Sprachregelungen, die Zweite – Kindergartenkiller samt kleinem Quiz zur Beschneidung des Wortes

Die meisten Dinge auf dieser Welt modifizieren sich durch natürliche Auslese (im Falle dieses unten gezeigten Spiels freilich scheint mir diese eher artifiziell) sowie durch Selektion. Da bin ich ganz und gar biologistisch. Vielleicht sollte man von natürlich-kultürlicher Auslese sprechen. Und so regelt sich auch die Verwendung bestimmter Begriffe in Kinderbüchern samt der eifrigen Bemühungen, diese Begriffe durch angeblich geeignetere zu ersetzen. Warum überhaupt noch „Die kleine Hexe“ lesen, wenn auch dies hier geht? Kindergartenkiller, so heißt das lustige Spiel:

http://www.flashsexspiele.de/index.php?onlinespiele=343&todo=play

Und sowieso? Weshalb der Titel „Kleine Hexe“?

Zur Posse gerät es jedoch, wenn der Begriff „Neger“ oder gar „Nigger“ in Mark Twains „The Adventures of Tom Sawyer“ ersetzt wird, wie es in den USA bereits geschehen sein soll. Dieser Roman ist durch Begriffstilgung dann nämlich nicht mehr verständlich: denn was wird da gelöscht? Richtig: der Verweis auf Rassismus, auf rassistische Gesellschaftsstrukturen, den Twain vornimmt. Womit sich einmal wieder zeigt: das gut Gemeinte ist der Feind des Guten. Und als nächstes Projekt der Sittenwächter werden dann die Kraftausdrücke im „Tom Sawyer“ getilgt.

Im Grunde ist mir diese Debatte zwar egal, weil ich mich weder für Kinder noch für deren Bücher interessiere. Um den „Tom Sawyer“ (und einige andere Bücher) freilich täte es mir leid.

Was jedoch an dieser Deutschen Sittenwacht am Rhein, dieser spanische Inquisition, die sich über Kunstwerke hermacht, so schlimm ist: Der Tugendwächterrat wird bei diesen Regulierungen nicht stehenbleiben wollen. Einmal in Fahrt wird das Messer auch woanders angelegt. In einem Jahr werden wir uns wahrscheinlich Michelangelos „David“ mit einem Feigenblatt bestückt ansehen müssen, Courbets „Ursprung der Welt“ wird mit einem Tuch verhängt, Reproduktionen werden verbrannt, Darstellungen des Bildes im Internet werden gelöscht. Vom „Robinson Crusoe“ oder dem „Ivanhoe“ von Walter Scott mit seinen Juden darin ganz zu schweigen. Und wie sieht es mit den Buddenbrooks aus? Kann man 15-Jährigen diesen Klassismus, der dort zum Tragen kommt, zumuten? Ist dieses Buch nicht gar ein Aufruf, untere Klassen zu diskriminieren? Und Herr Lodovico Settembrini aus dem „Zauberberg“, der wie ein italienischer Drehorgelmann ausschaut?

Vielleicht fallen Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser weitere Werke ein, die unter‘s Messer gehören?

Besser als Kinderbücher umzuschreiben, wäre es, wenn Kinder kompetent lesen lernen, wenn sie durch Sozialisation und entgegenkommende gesellschaftliche Umstände den Unterschied zwischen „Neger“ und „Farbiger“ bzw. „Schwarzer“ von selbst bemerkten. Rassismus bekämpft man nicht, indem irgendeine Instanz Begriffe in Büchern tilgt, die in einer bestimmten historischen Konstellation geschrieben wurden. Vielmehr suhlen sich da welche in dieser Wir-tun-ja-was-Haltung, um in anderen Zusammenhängen, wo es drauf ankommt, um so weniger tun zu müssen.

Doch es gibt auch Grund zur Freunde: in sieben Tagen erscheint von Tocotronic das neue Album „Wie wir leben wollen“ auf den Markt. Nach dem ersten Hineinhören kann ich da nur sage: Groß, ganz groß!

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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48 Antworten zu Sprachregelungen, die Zweite – Kindergartenkiller samt kleinem Quiz zur Beschneidung des Wortes

  1. Bersarin schreibt:

    Kleiner Nachtrag: Was machen wir eigentlich mit dem Buch „Neger, Neger, Schornsteinfeger“ von Hans-Jürgen Massaquoi, der darin seine Kindheit im faschistischen Deutschland beschreibt? „PoC, PoC, Schornsteinfeger“ vielleicht? Wenn der Schornsteinfeger zweimal klopft.

  2. summacumlaude schreibt:

    Bei Hartmut hatte ich ja schon „Stellung bezogen“ zu voreiligen, den modernen medialen Manipulationmechanismen nicht mehr gerecht werdenden Zensurvorwürfen; angesichts dieser Bereinigungen muß ich diese Diagnose wohl noch einmal überdenken.

    Dein erster Artikel über dieses Thema wurde V O R dem themengleichen „Zeit“-Artikel veröffentlicht. Schreibt die „Zeit“ bei Dir ab? Seit ich als kleiner Kommentator in der Blogosphere unterwegs bin, hatte und habe ich so manches Mal den Eindruck, dass auch arivierte Zeitungen Euch thematisch wie sprachlich „abschöpfen“.

  3. frauwunder schreibt:

    @summacumlaude; ich las im spiegel bereits vorher eine randnotiz ueber die das gross reinemachen in kinderbuechern….
    aber dein eindruck ist nicht ganz falsch; alles haengt mit allem zusammen und wer sich auf wen bezieht ist schwer auszumachen. aber am ende verweist text auf text….

  4. Bersarin schreibt:

    @summacumlaude
    Ich denke auch, daß in der Recherche von Journalisten (teils) die Welt der Blogs durchforstet wird. Andererseits gibt es Themen, wo der Disput offen vorprogrammiert ist. Insbesondere im Gendertrötenbereich sowie bei den Rassismuswitteren (oder Twitteren?)

    @FrauWunder
    So ist es. Text verweist auf Text. Und es herrschen zwischen den Texten und Themen Bezüge. Endlich, Frau Wunder, sind wir uns einige. Die nächste Phase der Einigkei zwischen uns: Wann wird sie sein?

  5. genova68 schreibt:

    Schießt der Artikel nicht übers Ziel hinaus? Es ging doch nur um die Frage, ob man Dreijährigen Geschichten mit „Negern“ vorlesen soll. Meiner Meinung klarerweise nein, da Dreijährige nicht historisch differenzieren, sondern den Begriff übernehmen, ohne zu wissen, wie er konnotiert ist. Der shitstorm, der darauf folgte, war im wesentlichen geprägt von Leuten, die insgeheim bedauern, dass heute die Karriere futsch sein kann, wenn man sagt, dass der Neger an sich dumm und faul ist. Da ist dann die Ersatzbühne eine solche Diskussion und es kommen unterirdische Argumente wie das, dass man die arme Frau Lindgren nicht zensieren dürfe.

    Das Buch von Massaquoi hat mit der aktuellen Diskussion nichts zu tun. Was mit Sawyer in den USA geschehen ist, wissen wir offenbar alle nicht so genau, insofern ist es nicht fair, ihn in den Zusammenhang der Äußerungen von Kristina Schröder zu stellen. Michelangelo und Courbet passen da auch nicht rein. Entschuldige, Bersarin, aber das ist doch nicht dein Niveau.

    Rassismus kann man durchaus bekämpfen, wenn man Kindern, die ja dabei sind, Sprache zu lernen, solche Begriffe nicht beibringt. Ich finde es immer wieder faszinierend zu sehen, dass Kinder und somit Menschen allgemein keinen Deut rassistisch sind. Wir werden dazu gemacht, unter anderem durch Sprache.

  6. Bersarin schreibt:

    Mir geht es (zunächst) darum, daß man niemand das Recht hat, die Bücher einer Schriftstellerin oder eines Schriftstellers zu zensieren oder um es etwas harmloser klingen zu lassen: darin einzugreifen. Es ist dies der Text, der steht so, in einem bestimmten Zusammenhang, in einer bestimmten Zeit geschrieben. (Aber vielleicht brächte man eine historisch-kritische Ausgabe der „Kleinen Hexe“ auf den Markt: auch im Hinblick auf jenen Hund des Herren Heinrich Kramer samt seinem Malleus Maleficarum. Ok: war ’n Scherz.)

    Was mich weiterhin und vor allem umtreibt: Wo fängt es an, wann hört es auf? Das hier ist doch nur die Spitze eines Eisberges: Morgen wird das Rauchen, das Essen von fetten Speisen, das Trinken von Alkoholika, das Fluchen aus Kinderbüchern getilgt. Denn Rauchen ist schließlich schlecht für die Gesundheit, und wenn Huck Finn raucht, dann gibt er ein schlechtes Vorbild ab. Es ist dieses Verfahren die Verclaudiarothung von Gesellschaft. Ich und viele andere, die gegen diese Form von Zensur anschreiben, machen uns kaum mit Fleischauer gemein, um nun endlich wieder dieses N-Wort benutzen zu dürfen. Daß es diese Menschen gibt, wissen wir alle. Aber die werden kaum verschwinden, indem „Die kleine Hexe“ umgeschrieben wird. Einen guten Artikel zum Gebrauch dieses Wortes „Neger“ in der Zeit schrieb dazu Ijoma Mangold. Da fällt denen, die vorgeben Rassismus zu kritisieren, ihre Kritik schon schwerer, weil Herr Mangold nämlich von nicht ganz weißer Hautfarbe ist.

    Das Buch von Hans-Jürgen Massaquoi hat übrigens sehr wohl damit etwas zu tun, weil die SprachbereinigerInnen nicht bei Lindgren und Preußler sich begnügen werden.

    Meinst Du, genova, daß jemand zum Rassisten wird, Asylantenheime anzündet oder Menschen anderer Herkunft diskriminiert, weil er „Die kleine Hexe“ gelesen hat? Ich denke, da spielen eher andere Bedingungen mit als „Die kleine Hexe“. Mit denen sollten wir uns viel eher befassen. Und wer die kleine Hexe liest: das ist ja die Crux: dieses Buch handelt doch gerade von Ausgrenzung und Nicht-Anerkanntsein, macht genau diese Mechanismen zum Thema. Ebenso geschieht dies bei Pippi Langstrumpf. Ulrich Greiner, man kann ihn mögen oder nicht, hat dazu in der Zeit einige gute Beispielstellen zitiert, wo sich die Aburdität zeigt, diese Bücher sprachlich zu bereinigen.

    Im übrigen: Ich glaube nicht, daß Dreijährigen jemand „Pippi Langstrumpf“ oder „Die Kleine Hexe“ vorliest, weil diese Bücher außerhalb des Horizontes der meisten Dreijährigen liegt – außer es wären sogenannte Wunderkinder. Und Kinder ab fünf Jahren besitzen durchaus ein Sensorium für Begriffe. Viel wichtiger wäre, daß es in dieser Gesellschaft Diskurse und Diskussionen gibt, die die Kolonialgeschichte und Rassismus qua Sprache zum Thema machen. Dazu mag auch diese Debatte in gewissem Sinne beitragen. Nicht aber das Umschreiben von Büchern. Da schlägt man den Sack und meint den Esel.

    Einen hochgradig klugen Text zu diesen Mechanismen der Zensur und der Bereinigung von Sprache, der Klittung von Geschichte schrieb der Schriftsteller Alban Nikolai Herbst, und zwar hier:

    http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/arbeitsjournal-17-1-2013/

    und auch hier

    http://albannikolaiherbst.twoday.net/stories/235476557/

    Diese Argumente halte ich für bedenkenswert und sie überzeugen. Was die Größe dieses Mannes ausmacht: er verweist ausdrücklich und ohne jede Herablassung auf die Position, die der seinen diametral entgegengesetzt ist, nämlich den Text der Mädchenmannschaft.

  7. Bersarin schreibt:

    Nachtrag: das der Begriff „Neger“ problematisch ist, sehe ich ebenfalls so. Aber diese Problematik läßt sich eben nur dann zur Sprache bringen, wenn man dieses Begriff schreibt und spricht, den Begriff zum Thema erhebt. Im Grunde müßte es einem beim Aussprechen dieses Wortes eine Gänsehaut den Rücken herunterlaufen lassen. Es gibt nämlich so etwas wie ein Sensorium samt einem sprachlichen und ästhetischen Takt: und der ist nicht per ordre de mufti (darf man das überhaupt noch schreiben oder ist das bereits islamophob?) per Anweisung herbeizuzwingen, sondern der kommt durch Übung zustande.

  8. hf99 schreibt:

    Beim Begriff „Gendertröten“ möchte ich an meine copyrights erinnern (1994 by Finkeldey). Wir sind hier ja nicht bei Hegemanns unterm Sofa!

    Da ich Kinder habe ist mir natürlich einiges aufgefallen; insbesondere bei Enid Blyton, deren Rassismus schon übel ist. („Insel der Abenteuer“: Der böse schwarze Mann Jo-Jo zum Beispiel). Mich stören da überarbeitete Ausgaben nicht. Ob man Blyton-Bücher heute überhaupt noch anbieten sollte? nun ja, die Kinder lieben sie, und also „ja“…aber dann ruhig bearbeitet.

    zensur liegt nicht vor, sobald vorne im Imprint „überarbeitete Ausgabe“ steht und das Original für Interessierte verfügbar bleibt. Zensur läge vor, sobald man – sagen wir mal nach Ablauf der 70jahresfrist – verbieten würde, das Original der kleinen Hexe zu drucken.

  9. genova68 schreibt:

    Alban Nikolai Herbst schreibt in dem Link von dir:

    „Nicht, daß man heute noch von „Neger“n schreiben sollte, bewahre! – aber es i s t so geschrieben worden, auch von des Rassismus ganz unverdächtigen“

    Ja, so ist es. Aber der Begriff hat einen Bedeutungswandel erfahren und wer heute Neger sagt, ist des Rassismus verdächtig. Ein Kind lebt im hier und jetzt und kennt die Rezeptionsgeschichte nicht. Es nimmt an, was ihm vorgesetzt wird. Der Begriff wird so in die nächste Generation reingetragen. Es geht mir ausschließlich um Bücher mit einem pädagogischen Hintergrund, um Kinderbücher. Da muss der Bedeutungswandel rein, sonst wird er ignoriert und den Kindern ein herabsetzender Begriff beigebracht, egal ob das Kind drei oder fünf Jahre alt ist.

    Das mit dem Sensorium ich in dem Alter würde ich bestreiten. Da kommt es auf das Umfeld an.

    Ich hatte mal mit einer örtlichen Vorsitzenden der Republikaner zu tun, die hatte einen sechsährigen Sohn. Der erzählte mir ungefragt, dass „die Pollacken“ klauen. Wo er das wohl her hatte? Und du meinst, dass er mit sechs die Problematik sieht? Diese Vorurteile kriegst du aus Menschen kaum wieder raus, auch wenn sie das auf der rationalen Ebene irgendwann erkennen.

    Neger meint heute: dummer, lebensuntüchtiger Schwarzer. Wie soll das Kind damit umgehen, wenn die nette Pipi Langstrumpf von Negern redet?

    Alle andere Zensiererei ist natürlich abzulehnen, da sind wir uns einig. Wenn die Zensierer weiter gehen, bin ich dagegen, klar. Dennoch würde ich meinem Kind nix mit dem Begriff „Neger“ vorlesen. Der Hammer ist derzeit doch eher die Fleischhauer-Empörung.

    Und man sollte das Problem schon separat sehen und nicht in eine Tonne werfen mit Anti-Rauch-Initiativen etc. Letzteres sind neoliberale Herangehensweisen in überrationalisierten und damit pseudorationalen Gesellschaften, mit denen Macht ausgeübt wird. Die Neger-Problematik ist eine andere.

    Political correctness geht mir sicher grundsätzlich genauso auf den Keks wie dir, und von mir aus kannst du von muftis oder dummen Moslems schreiben, was du willst. Aber Kinderbücher SIND eine Übung fürs Kind. Warum soll es das Falsche üben?

    Und ohne das genau zu wissen: Grimms Märchen sind heute auch nicht mehr das Original, oder? Deren Sprache wäre heute in Teilen nicht mehr verständlich.

  10. genova68 schreibt:

    Ja, Hartmut, würde ich unterschreiben. Der Jojo bei Enid Blyton ist ein schönes Beispiel. Warum musste die einen Schwarzen nehmen für den Bösen? Die Bösen bei Blyton sind auch meist Ausländer, sie reden in einer Sprache, die die Kinder nicht verstehen. Und die elfjährige Anne ist ein Hausmütterchen, das heute kaum noch vorstellbar ist. Wobei ich genau darüber kürzlich mit einer Elfjährigen redete, die reflektierte in der Tat ganz gut, dass Anne in dämlichen Rollen gefangen ist und amüsierte sich darüber.

    Ich könnte jetzt die Probe bei mir machen, da ich die Abenteuer- und die Fünf-Freunde-Serie zwischen sieben und zehn komplett gelesen habe. (Ich war also ein sogenanntes Wunderkind.) Aber man kann sich selbst ja nicht beurteilen.

  11. hf99 schreibt:

    Oh, dann war ich auch ein Wunderkind ;-)

    Für Kinder wird an Grimms Märchen erheblich herumgedoktort. Bis hin zu dem, dass die Mutter (=die Hexe; so ist es ja zu verstehen) nach Hänsels und Gretels Rückkehr nicht etwa gestorben ist, sondern „dazu gelernt“ hat. da grausts mir allerdings doch auch.

    Ansonsten sehe ich es so wie Du: Kinderbücher sind keine historisch-kritischen Editionen. da wurde immer rumgedoktort. In alten Enid Blyton Büchern werden unartige Kinder noch ganz frischfrommfröhlichfrei übers Knie gelegt. Nebenbei bemerkt: In den Bullerbü-Büchern auch – bis sich Astrid Lindgren eines besseren besonnen hat.

  12. hf99 schreibt:

    Zur „gendertröte“: da in Deutschland, muss man die banalitäten immer janz braff mit datzusachn: Damit meine ich nicht eine Auseinandersetzung mit Butlers hochinteressanten Ansätzen (wobei die für mich nicht neu waren; Stichwort labeling approach), sondern jene, die daraus eine religion machen – mit unantastbaren Heiligen. O-Ton von damals: „Du wagst es (sic!), Butler zu kritisieren?“ Natürlich! Wo leben wir denn!

  13. hf99 schreibt:

    Und die Schwarze Sieben, genova! (Mostkasten/Postkasten) War ich also ein Überwunderkind!

  14. Bersarin schreibt:

    @ Hartmut
    Gendertröten: diesen Begriff, dachte ich, vom Don Alphonso – entschuldige, Genova ;-) –übernommen zu haben, insbesondere im Hinblick auf den Lantzschismus. Aber das ist ein anderes Thema, wenngleich es qua Mohrenlampe auch wieder mit dem hier zusammenhängt.

    Der Kritik unterziehen muß sich in der Philosophie jeder Text, da ist nichts sakrosankt. Philosophie ist schließlich – auch – das Geschäft der Kritik: Nur der kritische Weg ist noch offen, so schrieb es Kant am Ende der KdrV. Das betrifft die Texte von Hegel, Butler, Foucault oder Adorno ebenso wie die von Wittgenstein, Davidson oder Heidegger. (Allerdings sollte man sie zuvor auch gelesen und nicht bei Seite 14 abgebrochen haben. Auf „transzendent“ und „transzendental“ reite ich gar nicht mal drauf herum, wenngleich jemand, der Kant tatsächlich las, diese Begriffe kaum verwechselte. Doch sei’s drum: die Welt ist voll von Felix Krullen. Auch von weiblichen.)

    Freilich ist es eine Frage, auf welche Weise man das Geschäft der Kritik betreibt. Qua Inquisition und Sprech- und Denkverbot oder steiler These, die aus dem Nichts kommen, geht‘s nicht. Wenn Peter Singer in einem Hörsaal in Berlin oder München auftritt, dann bekämpft man den nicht durch Niederschreien, sondern indem man sich mit ihm auseinandersetzt.

  15. Bersarin schreibt:

    @Hartmut und Genova
    Beschränken wir uns also auf die Kinderbücher, obwohl ich denke, daß hinter diesen Sprachregelungen mehr steckt und es nicht bei den Kinderbüchern bleiben wird. [Und nebenbei geht es in diesem Streit auch um Machtpositionierungen innerhalb der Linken. Wie nämlich Antirassismusarbeit auszusehen hat. Aber zu diesen Dingen dürfte sich der che kompetenter als ich äußern können.]

    Die Vorurteilsstruktur des Sechsjährigen, der Sohn einer Republikanerin ist, wirst Du auch durch Bücher, wo Schwarzer statt Neger steht, nicht herausbekommen. Da liegt das Problem. Deshalb klauen für ihn die sogenannten Pollacken, von denen auch ich abstamme, nicht mehr und nicht weniger.

    Sensorium entwickelt sich, und es entwickelt sich besser, wenn das in Verhältnissen geschieht, die einer solchen Ausbildung entgegenkommen. Eine fürsorgliche Kindheit, in der das Kind geliebt wird und das erhält was es braucht, in der die Fähigkeit zur Empathie ausgebildet wird, halte ich für einen zentralen Aspekt in der (frühkindlichen und kindlichen) Entwicklung. (Das sind übrigens Dinge, die Adorno nicht müde wurde zu betonen: Philosophie heißt, die Kindheit wiederzuerlangen, wie er irgendwo einmal sinngemäß schrieb.)

    „Neger meint heute: dummer, lebensuntüchtiger Schwarzer. Wie soll das Kind damit umgehen, wenn die nette Pipi Langstrumpf von Negern redet?“ Indem man es dem Kind erklärt. Sowieso denke ich, daß es wesentlich darauf ankommt, wer liest und wie Mädchen oder Jungen lesen. Wenn sie um die Vorurteilsstruktur, die in diesem Begriff mitschwingt, bereits wissen, dann kann eigentlich nicht so viel schief gehen. Und damit sind wir zugleich bei der Sprachphilosophie: wie es zu Sinn und Bedeutung eines Wortes kommt.

    Bei Grimms Märchen kommt es sehr auf die Ausgabe an. Bei den Billigkinderbüchern handelt es sich – egal ob Robinson Crusoe, Oliver Twist, Ivanhoe oder Grimms Märchen – um überarbeitete, stark gekürzte Fassungen, die auf ein Gaga-Niveau gebracht wurden, damit nur noch die Story, nicht aber die Sprache bleibt.

    Bei der Tilgung des N-Wortes, wenn es nur dabei bleibt und in Kontexten, wo es geht, wenn man aus dem Negerkönig einen Südseekönig macht, tja, da bin ich hin und her gerissen. Ich kann Eure Argumente schon nachvollziehen und sehe das (zum Teil) ähnlich, und es sträubt sich bei mir dennoch etwas dagegen. Die Argumentation von Herbst halte ich schon für sehr luzide.

    Blyton ist eine Sache für sich: diese Bücher sind klar rassistisch auch vom Inhalt. (Anders als Preußler und Lindgrens Bücher, die eher das Gegenteil sind: die kleine Hexe zeigt ja, wie es einer Außenseiterin ergeht.) Ich las Blyton übrigens in ähnlichem Alter wie Du, genova, und es ist wohl auch das Lesealter für diese Bücher. (Mit fünf oder sechs las ich dann die Kinderbibel: ich war begeistert. Auch eine bereinigte Ausgabe, nebenbei.)

    Auch bei „Tim und Struppi“ verhält es sich ähnlich. Es steckt da Kolonialismus vom übelsten Stil drin. Klar, der Zeichner war Belgier, so kann man sagen. Andererseits kann ich Kindern die zeitlichen Umstände, unter denen ein solches Denken selbstverständlich war, und die Differenz dieser Sicht zum Heute überhaupt nicht begreiflich machen, wenn es diese Ausgaben nicht mehr gibt. Ich denke, daß man Kinder nicht für dumm halten soll; die meisten sind schlau genug, um von sich aus zu bemerken, was da läuft. Es bedarf aber, wie gesagt, einer entgegenkommenden Sozialisation. Und wo die nicht stattfindet, da nützen auch sprachbereinigte Kinderbücher nichts. Und wenn weder Schule noch Kindergarten diese Dinge ansprechen, dann ist sowieso das meiste vergeblich.

    Ein anderes Thema ist freilich (und dies muß man wohl mitdenken), daß wir in solchen Diskussionen solche Nappel wie Fleischauer und andere Reaktionäre, die ihren Rassismus am liebsten nicht nur im Alltag, sondern auch in Übersee wieder ausleben wollen, mit an Bord haben. Um in den Seefahrermetaphern zu bleiben. Diese Pseudo-Empörung von Fleischauer und derer, die sich da einreihen, da gebe ich Dir recht, genova, die ist zum Kotzen. Aber es ist ja schon einmal ein Erfolg, wenn hier nicht gleich einem dieser Mensch um die Ohren gefleischhauert wird und einem unterstellt wird, man machte sich mit ihm gemein. Eigenartig auch, daß sich die Fleischauers bei anderen Arten von Zensur so gar nicht aufregen. Bspw. wenn es um das Thema Rechtsradikalismus geht und die (öffentlich- rechtlichen) Medien bestimmte Filme wie den von Doku-Film von Thomas Kuban zum Thema Neonazis nicht ausstrahlen. (Siehe Feuilleton der Berliner Zeitung von gestern.

  16. genova68 schreibt:

    Wenn man mal ein wenig critical-whitenessmäßig rangeht, hier der Auszug eines Artikels aus dem Tagesspiegel. Eine schwarze, in Deutschland aufgewachsene Autorin schreibt:

    „Meine Ausgabe von „Pippi Langstrumpf“ ist von 1986. Sie steht nach wie vor in meinem Bücherregal. Darin heißt es: „Sie glaubte, dass er auf einer Insel an Land geschwemmt worden war, wo viele Neger wohnten, und dass ihr Vater König über alle Neger geworden war und jeden Tag eine goldene Krone auf dem Kopf trug.“ Gerade lese ich oft, dass Kinder nicht so blöd sind, wie wir denken. Dass sie sehr wohl wüssten, was diese Begriffe bedeuten und dass sie „schlecht“ sind. Stimmt. Auch ich als schwarzes Kind wusste, was das bedeutet. Diese Textstelle bedeutet: Weiße herrschen über Schwarze. Schwarze Menschen sind weniger wert. Und ich bin schwarz. Wenn meine Kinder diese Bücher lesen können, ohne dass sie diese Erfahrung machen müssen, dann halte ich das für einen Fortschritt.“

    http://www.tagesspiegel.de/kultur/koloniale-altlasten-man-sagte-mir-dass-braune-kinder-nicht-mitspielen-duerfen/7654752-2.html

    Interessanterweise ist das ja ähnlich auch gerade Thema bei Tarantinos neuem Film, wo Spike Lee meinte, er hätte von einem Schwarzen gedreht werden müssen. Ich bin bei sowas immer unentschlossen, kann solche Einwände jedenfalls nicht einfach so vom Tisch wischen.

    Ansonsten schreibe ich die Tage bei mir etwas dazu, wollte ich eh schon machen anhand eines anderen Beispiels.

    Bersarin,
    hast du bei Alphonso die Auseinandersetzung mitgelesen?

  17. Bersarin schreibt:

    So ist es, die Autorin beschreibt im Tagesspiegel ihre bzw. eine kollektive Erfahrung ganz richtig. Und ich halte es für wichtig, das zu Bewußtsein kommt, wer über wen herrscht. Auch in anderen Zusammenhängen. (Es herrschen ja nicht nur Weiße über Schwarze, sondern der Apparat der Macht und der Unterdrückung reicht sehr viel weiter. In der Kritik dieser Verhältnisse mag diese critical-whiteness-Bewegung ein Aspekt darstellen.)

    Dieses Spike-Lee-Argument halte ich für grundsätzlich falsch. Das ist genau wieder dieser Kunst-Beschneidungs-Diskurs, wo dann immerzu von einzelnen Subjekte ausgegangen wird. (Dem Kunstwerk ist es übrigens weitgehend egal, von wem es geschaffen wurde.) Zudem: Spike Lee ist lange genug Regisseur. Er hat diesen Film nicht gemacht. Er drehte andere.

    Die Debatte beim Don habe ich mitgelesen. Ich denke, der Don hat Dich falsch auf dem Radar gehabt. Aber ich stecke in diesen Debatten um die digitale Bohème, Sascha Lobo, Julia Schramm et al und über die Piraten nicht genug drinnen. Der Don mag eine bestimmte Haltung, die in Berlin herrscht, nicht, vor allem haßt er es, wenn Journalisten oder solche, die sich dafür halten, schludrig arbeiten. (Worin ich ihm recht gebe.)

    Na ja, Du warst nicht freundlich, der Don war es auch nicht. So geht das halt manchmal.

  18. Bersarin schreibt:

    Ich halte diese Debatte und Texte wie die von Simone Dede Ayivi übrigens auch deshalb für richtig und wichtig, weil auf diese Weise solche Positionen und (Diskriminierungs-)Erfahrungen zum Thema gemacht werden können.

  19. summacumlaude schreibt:

    Alles nicht falsch was hier zum Rassismus in alten Kinderbüchern steht. Teilweise ist es gedanklich-ideologischer Rassismus wie bei Blyton; der gehört natürlich gekappt.
    Teilweise ist es aber nur die Wortwahl, die anstößt: Weder Preussler noch Lindgren rufen in ihren Kinderbüchern zum Ausgrenzen der etwas „Anderen“ auf. Sehr im Gegenteil: Die kleine Hexe ist ja Außenseiterin und Pippi ohnedies. Darüberhinaus schuf Astrid Lindgren im Michel einen Rotzlöffel, der heute als ADHS-Junge die Knute der Sozialpädagogik zu spüren bekommen würde (im Buch die des Vaters – „aber seine Mutter liebte ihn“). Fast schon prophetisch zu nennen…
    Naja und das Tilgen des „Niggers“ in Tom Sayer ist für mich ein fast archetypischer Ausdruck von Textunverständnis, denn gerade um Rassismus, Sklavengesellschaft und weitergehende Diskreminierung nach dem Ende des am. Bürgerkrieges geht es ja bei Mark Twain – mit doch sehr eindeutiger Stellungnahme. Freilich keine Stellungnahme im leitartiklerischen Sinn, sondern im literarischen. Und genau hier werde ich stutzig: Muß fortan jeder Literat, jeder Schriftsteller auf Prononcierung auch mittels vermeintlich verfemter Wörter verzichten, nur weil diese auch einen unschönen Beiklang haben (könnten)? Muß er immer dazu sagen: Aber das habe ich – natürlich – nur so gemeint. Und wer bestimmt solche Kappungen? „Nigger“ bei Twain zu kappen, verrät den Kapper als Aliteraten. Und da ist Bersarins Frage nach dem Weitergehen dieser Kappungen schon berechtigt.
    Fast kommt es mir vor, dass lediglich eine Suchmaschine des namens „verbotene Wörter“ angekurbelt wurde, ohne auf den textlichen Zusammenhang, ohne auf die Funktion im Text zu achten. Und eine solche Suchmaschine lehne ich ab.

  20. Bersarin schreibt:

    @ Summacumlaude
    So ist es. Die, welche in Texte eingreifen wollen, tun das häufig blind, ohne einen blassen Schimmer, geschweige denn eine Ahnung von Literatur bzw. dem Text zu haben, den sie verändern wollen. Das Beispiel Mark Twain zeigt das ganz akut. Und wer die „Kleine Hexe“ liest, der bekommt doch gerade diese Erfahrung des Ausgegrenztseins auf dem Tablett präsentiert. Das Buch handelt von einer Außenseiterin, von einer die gehänselt wird.

    Es zeigt sich in solchen Prozessen wieder: Gut gemeint und gut sind zwei Paar Schuhe. Und wenn ich etwa einen solchen Blödsinn wie bei Momorulez lese, der alles mit allem in einem Topf vermengt, Katrin Rönnicke mit Fleischaue gleichsetzt, ohne Fähigkeit zur minimalen Differenzierung und ohne einen einzigen der Texte im Zeit-Dosier überhaupt gelesen zu haben, dann liegt der Verdacht doch nahe, daß sich da jemand beim Saxophon-Spiel den Verstand aus dem Kopf blies. Philosophie sollte eigentlich da Vermögen zur Differenzierung sein.

    Interessanter aber als die Debatte um das unsägliche Wort ist die Diskussion, die sich auf beiden Seiten auftut: der Begriff Extremismus der Mitte trifft es sowohl für die Verteidiger als auch die Gegner dieses Wortes.

  21. georgi schreibt:

    Die armen Südseeinsulaner! Die tun mir jetzt schon leid. Sollen sie doch in Zukunft rassistisch beleidigt werden.

    Denn:

    Das hier:

    Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer [Inder] haben schon ein geringes Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Theil der amerikanischen Völkerschaften.

    und

    Die Negers von Afrika kennen von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege.

    hat Immanuel Kant gesagt! Behauptet wikiquote.org. Wegen dieser Aussagen gerät sogar Rechtsstaat in Gefahr!

  22. genova68 schreibt:

    Naja, es ging, um das noch einmal zu sagen, meines Erachtens nur um Kinderbücher und dabei sollten wir auch bleiben. Martenstein schießt mal wieder den Vogel ab, indem er nun behauptet, es drohe jetzt wegen dieser Debatte „das Ende der Literatur“ und somit das Ende der Zivilisation. Ich hoffe, ihr seid euch der Tatsache bewusst, dass das Abdriften in diese Richtung droht, wenn man meint, den „Neger“ in Pipi Langstrumpf unbedingt verbinden zu müssen mit Tom Sawyer und Rauchverboten. Und zu meinen, man könne dem Kind rassistische Begriffe erst beibringen, um ihm danach zu sagen, dass es sie aber nicht verwenden darf, halte ich für, gelinde gesagt, ein völlig ahnungsloses Argument. Es geht darum, dass Sprache Veränderung in der Zeit ist. Und Kinderbücher keine kritisch-historischen Ausgaben.

    Es wird hier auf dem Niveau einer Universität argumentiert: Die Studenten sollen irgendwas im Original lesen, damit sie sich selbst ein Bild machen können. Der Fünfjährige offenbar auch, aber dann wird die Argumentation absurd. Wenn aus dem Südseekönig wird plötzlich eine Frage der generellen Literaturzensur wird, dann steckt etwas anderes dahinter. Was, müsst ihr euch selbst fragen.

    Es zeigt sich m.E. hier schon ein wenig, wie ungern man auf gewohnte Privilegien verzichtet.

    Und ich rede ausschließlich von Kinderbüchern, von etwas anderem hat die Schröder auch nicht geredet, und darum ging es. Wenn ihr mir Beispiele bringt, wo eure Befürchtungen tatsächlich gefordert wurden, ist das eine andere Sache.

  23. ziggev schreibt:

    Sorry,einverspäteter Kommentar aber trotzdem:

    Pippi – allein der Name!

    Bei manchem fängt es ja da schon an, dass die Phanthasie durchreht – Pippi Langstrumpfs „Takkatukkaland“ habe ich nicht gelesen und bekam es nie vorgelesen. Ich glaube aber mich wage zu erinnern: „Mutti, heißt die wirklich ‚Pipi‘?“ – „Ja, ziggechen, aber das ist einfach nur ein Name.“

    Lindgrens Takkatukkaland scheint sich einfach nicht in unserem Haushalt befunden zu haben zur Zeit meiner Kindertage.

    Aber wenn meine Mutter mir sonst, gezwungenermaßen, es hätte vorlesen müssen, denn dieses Buch ist und war schon immer der Sehnsuchtsort meiner Kinderzeit, mindestens, dann hätte sie mir dieses abscheuliche Vorkommen des N-Worts durchaus erklären müssen:

    Ungefär so: „ziggevlein, das darf man eigentlich nicht sagen, um das genauer zu verstehen, muss man wissen, dass es eine Zeit gab, wo Menschen als Sklaven gehalten wurden; eine ganz scheckliche Geschichte. Du bist jetzt noch zu klein, als dass ich Dir erklären könnte, welche schrecklichen Dinge Menschen Menschen angetan haben. (…)“

    Ich hätte verstanden. – Auch dass mache Dinge für mein Alter einfach noch nicht Thema sein können. Jetzt nun aber müsste sie mir erklären: „Mutti, was ist ein Südseekönig?“ – „Ja, eigentlich stand dort ein anderes Wort, um das genauer zu verstehen, muss man wissen, dass es eine Zeit gab, wo Menschen als Sklaven gehalten wurden, das ist eine ganz schreckliche Geschichte. (…)“

    Ich hätte diese Erklärung zwar etwas kompliziert gefunden, aber ungefähr verstanden. – Vielleicht aber hätte ich den „Südseekönig“ tatsächlich eher akzeptiert und meine Mutter wäre um diese etwas komplizierte Erklärung herumgekommen.

    Das Buch, in welchem, wie ich vermute, das N-Wort vorkommt, hat sich nie in unserem Haushalt befunden, ich wüsste es, die Erzählung, in der „Takkatukkaland“ vorkommt, hätte ich mir unter keinen Umständen entgehen lassen!

    Ob es sich allerdings einfach nur um eine Regel des Anstands handelte warum ich das N-Wort nie von meinen Eltern aussprechen hören habe müssen oder warum die betreffende Bücher, in denen es stand, sich offensichtlich nie in unserem Haushalt befanden, denn sowas sagt man schließlich nicht, und es wird unter keinen Umständen den eigenen Kindern vorgelesen werden, oder ob es eine bewusst getroffene Entscheidung war, möglicherweise aus politischen Motiven, weiß ich nicht. Oder ob meine Mutter dieser Schwierigkeit einfach aus Bequemlichkeit aus dem Wege gehen wollte, ebenfalls: ich weiß es nicht mehr.

    Letztlich bin ich aber froh und dankbar, dafür, dass ich meine Mutter nie sehen musste, wie sie glaubte, sich dieses Worts vor meinen Augen (und Ohren) auszusprechen gezwungen zu sehen!! Das wäre mir wichtig, es nicht unerwähnt gelassen zu haben. In dieser Verlegenheit war sie nie, und sie hat es einfach nie, kein einziges Mal, bis heute, gesagt.

    Sie wäre mit Sicherheit dazu fähig gewesen, es mir zu erklären oder mir ihre mütterliche Unbeholfenheit zu verdeutlichen angesichts der Aufgabe, eines der schrecklichsten Menschheitsverbrechen einem kleinen Kind zu erklären. Vor dieser Schwierigkeit, die zu bewältigen meiner Mutter die Schamersröte ins Gesicht getrieben hätte, wenn sie das N-Wort ausgesprochen hätte müssen, was wiederum mich als kleines Kind beschämt hätte, davor auszureißen, – es ist menschlich und verständlich.

    Denn Kinder haben ein natürliches Schamgefühl. An das brauchen wir nicht erst zu appellieren. Es ist manchmal beschämend für Kinder, wie ihre Eltern sich schämen. Warum wir es tun, das müssen wir zumeist gar nicht erst kompliziert erklären. Vielleicht irre ich mich, aber ich gehe davon aus, dass die einfach wissen, dass manche unserer Begriffe nur aus einem über alle Maßen unanständigen Hirn stammen können.

    Ob es aber die richtige Lösung ist, sie textdiktatorisch einfach „auszumerzen“, diese Beschämung und Schwierigkeit, es einem kleinen Kind zu erklären – ich bin mir nicht sicher. Wir sollten, so will ich jedenfalls meinen, unsere Erziehungsberechtigten nicht andauernd unterschätzen.

    Es ist eine schwere Verantwortung, unsere Kleinen großzuziehen, ich verstehe, aber ich setze mich jetzt nicht an den Schreibtisch, um dann zu diktieren, welche Wörter sie hören dürfen und welche nicht. Irgendwann muss Schluss sein.

    Wieviele Erzieher wollen wir denn noch? Die Erzieher-der-Erzieher-der-Erzieher-der-Erzieher-der-Erzieher …? (ja, richtig verstanden, das war meine Assoziation, hinter jedem mit ner Peitsche steht jemand mit ner Peitsche, Preußen, es lebe hoch!)

    Soweit ich in Erfahrung bringen konnte war „Die kleine Hexe“ bei kleinen Kindern der absolute Renner. Es gab dann noch die Geschichte mit dem „Hexenjungen“ oder so, ich weiß es nicht mehr genau, es war aber mindestens ein ebensolcher Erfolg. Die mit dem Roten Stift, warum dauert es denn so lange, jetzt kommt Harry Potter dran? Mal ein Junge, mal ein Mädchen – sie haben es beide genossen !

    – Klar, mein bester Freund war damals „schwarz“, stammte aus Trinidad, dessen Vater, wie er damals.3. Lasse, behauptete, in der dortigen Fussballnationalmannschaft spielte (!!), aber all die Konnotationen, die mit diesem abscheulichen Wort heute noch verbunden sind, davon hatte ich doch als kleines Kind nicht den gerinngsten Schimmer ! Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Wort damals überhaupt schon kannte!

    Außer der Botschaft, vielleicht, dass es Menschen gibt, die irgenwo „unter“ einem stehen, aber wen interessiert das schon als Kind? Da muss ich einigen der vorigen Kommentatoren beipflichten: Rassismus ist eine Sache, die einem erst eingetrichtert werden muss – und die wir deshalb unseren Kindern eintrichtern.

    Wenn wir gegenseitig nicht einmal das letzte Überbleibselchen einer Restverantwortung zuzutrauem uns zutrauen, dann wirklich: gute Nacht!

  24. summacumlaude schreibt:

    @genova ich weiß nicht, welche „Privilegien“ Du meinst. Mir geht es um das chirurgische Denken, dass sich darin äußert, man müsse nur ein paar böse Wörter herausschneiden – exstirpieren – und schon ist der Rassismus zukünftig verhindert. Das ist absurd.

    Ich las Pippi mit dem „Negerkönig“ – ohne nachhaltig rassistisch darauf zu reagieren. Dazu bedarf es dann doch etwas mehr als ein paar falscher Worte in alten Kinderbüchern.
    Öttinger geht übrigens den Weg, Fußnotenerklärungen einzuschalten. Wers braucht – bitte. Das ist mir nun wirklich egal.
    Aber man sollte nicht glauben, dass durch Wortbereinigungen der Rassismus aus der Welt fällt. Und erst recht sollte man nicht versuchen, mir diesen aufopferungsvollen Kampf gegen die bösen Wörter als eine gute Tat zu verkaufen.

    Schließlich empfinde ich beide Seiten der Argumentierenden als unangenehm, wenn sie jeweils ein ideologisch-Ding daraus drechseln. Dass die Wellen so hoch schlagen, war mir bis dato gar nicht bewußt. Mannmannmann, da geht ja wirklich die Post ab. Immer wenn dieser Punkt in einer öfferntlichen Debatte erreicht ist, also der jeweils andere außerhalb jeglicher menschlicher Zuschreibungen steht, nur noch ein „pig“ ist ein Alien oder sonstetwas schlimmes, immer dann muß man sich aus dem Diskurs verabschieden, um selbst würdig zu bleiben und den Anderen die Würde zu lassen.

  25. genova68 schreibt:

    Ohne die Kritik an Momorulez zu relativieren, habe ich von dem zumindest mitgenommen, dass Selbstkritik an der eigenen gesellschaftlichen Rolle oftmals zu mehr Erkenntnis führt,summacumlaude. Und der Satz „Ich las Pippi mit dem “Negerkönig” – ohne nachhaltig rassistisch darauf zu reagieren“ ist dann doch ein problematischer. Es geht nicht einfach darum, wie du reagiert hast, sondern beispielsweise um die Reaktion der Tagesspiegel-Journalistin, die ich oben zitiert habe. Zweitens kannst du nicht ernsthaft beurteilen, was in dir in dem Augenblick mit Fünf vorging. Sozialisation ist ein komplizierter Vorgang. Drittens behauptet wirklich niemand, dass alleine aufgrund eines Wortwechsels der Rassismus aus der Welt fällt.

    Es ist doch ganz einfach: Ein Begriff mit massivem Bedeutungswechsel – hin zur Diskriminierung – soll aus Kinderbüchern gestrichen werden. Grauenhaft, dass da allen Ernstes Widerspruch kommt, und eben nicht nur aus der Fleischhauer-Ecke. Ich hätte es bis vor ein paar Tagen für selbstverständlich gehalten, dass man der Bemerkung Schröders, sowas ihrem Kind nicht vorzulesen, einfach zustimmt und fertig. Das Bestehen darauf, dass das eigene fünfjährige Kind schon frühzeitig mitkriegen muss, dass es den „Neger“ gibt, und das mit dem pseudointellektuellen Hinweis auf einen angeblich authentischen Text, den es sowieso nicht gibt, weil es sich um pädagogische Texte handelt, die sich direkt an Kinder richten und für sie ausgerichtet sind.

    Wie wäre die Diskussion mit Schimpfwörtern statt Neger? Lassen wir die Kinder auch irgendwas über „dumme Fotzen“, „blöde Arschlöcher“ etc. lesen. Und über verschlagene Juden. Die Welt wird ja nicht besser, wenn sie es nicht lesen. Und erklären können wir ihnen später immer noch, dass man das nicht sagt.

    ziggev,
    wenn dir deine Mutter etwas vom „Südseekönig“ vorgelesen hätte und du wirklich gefragt hättest, was das ist: Hätte deine Mutter ernsthaft so geantwortet: „Ja, eigentlich stand dort ein anderes Wort, um das genauer zu verstehen, muss man wissen, dass es eine Zeit gab, wo Menschen als Sklaven gehalten wurden, das ist eine ganz schreckliche Geschichte.“

    Oder hätte sie einfach kurz erklärt, dass die Südsee ein Meer ist, das weit weg ist, wo es immer schön warm ist und Palmen wachsen? Den König hätte sie nicht erklären müssen.

    Was wird hier eigentlich alles zusammenkonstruiert, um den „Neger“ durchzukriegen?

    Authentizität und Intellekualität. Alles für die lieben Kleinen.

  26. Bersarin schreibt:

    @ genova
    Gerne können wir nur bei Kinderbüchern bleiben, über die sich bis vor zwei Monaten nur wenige echauffierten. Aber einige der Tugendwächter werden es bei den Kinderbüchern nicht bewenden lassen. Glaub es mir! Morgen debattieren wir darüber, ob Photographien von Helmut Newton in Museen überhaupt noch gezeigt werden dürfen und auch die übrigen von mir genannten Fälle werden Thema. Und was ist mit Bücher wie Ivanhoe, Robinson Crusoe sowie Karl Mays Romanen? Da geht es nicht mehr darum, einzelne Begriffe auszutauschen. Was machen wir mit Szenerien in Kinderbüchern, die jemand oder eine geeignete Anzahl von Menschen für rassistisch hält? Und der Begriff „Südseekönig“ in Pippi Langstrumpf hat nur dann Sinn, wenn man den Kindern zeigt, daß in der Südsee Menschen leben, die eine andere Hautfarbe als die helle oder die weiße haben. Ansonsten denken die Kinder nämlich, der Südseekönig ist so etwas ähnliches wie der König von Schweden.

    Quatsch ist es natürlich, daß bei diesen Dingen das Ende der Literatur drohe. Allerdings weiß ich bei Martensteins Texten nicht immer, wie das genau gemeint ist. Meist bedient er sich der Ironie bzw. der rhetorischen Figur der Übertreibung, um bestimmte, häufig unliebsame Dinge zur Sprache zu bringen. Wobei Martenstein es mit der Übertreibung zuweilen übertreibt. Das hast Du ja in Deinem Text zum Kottbuser Tor richtig dargestellt.

    Zu den übrigen Punkten, die Du nennst, schreibe ich einen separaten Blogartikel.

    @ziggev
    Mir wurde schon sehr früh beigebracht, daß das Wort „Neger“ abwertend sei und daß ich Schwarzer sagen solle. Das tat ich auch. Die Erklärung meiner Eltern habe ich, noch nicht zur Schule gehend, verstanden. Ich habe dann irgendwann Pippi Langstrumpf und Karl May und Blyton und die Kleine Hexe gelesen, ohne daß ich zu einem rassistischen Unhold wurde. [Jetzt kommt natürlich die These, daß wir ja alle Rassismus in uns tragen. Das mag sein.]

    Rassismus und ein rassistisches Weltbild hängen vielfach an den Umständen von Sozialisation und die haben (auch, aber nicht nur) mit ökonomischen Bedingungen zu tun. Die, welche zu kurz kamen, suchen sich, wenn sie nicht an Bildung partizipierten oder intuitiv richtig gestimmt sind, jemanden, dem sie es heimzahlen können. Und die, welche oben sind und ohne Reflexion, verteidigen ihre Privilegien mit Händen und Klauen. (Aber die Untersuchungen zu einem rassistischen oder faschistischen Denken und wie es dazu kommt: die sind komplex und ohne zulässige Verkürzungen auch nicht in einem kurzen Kommentartext abzuhandeln.)

    @summacumlaude
    Dies sehe ich ähnlich. Wobei mich ja mittlerweile mehr die rhetorischen Figuren, die Muster der „Argumentation“ interessieren. Wer bezeichnet wen als was? Und vor allem: wie wird das begründet? Wer hat eigentlich welche Bücher gelesen? In der Welt der Blogs und auch der Face-to-Face-Diskussionen geht es leider häufig so ab, daß die Texte nicht einmal gelesen werden, sondern – vielfach – bloß die Ressentiments und persönliche Einstellungen gepflegt werden.

  27. Bersarin schreibt:

    „Lassen wir die Kinder auch irgendwas über “dumme Fotzen”, “blöde Arschlöcher” etc. lesen. Und über verschlagene Juden.“

    Wenn Du mir die Verlage nennst, wo diese Bücher erschienen sind, die diese Wörter benutzen, so besteht in der Tat Diskussionsbedarf. Ansonsten ist das wohl ein hypothetisches Argument, das alles und nichts besagt. Das Wort Fotze wurde übrigens schon immmer abwertend gebraucht. Für den Begriff „Neger“ standen in den 50er Jahren nur wenige Ausweichbegriffe zur Verfügung. Insofern hatte es einen Grund, daß Preußler dieses Wort schrieb, zumal die Kleine Hexe nun gerade kein rassistisches Buch ist. Oder habe ich darin etwas falsch gelesen? Werden darin Stereotypen von Schwarzen geliefert?

    Übrigens ist auch das kein Grund, diese Bücher umzuschreiben, sondern man sollte vielmehr darüber sprechen und die historischen Kontexte beleuchten. Das ist auch Sechsjährigen zumutbar, denke ich.

    Weiterhin: es steht in der Macht von Eltern, Kindern dann eben andere Bücher vorzulesen als Preußler oder Lindgren. Es gab ja auch Zeiten, da waren Grimmms Märchen verpönt.

    Übrigens: die Kinder holen sich auch die Bücher, die man vor ihnen versteckt – gerade die. Sofern Kinder denn überhaupt noch lesen.

  28. Bersarin schreibt:

    @ georgi
    Du bist zunnächst im Spam-Filter hängengeblieben. Dort schaue ich nicht so regelmäßig hinein.

    Mir ist nicht klar, worauf Du mit Deinem Kommentar nun hinaus willst. Daß die Anthropologie des 18. und 19. Jhds rassistisch ist? Ja, das ist sie zu großen Teilen. Hegel schrieb nicht viel besser über andere Völker. Dies entschuldigt nichts, zeigt aber den Geist dieser Zeit, der bis ins Heute nachwirkt. Gemessen wurde an den eigenen Hervorbringungen, das Andere konnte und durfte nicht als anderes bestehen. Geschichte ist immer westlich-europäische Geschichte. Trotzdem galt Kants Begriff von Freiheit und jener Kategorische Imperativ eben nicht nur für die Westeuropäer, sondern für alle. Kant machte in seiner KdpV nicht die Einschränkung: Only white!

    Dafür, daß die Aufklärung janusköpfig ist, benötige ich allerdings nicht Nadine Lantzsch. Diese Erkenntnis erwuchs mir bereits in den frühen 80er Jahren und weit davor stellten diesen Zusammenhang von Aufklärung, Regression, Mythos sowie der Konstitution westlicher Subjektivität samt ihres Zwanges Adorno und Horkheimer her.

  29. genova68 schreibt:

    „Gerne können wir nur bei Kinderbüchern bleiben, über die sich bis vor zwei Monaten nur wenige echauffierten. Aber einige der Tugendwächter werden es bei den Kinderbüchern nicht bewenden lassen. Glaub es mir! Morgen debattieren wir darüber, ob Photographien von Helmut Newton in Museen überhaupt noch gezeigt werden dürfen und auch die übrigen von mir genannten Fälle werden Thema.“

    Wenn das so sein wird, dann schlage ich mich sofort auf deine Seite. Im Moment sind es nur Kinderbücher. Und dass du mich einfach bittest, dir zu glauben, statt das zu untermauern, wundert mich :-)

    Mit den Schimpfwörtern meinte ich, dass die klar negativ konnotiert sind. Wie Neger. Und zwar heute.

  30. Bersarin schreibt:

    Ich weiß ja, das es so ist, wie ich es in bezug auf diese Mechanismen schrieb. Ich wollte aber auch mal höflich sein und nicht herumpoltern, zumal in dieser Debatte sowieso viel zu heiß diskutiert wird und beständig jeder dem oder der anderen Rassismus oder das Andocken an bestimmte prä- halb- oder ganzfaschistischen Diskurse unterstellt.

    Daß man von Momorulez auch manches lernen konnte, sehe ich ebenso. Er verrennt sich halt nur manchmal.

    Der Begriff „Neger“ ist ein Schimpfwort, darüber sind sich alle, die hier debattieren, sicherlich einig. Und selbst ein vehementer Verteidiger der künstlerischen Autonomie und des einmal geschriebenen Wortes wie A. N.Herbst wird dies nicht bezweifeln. Wenn es um den Austausch eines Wortes in einem Kinderbuch geht, so sehe ich das nicht ganz so dogmatisch, solange dieser Eingriff gekennzeichet oder irgendwie benannt wird. Mir ist’s geich, daran hängt mein Herz nicht. Aber zumeist bleibt es nicht dabei, daß man statt dieses unsäglichen Wortes nun „Schwarzer“ schreibt.

    _________________

    Eigentlich wollte ich die Tage über einen Text zu Luhmanns Konzeption von Liebe schreiben, aber das muß ich nun wohl verschieben.

  31. summacumlaude schreibt:

    In meinem letzten Absatz steht eigentlich schon alles, mehr ist nicht zu sagen. Eine Diskussion, in der andere Meinungen zu einem widersprüchlichen Thema mit massiver moralischer Abwertung konnotiert wird, ist es nicht wert, geführt zu werden. Das gilt für die Wörterpolizei U N D für Fleischhauer.

    Nach dem Vorlesen eines alten Buches kann sich übrigens durchaus eine spannende Diskussion mit den Kleinen ergeben – mit entsprechendem „pädagogischen Ergebnis“. Hier spricht Erfahrung. Mir fällt Lotta aus der Krachmacherstraße ein, die ja ein „Negersklave“ wurde. Die Kinder fragten – und erhielten Antwort. Oder bezüglich althergebrachter Geschlechterrollen: Die hausbackene Anne der fünf Freunde z.B.. Da muss man den Text nun wirklich nicht bereinigen. Dass es solche Mädchen heute nicht mehr gibt, wissen die Kinder. Bleibt entspannt! Lest und lest vor!

    Mit Bersarin bin ich der Meinung, dass es nicht um Textkenntnis geht (dann wäre Preußlers Hexe niemals Gegenstand der Diskussion geworden) sondern um symbolische Akte. Es geht wieder einmal um kostenlose, moralisch gute Taten, für die auch noch Beifall eingeklagt wird. Und auch das gilt für die Wörterpolizei U N D für Herrn Fleischhauer (den ich erst jetzt so richtig wahrnehme; mann der ist ja unangenehm).

  32. Bersarin schreibt:

    „Es geht wieder einmal um kostenlose, moralisch gute Taten, für die auch noch Beifall eingeklagt wird. Und auch das gilt für die Wörterpolizei U N D für Herrn Fleischhauer (den ich erst jetzt so richtig wahrnehme; mann der ist ja unangenehm).“

    Ganz genau. Und dies macht die Angelegenheit so unangenehm und die Diskussion in vielen Blogs (nicht unbedingt hier, bisher zumindest) so schmierig.

    Wesentlich ist, daß es sich auf beiden Seiten um symbolische Akte handelt. Es wird kaum noch diskutiert, sondern Meinungen deklamiert. Es wird nicht mehr analysiert., sondern es entsteht ein Anspringen im Modus des Reiz-Reaktions-Schemas.

    Natürlich geht das Abendland nicht unter, wenn man Schwarzer statt Neger schreibt. Aber es brechen beim Vorlesen von solchen Büchern auch nicht die rassisitschen Dispositive über die Gesellschaft herein. Die sind nämlich sowieso schon da. Beispielsweise in Dessau oder im Abschiebegewahrsam oder bei Polizeikontrollen, die nach Hautfarbe vorgehen. Und für die Büßer und Sünder in uns, die wir alle auch und immer sind („Wir sind alles arme Sünderlein, ’s war immer so, ’s war immer so …“): auch unser eigener Rassismus, den jede/r in sich trägt.

  33. genova68 schreibt:

    Ja, klar, summacumlaude, du armer Kerl bist jetzt moralisch abgewertet worden von mir bösem Polizisten und fängst gleich an zu heulen. Die Kritik der schwarzen Journalistin weiter oben (und vieler anderer) ist dir dagegen wurscht, die soll sich mal nicht so haben, wenn sie abgewertet wird. Hauptsache, du darfst deinen Neger weiter verwenden, der, so lernen wir jetzt, nicht nur aus Gründen der Authentizität und Intellektualität unverzichtbar ist, sondern sogar pädagogisch wertvoll.

    Ich nenne dich übrigens weder pig noch alien noch sonstwie. Und eine moralische Abwertung kann passieren, wenn man auf einem Begriff wie Neger in Kinderbüchern BESTEHT. Aber keine Angst, du wirst meine Kritik überleben.

    Um Würde geht es in der Diskussion in der Tat, aber nicht in erster Linie um deine oder meine.

  34. genova68 schreibt:

    Verstehe: Weil in Dessau ein Schwarzer starb, können wir auch Neger bei Pipi Langstrumpf schreiben. Der Rassismus ist sowieso schon da.

    Mal im Ernst, Leute: So geht das nicht. Denkt bitte nach, bevor ihr euch mit sowas befasst.

  35. Partystein schreibt:

    Bei diesem Thema kann ich endlich einmal uneingeschränkt erklären, dass ich in diesem Fall Textkenntnis über alle der hier angesprochenen Kinderbücher habe:-)

    Ich denke, wenn Frau Schröder Änderungen à la „das Gott“ vornehmen möchte, brauchen wir darüber nicht zu reden, denn absurder geht es jawohl nicht!
    Das in deutschen Kindergärten inzwischen jedoch beispielsweise nicht mehr „Zehn kleine Negerlein“ gesungen wird, empfinde ich als positive Entwicklung! Es ist ja nicht schlimm, wenn man das, was man in der Vergangenheit mal ganz unbedarf übernommen hat, aufs neue hinterfragt. Pauschal wird sich wohl keine Lösung finden lassen, denn es wird immer abzuwägen sein, wo es wichtiger ist, den Originaltext möglichst unverfälscht zu erhalten und wo Textpassagen aus heutiger Sicht einfach nicht mehr zu akzeptieren sind.
    Als mir vor einigen Jahren zufällig die Fünf Freunde wieder in Form eines Hörbuchs in die Hände gekommen waren, welche ich in meiner Kindheit noch ganz gerne und eigentlich vollkommen unbedarf gelesen hatte, war ich entsetzt – In diesem Fall würde ich eine radikale Überarbeitung absolut begrüßen!
    Ob bei Pippi Langstrumpf deren Vater Negerkönig oder Migrationsbeauftragter ist, finde ich für den Verlauf der Geschichte derartig nebensächlich, dass ich sowohl mit einem ironischen Schmunzeln den Negerkönig beim Vorlesen durchgehen lassen-, als auch eine Umbenennung akzeptieren würde.

  36. summacumlaude schreibt:

    Nur soviel genova: Die Diskussion woanders und nun auch durch Dich hier ist längst im Würdelosen angelangt.

  37. Partystein schreibt:

    @ genova68
    Mit deiner Position im Zusammenhang mit der schwarzen Journalistin bin ich absolut d´accord:
    Wenn sich Betroffene beleidigt fühlen wiegt das auch für mein Empfinden schwerer, als wenn nicht Betroffene kein Problem mit solchen Formulierungen haben!

  38. genova68 schreibt:

    komisch, dass sowas immer so entgleisen muss.

  39. ziggev schreibt:

    @ genova, der Erklärung, dass es in der Südsee schön warm ist und so forth, hätte ich ebenso fasziniert zugelauscht.

    Aber ich möchte mich nicht nach einem solchen überlangen daher- und drauflosgeschribenen Kommentar in die falsche Ecke gestellt sehen.

    Ich möchte das N-Wort nicht „durchkriegen“, ich wollte nur kurz erwähnt haben wollen, dass ich dankbar dafür bin, es nie miterlebt haben zu müssen, dass meine Mutter es in den Mund nahm.

    Erklärung, Aufklärung ist ja ohnehin notwendig, die Frage ist nur, wann sich dafür die beste und frühestmögliche Gelegenhiet bietet.

    Aber ok., verstehe, wenn dort das N-Wort stehen würde, dann müsste die Erklärung meiner Mutter in etwa gelautet haben: „Früher stand da Südseekönig, jetzt steht da wieder das Wort, wie es im Original auch geschrieben wurde, um das zu verstehen, muss man wissen, dass Menschen aus Afrika in Schiffe eingezwängt wurden, nach Amerika gefahren und dass die, die diese Tortur überlebten, mit schweren Eisenketten um die Hälse und die Füße die schwerste Arbeit verrichteten mussten, du kannst es Dir gar nicht vorstellen, welche Qualen diese Menschen erleiden mussten und bist dafür einfach noch etwas zu klein.

    Aber diese Erklärung, klein ziggev, klein genova, reicht noch nicht, Du musst jetzt als Kind noch zusätzlich verstehen, dass es eine lange Diskussion darüber gab, ob man dieses Wort überhaupt noch verwenden sollte. Es ist wirklich schlechter Stil, und Du wirst es hoffentlich nie in den Mund nehmen, aber damit ich Dir jetzt erklären kann, worum es geht, um dafür den Anlass zu geben, deshalb steht das wort da jetzt doch wieder. Es haben sich in dieser Diskussion diejenigen durchgesetzt, die fanden, dass die Tatsache dieses Menschheitsverbrechens nicht unter den Tisch gekehrt werden sollte. Deshalb steht hier dieses Wort und deshalb muss ich Dir das jetzt erklären, und finde das auch ganz richtig.“

    Ich will ja nicht überheblich erscheinen, und selbst der Gedanke, dass ich mit der Erweckung eines solchen Anscheins erfolgreich mich gebärden haben sollte, ist schon zuviel süßer Stoff für mein Ego, aber ich glaube, ich hätte meine Mutter verstanden.

    Aber man weiß es nie! Ob nun die Verantwortung ganz bei vorlesenden Eltern belassen werden sollte, ob es nicht vielleicht besser wäre, einige Worte zu eliminieren im Vertrauen darauf, dass Mütterchen und Väterchen schon den richtigen Zeitpunkt finden werden für einige Erklärungen – ich weiß es nicht!

    Nähmen wir an, Lindgren wäre der Anlass, und ich vertraue den meisten Eltern in diesem Lande, unverbesserlicher Optimist, dann wäre die Erklärung einfach, nähmen wir weiterhin an, der „Südseekömig“ hätte sich durchgesetzt, dann wäre die Erklärung der verantwortungsvollen Eltern etwas komplizierter gewesen. Weiter: wenn dort aber hinwiederum schon wieder das N-Wort gestanden hätte, dann hätte die Erklärung der Eltern noch komplizierter sein müssen, aber Kinder haben einen supersicheren Instinkt und sie hätten schon verstanden.

    Letztlich bin ich aber vorerst unentschieden ! Ich wollte im vorigen Kommentar lediglich Zweifel anmelden, ob es die richtige Idee ist, unseren Kleinen eine kompliziertere Idee nach der anderen anzubieten, wenn es sich um die selbstverständlichste Sache auf der Welt handelt.

    Irgendwo haben sie auch ein Recht darauf, zu verstehen, dass es diese Ungerechtigkeit gibt auf der Welt, und wie wir uns diese genau – etwas genauer – zu denken haben!

  40. neumondschein schreibt:

    Würde alle Welt nur „Tom Sawyer“ und „die kleine Hexe“ lesen, niemand wäre Rassist. Rassismus wäre kein Problem. „Neger“ an und für sich ist kein Schimpfwort. Die Vokabeln „blödes Arschloch“ und „dumme Fotze“ kommt nur in Zusammenhängen vor, in denen die so bezeichneten abgewertet werden. Jemanden für blöd und dumm zu halten, ist Abwertung. „Arschloch“ und „Fotze“ ist auch nicht gerade eine Auszeichnung. Eine neutrale Darstellung von Charakteren in literarischen Werken, oder gar eine, mit der sich der Leser identifizieren kann, die „blödes Arschloch“ und „dumme Fotze“ genannt werden, ist sinnwidrig und daher unwahrscheinlich. So werden „blödes Arschloch“ und „dumme Fotze“ erst zu Schimpwörtern.

    Erst der Kontext, in dem dieser Begriff verwendet wird, wertet N… ab, wie er z.B. durch westliche Philosophie hergestellt wird. Von diesem Kontext haben Fünfjährige aber keine Ahnung. Von allein kommt auch niemand zu rassistischen Haltungen. Insbesondere diese Vokabel „Neger“ macht niemanden zum Rassisten. Wenn es also jemanden gibt, dem man etwas erklären müßte, dann wären das nicht die Fünfjährigen, denen man Pippi Langstrumpf vorgelesen hat.

    Für diese „Neger“-Debatten begeistern sich nur Menschen, für die Begriffe offensichtlich keinen Inhalt besitzen.

  41. Bersarin schreibt:

    Solche Debatten laufen deshalb aus dem Ruder, weil entweder Ebenen verwechselt werden, Zusammenhänge verkürzt dargestellt wurden, weil Polemik im Spiel ist, weil Unverständnis im Spiel ist. Die Gründe sind vielfältig.

    Und ich – und ich meine, auch summacumlaude – verteidigten keineswegs jenes unsägliche Wort, sondern wir fragten vielmehr, was es eigentlich nach sich zöge, einen historisch nun einmal so geschriebenen Text zu verändern. Wie ich schon schrieb: es bleibt nicht bei diesem einen Wort. Und weiterhin. Kinder sind nicht so dumm wie Erwachsene manchmal glauben. Sie stellen Fragen.

  42. summacumlaude schreibt:

    Vielen Dank für Deine wohlgesetzten Worte und Deinen neuen Essay. Ich hoffe, die Wogen sind geglättet.
    Übersieht man die Chronologie der Kommentare noch einmal, dann haben annähernd zeitgleich sowohl Du, als auch ziggev und ich in unterschiedlichen Worten aber inhaltlich durchaus ähnlich vor einer Eskalation der Argumente gewarnt. Und doch kam es so. Beinahe wäre auch hier, wo doch die Sprache zählt und nicht das unterstellende Niederbrüllen des Anderen, die Diskussion aus dem Ruder gelaufen. Genovas „komisch, dass sowas immer so entgleisen muss“ nehme ich mal als seine Selbstkritik, denn zur Entgleisung hat hier sonst niemand beigetragen.

    Für mich neu waren einige Herren Opinionleader, die ich erst so recht durch dieses Blograuschen kennen gelernt habe, allen voran Herr Fleischhauer! Fast kann man genovas Gereiztheit verstehen, wenn man die enthemmt-aggressiven Kommentare dieses Herren liest. Damit will ich mich nicht gemein machen. In dem schrägen Kopf dieses Herren existiert ein unsichtbares Joch, dessen Namen political correctness ist und das allen vorurteilsfreien Menschen umgehängt wird, die sich öffentlich äußern wollen. Nun ist offenbar unser Herr Fleischhauer von der Vorsehung dazu berufen worden, dieses Joch abzustreifen. Selbstverständlich gegen massive Widerstände, denn die Bösenlinkengutmenschen (das schreibt man zusammen) geben keinen Zentimeter preis. Wenn man den mausgroßen Gegner zum Elefanten erklärt, wird man selbst ein Herkules – das steckt wohl dahinter.
    Wie gesagt: Angesichts dieses Mainstreamwinners, der sich selbst zum outlaw erklärt (unbequem ist stehts genehm), kann ich genovas Gereiztheit schon gut verstehen.

    Nur genova: Bersarins und mein Ansatzpunkte waren ganz woanders! Wir plädieren für einen entspannten Umgang mit alten Texten und stellten weiterhin fest, dass bei einigen Texten eine möglichweise gut gemeinte Bereinigung eben nicht gut ist, weil der Sinn entstellt wird. Tom Sawyer wäre zu nennen auch J. Conrad („Der Nigger auf der Narcissus“). Der Rest steht in Bersarins neuem Essay.

  43. genova68 schreibt:

    Ich habe gestern noch mit ein paar Leuten über das Thema geredet, die waren sich auch nicht schlüssig.

    Ja, es war auch Selbstkritik. Mir ging es, wie gesagt, ausschließlich um Schröders Äußerungen und die Kritik an ihr, die eine rechtsbürgerliche ist: Zensur und Untergang des Abendlandes.

    Andererseits halte das critical-whiteness-Ding insofern für interessant, weil es einen stolpern lässt über einen Satz wie: „Wir plädieren für einen entspannten Umgang mit alten Texten“. Weil das beinhaltet, dass die, die darin diskriminiert werden, sich nicht so anstellen sollen. Entspannt sind dann nur die, die eh immer schon die Nase vorn hatten.

    Es ist dieser Perspektivwechsel, den ich da interessant finde, ohne zu behaupten, ich hätte für irgendwas eine Lösung. Aber es ist ein anderer Blick, und der ist für beide Seiten gut. Ich finde das für mich auch deshalb interessant, weil mir political correctness eigentlich total auf den Sack geht. Ein kleines Selbstkorrektiv sozusagen.

  44. genova68 schreibt:

    Ja, summacumlaude, die Fleischhauers sind bei sowas auch sofort da und da wird es eben komplett verlogen. In die Ecke wollte ich dich keinesfalls stellen. Mir fehlt sicher manchmal die Gelassenheit bei solchen Diskussionen, wobei ich Streit in solchen politischen Zusammenhängen eigentlich ganz lustig und erfrischend finde.

  45. hf99 schreibt:

    also, da werde ich denn wohl doch noch mal ranmüssen. Demnächst in meinem Theater. Hier schon mal vorweg:

    „(…)

    Hüben die aberwitzigen Suaden eines Fleischhaer oder eines Peter Hahne (man lese auch die Kommentare; da grausts einem), drüben die elende Rassismusriecherei („Alles Votzen außer Mutti, alles Rassisten außer mir“). Solch ungutes Hin- und Hergezappel der Begriffe hinterläßt mich seit eh kopfschüttelnd. Ein solcher Streit zwischen geistiger Not und intellektuellem Elend eröffnet nichts, bedeutet nichts, klärt nichts. Zwei Meinungsblöcke rasen aufeinander zu, vollführen einen vollelastischen Stoß und rollen in ihre Ausgangsposition zurück. Hinterher glaubt alle Welt, es sei etwas passiert. Als gutes Antidot erweist sich seit eh die kühle Analyse. Ihr fehlt zwar die „schlichte Kraft der wärmenden Liebe“, also das, was auch Thomas Manns „Doktor Faustus“ ermangelt haben soll. Dafür sorgt sie immerhin für Standards.

    (…)“

  46. Bersarin schreibt:

    @ genova
    Ich habe im Moment eine sehr friedfertige Phase, bin wenig polemisch, weil ich alle meine Kraft für die Streits und Dispute mit einer der schönsten und aufregendsten Frauen aufbiete, damit ich ihr gewachsen bin. Ich will ja nicht auf Kleist herumreiten: aber Penthesilea und Achill haben sich nach über 2500 Jahren wiedergefunden. Vielleicht.

  47. genova68 schreibt:

    Viel Erfolg.

  48. Pingback: “Der Mohr steht für unser Bier” | Exportabel

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