Von Indianern und Schwarzen, von Fiktionsgestalten und Hexen. Oder: Scheiden wir Rassismus aus der Gesellschaft aus, indem wir Bücher von bestimmten Begriffen freihalten?

Wer sich beim Lesen der „Kleinen Hexe“, bei „Pippi Langstrumpf“ oder anderen Büchern diskriminiert, ausgeschlossen oder herabgewürdigt fühlte, der oder dem kann keine/r diese Empfindung absprechen, weil Empfindungen meist prä-rational und auf der Ebene unmittelbarer Wahrnehmung eines Subjekts ablaufen; sie beruhen auf bereits gemachten Erfahrungen, auf einem Bündel an Mechanismen, wo Ausgrenzung erfahren wurde. Und die, welche diese Empfindungen äußern, werden das Geäußerte in der Regel so meinen, wie sie sie äußern. Über diese Empfindungen zu diskutieren, geht insofern am Kern des Problems vorbei, weil eine Empfindung nicht in dem Sinne diskutierbar ist, daß sie zur Disposition stünde. Empfindungen sind nicht einmal wahr oder falsch, sondern sie sind expressiv. „Ich liebe Dich“ oder „Das tut weh“ sind direkte Bekundungen eines Zustands, eines Gefühls. Wenn ich sage „Mir ist kalt!“, dann nützt die Antwort darauf, daß in diesem Raum aber eine Temperatur von 23 Grad herrsche, nichts. Mag sein. Mir ist trotzdem kalt.

Dasselbe gilt für das, was Begriffe in Texten an Assoziationen hervorrufen. Wem die Wendung „Neger“ weh tut, dem tut sie weh, und wer merkt, daß er in bestimmten Kinderbüchern als Kind nicht mitgemeint ist und darin als Kinderwesen nicht vorkommt, dem kann man dieses Gefühl nicht einfach absprechen. (Die seltenen Fälle, in denen Gefühle zugunsten von bestimmten Machtdiskursen instrumentalisiert werden, lasse ich weg, weil das Spezialfälle sind, und zudem werden diese Spezialfälle in einem anderen Diskurs– wiederum ideologisch motiviert – als die Regel ausgegeben, die sie nicht sind, um der anderen Seite, Empfindungen und Mit-Sprache abzusprechen.)

Worüber man allerding sprechen kann und auch muß, das sind die Umstände, die Kontexte, der Zusammenhang, in dem ein Gefühl, eine Empfindung geäußert wurde. Der expressive Satz und der Sachverhalt müssen in eine Konstellation treten. Und diese Verbindung wiederum steht im Zusammenhang mit den in Büchern verwendeten Begriffen wie „Neger“ oder überhaupt mit einem rassistischen Kontext. Das gilt es zum Thema zu machen, sich diesen Erfahrungen zu öffnen, und zwar nicht irgendwie und abstrakt, sondern anhand konkreter Fälle. Diese Erkenntnis wiederum setzt voraus, daß diese Texte gelesen werden. Es ist bspw. unsinnig Christian Krachts Roman „Imperium“ Kolonialismus oder Rassismus vorzuwerfen, ohne das Buch überhaupt zur Kenntnis genommen zu haben. Gerade die Aufregung um Kracht zeigt, wie eindimensionales und reflexhaft zuschnappendes Denken funktionieren. Zumal es in der Literatur eigentliches und uneigentliches Sprechen bzw. Figurensprechen gibt, was von manchen nicht einmal mehr mitgedacht wird.

Wenn es um die Forderung geht, daß bestimmte Begriffe aus Büchern getilgt werden, so scheint es mir zunächst einmal durchaus berechtigt, ein gehöriges Maß an Skepsis an den Tag zu legen. Zumal dann, wenn dieser Eingriff nicht von der Autorin oder dem Autor selber vorgenommen wird. (Und dies widerspricht – nebenbei – auch nicht meiner Theorie zum Textbegriff, sondern ein solcher Eingriff hat – unter anderem – mit der bestehenden Rechtsordnung, also mit Fragen des Urheberrechts zu tun. Jeder kann einen Text von mir fortschreiben und ihn zum Anlaß eines eigenen Textes nehmen, nicht jedoch geht es an, jenen Text abzuschreiben und darin einzelne Begriffe auszutauschen.)

Ob es sich bei einem solchen Eingriff, wo Texte umgeschrieben werden, nun um Zensur oder um einen (schlimmen) Eingriff handelt, entscheiden die Umstände. Vielfach wird in diesem Kontext des Eingriffs auch die Bibel, insbesondere die Lutherbibel genannt, die vielfach überarbeitet und umgeschrieben wurde. (Auch den Koran kann man anführen. Müssen Frauen sich wirklich verschleiert zeigen oder sollen sie bloß ihre Reize bedecken? Dann reichte ein Badeanzug aus. Gilt dies auch für Männer?) Was diese Umschrift und Übersetzung betrifft, so fußen hier verschiedene Probleme: einmal das der geeigneten Übersetzung, denn die Bibel ist ursprünglich in Hebräisch, Aramäisch und in Griechisch verfaßt. Dort überhaupt von einem „Originaltext“ zu sprechen, dürfte schwierig sein, und insofern greift der Analogieschluß zur Bibel eher schlecht als recht. Und wer einzelne Begriffe oder Sätze prüfen will, der muß sowieso auf verschiedene Quellen zurückgreifen und diese im Original lesen können.

Fragen des Urheberrechts werden bei den Bibelumschriften oder -überstzung übrigens nicht mehr berührt, da Gott bekanntlich tot ist.

Aber bleiben wir bei den Kinderbüchern. (Wenngleich der Tugendwächterrat es nicht bei den Kinderbüchern bewenden läßt. Wir können darauf wetten, denn es geht ja um die gute und gerechte Sache – egal ob Hemingway, Twain oder Céline.)

Richtig ist es allerdings, daß sich (rassistische) Stereotypen im Denken erzeugen und darin hängen bleiben, wenn bestimmte Begriffe oder Weisen der Darstellung einer Gruppe X oder Y in einem bestimmten Kontext und andauernd verwendet werden. Diese Stereotypen schreiben sich nicht nur ins Bewußtsein ein, sondern sie determiniert Gesellschaft ebenso sehr. Diesen Aspekt übersehen Schöngeister wie Greiner mit schöner Regelmäßigkeit. Das Bild, welches wir von den Indianern haben, beziehen wir wesentlich aus Hollywood-Western, die eine völlig falsche Ansicht über diese Völker vermitteln. (Ich bleibe nach langer Überlegung übrigens bei der Schreibweise „Indianer“, weil sich an allen anderen Begriffen ebenfalls Kritik üben ließe. Ureinwohner bspw. ist rassistisch konnotiert, da auch diese „Ureinwohner“ nicht ursprünglich da waren, People of Color ist zu allgemein. Indigene Völker mag noch angehen. Aber der Begriff besitzt keinen Klang.) Insofern prägen in der Tat die Formen der medialen Darstellung unser Bewußtsein. Der Filmemacher Neil Diamond zeigt in seiner eindrucksvollen und zugleich äußerst witzigen Dokumentation „Hollywood-Indianer“, wie Bilder und Stereotypen von Indianern sich im Wandel der Zeit und innerhalb der Filmgeschichte entwickelten. (Ich werde diesen Film hier und hoffentlich demnächst besprechen.)

Was nun die „Kleine Hexe“ betrifft, so wird dieses Buch (zumeist) nicht von drei- oder vierjährigen Kindern gelesen, die sich noch kein eigenes Bild machen können und die auf elterlichen oder sonstigen Input angewiesen sind, ohne Fragen stellen zu können, sondern der Thienemann-Verlag empfiehlt: „ab 6Jahren“. Wer in seinem Zuhause immer schon die Begriffe „Bimbo“ oder „Pollacke“ hört, der wird auch beim Schwarzen in der „Kleinen Hexe“ nicht geläutert werden. Und ich denke zudem, daß man einem 6-Jährigen durchaus den Kontext einer bestimmten Formulierung klarmachen kann, die heute einen abwertenden Charakter hat und eine koloniale Vergangenheit mit sich führt. Wo das Eltern nicht vermögen, da sollte in der Tat auch die Schule ihren Teil dazu beitragen.

Wer allerdings ein Buch wie „Die kleine Hexe“ (oder auch „Jim Knopf und der Lokomotivführer Lukas“) gelesen hat und darin nicht die antidiskriminierende Struktur sieht, trotz des mißlichen Begriffes, und wer nach dem Lesen eines solchen Buches nicht bemerkt, daß Ausgrenzung – um es in Kindersprache zu sagen – blöde ist, der hat nichts begriffen, und dem wird auch durch die Tilgung des Negers, der Türken und Chinesen nicht mehr zu helfen sein. Ja, man kann auch als Zebra oder als Frosch zum Fasching gehen. Nur schrieb Preußler eben nicht: Zebra oder Frosch.

Daß übrigens die beste Absicht aufklärerischer Betätigung mißlingen kann, zeigen die Fernsehserien „Holocaust“ und „Roots“: Soweit ich es als Kind in Erinnerung habe, wurden vom Beginn der Ausstrahlung an in der Schule von den Mitschülern und wahrscheinlich auch von mir beständig Witze über Untermenschen und Kunta Kintes gerissen. In solche Strukturen gälte es einzugreifen und nachzuhaken, wenn Kinder solche Wörter benutzen. Wo eine Gesellschaft insgesamt rassistisch ist oder einer rassistischen Struktur aufsitzt, ohne das irgendwie zu bemerken und wenn sich diese Gesellschaft qua Schule, qua medialer Vermittlung seiner Geschichte, der Kolonialgeschichte nicht gestellt hat, da handelt es sich um Spiegelfechtereien, ob in der Kleinen Hexe sich nun Kinder als Neger oder als Schwarze verkleiden. Ich mutmaße vielmehr, daß es sich bei dem gegenwärtigen Streit um eine Diskussion handelt, die eher akademischer Natur ist.

Aber weiter im Text: Greiner schildert in jenem Artikel in der Zeit vom 17. Januar eine Passage aus der „Pippi Langstrumpf“, wo es um die Lüge geht, weil Pippi behauptet, daß es ein Land gebe, wo alle Menschen rückwärts gehen, nämlich Ägypten und in Hinterindien liefen die Menschen auf Händen:

„‚Jetzt lügst du‘ sagte Thomas. Pippi überlegte einen Augenblick. ‚Ja, du hast recht, ich lüge‘ sagte sie traurig. ‚Lügen ist häßlich‘, sagte Annika. ‚Ja, Lügen ist sehr häßlich‘, sagte Pippi noch trauriger. ‚Aber ich vergesse es hin und wieder, weißt du. Und übrigens‘, fuhr sie fort, und sie strahlte über ihr ganzes sommersprossiges Gesicht, ‚ich will euch heute sagen, dass es im Kongo keinen einzigen Menschen gibt, der die Wahrheit sagt. Sie lügen den ganzen  Tag. Sie fangen früh um sieben an und hören nicht eher auf, als die Sonne untergegangen ist.‘“

Man kann von Ulrich Greiner und insbesondere von diesem Text nun halten was man will; er schrieb vieles, das ich inhaltlich nicht teile, nicht nur in diesem Artikel, sondern auch in anderen. Es geht, wie Greiner das inauguriert, im Falle dieses Eingriffs in Bücher sicherlich nicht um eine Hexenjagd, und es werden auch nicht solche Grundwerte wie die Meinungsfreiheit angegriffen. Wer das glaubt, schießt ebenso mit Kanonen auf Spatzen wie die, welche Bücher umschreiben möchten. Dennoch: die Beispiele, die Greiner nennt, sind nicht von der Hand zu weisen. Was wollen wir mit solchen Passagen machen? Sie herausnehmen, sie umschreiben? Wohl kaum, zumal diese Textstelle ja die Paradoxien des Lügens aufzeigen. Wenn Pippi lügt, dann lügt sie vielleicht auch in bezug auf die Menschen im Kongo? Ich fand in den vielfältigen Kommentaren zu dieser Diskussion samt dem unsäglichen Wort bereits einen Kommentator, der genau diese Stelle als Beleg für Lindgrens Rassismus anführt, ohne daß die Betreiberin des Blogs „shehadistan“ irgendwie widersprach und diese Deutung in den korrekten Zusammenhang, in dem diese Stelle geäußert wurde, brachte. Soviel zum Zitat, das aus dem Kontext herausgerissen wird, und zur Seriosität dieser Debatte.

Was machen wir eigentlich mit einem Buchtitel wie „Die dumme Augustine“ (auch von Preußler)? Es wird, darauf wette ich, irgendwann jemand, nein: jemenschd, kommen, die/der hier eine Diskriminierung von Frauen herausliest. Vielleicht sollten wir ein Institut zur Umschreibung von (Kinder-)Büchern ins Leben rufen.

Wie gesagt: man schlägt bei solchen Umschreibungen den Sack und meint den Esel. Und am Bewußtsein ändert sich gar nichts. Jedoch beschneidet man Texte, die in einem bestimmten historischen Kontext geschrieben wurden. Diesen gilt es beim Vorlesen oder in Schulen zum Thema zu machen. Und dafür mag auch diese Diskussion einen Anlaß bieten.

Wie ernst das Thema Rassismus ist wird übrigens durch solche Debatten geradezu konterkariert. Wir haben in der BRD nicht Rassismus, weil Kinder die „Kleine Hexe“ lasen! Und sie werden dadurch auch nicht zu Rassisten. Sehr wohl aber kann man Kindern anhand eines solchen Begriffes wie „Neger“ etwas über Sprache und ihre Auswirkungen klarmachen. Auch Sechsjährigen. Bücher – auch Kinderbücher – stehen in einem historischen Kontext. Den kann man Kindern erklären. Und das geschieht nicht durch Sprachbeschneidungen, sondern indem man sich mit seinen Kindern beschäftigt und sie nicht vor der Glotze oder woanders parkt.

Ich sträube mich übrigens nicht prinzipiell dagegen, daß Autorinnen oder Lektoren und Lektorinnen in einem Kinderbuch Begriffe ersetzen, man kann das in Einzelfällen machen: Wo „Neger“ war, möge „Schwarzer“ stehen, wenn es paßt. Aber damit solche Tilgungen nicht sinnentstellend geraten, geht das nur an vereinzelten Stellen, an denen diese Begriffe auch austauschbar sind. Ich würde da nicht dogmatisch sagen: Nein, geht gar nicht! Aber wer hier Wörter und Begrifflichkeiten verändert, der sollte es sich gut überlegen, welche Türen sie oder er dann öffnen. Wie gesagt: Es bleibt nicht bei diesen Eingriffen: irgendwann werden Pippi Langstrumpf nämlich ihre Strapsen ausgezogen (wg. Sexismus bei Kindern und Lolita-Syndrom) und der Umgang Pippis mit karikaturhaft dargestellten Dorfpolizisten und Erzieherinnen  wird von den Law-and-Order-Fans sicherlich ebenfalls zur Disposition gestellt.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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9 Antworten zu Von Indianern und Schwarzen, von Fiktionsgestalten und Hexen. Oder: Scheiden wir Rassismus aus der Gesellschaft aus, indem wir Bücher von bestimmten Begriffen freihalten?

  1. hf99 schreibt:

    erst einmal nur ein fakt: die law-and-order-Fraktion hat längst zugeschlagen: Benjamin Blümchen ist gefährlich!

    http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/interview-wie-bibi-blocksberg-kinder-politisch-verhext-a-380238.html

    Wahnsinn…Töröööh!

  2. El_Mocho schreibt:

    Ich bin da ganz deiner Meinung, Bersarin. Als ich William Faulkners „The Light in August“ las (auf Englisch), war ich höchst erstaunt, mit welcher Geläufigkeit das Wort „Nigger“ verwendet wird, auch im Mund von Positiv besetzten Figuren. Nun spielt das in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in den Südstaaten der USA und ist ein Stück realistischer Literatur, er hat also wohl nur den tatsächlichen Sprachgebrauch wiedergegeben, und da sprachen dann wohl auch (weiße) Menschen, die den Schwarzen halfen, von Niggern.

    Für mich war das durchaus ein Erkenntnisgewinn, zu sehen, wie tief dieser Sprachgebaruch die Gesellschaft durchdrang, und wenn man das Wort aus dem Text getilgt hätte, wäre das nicht möglich gewesen.

  3. Bersarin schreibt:

    @ h’f
    Dieses Forschungsfeld, was da auf SpOn zur Darstellung kommt, dürfte der an Universitäten geforderten Praxis geschuldet sein, Drittmittel eintreiben zu müssen. Was früher als Satire auftrat und aussieh wie ein Sketch von Loriot, das ist heute die bittere Realität.

    @ El_Mocho
    Selten, daß wir einer Meinung sind. Allerdings berechtigt der Gebrauch jenes unsäglichen Wortes in der Literatur deshalb noch lange nicht die Verwendung im Alltag. Denn dieser Begriff ist rassistisch konnotiert. Da nützen dann auch ethymologische Erklärungen wenig.

  4. genova68 schreibt:

    Bei Kracht war es doch so, dass nur Diez den Roman entsprechend kritisiert hat, danach waren praktisch alle Reaktionen gegen Diez gerichtet und für Kracht. Und Diez hat den Roman sicher gelesen. Insofern finde ich das Beispiel etwas künstlich.

    „Holocaust“ funktioniert zumindest heute nicht mehr, weil der Film in verharmlosender, sehr konventioneller Hollywood-Ästhetik gedreht wurde, auch die Ermordungsszenen sind in erster Linie ästhetisch und auch dramaturgisch derart geglättet, dass ich vermute, der Film würde heute bei Ersterscheinung ordentlich runtergeputzt aufgrund gewisser Verharmlosungen, die sich als Gefühl beim Schauen einstellen. Kaum zu glauben, dass er damals solch große Wellen schlug.

    Der Kernpunkt deines Artikels: Ja, Umschreibungen nur vorsichtig, aber ich halte es nach wie vor für ziemlich befremdlich, dass in hiesigen Kreisen allen Ernstes eine Diskussion einsetzt, bei der die Mehrheit der Meinung ist, „Neger“ drinlassen zu müssen. Im übrigen machst du ein bisschen das, was Greiner auch macht: Es ist die rein weiße Perspektive, Betroffene werden ausgeblendet. Es entscheiden immer schön wir, was gemacht wird.

    Ich habe für all das keine Lösung, aber der Hinweis auf die Perspektive ist da sinnvoll.

    Um das hier noch einmal zu sagen: Mir ging es nur um Kinderbücher, und dass da „Neger“ rausgestrichen wird, halte ich für selbstverständlich. Herumredigieren in Erwachsenenbüchern ist pc-Kacke. Aber darum ging es auch nicht, soweit ich das sehe. Es ging um Astrid Lindgren und darum, dass Frau Schröder ihrem Kind nicht „Neger“ vorlesen will und es ging um den shitstorm, der darauf hin einsetzte. Und zwar mit dem Ansatz: „Das ist der Untergang des Abendlandes“. Das sind die immergleichen Kämpfe weißer Männer, ihre Vorherrschaft aufrechtzuerhalten. Die spüren genau, dass sie seit Jahrhunderten unterdrücken und Vorrechte haben, die ihnen nur aufgrund ausgeübter Gewalt zustehen. Deshalb reagieren Greiner und co so empfindlich und machen sich gar lächerlich und führen Art. 5 GG an.

    Und so kommt es auch zu recht absurden Argumentationen, selbst bei Bersarin. Sein Argument: Man dürfe den „Neger“ nicht rausstreichen, weil sonst der nächste kommt und die Bilder von Newton verbietet.

    In allen anderen Bereichen würde eine solche Argumentation sofort ad absurdum geführt. (Man darf nicht Tempo 30 in Wohngebieten einführen, weil sonst der nächste das Autofahren verbietet. Also weiter durchs Wohngebiet brausen. Oder: Kein Tempo 30, weil sonst der nächste Newton verbietet). In Bezug auf Schwarze sind solche Absurdistan-Argumentationen erlaubt, weil man sich als Hüter westlicher Kultur und Aufklärung hinstellen kann.

    Möge bitte jeder solche Argumentationsstrukturen überprüfen.

  5. Bersarin schreibt:

    @ genova
    Wenn wir Thesen und damit verbundene Argumente nicht nur formal, sondern auch inhaltlich fassen und darauf schauen, von wem sie kommen, dann will mir das Beispiel in bezug auf Helmut Newton allzu absurd nicht erscheinen. Insbesondere in der Welt und Diktion von Lantzsch, der Mädchenmannschaft und anderer. Denen geht es nämlich nicht um die Sache, sondern um ein bestimmtes Prinzip. Da würde oder wird Newton nämlich sehr schnell auf sexistische Kackscheiße reduziert. Und es bleibt nicht beim verbalen Labeln! (Daß, nebenbei, in Newtons Bildern auch der sexistische Blick mitschwingt, sehe ich übrigens ebenfalls so. Aber diese Weise, wie Blicke funktionieren und sich Blickachsen strukturieren, verfestigen und determinierend, sogar definierend wirken, ist ein ganz anderes Thema, das man diskutieren kann. Und den Softcore-Feministinnen sei gesagt, daß es auch solche gibt, die hardcore sind und dem, was Newton in einer bestimmten Bildsprache inszeniert, etwas abgewinnen können. Das Spiel mit dem sexualisierten, dem erotisch aufgeladenen Körper ist vielfältig. Aber darum geht es hier ja – leider nicht. Das interessierte mich viel mehr als diese Kinderbuchscheiße, die mir ehrlich gesagt am Arsch vorbeigeht. Meine Kinder, wenn ich sie nicht vor drei Jahren aus Geldgründen nach Brasilien hätte verkaufen müssen, bekämen von mir die Kleine Hexe, Jim Knopf, Pippi Langstrumpf natürlich weiterhin in den alten Ausgaben vorgelesen, die irgendwo auf dem Dachboden in den Altbücherkisten lungern. Und da ich nicht zu bequem wäre, diese Dinge und Begriffe zu erläutern, hätten meine Kids eine 1-a-Einführung in Rassismus als surplus.)

    Um aber auf dieses müßige, lästige Thema zurückzukommen: Ich schrieb es schon einmal: da, wo das Wort „Neger“ mühelos durch „Schwarzer“ ersetzt werden kann, mag man das tun, wenngleich man dann die Dimension der Zeit, in der das Buch geschrieben wurde, tilgt. (Der Ordnung halber sollte man diese Änderung allerdings an geeigneter Stelle im Buch vermerken.).

    Unverfälschte, nicht abgewandelte Texte oder aber Bücher, die für Kinder frei von rassistischen Begriffen sind?: Das ist dann, wie es in der Sprache der Jurisprudenz heißt, wohl eine Güterabwägung. Meinetwegen sollen sich die Kinder in der „Kleinen Hexe“ halt als Schwarze, Türken und Chinesen verkleiden. Ich ahne aber, daß sich der weiße TugendwächterInnenrat damit nicht begnügen wird. Wieso Schwarze, Türken und Chinesen?

    Problematischer ist der Negerkönig. Da müßte man dann wohl König der Schwarzen oder etwas ähnliches daraus machen. Denn Südseekönig als Begriff bleibt unbestimmt. Astrid Lindgren beschriebt in diesem Bild nun einmal, daß sich ein Weißer über solche, die Nicht-Weiß sind, zum Herrscher macht. Es spiegelt der Begriff „Negerkönig“ für Kinder nicht nur den Wunsch nach Ferne, in der Abenteuer wohnt, sondern zugleich die kolonialistische Vergangenheit Europas. Pippis Vater ist etwas anderes als der König von Schweden. Diese Differenz kann durch schlechte Überarbeitung leicht getilgt werden. Diese koloniale Vergangenheit läßt sich Kindern durchaus erklären.

    Den Blick auf die Perspektive derer zu richten, die sprechen und die in irgend einer Weise von Rassismus/Ausgrenzung betroffen sind, ist wichtig. Ohne Frage. Dies machte bereits mein Eingangsstatement in diesem Text deutlich. Und das Abendland geht sicherlich nicht unter, wenn Lektoren oder andere Verlagsmitarbeiter aus jenem unsäglichen Wort in Kinderbüchern ein anderes machen. Zumal es sich bei Lindgren sowieso um eine Übersetzung handelt.

    Worauf ich lediglich hinwies: daß solche Umschreibungen oder Worttilgungen in Büchern nicht ganz unbedenklich sind. Ich selber halte sie für ein Lackieren an Symptomen.

    Nein, Schwarze sind keine Neger – das sehe ich ebenso, weil dieser Begriff rassistisch konnotiert ist.

    Was die Serie „Holocaust“ betrifft: jede Serie, jeder Film steht in seiner Zeit. Wirkungsmächtig war diese Serie. Ob man sich auf dieser Weise dem Massenmord nähern kann? Ästhetisch sicherlich nicht. Etwas anders mag es um die dahinter steckenden pädagogischen Absichten bestellt sein, wenngleich ich auch da meine Zweifel hege, ob solche Sendungen der richtige Weg sind. Besser als alles zu verschweigen sind sie aber allemal.

  6. summacumlaude schreibt:

    @ genova: Du hast sicherlich schon mitbekommen, dass mir das gesamte Ausmaß der Diskussion nicht sofort klar war. Ich bin sogar Abonnent der „Zeit“, habe dann aber Greiners Artikel ungelesen dafür verwendet, den Vogelmist der neu angeschaffenen Wellensittiche meiner Kinder aufzufangen (die kacken im Freiflug wirklich überall hin). So wichtig war mir zunächst das Thema, obwohl ich all´die genannten Bücher meinen Kindern relativ unbefangen vorgelesen habe, respektive ihnen zum Selberlesen gab. Und diesbezüglich habe ich auch nichts zurückzunehmen.

    Was war da mit Frau Schröder und ihrer Vorleseerfahrung? Erzähl mal näheres.

    Mir und auch Bersarin ging es um Gelassenheit bei den alten Texten. Ein weltanschaulich-Ding macht hier niemand draus. „Wo „Neger“ war, möge „Schwarzer“ stehen, wenn es paßt.“ schreibt Bersarin. Eben! Mich/uns regte der Eifer auf, den manche(r) hier an den Tag legte und der ungesagte aber immer präsente Nachdruck, mit dem Lob für diese kostenfreie, „antirassistische“ Tat eingefordert wurde. Dieses Lob bekommt niemand von mir.

    Zu der Struktur solcher Diskussionen steht bei Hartmut einiges. Ja, sie laufen fast immer so ab, das ist deprimierend….

  7. genova68 schreibt:

    Die Diskussion hat mit verschiedenen Voraussetzungen zu tun. Ich habe nur Schröders Aussagen mitbekommen, nach denen sie ihrem Kind „Neger“ nicht vorliest und in Gedanken in „Schwarzer“ übersetzt. Daraufhin kam ein shitstorm aus der Union, bei dem man sah, wo diese Leute wirklich stehen. Die meisten finden es einfach blöd, dass eine Aussage wie „Neger sind dumm“ die Karriere gefährden kann. Deshalb wird Schröder angegriffen für den einzigen Satz, bei dem ich ihr zustimme.

    Alle folgenden Diskussionen über Zensur habe ich nicht mitbekommen (Urlaub), wenn sie überhaupt stattfanden. Ich halte sie aber für eine unzulässige Vermischung mit Schröders Ausgangsthese. Greiner schießt den Vogel ab und zeigt erneut, wie dumm das linksliberale Lager mittlerweile ist. Es denkt nicht systemisch und kommt deshalb auf keinen grünen Zweig.

    Ansonsten sind wir uns sicher einig, und wenn nicht, dann sollte man das aushalten. Ich bin da nicht immer gut drin, das ist wohl wahr. Aber was ist eine lebendige Diskussion und was nicht?

    Bersarin,
    im Grunde sind wir uns ja völlig einig. Meines Erachtens nimmst du aber Lantzsch und Mädchenmannschaft zu wichtig. Real interessiert sich für erstere niemand und letztere produzieren ja nicht nur Mist. Aber denen als Tugendwächter eine besondere Rolle zukommen zu lassen, ist realitätsfern. Die Realität sieht so aus, dass Fleischhauer Millionen erreicht und Lantzsch ein paar hundert. Das muss man doch mal zur Kenntnis nehmen. Und wenn die ein Verbot von Newton fordert, dann nimmt das niemand ernst.

    Was heißt denn, dass es nicht „beim verbalen Labeln bleibt“? Was traust du diesen Leuten denn zu? Du siehst doch die Abwehrhaltung schon bei der aktuellen „Neger-„Diskussion. Da geben Fleischhauer und Greiner die Linie vor, nicht MM und Lantzsch.

    Zumal Newton völlig anders gelagert ist und das, was man als Sexismus bezeichnet, in diesem Fall doch arg konstruiert ist. Natürlich ist der männliche Blick auf die Frau in Teilen sexistisch, und das ist doch völlig in Ordnung. Nicht im Sinne dauerhafter Rollenzuschreibungen, sondern konkret: „Ich will diese Brust da sehen, der Rest ist mir gerade egal“. Der weibliche Blick auf den Mann in Teilen ja auch. Da geht es nicht einzig um Diskriminierung und auch nicht um dumme Sprüche von Brüderle. Das ist Teil des riesigen Komplexes Mann-Frau-Sex-

  8. Bersarin schreibt:

    In diesem Punkt gebe ich Frau Schröder sogar recht. Ich würde das so und vor allem unkommentiert nicht vorlesen. Ich würde es aber auch nicht übergehen. Ist das Kind alt genug, wird darüber gesprochen. Es hat und es gibt eine Form von Rassismus, die auch über Sprache wirkt. Der Begriff „Neger“ gehört zu den diskriminierenden Begriffen. Fünf oder sechs Jahre sind alt genug, um darüber zu sprechen. Im übrigen gibt es auch die Möglichkeit, solche Bücher seinen Kindern nicht zu schenken oder vorzulesen. Aber ich denke, dies sind individuelle Entscheidungen.

    Natürlich haben Fleischauer und Greiner Diskurshoheiten. Diese Wirkungs- und Meinungsmacht muß auf alle Fälle beachtet werden. Zudem sind Fleischauer und Greiner lediglich Namen, die sich austauschen lassen – es geht hier um eine allgemeine Tendenz.

    Aber es kommt mir in diesem Zusammenhang der Umschreibung von Literatur nicht nur auf die Wirkungsmacht an, sondern es geht dabei um eine prinzipielle Haltung, die ich ablehne und zudem abscheulich finde: Mißliebiges wird ohne Reflexion getilgt. Wer über solche (teils unreflektierten) Bereinigungen wie im „Tom Sawyer“ anders denkt, wird dann als Faschist, als White Supremacy-Denker als der Leibhafte, als Rassist und und und gelabelt. (Die andere Seite verfährt auch so.) Abstufungen kommen in diesem Denken, das ansonsten doch so sehr die Differenz einfordert, nicht vor. Und dies ist das schlimme: die, welche gegen verhärtete und verdinglichte Verhältnisse Protest anmelden, verfahren selber in ihrem Denken genau so. Siehe Momorulez, siehe MM oder Lantzsch und und und. Mir fällt dazu mit schöner Regelmäßigkeit Büchners „Danton“ ein. (Dies ist noch die höflichste Beschreibung.)

    Daß Literatur übrigens auch etwas mit geschichtlichem Gewordensein, mit gesellschaftlichen Umständen, unter denen ein Buch entstand, zu tun hat, das begreifen diese Gestalten nicht. Das heißt nicht, Stellen wo „Neger“ stünde, müßten in Kinderbüchern nun stehenbleiben. Da kann man korrigieren, ohne daß es irgendwem weh tut. Aber wenn es nur das wäre, liefe die Diskussion einfacher ab.

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