Ratio et oratio: „Verschwör Dich gegen Dich …“ – Tocotronics neue (Sc)Hallplatte „Wie wir leben wollen“

Und dieses Prinzip der Sich-gegen-sich-selbst-Verschwörung, so meine ich, um auf die reine Subjektivität des Meinens und Dafürhaltens sich zu kaprizieren [ein immer wieder beliebtes Procedere], ist nicht die schlechteste Weise der Auseinandersetzung und der Diskurserzeugung. Denken entsteht erst in der Alienation, in der Negation (manchmal auch der doppelten) und nicht im om-om der Innenruhe. Die reine Identität als das Sich-selbst-gleich-sein des Subjekts mit sich selbst bleibt reine Leere. „Von zwei Dingen zu sagen, sie seien identisch, ist Unsinn, und von Einem zu sagen, es sei identisch mit sich selbst, sagt gar nichts.“ (Wittgenstein, Tractatus 5.5303) Was ist das Ich? Läßt es sich überhaupt als Objekt unter Objekten behandeln? „Fragen der Philosophie“, um hier einen Musiktitel der Band F.S.K. zu zitieren. Nach Schopenhauers Willensmetaphysik geht die Erkenntnis des Selbst, das sich eben nicht als bloßes Objekt unter Objekten fassen kann, lediglich über den Leib – Individuum ist das Subjekt einzig durch seine besondere Beziehung auf den Leib. Allerdings pausiert in Schopenhauers Konzept des sich selbst anschauenden Willens der vorstellende Verstand zugunsten eines kontemplativen Zusammenfließens von Subjekt und Objekt . Die kalte Ratio setzt aus, schaltet sich ab.

„Des Schlosses Wände waren gebildet vom treibenden Schnee und Fenster und Türen von den schneidenden Winden, da waren über hundert Säle, alle wie der Schnee sie zusammentrieb, der größte erstreckte sich mehrere Meilen lang, alle beleuchtet von dem starken Nordlicht, und sie waren leer, eisig, kalt und glänzend. […] leer, groß und kalt war es in den Sälen der Schneekönigin. Die Nordlichter flammten so deutlich, daß man zählen konnte, wann sie am höchsten und wann sie am niedrigsten standen. Mitten in diesem leeren unendlichen Schneesaale war ein zugefrorener See, der war in tausend Stücke gesprungen, aber jedes Stück glich dem andern so, daß es ein ganzes Kunstwerk war; und mitten auf dem See saß die Schneekönigin, wenn sie zu Hause war, und dann sagte sie, daß sie im Spiegel des Verstandes sitze, und daß dieser der einzige und der beste in der Welt sei.
Der kleine Kay war ganz blau vor Kälte, ja fast schwarz, aber er merkte es nicht, denn sie hatte ihm das Frösteln weggeküßt, …“
Hans Christian Andersen, Die Schneekönigin

Ratio et oratio: Insofern man eine Hierarchie der Künste aufstellen möchte, ist es nach Schopenhauer die Musik, welche auf der Skala ganz oben steht; sie ist metaphernloses Ausdrucksmedium und in der Konstruktion durchgebildet in einem: „Sie steht ganz abgesondert von allen anderen. Wir erkennen in ihr nicht die Nachbildung, Wiederholung irgendeiner Idee der Wesen und der Welt …“ Sie wirkt und webt „als eine ganz allgemeine Sprache, deren Deutlichkeit sogar die der anschaulichen Welt selbst übertrifft; …“ (Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Drittes Buch)

Gestern erschien die neue Tocotronic-Platte. Das mag im trüben, kalten Januar, jenem Monat der Schneekönigin samt ihres eisigen Spiegels des Verstandes, der ein jedes Ding und jede Regung in einer Weise der Kälte und der Klarheit widerspiegelt, einen Bruchteil von Wärme erzeugen. Es handelt sich dabei freilich um die Wärme der Reflexion. „Wie wir leben wollen“ ist ein programmatischer Titel und die Sprache der Platte mannigfaltig philosophisch angereichert:

„Man sagt
Die Revolution
Werde zuletzt den Tod
Abschaffen
Abschaffen
Abschaffen“

Das nomadische Denken trägt diese Platte: die Aporie des endlichen Subjekts, aber auch die Unendlichkeit einer Utopie, welche bereits die Romantik in den unendliche Text brachte, freilich dort im frühen 19. Jhd. nicht mit dem Pathos des Revolutionären als Modus angereichert. Tocotronic spielt diese Zeilen musikalisch in einer Weise, die man sphärisch nennen kann; sanft-symphonisch entfaltend, nicht hart gerockt mit Gitarrenriffs, die klare Kante und unverzerrt sind, wie auf den früheren Platten. Mir fiel bei dieser Passage sofort „Ton Steine Scherben“ ein, und ich überlegte mir, wie diese Band diesen Text instrumentiert hätte. Wahrscheinlich härter, fordernder; nicht wie ein (indirektes) Zitat von Adorno, sondern es käme bei „Ton Steine Scherben“ eher ein Politrock-Sound in Brechtscher Direktheit heraus, (der – in die Klammer gesprochen – ja nicht nur zu verachten ist). Sanft spielen „Ton Steine Scherben“ nur dort, wo auch der Text zunächst auf Samtpfötchen daherkommt: „Ich hab geträumt, der Winter wär vorbei,/du warst hier und wir war’n frei/ und die Morgensonne schien.“

Plattenkritiken merkten diese Text/Ton-Schere insbesondere bei dieser neuen Tocotronic-Platte an: die Melodie konterkariert das Geschriebene, das Gesungene. Wo die Musik gefällig, fast einlullend strömt, da tritt der Text lakonisch oder hart-sachlich auf, konstatierend wie eine Sentenz von Foucault oder Adorno, die ubiquitäre Verdinglichung umschreibend, von der die Subjekte nicht einmal mehr etwas bemerken, weil sie, in den Kreativbranchen arbeitend, work-hard-play-hard-marktoptimiert und als Subjekte der Kreativarbeitswelt hinreichend konditioniert sind. Wo die Platte ihren kritischen Befund anbringt, da trifft sie die Situation recht genau. Da wo sie, in Deleuzeianischer Manier die Vereinigung von Wespe und Orchidee feiert oder die Utopie des Disparaten preist, dort gerät es heikel. Das funktioniert (als Text) nur bedingt. Wobei andererseits jene 99 Thesen „Wie wir leben wollen“ jegliche Bestimmung zugleich wieder durchstreichen, denn diese Thesen instrumentieren die Disparität des Paritätischen. Diese Thesen arbeiten ähnlich wie die Begegnung von Nähmaschine und Regenschirm auf dem Operationstisch. Individuum est ineffabile läßt sich als Konsequenz festhalten. Zum großen Fest eines nichtdialektisch konzipierten Nichtidentitären und zum Pathos, wie im Rhizom-Text von Deleuze/Guattari, transformiert es sich nicht mehr. Kritik, Denken sowie die Ästhetik in ihrer musikalisch-textuellen Ausprägung bleiben als Weise von Widerstand gegen Welt übrig. Diese Kritik tritt im neuen Album anders auf als bisher, und das hat wesentlich mit der Musik selbst zu tun.

Sehr viel Hall steckt in diesem Album; der trockenen, harte Gitarrensound, den Rick McPhil spielt, wurde weitgehend herausgefiltert und wattig überlagert, so heißt es. „Entkörperlichte Musik und körperliche Texte“ kommentierte Dirk von Lowtzow dieses Verfahren in einem Interview in der Berliner Zeitung.

Zugegeben eher intuitiv gedacht, scheint mir dies neue Platte nach einem ersten Hören – unter anderem – eine (gelungene) Aufsteigerung von „Let there be rock“ zu sein, rockig entfaltete Motive der späten 90er wandeln sich zur wuchtigen Soundcloud postabgeklärter Twilight-Jünglinge und -Mädchen, deren Ambitionen durchaus auch philosophisch zu nennen sind. Zugleich entwickelt diese Musik das, was bereits auf „Schall und Wahn“ im Vordergrund stand, weiter. Texte, Text-Körper eben, in einer kaum noch hart-gitarrenrock auftretenden Musik eingeschrieben, laden sich zunehmend mit gesellschaftskritischer Bedeutung auf, und die Paarung von Musik und Text erinnert, wie in dem Stück „Vulgäre Verse“ teils sogar ans Chanson oder an das, was sich heute statt Liedermacher singer-songwriter nennt.

Diese Systemkritik bei Tocotronic gab es zwar von Beginn an in ihrer Musik, aber als Kritik an Verhältnissen und Subjektdiskursen wird sie nun subtiler, metaphernreicher, musikalisch seichter oder besser: verschlungener, aber eben auch: textlich böser. Wenngleich ich nicht jede sprachliche Wendung teile und man mit böser Zunge ebenso behaupten kann, daß hier Gesellschaftskritik und Philosophie gleichermaßen in den Text hineingepreßt werden, entwickelt sich die Musik dieser Ausnahmeband immer weiter und weiter; aus dem sowieso Guten wird ein immer Besseres. Und ich drehe das Musikabspielgerät laut auf, stülpe mir die Kopfhörer über den Ohren, lasse mich inmitten des Eispalastes in dieser Wolke von Musik treiben.

„Vulgäre Verse
Aus dem
Vulgären Leben
Um Kopf und Kragen
Muss ich mich reden
In Vulgären Versen
Aus dem
Vulgären Leben“

Eine feine, mehrbödige Referenz, die eben nicht bloß lamentiert, sondern das Unvereinbare zusammenstellt. Die Synthesis des Unverbundenen, ohne in den Formen der Einheit zu arbeiten. Mit Witz, Ironie und doppeltem Boden gepaart.

Tocotronic ist eine der besten deutschsprachigen Bands.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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7 Antworten zu Ratio et oratio: „Verschwör Dich gegen Dich …“ – Tocotronics neue (Sc)Hallplatte „Wie wir leben wollen“

  1. Bersarin schreibt:

    Und nach mehrmaligem Hören bleibt es festzuhalten: Dies ist das beste Album von Tocotronic! Der musikalische Höhepunkt 2013, so mutmaße ich. Musikalisch genial. „Neue Zonen“. Ich will Drogen, um das auszuhalten. Aber ich darf nicht!

  2. Frau wunder schreibt:

    Ja; so in etwa hört es sich an; das neue Tocotronic- Album, mehr Schall als Rauch, mehr Zeichen als Wunder und gerne möchte man folgen, hinter die Tapetenwand, auf den Pfad der Dämmerung oder in dreams of plush. Besonders dahinein, möchte man sich stürzen in die purpurnen Träume der eigenen Vergeblichkeit. Wie ein Besuch beim Psychiater, wie ein traumschweres Nickerchen auf der Couch des Therapeuten, umhüllt von weichen samtenen Tönen trägt uns der Sound über eine reichliche Stunde von Gedanke zu Gedanke. Die Regionen purer Vernunft haben wir dabei längst aus den Augen verloren. Nach 20 Jahren Tocotronic richten wir den Blick nun ausschließlich nach Innen. Auf das Grau, all die ganzen Stufen von Grau, auf die Ziele, Pläne, Strategien des Machbaren, auf Zweifel und auch auf den Zorn und auf all die hübschen Neurosen, Psychosen die wir angesammelt haben, in den letzten 20 Jahren. Eine Bauchnabelschau, ist das neue Album, klanglich wunderschön verpackt und textlich reich bebildert und verziert, ja so gar etwas geziert, gespreizt und affektiert vorgebracht, vorgetragen. Eine Stunde Theater, möglicherweise, mit der ganzen Dramaturgie und Raffinesse eines gutgemachten Bühnenabends, bei dem sich der Vorhang öffnet, der samtene, weit ganz weit; in diesem Fall nach Innen, zu den verschlungen Pfaden des Unmittelbaren.

  3. Bersarin schreibt:

    Wohl geht der Weg nach innen, aber es sind nicht die Pfade der Unmittelbarkeit. Im Gegenteil: es ist reflektierter und hochgradig konstruierter Solipsismus: Ich ist viele, oder „Wir sind viele“, wie es Tocotronic auf dem vorletzten Album sangen.

  4. frauwunder schreibt:

    Das ist richtig; hochgradig reflektiv verkopft der Weg zum “ Ich bin viele Abhang“ . Um dahin zugelangen musste wohl das eine oder andere innerliegende Tal durchschritten werden…..

  5. Bersarin schreibt:

    Ja. Durch das Tal der Dämmerung geht der Weg. Es ist hoffentlich nicht Walking Dead. Im übrigen teile ich Ihren schönen und gelungenen Kommentar.

  6. ziggev schreibt:

    Jetzt fängt Tocotronic bei meiner gerade abklingenden major depressive episode und den Zumutungen meines wiedererwachenden Verstandes gerade an, für mich genau das Richtige zu sein, das hätte ich nie gedacht, dass ich zu denen mal so abrocken könnte, was ich da mal gehört hatte hatte ja schon richtig Groov gehabt, bis der Sänger anfing, und da verlohr die Band jedes Timing, aber, wie gesagt gerade letztes Wochenende kam ich auf den Geschmack – und jetzt dieser gelungene Text von Dir, jetzt ist nicht einmal mehr die rockige Gitarre da, die, wie ich mir eingestehen musste, doch leidlich heruntergeschrammelt im Ohr kitzelte? Enden die etwa wie Blumenfeld auf dem letzten Album, etwas sanfter, aber schlecht abgemischt oder sich überfordert habend bei den Aufnahmen?

    Daher möchte ich die Warnung aussprechen, es könnte sein, dass es die letzte Platte sein wird. Musik nie hören, wenn sie „aktuell“ ist – mir käme das gerade recht, gerade wenn sie gelungen ist.

  7. Bersarin schreibt:

    Das stimmt wohl: Für Tocotronic muß es an der Zeit sein. Bei mir schlug der erste Akkord, die erste Textzeile in den 90ern sofort ein.

    Ja, die letzte Platte: This is the last dance. Diese Möglichkeit als Gefahr und Schönheit in gleicher Weise besteht immer. Jenes letzte Mal. Der letzte Blick, als ich mich von einer Frau verabschiedete. Wird es der allerletzte sein oder gibt es noch viele Blicke und Momente? Diese Frage besteht immer, wenn Ferne da ist.

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