Berlin – Ecke Bundesplatz

Berlin – Ecke Bundesplatz: Das ist eine eher öde Angelegenheit, ein Ort, scheinbar ohne jeden Reiz, im südlichen Wilmersdorf gelegen, da wo der Bezirk ans schöne Friedenau grenzt. Ja, Friedenau – jener Literatenkiez der 60er, 70er Jahre, wo Hans Magnus Enzensberger, Max Frisch, Grass, Johnson, Nicolas Born, kurzzeitig auch Ingeborg Bachmann und andere lebten. Grass mußte – einstmals war’s – auf die Wohnung von Uwe Johnson in der Niedstraße acht geben – Grass wohnte in einer Art Stadteinzelhaus schräg gegenüber – und die Kommune 1 vertreiben, die sich dort in Johnsons Abwesenheit kollektiv und sozialistisch einquartierte, worüber der Menschen eher nicht so wohlgesonnene Johnson mehr als erbost war. Friedenau: da wo die legendäre Buchhandlung „Wolff‘s Bücherei“, in einem Altbau an der Bundesallee gelegen, einst ihren Ort hatte und der wunderbare Verlag „Friedenauer Presse“ gegründet wurde, dessen Bücher noch nach typographischen Gesichtspunkten gefertigt werden: ansprechende Cover, wunderschöne Bücher, die ich gerne in die Hand nehme. So ganz anders als der meiste Buchramsch, der als Standardware produziert wird. Man möchte jedes Buch aus diesem kleinen, feinen Verlag kaufen – allein wegen der Ausstattung. Einige Büche von Daniil Charms beispielsweise sind dort erschienen, wie der Verlag überhaupt eine Vorliebe für russische Literatur und Bücher auf Ab- und Umwegen hat. Aber ich schweife in andere Regionen, weg vom Bundesplatz: Das Schöne ist bekanntlich der Anfang des Schrecklichen und oder aber: des Banalen, des Einfache, des Abgelebten, des Alltäglichen. Und diese Welt des Alltags beginnt ein wenig weiter nördlich. Berlin – Ecke Bundesplatz, das ist dort, wo die Detmolder Straße und die Wexstraße die Bundesallee kreuzen. Da wo die kleinen Geschäfte immer häufiger den Betreiber wechseln, da wo Menschen  wohnen, die sich nichts anderes als den Blick auf die Stadtautobahn (südlich) und auf die vielbefahrene Detmolder leisten können, da wo südlich des Platzes die Stadtautobahn eine Trasse schlägt und die Ringbahn fährt. Ein Platz, der vom Autoverkehr eingefaßt ist. Häßlich, öde. Städtebaulich zerschnitten durch Straßen. Menschenleer, nichts lädt zum Verweilen ein, und aufgrund eines Tunnels für den Autoverkehr, der unter dem Bundesplatz entlangführte, wurde der Platz   in den 60er Jahren stadtplanerisch-autogerecht verkleinert, so daß er wie ein verstümmeltes Relikt ohne jeden Sinn und ohne jede Funktion daliegt.

In diesem unspektakulären Kiez ohne Glanz und Glamour begannen die beiden Dokumentarfilmer Detlef Gumm und Hans-Georg Ullrich 1986 ihre Serie „Berlin – Ecke Bundesplatz“, in der sie über Jahrzehnte Menschen portraitierten, die dort wohnen, leben, arbeiten und auch sterben. Diese Menschen werden in ihrer teils langweiligen, teils eigenwilligen Existenz weder vorgeführt, noch setzt diese Dokumentarserie auf den Effekt, sondern die Filme kommen still daher; sie zeigen, ohne zu kommentieren oder zu werten, lassen die Menschen selbst zu Wort kommen. Heute würde ein solches Filmprojekt von öffentlichen Geldern nicht mehr gefördert, weil es im sogenannten öffentlich-rechtlichen Rundfunk keine Quote bringt. Weshalb wählten die Regisseure gerade dieser Ort in Berlin, warum nichts Spektakuläres?: Schöneberg mit der schillernden Motzstraße, die Fasanenstraße oder rund um den Savignyplatz? Weil in der Nähe des Bundesplatzes sich das Büro der Dokumentarfilmer befand. So einfach wie genial sind die Dinge des Lebens manchmal.

Nein, im Grunde geschieht in diesem Film nicht viel und es ereignen sich dennoch kleine Welten: Unterschiedliche Menschen aus verschiedenen Berufen erzählen in dieser Dokumentation, die über 25 Jahre reicht, aus ihrem Leben: schildern ihre Träume und Wünsche, ihre Sorgen, Nöte und Begehren, manchmal auch bloß Belangloses. Sei das nun die Bäckerfamilie, die ihre Backstube irgendwann schließen mußte, der Schornsteinfeger, ein Rechtsanwalt, die 92-Jährige Hauswartsfrau, ein schwules Pärchen, eine Krankenschwester, Mitglieder des SEW, die da ihr Büro haben, ein Sozialhilfeempfänger, der sich ganz bewußt zu diesem Schritt entschlossen hat. Es sind die sogenannten Menschen von nebenan, aber auch außergewöhnliche oder feine Leute wie der Rechtsanwalt Ülo und Constanze Salm.

Wer einen Blick auf die Vorwendezeit des alten, teils skurrile und auch provinziellen West-Berlins, auf das Berlin der Wende und auf das selbst in diesem tief-verschlafenen Teil Wilmersdorfs sich wandelnde Berlin der Nachwendezeit werfen möchte, der ist mit dieser Dokumentation des Alltags gut bedient, um in geraffter Form die Veränderungen von Menschen und Orten zu registrieren. Fast schon handelt es sich bei diesem gigantischen Doku-Filmprojekt um eine Ethnologie des Alltags, ein (mosaikartiges) Soziogramm, das sich aus verschiedenen Perspektiven zusammensetzt, eine Studie ähnlich wie die DDR-Langzeitdokumentation „Die Kinder von Golzow“ der DEFA, die von 1961 an das Leben über die Schüler einer Schulklasse aus dem brandenburgischen Golzow im Oderbruch zeigte. (Es handelt sich bei den „Kindern von Golzow“ um die längste Dokumentation, die es in der Geschichte des Filmes überhaupt gab.)

Zur Berlinale 2013 werden nun vier neue Teile präsentiert, die das Projekt „Berlin – Ecke Bundesplatz“ abschließen sollen. Am Samstag war Premiere.

Ich zeige auf Proteus Image einige Eindrücke von einem Spaziergang am Samstag, vormittags, durch den Kiez, durch den Schnee, naß, in der Gegend um den Bundesplatz herum. Ein eigenwilliger Stadtteil ohne jeden Charme, aber gerade deshalb voll von Reiz. Dann wieder streift der Berliner Flaneur durch Nebenstraßen, die von heimeligen Altbauten gesäumt sind, wie etwa  das Wagnerviertel, schon zu Friedenau gehörend, und kurz hinter dem Kino „Cosima“ ein kleines Lädchen namens „Süsswarendealer“, in der historischen „Loeser & Wolff Cigarrenhandlung von 1906“ samt Originalinneneinrichtung, darin es Leckereine wie verschiedenen Schokoladen und für mich einen doppelten Espresso sowie ein Stück leckeren Kirschkuchen gibt. Eine schöne Bedienung, bei deren wunderbaren, leicht fülligen Hintern ich fast lüstern wurde, reichte mir den Espresso und samt Kuchen. Nach dieser Stärkung war ich bereit für die Tücken des südlichen Wilmersdorfs sowie den rieselnden Schnee.

Für meine Serie „Ausgesucht öde Orte“ ist die Gegend um den Bundesplatz herum sicherlich ein Gewinn. Der Betreiber dieses Blogs wird dort weiterhin flanieren und durch die Straßen streifen.

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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Berlin – Ecke Bundesplatz

  1. irisnebel schreibt:

    passt wohl jetzt nicht ganz hierher (aber nach Berlin)… aber das wollte ich dich mal fragen, angesichts der momentanen sendung auf DEMAX. 22.15 uhr. es wurde u.a. eine fleischfabrik in lichtenberg vorgestellt, wo du durch die unzaehligen hallen gefuehrt werden und jede menge ddr-relikte noch entdecken kannst. mich erinnert die location total an meine fotos vom schlachthof in halle. warst du dort schon mal mit fotoapparat unterwegs?

  2. Bersarin schreibt:

    Danke für diesen feinen Tipp. Ich hörte von dieser Institution und wußte im Hinterkopf, im Unbewußten noch, daß da was war, so wie wir Melancholiker des Abgrundes immer wissen, das da was war, denn wir lieben die Vergangenheit.

    Vor zwei Jahren war ich zum Photographieren in den Heilstätten Grabowsee. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich die Photos davon auf meinem Blog zeigte.

    Aber in einem bin ich mir sicher: wir werden in Halle uns unbewußt über den Weg stolpern, uns nicht erkennend, wenn ich dort die ausgesucht öden Orte ins Bild bringe.

  3. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank für den Hinweis.

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