: Erotische Szenen aus literarischen Werken, ohne Autoren bzw. Autorinnen-Angabe. Und das Geschlecht sollte erraten werden. Ich bin jämmerlich gescheitert… Aber vielleicht sind Frauen da sensibler.

  14. Bersarin schreibt:

    @ Katja, auf Deine Entgegnung und Deine Überlegungen heute Abend mehr, da ich terminlich-beruflich heute im BMJ weile und dann einen anstrengenden Arbeitstag gehabt haben werde, so daß ich hoffentlich noch hinreichend gehaltvoll schreiben kann.

    @ Alter Bolschewik
    Von solchen Rateanordnungen halte ich nicht so viel. Sie gehen am Ende am Text vorbei. Erkenntnisfördernd sind sie weniger. Zumal man nach drei oder vier Sätzen über einen Prosatext rein gar nichts sagen kann.

  15. ziggev schreibt:

    Woolf fiel bei mir ja in die Zeit, als ich Literatur eher spät überhaupt als eigenständige Kunstform (an)zu erkennen und zu lieben gelernt habe. Formale Aspekte beim Lesen genießend erkennen oder erkennend genießen. Daher auch der Eindruck so stark. Außerdem bin ich eher anglophil als francophil und die Zeit interessierte mich.

    In „Jacobs Zimmer“ geht es um eine Frau und einen jungen Mann, wenn man das so sagen kann und soweit ich mich erinnere. Aber gerade das Prinzip, dass die Perspektiven von Beginn an vertauscht sind und sich weiter vertauschen bis zu dem Punkt, wo die Erzählperspektive sich gänzlich aufgelöst zu haben scheint, führt in meinen Augen die Unterscheidung zw. Autoren, männlich oder weiblich, musterhaft ad absurdum. Wer erzählt jetzt Wen? Auch aus biographischen Gründen ließ ich mich schnell von dem Buch begeistern. Aber hinterher: Virginia Woolf ? – ach ja, eine Frau … Das blieb nach diesem Verwechsel- und Verwirrspiel, mit Meisterschaft ausgeführt, für die, die es unbedingt genau wissen wollen, als Nebensache übrig. Den Namen merken, wenn Du irgendwann nochmal bei einem Freund von der ein Buch im Regal stehen siehst. Und dass ich nicht anders kann, als diesen Namen ehrfurchtsvoll auszusprechen.

  16. anne schreibt:

    „Ich habe sechzig Jahre gebraucht, um lesen zu lernen.“ Goethe

  17. Bersarin schreibt:

    @ anne
    Die beherrschen die Kunst der Verknappung, des Minimalismus, bringen es auf den Punkt: Lesen will gelernt sein, Lesen, das mehr als nur Wegschmökern von Büchern sein will, benötigt Zeit und vor alle: es erfordert einen langen Atem, es will dabei viel, sehr viel gelesen werden.

  18. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Ich danke Dir für diesen Hinweis auf Woolf, insbesondere, da ich diesen Wechsel der Perspektiven, auch und insbesondere in der Weise von Nietzsches Perspektivischer Philosophie, für ästhetisch und philosophisch doch außerordentlich bedeutsam halte. Man kann das auch – kurz gefaßt – als Rollenübernahme oder als Inthronisierung des ästhetischen Spieles bezeichnen. Schlimm wird es allerdings dann, wenn ich Subjekte auf ihre Rollen fixieren und die Verflüssigung der Begriffe, mithin deren Liquidierung, nicht in den Blick bekommen.

  19. Bersarin schreibt:

    @ Katja
    Die männliche und die weibliche Perspektive mögen beim Akt des Schreibens selbst eine große Rolle spielen. Aber das empirische Ich löst sich darin zugleich ab. Nehmen wir als Beispiel „Madame Bovary“: das hätte ebensogut eine Frau geschrieben haben können. Und wenn man jenes Ratespiel aus der FAZ macht, von dem der Alte Bolschewik sprach, dann denke ich, ist es schwierig (und teils auch bloß dem Zufall oder dem Ratetalent geschuldet) herauszubekommen, wer da schrieb. Es gibt Texte, die als „weiblich“ empfunden werden und die dennoch von einem Mann geschrieben sein können, und es gibt harte Texte, die man mit dem Begriff männlich assoziiert, die von einer Frau geschrieben sind. Ich denke da am Juli Zeh oder – kürzlich gelesen – das großartige Buch „Der Hals der Giraffe“ von Judith Schalansky. Nein, ich halte nicht viel davon, wenn man in der Lektüre, in der Interpretation, beim Blick in den Text den empirischen Charakter und das Geschlecht überbewertet.

    Sicherlich, ein Mann empfindet den sexuellen Akt anders als eine Frau. Andererseits: die Empfindungen sind vielseitig. Und zugleich auch vorstrukturiert.

    Was das Autorengeschlecht betrifft, wenn es um die Erotik und Sexualität geht: eine gute Schriftstellerin, ein guter Schriftsteller vermögen es im Hinblick auf die Perspektive des anderen Geschlechts oder einer anderen Sexualität als der heterosexuellen, die Schreibrichtung zu wechseln. Und wenn ich selber nicht dahinter komme, wie eine Frau beim Vögeln sich fühlt, wie sie denkt, wie sie empfindet, dann fragte ich – als Schriftsteller – eine gute Freundin. Der Abschlußmonolog der Molly Bloom im „Ulysses“: schrieb den nun eine Frau oder ein Mann?

    Henry Miller ist ein interessantes Phänomen, ich mochte ihn in meiner Jungendzeit, während ich Bukowskie wegen des Derbfickens nur dämlich fand (bis auf „Der Mann mit der Ledertasche“ das ging soweit.)

  20. Bersarin schreibt:

    Der Rahmen der Empfindungen ist durch kulturelle Diskurse begrenzt. Ich verweise hier auf Luhmann „Liebe als Passion“. Es gibt Liebe nur in einem bestimmten Rahmen, in dem geliebt, und das „Gefühl“ von Liebe „kommuniziert“ werden kann.

    Man mag an Luhmann vieles kritisieren. Lehrreich ist das Buch dennoch, und zwar im Hinblick darauf, daß es keinen Universalrahmen von Liebe gibt.

  21. ziggev schreibt:

    Vielleicht doch noch kurz etwas zu Virginia Woolfs „Jacobs Zimmer“. Denn wie ich mich ausdrückte, hat es den Anschein haben können, dass ich mit einer gewissen Hybris als eine Art Neutrum meinte, aus einer Art ästhetischem Wolkenkuckuckheim heraus jedem Autor, jeder Autorin ungeachtet ihres Geschlechts ästhetisch absolutierte Gerechtigkeit widerfahren lassen könnte.

    Dem ist nicht so. Bei den wenigen Autorinnen, die ich gelesen habe, Bachmann, ein wenig, Lasker-Schüler, noch weniger, Marge Piercy, weniger bekannt, feministisch und der Cyber-Space-Literatur zuzurechnen, Tony Morrison, schon lange her, als ich literarisch noch sehr unerfahren war, eine schwarze Dichterin, unbekannt , kleiner Verlag, spät-80er Jahre, Namen vergessen, die über Deutschland auf Englisch schrieb, wo ich dachte, dass müsste man mal vertonen, Doris Lessing, die ein wundevolles, für mich sehr gut zu verstehendes Englisch spricht, Simone Beauvoir, „Memoieren einer …“, hat mich ehrlich gesagt angeödet, Elfriede Jellineck, „Die Klavierspielerin“, der absolute Horror, beim zweiten Versuch geschafft, nicht bereut, Christa Wolf, „Kassandra“, nicht unbedingt optimal für pubertierendes Jüngelchen, Sarah Kirsch, lediglich Ausschnitte einer Lesung im Radio, „consuming!“, Marie NDiaye, „Drei starke Frauen“, abgebrochen, stilistische Zweifel an der Übersetzung. Wiederaufnahme der Lektüre geplant. Emily Brontë, trotz der fasziniernden Beschäftigung Arno Schmidts mit den „taubengrauen Schwesten“ kein Zugang gefunden. Von den Zeitgenössischen: lediglich Julie Zeh, mochte ich gar nicht; irgendwann schreibe ich mein eigenes Buch, dann wird das hoffentlich endlich mal klar … Und: Therase Mora, ich will jetzt keine Buchkritik liefern, aber ich dachte: endlichmal was anderes, BTW, was macht die eigentlich inzwischen? Nun, wenn da nichts mehr kommt, bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mir Alea Torik zuzulegen … (Autorinnen, die ich persönlich kenne, sind hier nicht berücksichtigt.)

    Bei allen diesen Autorinnen, war es so, dass ich von Vorneherein mit der Vorjustierng an die Lektüre herangegangen bin, dass diese Autoren zu lesen in dem Sinne etwas Besonderes wäre, als es sich nicht um Männer handelte. Mit Ausnahme vielleicht die magische Sarah Kirsch. Aber das war ja auch eine Lesung, und da war die Sprache unmittelbar da und sehr nahe. Doris Lessing bildet auch eine Ausnahme, denn die war ja in erster Linie aus historischen Gründen interessant.

    „Normale“ Autoren, das wären also Komenteneinschläge wie Robert Musil, Marcel Proust, Kafka; etw. zurück in der Zeit, Platon (hat ja durchaus literarische Qualitäten, besonders in der legendären Übersetzung), Thykidides, Aristophanes, Grimmelshausen, aber auch Leute wie Jean Genet, Pynchon, trotz einiger Ambivalenz meinerseits, Hemmingway. Und bleiben wir im Paradigma ist da noch Arno Schmidt; in meinem persönlichen Kategoriensystem gelten als lesbar: Peter Handke (muss man sich nicht für schämen); Achtungsleistung (eigentlich ist der nur im Frühwerk richtig gut): Wolfgang Koeppen.

    Aber bei Koeppen wären wir schon beim Thema. Mit „Tauben im Gras“ hat er versucht, die Techniken eines Joyce, einer V. Woolf, jedenfalls in gewissen Grenzen, zu adaptieren; und M. R. Ranitzki fühlte sich wohl deshalb verpflichtet zu überschwänglichem Lob. Ist aber nicht gerechtfertigt. Allerdings ist es etw. schade; hätten ihm die Mittel eines hektischen, am Jazz orientierten Stil á la Kerouac, oder popliterarische Mittel, siehe W. D. Brinckmann u. a., zur Verfügung gestanden, wer weiß, was passiert wäre.

    Denke ich an die große Virginia Woolf, kommen mir die letzten Bemerkungen wie eine Abschweifung vor. Woolf ist einer dieser Kometeneinschläge. Und jetzt: Weil sie sich, zufällig eine Frau, überragend, wie sie ist, in den männlich dominierten Kanon einreiht? Ich kann diese Frage stellen, weiß aber keine Antwort.

    Selbstverständlich habe ich sie angefangen zu lesen mit der Vorjustierung, „das ist eine Frau“, auf welche Idee, es analog zu tun, ich im Traume nicht gekommen wäre, als es sich um Marcel Proust handelte, obwohl hier wieder eine Art Unschärfe ins Spiel kommt, Stichwort Hohosexualität, und dass Albertine eben Albertine heißt und nicht Albert.

    Was Virginia Woolf allerdings angeht bin ich mir sicher (weil ich dann doch etwas mehr von der gelesen habe): Ich habe die Literatur von einer Frau aus den und den sozialen Verhältnissen stammend gelesen; ich hatte ein mehr oder weniger scharf umrissenes Bild davon, wie Frauen in jener Zeit halt so waren. Ich würde also die Literatur einer Frau lesen. Was die aber auf ästhetischem Gebiet leistete, da möchte ich noch einmal dieselbe Metapher gebrauchen, durchbrach die Schallmauer des Gewesenen. Von da an würde ich Frauen – und Männer – anders sehen.

    Ich misstraue mir da jedenfalls selbst: Hat es Woolf jetzt lediglich geschafft, in den Olymp der Komenteneinschläge schaffenden, männlich dominierten Gesellschaft von Autoren zu gelangen, die den üblichen Kanon bilden, oder würde sich mir das Bild ganz anders darstellen, wenn ich mich nur nicht zu früh, sondern mit etwas mehr Kontinuität mit Bachmann, Lasker-Schüler beschäftigt hätte?

    Das Diktum, dass es nur gute und schlechte Texte gibt, trifft auf die von mir so verehrte Virginia Woolf mit Sicherheit zu.

    Und es bleibt bestehen obwohl, oder gerade weil „Jacobs Zimmer“, wie ich es las, am Anfang aus der Perspektive von einer müterlichen Frau geschildert ist, die mit ihrem Sohn am Strand unterwegs ist. Hier gibt es allerdings bereits Vorgriffe – alles nur aus meiner sieben Jahre zurückliegenden Erinnerung wiedergegeben -, sodass schon hier nicht klar ist, wo der perspektivische Punkt der Erinnerung anzusetzen ist. Was mich hier, motiviert von meiner eigenen Biographie, faszinierte, war eine eigentümliche gegenseitige Entfremdung in der Mutter-Kind-Beziehung. Ich erkannte mich in „Jacob“ wieder – aber war das ich? Oder wurde ich da nicht lediglich erzählt/erinnert? Und an dem Punkt, als ich diese Erzählstruktur des Perspektivwechsels, des wechselseitigen empathischen Perspektivtauschs glaubte verstanden zu haben, schien überhaupt das perspektivische Erzählen schon lange hinter sich gelassen worden zu sein, as absurdum geführt worden zu sein – und dennoch eine große Empathie für diese jetzt eigentlich verloren gegangenen Subjekte weiterzuwirken.

    Als mir das klar wurde, bekam ich weiche Knie. Kann sowas ein Mann schreiben?

  22. ziggev schreibt:

    @ Alea Torik

    Haben Sie vor, ein Buch zu schreiben, das nur aus Aufzählungen besteht? Meinen Webster´s New Encyclopedic Dictionary (1637 S.), die logarythmischen Tafeln, die hier rumliegen, diverse philosophische Lexika, schmalere englische Dictionarys aus rund 200 Jahren und Grammatiken, nen Brockhaus im Taschenbuchformat, das Mayersche Konversationslexion v. 1909, den Duden in drei Ausgaben, Stilwörterböcher, deutsche Grammatiken der letzen 50 Jahre, Akkord- und Jazzskalentabbellen, Mittel- und Grundschulklasse-Mathematiklehrbücher, Ziatatsammlungen, einschlägige Sammlungen zu Redewendungen und Sprichwörtern und Fremdwörterbücher der verschiedensten Verlage habe ich jetzt langsam durch.

    Darf ich hoffen?

  23. Bersarin schreibt:

    Wir lesen, so denke ich, sehr unterschiedlich, ziggev. Die deutsche Nachkriegsliteratur ist ein besonderer Fall: nachgeholte Moderne und zugleich ein harter, teils konventioneller Realismus. Sehr viel Beschreibung von Gesellschaft samt ihren Zuständen findet sich da, zwischen Grass, Böll und Walser, aber auch Arno Schmidt: „Aus dem Leben eines Fauns“. (Und im Grunde knüpft an diese Literatur auch R. Goetz mit seinem Roman „Johann Holtrop“an.) Vielfach wird über diese deutsche Nachkriegsmoderen gelacht und der postpop-popelmoderne Literat oder die Literaturaspirantin mit dem Hang zum Banalen erheben sich darüber, weil‘s abgehangen wirkt. Was daran liegt, daß kein Verständnis für Texte und deren Geschichte vorhanden ist. (Es wird nach Empfindungen gelesen. Diese Leute könnten genausogut Federball oder Golf spielen. Das wäre sogar besser. Zumindest für die Literatur.) Der Wahrheitsgehalt eines Buches besitzt einen Zeitkern, der in der Lektüre immer wieder neu entfaltet werden möchte.

    Was die Aufzählungen betrifft, so verweise ich auf R. D. Brinkmanns „Hymne auf einen italienischen Platz“.

    Warum sollte man sich für Handke schämen? Es gibt gute und weniger gute Bücher von ihm. Seine drei „Versuche“ finden einen ganz eigenen Ton. „Der große Fall“ hinterließ mich zunächst ein wenig ratlos. Aber es bleib mir dieses Buch in Erinnerung als ein merkwürdiger Ton des Konservatismus, eine Zurücknahme der Moderne, was ja zugleich eine überaus moderne Reflexionsfigur ist: nämliche als eine Form der Kritik. Selbstreflexion eben.

  24. ziggev schreibt:

    Natürlich dachte ich auch – nein, nicht nur „auch“, sondern vornehmlich – an Brinkmanns „Hymne auf einen italienischen Platz“.

    „Der Wahrheitsgehalt eines Buches besitzt einen Zeitkern, der in der Lektüre immer wieder neu entfaltet werden möchte.“

    Da bin ich zuwenig Literaturprofi, um mich je angemessen an Grass, Böll und Walser angenähert zu haben. Die sehe ich halt immer noch unter Sternen der von mir oben genannten Autoren vor sich hinwalten: Thykidides … Proust … Woolf.

    Das würde ich aber nicht als verbindlichen Lesevorschlag unterbreiten. Aber ich liebe es halt zeitlos. Handke wird mir auch immer sympathischer in letzter Zeit.

    Aber bitte, an meiner obigen Auflistung der Autorinnen sieht man doch schon, dass ich nur auf einen begrenzten Horizint hinausblicke. Ich war aber von Koeppens „Tauben im Gras“ wirklich enttäuscht. „Eine unglückliche Liebe“ habe ich dagegen mitfiebernd gelesen.

    Klar, ich mache es mir einfach; aber das Leben ist kurz. Die deutsche Nachkriegsliteratur – bitte, lass mir noch etwas Zeit -, der man noch das Schreibmaschinenhaftige anmerkt, nicht immer zum Vorteil, endlich mal konsequent, Schmidt, was ist dagegen eine heruntergemendelte Thykidides-Übersetzug, so, dass wir es gerade noch verstehen können? Eine Schule des Lesens!

  25. ziggev schreibt:

    PS – nochmal was zu Handke:

    Handke hat selbst in einem Focus(!)-Interview gesagt, es wäre unanständig, jeden Tag zu schreiben. Er hat also durchaus ein ambivalentes Verhältnis zum Schreiben. Daher nehme ich es mir heraus, mir, bevor ich Handke lese, zu überlegen, ob es ein anständiges oder, im Sinne Handkes, unanstäniges Unterfangen ist, den zu lesen. Selbstverständlich mache ich niemendem seine Anständigkeit zum Vorwurf. Mein letzter Handke-Versuch war unanständig, ich war zu verkatert. Wenn mit genug Lebenszeit vergönnt wäre, würde ich den frühestens in 100 Jahres noch mal lesen. Ich glaube, er wünscht sich keine Leser, die sich da zu irgendetwas zwingen. So, wie er es nicht mag, zwanghaft jeden Tag zu schreiben.

  26. Bersarin schreibt:

    Tja, wie jemand schreibt, das kann man wohl kaum in Regeln fassen. Gut ist, was gelingt, würde ich da sagen, und was mit der eigenen Lebensform und Lebenszeit nur irgendwie kompatibel ist.

    Die Literatur der BRD und der DDR sind insofern interessant, als sich hier zwei Wege zeigen, wie an die Moderne vor dem Zweiten Weltkrieg angeknüpft wird und zugleich sich bezogen wird auf das, was in den 30er und 40er Jahren geschah. Etwas pathetisch kann man das als Schreiben nach Auschwitz zusammenfassen. Millionenfacher Mord, den auch die Literatur im Grunde (weitgehend) tabuisierte. Womöglich auch deshalb, weil für die Darstellung dieses Grauens gar keine angemessene ästhetische Form existierte. Der herkömmliche Roman zumindest, der über die bloße Darstellung dessen, was an Mord geschah, nicht hinausgeht, reicht nicht aus, das Grauen in eine Sprache zu bringen. Die Lyrik vermochte in ihrer Verdichtung da womöglich mehr. Und zugleich muß man sich bei diesen Dingen hüten, daß Auschwitz zu einer Art negativen Kunstreligion wird, vor der man dann bloß noch andächtig-betroffen verharrt.

    Aufgrund dieser Problemlage scheint mir die deutschsprachige Nachkriegsliteratur durchaus interessant.

  27. ziggev schreibt:

    ok,. verstehe, desh. vielleicht meine Flucht ins Angelsächsiche – oder zum französischem Autor. So komplex habe ich es bisher noch nicht gesehen. Die Nachkriegszeit, fand ich, ließ sich wunderbar bei A. Schmidt nachempfinden. „Eine unglückliche Liebe“ von Koeppen hing da irgendwo zw. Vor- und Nachkriegszeit, entweder oder. Das fiel mir auf – irgendwie zeitlich nicht ganz sauber verortet. Aber es ist eindeutig nicht die unglückliche Liebe zu einer Schauspielerin, wie noch Th. Mann sie zu schildern sich bemüßigt sah.

    Aber das bietet mir ein interessantes Leseprojekt. Wie Du Dir sicherlich denken kannst, möchte ich nicht als „postpop-popelmoderne Literat“ – und sei es nur als Leser – bezeichnet werden. Du meintest ja auch wohl nicht speziell nur mich, sondern eine Tendenz.

    Und: „Und zugleich muß man sich bei diesen Dingen hüten, daß Auschwitz zu einer Art negativen Kunstreligion wird, vor der man dann bloß noch andächtig-betroffen verharrt.“ Aus diesen Gründen habe ich mich, ehrlich gesagt, nie mit Celan beschäftigt.

    Arno Schmidt war bisher für mich immer der Ausweg. Du meinst, mit ner schmidtschen Haltung sich Böll, Grass, Walser nähern? Steht jetzt die Literatur oder die Politik im Vordergrund? Nur gefragt. (Dieses Statement kommt sonst immer so ironisch daher, diesmal aber mit Siherheit nicht.)

    Böll ausgenommen, habe ich die immer lediglich als Nachkriegshandwerker wahrgenommen. War diese Flackhelfergeneration überhaupt auf einem anständigen Gymnasium?

  28. Bersarin schreibt:

    Nein, ich meinte Dich mit dem “postpop-popelmoderne Literat” ganz und gar nicht. Ich meinte eine Tendenz. Und einige andere.

    Arno Schmidt – immer wieder gerne gelesen. Auch er: ein arroganter Schimpfer.

  29. ziggev schreibt:

    aber das ist, ich habe ein Momentchen drüber nachgedacht, ja echt heftig. das heißt, dass durch Auschwitz, nach Auschwitz in Deutschland die litararische Moderne eh schon gekillt ist. Koeppen nehme ich als Indiz, und sein Scheitern. Es blieben in der Tat nur der Autor aus Combray in V. Woolf!

  30. ziggev schreibt:

    „und“ V. Woolf …, „literarische Moderne“

  31. Bersarin schreibt:

    Die literarische Moderne ist nach Auschwitz nicht unbedingt gekillt. Aber das Schreiben hat sich verändert. Fürs Heute mag das für manche lediglich ein literaturhistorisches Problem sein. Aber wer die Traditionen nicht kennt,der begreift im Grunde auch die Gegenwart nicht. Der umgekehrte Fall gilt übrigens auch – sozusagen Bach gegen seine Liebhaber verteidigt.

    Die Lyrik Celans wirkte nach 45 wie eine Zäsur und übte eminenten Einfluß auf nachfolgende Generationen aus (bei den Epigonen nicht immer zum Guten). Und sei das auch nur ex naegativo, so daß ein Sound, eine Ausdrucksweise wie von R. D. Brinkmann oder auch von Peter Rühmkorf entstehen konnte. (Wobei ich kein Experte für Lyrik bin. Andere können dazu mehr beitragen.)

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