Selbstoptimierung und die Übertünchung der inneren Leere des Subjekts. Mit einem Blick auf Gilles Deleuzes Aufsatz „Postskriptum über die Kontrollgesellschaft“

Erfindet Euch nicht ständig neu und selbst, sondern verweigert Euch! Inszeniert ein No-Theater. Sich selbst zu schaffen und kreativ zu sein, dient in den meisten Fällen lediglich einer Optimierung des Selbst im Hinblick auf die Welt der Arbeit, um in der Verwertungslogik verfügbar und fungibel zu sein.

Deleuze schreibt in jenem Text:

„Zum Zentrum oder zur ‚Seele“ des Unternehmens ist die Dienstleistung des Verkaufs geworden. Man bringt uns bei, daß die Unternehmen eine Seele haben, was wirklich die größte Schreckensmeldung der Welt ist. Marketing heißt jetzt das Instrument der sozialen Kontrolle und formt die schamlose Rasse unserer Herren. Die Kontrolle ist kurzfristig  und auf schnellen Umsatz gerichtet, aber auch kontinuierlich und unbegrenzt, während die Disziplin von langer Dauer, unendlich und diskontinuierlich war. Der Mensch ist nicht mehr der eingeschlossene, sondern der verschuldete Mensch.“

Man schuf, seit den 90ern, eine schöne neue Arbeitswelt: Kicker und Orangensaftmaschinen standen einst nur in den Werbeagenturen oder den ersten aufkeimenden größer werdenden IT-Buden herum – nirgends sonst. Dann verbreitete es sich. Es wurde die Mitternachtspizza von El Cheffe bestellt, damit auch spät abends noch gearbeitet würde. Diese Pizza war kultisch-ritueller Höhepunkt verlogener Arbeitszeit. Das Ritual wurde als witzig angesehen. Arbeit individualisierte sich; sie sollte das Ich treffen und vereinnahmen. Es wollte der Chef kein Feind mehr sein, sondern er spendierte eine kleine Prämienleistung, eine ultra-eventmäßige Weihnachtsfeier, wo man sich mit Gocha-Pistolen beschießt, aus denen Farbkugeln treffen oder verfehlen. Ich sehe Ende der 90er Jahre noch jene Mittdreizigjährigen, nicht mehr ganz jungen Männer und Frauen vor mir, die milde lächeln: „Hach, wozu brauchen wir denn einen Betriebsrat? Das ist doch sowas von old school!“

Subjektiv gefaßt, könnte man sagen: die Welt der Arbeit habe sich verbessert: Arbeit ist insofern kreativer geworden, als in ihr nicht mehr der monotone Rhythmus vorherrscht, sondern ein Teil des Ichs sich einbringen kann, der sich in der Arbeit verwirklicht sieht. Aber dieses Konzept übertüncht bloß den Charakter der Arbeit samt der Leere; es ist Bestandteil, um die Reflexions- und Bewußtlosigkeit aufzusteigeren. Man kann mit Adornos Befund aus der „Dialektik der Aufklärung“ (geschrieben Anfang der 40er im Exil, publiziert 1947) immer noch festhalten: Die Freizeit gleicht sich dem Rhythmus der Arbeit an und zugleich die Arbeit dem System der Freizeit, so sei ergänzt

Wer in sich nichts hat, der arbeitet eben. Und zu Hause wird dann etwas Pseudo-Zen-Mäßiges, etwas Kreatives oder Yoga getrieben, Seneca für Gestreßte, damit diese innere Leere nicht zum Bewußtsein kommt. Innerhalb des funktionalisierten Om-om und im Gleichklang des asketischen weißen Zimmers bleibt kein Raum mehr: Selbstmord des (kritischen) Bewußtseins ließe sich dieser Zustand der Pseudo-Verwirklichung nennen. Die große Mode: Philosophie, Kunst, Kreativität als Ratgeber des Selbst, um die Strategien der Optimierung zu liefern.

„Never give up!“ lautet die Parole des gestählten Arbeiters, ohne das einer das zugäbe; und selbst dem Ausbruch aus dieser Immanenz des subtilen Terrors der Arbeitswelt haftet noch der Warencharakter an, wenn solcher Ausbruch als Ratgeber auftritt. Man mag diesen Mechanismen religiöser Verklärung der Arbeit mit dem Film „Frohes Schaffen – ein Film zur Senkung der Arbeitsmoral“ von Konstantin Faigle entgegentreten.

Allerdings scheint mir diese Sicht als Konsequenz zu weich, und sie dockt teils bloß an den üblichen Harmlosigkeiten an. Im Grunde müßte man den Menschen, insbesondere in den angestellten Kreativberufen ihre Werkzeuge zur Sabotage an die Hand geben, sofern man es könnte, sofern es solche Werkzeuge noch gäbe. Doch wie, wenn sich der Arbeiter mit seinem Aggressor identifiziert und die Logik des Systems kaum noch zum Bewußtsein gelangt? Von der Disziplinar-  zur Kontrollgesellschaft wie es Deleuze in seinem Text formuliert. Die Menschen überwachen und regulieren sich selbst, es bedarf kaum noch der Beobachtung oder gar der Maßregelung von außen. Internalisierung nennt das die kritische Sozialpsychologie. „Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen“, so schreibt Deleuze. Auf diese Weise organisiert Arbeit die Subjekte – im Grunde und überspitzt formuliert, erfolgt diese Organisation  in einer Art Perversion jenes Satzes des frühen Marx aus der „Deutschen Ideologie“: einer sei morgens Fischer, abends Kritiker: eben: nach seinen Bedürfnissen tätig. Die Trennung von Individual- und Gesellschaftsinteresse ist in einer Art (negativer) Utopie der universalisierten Kreativ-Arbeit aufgehoben. Allenfalls in ihren inneren Widersprüchen mag eine solche „illusorische Gemeinschaftlichkeit“ am Ende doch scheitern. Spätestens nach dem ersten Burn out, denn Krankheitsversager und Minderleister sind das einzige, was die Welt der Arbeit um keinen Preis duldet. Allenfalls beim freizeitlichen Crossfit-Bootcamp-Training darf man kurz zusammensacken, um am nächsten oder zumindest doch am übernächsten Tag freilich wieder gestählt zu sein. Ein gesunder Körper bedeutet leider noch nicht: Reflektierter sowie kritisch arbeitender Geist.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Gewaltdiskurse abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Selbstoptimierung und die Übertünchung der inneren Leere des Subjekts. Mit einem Blick auf Gilles Deleuzes Aufsatz „Postskriptum über die Kontrollgesellschaft“

  1. summacumlaude schreibt:

    Wieder einmal Dank für den schönen, treffenden Text. Kennst Du die „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ von Heinrich Böll?
    Heinrich Böll?
    Ja, genau der! Der unterschätzeste Autor der letzten Jahrzehnte, ständig als Blödlinksgutmensch verunglimpft. Böll hatte immense psychologisch-diagnostische Qualitäten, die sich auch in seiner Analyse der Arbeitswelt zeigten (denk an „Gruppenbild mit Dame“, in der Lenis Sohn erst LstVW. (Leistungsverweigerer) ist, dann nach entsprechender Motivation eine „erstaunliche“ Lststg. (Leistungssteigerung) zeigt).

    Die Arbeitswelt und ihre inhaltsleere Sinnspendiererei! Arbeitswelt, oder: Wie man den Irrsinn, den man tagtäglich betreibt, als alternativlos deutet.

  2. anne schreibt:

    Das Leben muss reproduziert werden, und ohne Arbeit gibt es nur den Tod. Die Bedingungen, unter denen gearbeitet wurde und wird, sind historisch determiniert. Das letzte Wort der Geschichte ist hoffentlich noch nicht gesagt, aber in nordwesteuropa und den vereinigten Staaten von Nordamerika ist es eine Arbeit im Zeichen des Privateigentums. Kleinbürger neigen zur Hypostsierung des Begriffes Arbeit.

  3. Pingback: Empfehlung « Kritik und Kunst

  4. Bersarin schreibt:

    @ summacumlaude
    Böll wäre wohl wiederzuendecken und wieder mal zu lesen. Vielleicht wurde er zu Unrecht gescholten. Ich kann zu ihm aber wenig beitragen. Lediglich seine frühen Erzählungen, diese Stunde Null der Literatur und die Art, wie er lakonisch vom Krieg und dem was war schilderte, sind mir in Erinnerung. Aber: ich bin bei politisch engagierter Literatur meist sehr skeptisch, weil sie aufgrund ihrer Direktheit und Unvermitteltheit vielfach an ihren Gegenstand nicht heranragt.

    @ anne
    Der Arbeitsbegriff ist ein wohl nicht ganz einfach zu fassender. Was der frühe Marx in der „Deutschen Ideologie“ schreibt, ist etwas anderes als er dann im „Kapital“ entwickelt. Dort finden sich keinerlei Handlungsanweisungen oder Entwürfe einer Utopie, sondern es wird von den Strukturen her, das gezeigt, was der Fall ist und wie es sich entwickelte.

    Ob es eine Welt ohne Arbeit gibt? Schwierige Frage. Begriffe wie Arbeit sind durch gesellschaftliche Verhältnisse bestimmt. Im Augenblick sehe ich kaum ein Jenseits oder Diesseits zum umspannenden Kapitalismus. Ob ein Konzept bzw. eine Instanz wie die Multitude es zu Veränderungen bringt, wage ich zu bezweifeln. Aber die Arbeit in der Praxis im Sinne des Eingriffs oder wenn nicht dies, so doch zumindest im Sinne des eingreifenden Denkens gestaltet sich eher kleinteilig und es ist ein Weg der kleinen, vielen, verzweigten Schritte. Rhizome bilden, könnte man mit Deleuze sagen.

  5. muetzenfalterin schreibt:

    das wirklich erschreckende ist doch die selbstaufgabe jeglicher individualität, ohne dass das ins bewusstsein gelangt, das aufgehen der eigenen seele in der seele des unternehmens, wie deleuze es nennt, oder eben allgemeiner im geld, im marketing.
    aber bitte: was ist „fungibel“?

  6. Bersarin schreibt:

    Fungibel ist ein Ausdruck u.a. aus der Jurisprudenz und auch der Wirtschaft und er bedeutet so viel wie „ersetzbar“, „austauschbar“, „beliebig einsetzbar und verfügbar“.

  7. Pingback: solange der Kommentar bei Hartmut nicht freigeschaltet ist … « wortanfall

  8. che2001 schreibt:

    Literaturempfehlung: Detlef Hartmann, Leben als Sabotage. Zur Kritik der technologischen Gewalt und Frank Düvell et. al. , From Resistance to Rebellion. Und immer wieder: Autonomie Nr. 14, Klassengeschichte – Soziale Revolution?

    Das wurde ja alles schon formuliert, nur nimmt es heute niemand mehr wahr.

  9. Bersarin schreibt:

    Der Detlef Hartmann steht bei mir auf der (leider viel zu langen) Leseliste. Danke aber für diese Hinweise. Ich denke auch, daß das Dinge sind, die nicht neu sind, die allerdings in Vergessenheit geraten sind.

  10. Pingback: Abschliessende Worte III – Alle Links, zweiter Teil | ...Und So Zeug

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s