Unendliche Verweisung: Text auf Text

Ein Zeichen sind wir, deutungslos,
Schmerzlos sind wir und haben fast
Die Sprache in der Fremde verloren.
(F. Hölderlin, Mnemosyne)

Ja, so sieht es aus! Wir glaubten uns (selbst-)durchsichtig und wähnten uns intakt. So ist es aber nicht. Die (Selbst-)Hermeneutik des Subjekts funktioniert nicht oder doch nur begrenzt in der Reichweite, und die Anamnese der Psychoanalyse – als jener Versuch konzipiert, des Ichs (therapeutisch) habhaft zu werden – mißlingt, weil das Begehren nach dem festen Punkt, nach der fixierten sowie still gestellten Struktur ins Leere laufen muß.

Zeichen sind – auch wenn sie unmittelbar nicht als Zeichenschrift abgefaßt sind, wie z. B, Bilder – eine Art von Schrift, die immer auch unlesbar bleiben kann; die ins Leere läuft. Ob Hölderlin diese Deutungslosigkeit (und mit diesem Mangel an Deutung korrespondierend: jene Schmerzlosigkeit) aus geschichtsphilosophischen Gründen nun beklagt oder aber als aphasisches Moment gutheißt, sei dahingestellt. Im Rahmen seines Hyperion-Romans liegt der Schluß nahe, daß es sich bei diesen Zeilen um eine Elegie handelt: Als der revolutionäre Moment versäumt ward. Es bleiben die Trümmerberge einer ins Ich gesenkten Erinnerung. Es bleibt: ein Gedicht als Bruchstück und Teil von Zeit. Hölderlins Hyperionroman-Fragmente sind mit Walter Benjamins Geschichtsphilosophischen Thesen zusammenzulesen.

Ein Text ist ein Text ist ein Text ist ein Text. Mehr nicht. Jeder Text löst sich von seinem Autor ab. Die Autorin, der Autor sind singulär. Ein Text ist kein singuläres Ereignis, das für sich steht, sondern er verweist auf andere Texte, mit denen er korrespondiert, von denen er sich herschrieb. Texte sind nicht an den Augenblick, den Moment gebunden, sondern sie lösen sich ab, sie koppeln sich an kein Geschlecht, der ekstatische bejahende Monolog der Molly Bloom als Kulmination des Ulysses, als Wahrheit des Odysseus, als unendliches Ja zur Lust und zur aufgehobenen Ökonomie (worin der Begriff des oikos, des Haushalts steckt), hätte ebenso von einer Frau geschrieben sein können, wie der Todesarten-Zyklus Bachmanns von einem Mann. Nietzsche schrieb als Frau und der „Zarathustra“ oder die „Fröhliche Wissenschaft“ zeigen, daß die Wahrheit in einem nicht-metaphysischen, perspektivischen Sinne weiblich ist. Die Stile und die Maskeraden Nietzsches, der nichtidentitär schrieb. Masculin – Feminin. Der weibliche Blick, der männliche Blick sind zwar einerseits den Konditionierungen und dem gesellschaftlichen Moment geschuldet. Sie fallen zugleich aber zufällig aus. Und in der Literatur besitzt dieser Blick keinerlei Bedeutung, weil er sich in ein Gefüge von Fiktionalisierungen einschreibt. Niemand weiß, wer diesen Text hier schrieb: ein Ich, ein Mann, eine Frau? Habe ich jemand anderen schreiben lassen?

Wer sich (als Subjekt) mit einem Text auseinandersetzt, diesen Text liest und dazu sich Gedanken macht, wie man umgangssprachlich so nett sagt, der webt anfangsstadiumsgleich bereits an einem Text mit, und wenn die Angelegenheit tiefer geht, dann wird in weiterer Text produziert, der sich auf einen anderen Text bezieht.

Derrida beschrieb es im Rahmen seiner Rousseau-Lektüre in der „Grammatologie“ so: Es gibt kein Draußen zum Text, was für Derrida die Abwesenheit des Referenten oder des transzendentalen Signifikats bedeutet. Die natürliche Präsenz (von Vorstellungen, von Bewußtseinsinhalten) besitzt einen phantasmagorischen Charakter. (Im Sinne einer post-analytischen Sprachphilosophisch stellt dieser Befund sicherlich keine Neuigkeit dar.) „Den Namen von Autoren und Lehrmeinungen kommt hier keinerlei substantielle Bedeutung zu. Sie indizieren weder Identitäten noch Ursachen. Man würde es sich zu leicht machen, wenn man annähme, daß ‚Descartes‘, ‚Leibniz‘, ‚Rousseau‘, ‚Hegel‘ usw. Autorennamen sind, also die Namen der Urheber von Bewegungen oder Verschiebungen, die damit bezeichnet würden.“ (J. Derrida, Grammatologie)

Im Namen eines adamitischen Namens- und Benennungszaubers klammern wir uns an die (Eigen-)Namen.

Die Wahrheit des Textes ist der Text. Es gibt freilich keinen Text an sich. Der Text ist kein Zentrum, er besitzt kein Zentrum. Er führt einen Wahrheitskern mit sich, der an eine (bestimmte) Zeit, an einen Zeitkern gebunden ist. Jeder Text unterliegt den Verschiebungen.

Text heißt Gewebe; aber während man dieses Gewebe bisher immer als ein Produkt, einen fertigen Schleier aufgefaßt hat, hinter dem sich, mehr oder weniger verborgen, der Sinn (die Wahrheit) aufhält, betonen wir jetzt bei dem Gewebe die generative Vorstellung, daß der Text durch ein ständiges Flechten entsteht und sich selber bearbeitet; in diesem Gewebe – dieser Textur – verloren, löst sich das Subjekt auf wie eine Spinne, die selbst in die konstruktiven Sekretionen ihres Netzes aufginge.“ (Roland Barthes, Die Lust am Text)

Es gibt Leerstellen, es existiert jener „glühende Leertext“ (P. Celan), der sich selbst undurchsichtig ist, wo die Kohärenzen des Sinns aufbrechen. Und was all diese kommunikativen Momente betrifft, so zeigt sich einmal wieder, wie viel Unheil Gadamer, die Hermeneutik und Habermas angerichtet haben. Das führt dann – etwas übespitzt geschrieben – hin bis zu Textcoachs, zu Schreibseminaren und zu Kommunikationstrainern, wenn Text der Verständigung dienen sollen. Aber damit machen wir Texte bloß verfügbar. Was folgt demnächst? Der textuelle Streichelzoo? Texte zum Anfassen und Wohlfühlen? Der Text für Dich und mich, Texte für jede Jahreszeit und jeden Zustand? Im Feld der Selbstoptimierung formulieren wir es so: Ich schreibe also bin ich. Kann man alles so machen. Muß man aber nicht, wenn ein bestimmter Standard gehalten werden soll. Wer als Frau oder als Mann schreibt und sich auf eine Position kapriziert, hat von Anfang an verloren. Sich von seiner Subjektivität herzuschreiben, heißt aber von Anfang an: Alle Posten und Positionierungen durchzustreichen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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18 Antworten zu Unendliche Verweisung: Text auf Text

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  2. hf99 schreibt:

    Das Mnemosyne-Zitat stammt aus der zweiten Fassung; in der dritten kommt es nicht mehr vor, jedenfalls wörtlich nicht. Hölderlin hat es also versteckt. zentrale Frage bei (Die Nymphe)Mnemosyne ist die nach der Rolle des Gedächtnisses, wie Du natürlich weißt: Ist das Gedächtnis – Negativ? Ambivalent? Positiv? – zu werten? Was ist da deutungslos? Ein zeichen (Singular!), und somit wir (Plural), das zeichen spaltet sich ab von uns. Durch das Deutungslose – so kann man das vielleicht lesen – werden wir schmerzlos, fast sprachlos(„Sprachlos und kalt“).
    Wollte schon vor Monaten über Mnemosyne schreiben, doch fügt sich mir da nichts. Besonders die Schlußzeile bleibt offen, soll es vielleicht. ist Trauer oder ihr Fehlen verwerflich? WEM gleich „fehlet die Trauer“? Wenn einer nicht sich zusammengenommen, oder wenn einer das doch muss? Wer hilft?

  3. ziggev schreibt:

    @ hf99 – ich habe das Mnemosyne-Zitat freilich lediglich mit ner Art ‚Hölderlin/Hyperion „Feeling“‚ – oder die Erinnerung an damals – gelesen. Jetzt lese ich aber anregende Bemerkungen von Dir. Interessant. (Helfen kann ich da sicherlich – und erst recht jetzt nicht – kaum.)

    @ bersarin – oh, schön! Unheil, Gadamer, Hermeneutik und Habermas U-h-G-H-u-H (!!)

    „Textur“ habe ich immer als die Oberfläche verstanden, als die besondere Qualität, die sich daraus ergibt, dass zumindest in zwei unterschiedliche Richtungen sich eine nicht übersehbare Kette von Verweisen erstreckt, wie sich in einem Gewebe Knotenpunkte und Muster auf einander beziehen können. Und natürlich, zumindest wenn es sich um Sprache handelt, kommen auch noch zu dieser anscheinenden Fläche windschiefe, parallele, quer- senkrecht- und schrägstehende, infinitesimale, Schnitte in verschiedene Richtungen, kurz, sich auf der zweidimensionalen bewegende, in die Tiefe und aus ihm hinausweisende Dimensionen hinzu, oder auch zeitliche, d.h. lineare, welche des Vor und Zurücks, und damit Überschneidungen, Punkte, die in allen diesen Dimensionen auf einander verweisen. Und es gibt natürlich noch die der sich womöglich abnutzenden Flächen, Durchscheinendes, Risse, Cuts und Brandspuren, Palimpsestartiges, die Überreste eines kleinen Schreibtischbrandes, wenn ich mit den Augen oder dem Finger über die Seiten streiche (jeder hat sein Streichelzoo, war das so gemeint?). Nur diese Mehrdimensionalität, die sich immer nur unentwegt in Sukzession bildet und weiterspinnt, wäre gar nicht möglich ohne dieses Subjekt. Daher wäre es sinnlos, hier von einem Subjekt des Draußen zu sprechen, denn es selbst ist ja eine dieser Dimensionen. Das Subjekt selber ist ja eine Klasse der Dimensionen und unendlichen Bezügen, wie soll es sich dann in den Text „ganz verlieren“, restlos in ihm „aufgehen“, selber zum Gespinst werden, sodass es „nur noch den Text“ gebe?

    Eine Qualität scheint mir doch eher an 1 Art Dimensionalität gebunden zu sein, die und sie selbst mir aber durchaus auch an sich ohne Subjekt denkbar zu sein scheint. Auch wenn das Subjekt(die Spinne) aus bestimmter Perspektive sich irgendwann selber spinnt, muss es dann nicht notwendig nur noch das Gespinst, das Gewebe, das Netz geben, in welchem sie aufgegangen ist. Ich will jetzt nicht behaupten, dass es notwendig ein Subjekt geben muss, das wäre mir auch zu simpel und just for the argument fast willkürlich daherbehauptet. Sieht mir nach einem unendlichem Regress aus. Kann ich aber im Moment ganz gut mit leben.

  4. Bersarin schreibt:

    @Hartmut
    Hölderlins Text (hier: Mnemosyne) zu deuten, scheint mir schwierig. Der Text selbst entzieht sich – einerseits – der Deutung, streicht sie durch, so wie Hölderlin seine Gedichte teils durchstrich und immer wieder überschrieb, daß sie fast schon etwas von der Struktur eines Palimpsests haben. Hölderlins Lyrik ist prozeßhaft und nicht abgeschlossen. Von einigen Gedichten gibt es gleich mehrere Fassungen, und gut kann man dieses Nicht-Abschlußhafte in der historisch-kritischen Ausgabe im Stroemfeld Verlag sehen, wo die Fassungen präsentiert werden. Und immer wieder variiere bestimmte Themen, Motive und Metaphern in seinen Gedichten.

    Andererseits will der Text Hölderlins gedeutet werden und die Anordnung, in den ich diesen Anfang der Mnemosyne stellte, wirft im Rahmen der Hölderlin-Lektüre zumindest ein Licht. Richtig ist der Hinweis von ziggev auf den Hyperion. Das sehe ich ebenfalls so, und insbesondere im Hinblick auf das Griechentum, das sich im Kontext Hölderlins auch als eine revolutionäre Poetik lesen läßt – anders als Heideggers ontologische seinsgeschichtliche Deutung, die ich nicht ganz beiseite schieben möchte, aber sie sollte doch um die Sicht von Georg Lukács‘ Aufsatz von 1934 zum Hyperion und durch Adornos Parataxisessay ergänzt werden. Den griechischen Ortsnamen korrespondiert ein Atlas der schwäbischen. Die Donau, in der Antike als Isther bezeichnet. Mithin: wir haben einen geschichtsphiloosphisch aufgeladenen Hölderlin. So auch in diesem Gedicht: „Es ereignet sich aber das Wahre.“ Wenn man es im Sinne einer autopoietischen Theorie und als Selbstreferenz lesen möchte, dann ist es das Gedicht selber, in dem es sich ereignet. Also: als Prozeßhaftes, das sich in der Zeit entfaltet.

    … Lang ist
    Die Zeit, es ereignet sich aber
    Das Wahre.

    Allein die Zeit ist kurz. Angesichts der Komplexität eines Hölderlin-Gedichts scheint mir eine Lektüre in einem doch eher flüchtigen Kommentar schwierig, zumal man die anderen beiden Fassungen mit der abweichenden ersten Strophe und wohl auch die Umschriften der Mnemosyne mit hinzuziehen müßte. (Weiter auszugreifen, ergäbe dann wohl eine Habilitation) Zumindest scheinen Zeit, Erinnerung, Fremdes und Eigenes sowie Gedächtnis.

  5. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Nein, mit dem Streichelzoo war nicht das Streicheln der Seiten gemeint, sondern das intendierte eine Kritik am behaglichen Textkuscheln.

    Sehr schön gefällt mir als alter Kabbalist und Home de Lettre Deine Anordnung der Buchstaben:U-h-G-H-u-H

    Daß Texte schreibende, lesende Subjekte oder auch: Menschen in bestimmen Situationen, Stimmungen, lebensweltlichen Bezügen voraussetzen, sollte klar sein. Texte können keine Texte lesen und schreiben. Das ist eine eher triviale Erkenntnis. Aber Texte sind irgendwann durchaus noch vorhanden, verbleiben, auch wenn ihr Autor nicht mehr da ist. Dann nämlich (und im Grunde auch schon vorher) haben wir nur noch: Text. (Den sprachphilosophischen Bezug, den Derrida auftut, daß es kein Draußen zur Sprache gibt, lasse ich hier mal außenn vor: das ergäbe noch mal eine andere Baustelle.)

    Der Text ist nicht das Eigentum eines Autors. (Achtung: dies ist kein Plädoyer gegen das Urheberrecht. Ganz im Gegenteil, vom Open Access halte ich nicht viel.) Er unterliegt der Lektüre, der Umschrift. Er verselbständigt sich. Kants Erfahrungen in Königsberg sind für die KdrV unerheblich. Die Lektüre von Kafkas „Prozeß“ benötigt kein biographisches Wissen, und aus diesem Grunde habe ich die Kafka-Kommentare von H. Binder so sehr verabscheut, weil das eine furchtbare Form des Literaturpositivismus darstellt: Da hat Kafka 1912 in Prag auf dem Klo gesessen, wurde beim Scheißen gestört und deshalb kommt das in jener Szene im Schloß dann so und so vor. Alles haarklein nachgewiesen. Das mag allenfalls als Hilfsmittel taugen. Allerdings frage ich mich: Als Hilfsmittel wozu?

    Wenn ich über das Subjekt und als Subjekt schreibe, so bin ich bereits in eine textuelle Praktik eingebunden, ich verfertige Texte, egal wie erfahrungsgesättigt diese sein mögen. In der unendlichen Bibliothek kommen keine Subjekte vor, da stehen Texte.

    „Ich möchte den Begriff ‚ich‘ nicht mehr hören!“, so hätte dieser Beitrag zum Wesen des Textes eigentlich heißen sollen.

  6. summacumlaude schreibt:

    Alabanda:
    „..wir töten im Rausch die Zeit.“
    Und schreiben Texte, denn auch Texte töten Zeit. Aber kann im Rausch, im Text die befreiende Revolution gelingen? Die Befreiung von der Zeit und ihren Bedingtheiten? Der kalte Diagnostiker in mir wird das verneinen.
    Nun, genau solche befreienden Texte schrieb Hölderlin und er hätte für skeptische Diagnostiker, wie ich es bin, nur Verachtung übrig.
    Immerhin: Meine zweite Hyperion-Lesung im letzten Jahr haben auch mich zu synthetischen Höhenflügen über die krallenden Wurzeln der Zeitbedingtheit hinweg gehoben, glaube ich meinen damaligen TaBu-Aufzeichnungen. Solche Leseerfahrungen/Texterfahrungen sind es, die verhindern, dass am Ende nur das durchreflektierte Arschloch herauskommt.

    Der kalte Diagnostiker hat zwar nicht immer Recht, immerhin das letzte Wort: Wer die Zeit tötet, tötet auch die Erinnerung, das Gedächtnis. Und so hoch und weit Hölderlin auch trägt, kann es einen Text ohne Gedächtnis, ohne Zeitbezug geben? Sicherlich gerinnt die Zeit in einem guten Text, „bleibt stehen“, aber ohne einen Bezug zur Zeit und den Zeitformen kann es wohl doch keine Texte geben. Aber das ist gänzlich improvisiert.

  7. FrauWunder schreibt:

    Ein Text ist ein Text, ist ein Text. Ist das so oder ist es nicht vielmehr so, dass in der seriellen Monotonie Ihrer Phrase, diese sich selber ad absurdum führt?

    Ein Text ist ein Text, ist ein Text(Fragezeichen) Ich habe dies schon immer so verstanden, dass hier Fragen aufgeworfen werden und keine billigen Antworten geliefert. Wäre es anders hieße es, frei nach Meister Yoda; Ein Text, ein Text ist(Punkt)

    Eine unendliche Verweisung auf andere Texte, natürlich auf die Bewussten und die Unterbewussten. Natürlich auf die Texte mit denen wir uns scheinbar auseinander setzen und auf die, die unausgesprochen, unausgegoren in unserm (ja gefühligen Inneren lauern und doch, ob wir es wollen oder nicht aus uns heraustropfen und oft zwischen den sichtbaren Worten erkennbar werden und die vollgesogen sind von den sauren Lebenssäften des Subjekts…JA. Klingt eklig ist aber so. Nein es gibt keinen Text an sich und Text verweist über mehr als nur zeitliche Bezüge hinaus…..

    So hat man, ob man dies möchte oder nicht, beim Lesen Ihrer Texte ein Bild des Bersarin im Kopf, dies speist sich aus ihren Aussagen; Ihren Wiederholungen; Ihren Auslassungen; Ihren Vorlieben und Abneigungen; Ihren Schmähungen, häufig und den Idealisierungen, den seltenen; Ihren Verweisen auf andere Texte. Nicht einmal zwischen den Zeilen, sondern ganz offen liest man bei Ihnen viel über Gefühle im Streichelzoo, für jedermann zum liebhaben, wobei Jedermann hier wohl das entscheidenden Wort ist, viel vom Verstand, dem glorreichen, der glaubt er könnte seinen älteren wilden Bruder das Gefühl an der Kette spazieren führen. Häufig ach so häufig liest man vom Subjekt, dem windelweichen Bruder. Man liest über größtmögliche Distanzen aus Hotels am Abgrund, über damit verbundene Fallhöhen. Man fühlt sich in Ihrem Blog wahrlich nicht wie im Streichelzoo, sicher wäre Ihnen ein Schlossgarten lieber, ein großer, elitärer mit vielen Pfauen….

    Um es kurz zusammen zu fassen und auf andere Texte zu verweisen:
    „ Ich bin ein Neutrum mit Bedeutung, ich habe mehr als 1000 Seiten, ich bin ein ganzer Ozean, im Rhythmus der Gezeiten biete ich dir meine Liebe an…“

  8. alterbolschewik schreibt:

    Ich (hier haben wir schon das hartnäckige Subjekt) glaube, daß die ausschließliche Alternative Autor – Text selbst eine falsche ist. Das mag an der unterschiedlichen Sorte von Texten liegen, die wir präferieren. Meine politische Lektüre von Texten fragt in der Tat immer nach einem Außen des Textes – will ihn aber nicht im Autor als dem Ursprung des Textes finden. Ins Blaue geredet (die Hyperion-Lektüre ist zu lange her): Das Außen des Hyperion-Textes ist nicht der Autor, es ist die französische Revolution. Es ist dieses Allgemeine, das sich, durch die Person des Autors vermittelt, dem Text einschreibt. Text verweist nicht nur auf Text (das ohne Zweifel auch), er verweist auf Geschichte, erlebte Geschichte. Was Hegel mit der Metapher des „Weltgeistes“ umschrieb, der das Besondere braucht, um sich zu realisieren, das waltet auch in den Texten. Wenn in den Texten nichts Allgemeines – das über die Verweise auf andere Texte hinausginge – zum Ausdruck käme, wären sie es nicht wert, gelesen zu werden.

  9. Bersarin schreibt:

    @ summacumlaude
    Der Text ist Gedächtnis und Zeitbezug. Auf alle Fälle. Und es ist den Lesenden (also: empirischen Subjekten, die irgendwo an einem Ort X sitzen und lesen) aufgegeben, diese Bezüge zu dechiffrieren und in eine lesbare Anordnung zu bringen. Texte erheischen neue Texte.

    Der Außenbezug: Überspitzt kann man sagen, daß uns auch die Französische Revolution nur noch durch Texte und damit als eine Weise von Text zugänglich ist. Die letzten Zeitzeugen sind ja bereits verstorben.

    Ein Text ist an einen Zeitkern gebunden, in dem sich seine Wahrheit entfaltet. Keinesfalls ist ein Text zeitlos. Es gibt Texte, die wurden zu früh geschrieben. Es gibt Prosa, die im Augenblick ihres Entstehens nicht recht verstanden und gelesen werden konnte und womöglich erst zwanzig Jahre später zeigt sich darin ihr Wesen.

    Interessant daß Du letztes Jahr den Hyperion last. Ich hielt in Weimar in der ACC-Galerie im Rahmen der Reihe „Kunst Spektakel Revolution“ und in Hamburg im „Golem“ einen kleinen Vortrag zu Hölderlins Hyperion, der Sicht Lukács‘ darauf und sozusagen als Lukács-Korrektiv: der Parataxis-Essay von Adorno.

    Das revolutionäre Moment: Wieweit ist es an die Tathandlung gebunden und was resultiert daraus? Büchner gab in seinem „Danton“ darauf die passende Antwort und bereits der Hyperion in der Figur des Alabanda verweist auf das Verhängnis der Tathandlung. (Fichte-Bezug, natürlich.) Vom plündernden Volk dann mal ganz abgesehen. Der Hyperion ist vielfältig: Utopie und Dystopie in einem.

    @Frau Wunder
    Ja, das Serielle (der Monotonie) zeigt (auch) auf den Zusammenhang unendlicher Verweisung. Deswegen brachte ich in Korrespondenz dazu ebenso das Barthes-Zitat vom Gewebe, und ich spielte sprachphilosophisch ebenfalls ein wenig auf Gertrude Stein an. [Überhaupt ist dieser Text voll von Anspielungen und er verweist auf anderes, beim Titel angefangen. Und dies zeigt: kein Text ist vollständig lesbar.]

    Texte sind vielfältig in ihrer Gestalt, und sie werfen Fragen auf. Auch selbstreferentiell: was ist das? – ein Text?

    Und wenn alle die, welche nach ihrer langweiligen, normalen oder spannenden Subjektivität so süchtig sind, unter der kalten Erde begrabe liegen, weil sie starben, kann es sein, daß diese Dialoge hier bestehen bleiben werden. Und irgendein Ethnologe oder eine Ethnologin müssen die Texte deuten. Neben den mündliche Auslassungen und den Diskussionen, die der Ethnologie und die Ethnologin bei zwei Flaschen Wein führen, werden sie dies wesentlich in Texten tun. Die Schriftlichkeit der Sprache. Die Verdrängung der Schrift zugunsten einer reinen, erfüllten Präsenz, eines Subjekts, das da sei, diese Anwesenheit als Bei-sich-sein jedoch ist immer chimärenhaft und bleibt ein Trug oder wenigstes: ein Moment, der durch anderes supplementiert ist. (Ist eine These von Derrida, nicht von mir.)

    Ich habe auch nicht geschrieben, daß es einen Text an sich gäbe. Es gibt spezielle Texte, Texte, die im Lichte eines einzelnen Daseins, aus Situationen heraus geschrieben werden. Wer wollte das bestreiten. Es existieren zudem unterschiedlichste Textsorten. Texte können mit allem möglichen gesättigt sein, auch das bestreite ich nicht, und über den basalen Sachverhalt, daß Texte von Menschen gelesen werden, brauchen wir nicht zu debattieren. Da sind sogar Sie und ich uns einige, was ja selten ist. Aber das Subjekt ist am Ende des Prozesses nicht von Bedeutung, sondern es wandert mit allen seinen Regungen in diesen und in andere Texte ein. Es bleibt der Text selbst und seine Positionierung in bestimmten Diskursen, die zumeist ebenfalls sich wesentlich aus Texten zusammensetzen. Bibel, Illias und Odysse, Gilgamesch-Epos oder Tausendundeinenacht-Geschichten kommen gut ohne Subjekte und das Ewig-Menschelnde aus. Und wer in hundert Jahren diesen Blog findet, der weiß nichts von einer Frau Wunder und einem Herrn Bersarin, der ja zudem eine Kunstfigur ist, etwas Erfundenes. Die einen sehen in ihm einen Lackaffenblogger, die anderen einen Pfau, wieder andere einen klugen und anregenden Mann.

    Wir haben nur Sprache. Das ist die Quintessenz meines Textes. Und um es nun auch noch auf die Spitze zu treiben: Was wir nicht in Sprache und Bilder bringen können, das fühlen wir auch nicht. Es gibt kein reines Denken, kein reines Empfinden und die Seligkeit der Gefühle. Sie sind sprachlich vermittelt und gut tut, wer dies zum Ausdruck bringen kann. So wie es jener schöne Text macht, mit dem Sie ihre Antwort beendeten.

    @Alterbolschewik
    Das ist einerseits richtig. Genau so lese ich Texte ebenfalls. In Subjekten, in bestimmten Äußerungen vermittelt sich ein Allgemeines, eine gesellschaftliche Tendenz, Diskurse. Wer sagt oder schreibt: „Ich liebe Dich!“, der macht dies nicht nur frei nach der Leber, sondern Schreiberin/Schreiber befinden sich in einem allgemeinen Verhältnis. Ohne ein bestimmtes Dispositiv der Liebe, das sich in einer westlich-kapitalistischen Gesellschaft entwickelt hat, wäre dieser Satz in dieser Bedeutung so nicht möglich. Und so steht die sprachliche oder wenn es ein Brief ist, die textlich überlieferte Liebesbekundung in einem bestimmten Rahmen. Auch ich suche nach diesen Rahmen, versuche, die Bedingungen der Möglichkeit von Diskursen, von bestimmten Gesellschaftsformationen zu untersuchen.

    Texte verweisen nicht auf Subjekte, selbst wenn es sich um eine Biographie über Goethe oder Napoleon handelt, sondern auf strukturale Zusammenhänge und damit: auf Geschichte, sie stehen mit einem Allgemeinen in Verbindung. Keine subjektive Regung wäre ohne dieses Allgemeine aussagbar, sie bliebe dann nämlich unverständlich, eine Privatsprache ist unverständlich, Texte, Sätze, Sprachspiele als Lebensformen verfügen über gemeinsame, geteilte Regeln. (Hier sind wir nahe bei Wittgenstein und Derrida.)

    Im Hinblick auf dieses (gesellschaftliche) Allgemeine lese auch ich und den Hyperion interpretiere ich ebenso in solcher Optik. Wenngleich darin – neben dem Moment der Revolution – noch andere Dimensionen, wie etwa die der unendlichen Liebe und des Opfers, mitschwingen.

    Zum Hyperion fällt mir ein, daß ich Dir noch meinen Vortragstext schicken wollte. Ich muß den nur noch ein wenig überarbeiten. Bis Ende März wird der dann fertig sein, und dann sende ich Dir eine Fassung. Vielleicht mache ich auch einen Blogtext daraus.

  10. FrauWunder schreibt:

    „Und wenn alle die, welche nach ihrer langweiligen, normalen oder spannenden Subjektivität so süchtig sind, unter der kalten Erde begrabe liegen, weil sie starben, kann es sein, daß diese Dialoge hier bestehen bleiben werden. Und irgendein Ethnologe oder eine Ethnologin müssen die Texte deuten.“

    Müssen?
    Wenn es tangiert, betrifft, auf subjektive Art und Weise irgendwie erregt; JA dann könnten sogar die Nachfahren einer FrauWunder tatsächlich auf den Gedanken kommen sich mit Texten des Bersarin auseinanderzusetzen. Es wäre möglich, dass daraus neue Texte entstehen, die auf Ihre verweisen, es wäre auch möglich dass dadurch ihre Texte einer größeren Bedeutung zugeführt würden, als es Ihnen im Heute vergönnt zu seien scheint. Es wäre darüber hinaus möglich, das diese Nachfahren der FrauWunder durchaus geistreiche und witzige Element auf der Pfaueninsel des Bersarin entdecken würden. Es würde ihnen auch nicht verborgen bleiben mit welcher Art von Persönlichkeit sie durch das Lesen der Texte konfrontiert wären. Sie würden sicherlich erkennen; das es Unsinn ist das Fühlen an die Sprache zu koppeln. Es wäre möglich dass sie wie ihre Ahnin, die FrauWunder eine Aussage wie; „Was wir nicht in Sprache und Bilder bringen können, das fühlen wir auch nicht.“ für völlig abstrus hielten. Sie würden Vermutungen darüber anstellen warum jemand mit Verstand und Geist gesegnet, zu einer solchen Fehlwahrnehmung kommen kann. Wenn die Texte des Bersarin gute Texte sind, im Sinne von den Bleibenden, dann hätten diese Texte möglicherweis auch für die Nachfahren einer FrauWunder eine erkennbare Bedeutung über bloße Zeichen und Wunder hinaus.

    Ja, mein lieber Bersarin, wenn Sie und ich unter der kalten Erde liegen, dann ist die Hoffnung noch lange nicht gestorben, die Hoffnung auf irgendwas das bleibt….

  11. Bersarin schreibt:

    Weshalb diese Fühligkeiten? Wer Texte macht, macht Texte. Das, was sich Gefühl oder Vorstellung nennt, wird beim Schreiben in einen Text transformiert. Der Rest spielt sich in anderen Bereichen ab.

    Durch einen Text spricht nur sehr bedingt eine Persönlichkeit bzw. eine Weise von Subjektivität. Sicherlich: wir schreiben uns von unserem eigenen Dasein her: von den Situationen, Momenten, Erfahrungen und was immer im Kontext der Umstände wir mehr wollen. Dies bestreite ich ja nicht. Aber darin erschöpft sich der Text eben nicht. Er bekundet nicht die bloße Subjektivität.

    Eine Bloggerin schrieb einmal, sie besäße kein Verhältnis zu Texten, sondern nur zu Menschen. Dies glaube ich der Frau gerne.

    Gute Texte sind nicht mit Bleiben oder Verschwinden gleichzusetzen. Jeder Text kann getilgt oder unlesbar werden. Oder der Zusammenhang, in dem er stand, zerrinnt. Diese eben macht es so schwierig, Texte aus der Antike zu lesen. Allzuleicht applizierten wir sie auf uns selbst, aufs Hier und Jetzt.

    Wenn ich ein Gedicht, einen Prosatext über Liebe schriebe, so ist dies ein Gedicht oder Prosa (ein Text) über Liebe, aber nicht die Liebe selbst. Was von beiden mag wohl dauernder sein? Marie A. oder die „Erinnerungen an Marie A.“?

  12. hf99 schreibt:

    „Wir haben nur Sprache. Das ist die Quintessenz meines Textes. “ Das ist eben fraglich. Selbst Schopenhauer, der ja ganz analog sagen würde, wir hätten Vorstellungen und nur Vorstellungen, und alle realität halte sich in der Sphäre der Vorstellung auf, erlaubt sich im weiteren Schritt dann eben doch, diese Immanenz aufzubrechen. (Ich habs gerade mit Sch, deswegen fällt er und seine anregende Lösung des Realismus/Idealismus-Problems mir natürlich sogleich ein) Jeder Sprachanalytiker würde ebenfalls zunächst sofort zustimmen, selbst die Befürworter der adaequatio-Formel würden es: (1) „p“ in Sn ist wahr gdw p – das zweite p, das ohne „“ ist eben zunächst auch nur sprachlich rekonstruierbar, nämlich als Teil der Metasprache über Sn. Aber es verweist ggfls doch auf Außersprachliches. Die Diskussion darüber ist zumindest in Fluß. Bolzanos blühenden Baum kennst Du natürlich…

    „Diotimas Erblassen, da sie Alabandas Brief las, ging mir durch die Seele“ – das ist Text, aber es ist auch eine Situation, die ich jedenfalls wiedererkenne.

  13. Bersarin schreibt:

    Die Frage nach dem Außersprachlichen oder aber: nach dem Ding, dem Objekt, dem, durch das Bewußtsein affiziert wird, ist eine komplexe Frage. Sicherlich. Ich würde das auch gar nicht leugnen wollen. Es ist halt nur nicht einfach zugänglich, sondern erfordert komplexe Prozesse der Vermittlung – egal ob man das nun mit Hegel oder mit Donald Davidson macht.

    Da ich mich mit Bolzano nicht beschäftigte, kenne ich auch seinen Baum nicht.

    Ja, Schopenhauer, da müßte auch ich wieder einmal lesen. Aber erkenntnistheoretisch bin ich dann doch näher an Kant und noch dichter bei Hegel. Schopenhauer interessierte mich eher über die Ästhetikkonzeption und die Willensmetaphysik. Ich saß gerade daran und habe dazu ein Daily Diary vorbereitet.

    „Diotimas Erblassen, da sie Alabandas Brief las, ging mir durch die Seele“ Daß wir, die wir lesen, durch Literatur (und überhaupt: wenn wir ästhetisch wahrnehmen durch Kunst) auch ganz direkt affiziert, ja sogar angerührt werden, bestreite ich nicht. (Allenfalls täte ich das auf einer polemischen Ebene, aus Lust am Widersprechen, wenn die Freunde der Unmittelbarkeit das Wort ergreifen, die Literatur nur als Rührseligkeitsmaschine begreifen, um die Tränen- und Empfindungsdrüsenproduktion angeregt zu sehen, die welche Kunst für ihren Ich-Effekt benutzen und mißbrauchen. So wie ich umgekehrt dem kalten Kunstrationalisten, der nur noch die Strukturalität der Struktur lesen möchte, mit jener Ebene des direkten Affiziertseins und der Lust am Text käme, die ja auch ein erotisch-ästhetisches Moment mit sich bringt. Wie Wahrheit liegt nicht in der Mitte. Aber auch nicht in den Extremen, hier hilft zuweilen Dialektik.)

    Überhaupt stellt sich das erste Verständnis eines Textes nur dann ein, wenn wir diesen Text zunächst auf etwas uns Bekanntes beziehen. Ich verwerfe den hermeneutischen Zirkel also keineswegs, und ich opponiere nicht, wenn jemand schreibt, daß da Leben sei, von dem ein Text getragen wird. Brecht wird seine Erinnerungen an Marie A nicht geschrieben haben, weil er nie mit einer Frau auf einer Wiese lag und von Liebe nichts wußte. Es gibt keine creatio ex nihilo. Im Verhältnis der Texte schaut das anders aus.

  14. hf99 schreibt:

    “ ‚Ich mag es wenn die S-derne s-tehen‘. Sicher schrieb er Verse, tief und ehrlich empfundene Kaufmannsverse“ (Tonio Kröger, aus dem Gedächtnis zitiert) – über Empfindungsirgendwie als Ersatz für genaues Lesen müssen wir nicht debattieren ;-)

    ich finde Gelferts Gedanken (vermutlich hatten den auch schon andere vor ihm ;-) ) von der Solbruchstelle, über die in einen text eingestiegen werden kann, als Hilfsmittel gar nicht so schlecht. In der Todesfuge gibt es genau e i n e n Reim („Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, sein Auge ist blau/er trifft Dich mit bleierner Kugel, er trifft Dich genau“); das war immer mein Einstieg – bei dem es dann natürlich nicht bleiben sollte.

    Schopenhauer, ah, ja. Und wie exakt er ist. Viel exakter, viel analytischer, als das Vorurteil wahrhaben will.

  15. Bersarin schreibt:

    Ja, Schopenhauer ist exakt, er beherrscht die Sprache, da ist nichts Gekünsteltes,er schreibt klar und deutlich, doch dabei nicht flach. Sein Antipode Hegel formulierte anders. Aber das geschah ebenfalls mit Notwendigkeit.

    Die Todesfuge: ja, auch bei mir, aber es war jene Zeile von der schwarzen Milch der Frühe. Und vor allem dieses iterierende Moment: trinken, trinken, immerzu. Dann aber auch und vor allem das: Dein goldenes Haar Margarethe!

    Natürlich haben wir alle unseren Einstieg in einen Text, unsere Initiationsriten, unsere Lebensmomente. Was bei mir alles über den Haufen warf, um so zu plaudern, wie wenn man 16 wäre: Hegels Kapitel zu Herrschaft und Knechtschaft: ohne daß ich groß begriff, was ich da las, wußte ich, wem und was die Stunde schlug.

  16. ziggev schreibt:

    ach, der ziggev hat mit all dem wenig Probleme, denn die Frage nach dem Subjekt scheint ihm doch zu sehr akademisch. (werde ich noch mal nachschlagen, worin der Irrtum betreffs des „Schleier der Maya“ besteht. Soweit ich mich erinnere, handelt es sich rein um eine Frage der intellektuellen Einstellung und nicht um eine Frage des ultimativen Seins oder Berkeley-Problems.)

    Aber „in echt“: Wer war es nur, entschuldigung, dass ich einfach mal so naiv nachfrage, der oder die in Sachen Text so vehement nach dem Subjekt fragte? Klar, meine Autorin meint, ich hätte als Übersetzer total Scheiße gebaut, und beansprucht jetzt alle meine mir vom Verlag zugesendeten Belegexemplare. Kriegt sie natürlich nicht, und sie ist auch keine Leserin von bersarins Blog. Aber diese Inanspruchneahme, nachträglich, eines einmal weggegebenen Textes, macht mich schon ein wenig traurig. Selbstverständlich waren am Endergebis mehrere Leute beteiligt – aber einfach mal „loslassen“ ? (Darüber geht es in den Buch die ganze Zeit und endlos weiter.) Aber wer wollte je etwas vom „Subjekt“ wirklich etwas wissen? (Außer der Autorin, die ihr Werk verunstaltet sieh, neinnein, das Endergebnis ist schon bei den geringen intellektuellen Ansprüchen, die gestellt werden – und das ist ja das Besondere, dass es jede/r verstehen soll und kann – eine runde Sache desh. bin ich ja so traurig.)

    Das Subjekt zuerst durchzustreichen – das ist doch die Voraussetzung, um überhaupt erst einmal loszuschreiben ! Oder nicht ? Ich hätte mich sonst nie an diese Aufgabe (bitte, auch im doppelten Sinne!) herangewagt.

    „Dieses eben macht es so schwierig, Texte aus der Antike zu lesen. Allzuleicht applizierten wir sie auf uns selbst, aufs Hier und Jetzt.“ – geschätzter bersarin, aus Deiner Antwort auf einen FrauWunderlichen Kommentar:

    Das liebe ich ja so an Thykidides, Aristophanes, dass ich sie heute noch, vollkommen ahnungslos, einfach so weglesen kann, es ist sprachlich einfach gigantisch, es ist einfach gigantisch, auch wenn ich fast alles weglasse – wenn ich proustisch einen Sommer lang auf der Matratze liege und Aristophanes habe, dann habe ich Aristophanes, seien wir ehrlich, so ist es – und nicht anders. Ein paar technische Einzelheiten, etwa zum griechischen Chor, zu erfahren, im Vorwort, erhöht zwar den Genuss des Lesens außerordentlich, aber es bleibt das unvergessliche Leseerlebnis: der Text.

  17. Bersarin schreibt:

    Die Frage nach dem Subjekt als auch die nach den Bedingungen seiner Möglichkeiten und auf welche Weise sich diese Kategorie in der europäischen Philosophie herausbildetet, ist ja eine Frage, die nahe liegt. Auch die Fragen und Thesen, die Frau Wunder aufstellt, sind richtig, nicht wunderlich, sondern absolut notwendig. Ohne Empirie, ohne das Faktische, ohne Haut und Haar ist eben zugleich nichts. Texte wie der von Proust können nur entstehen, indem sich jemand, so wie Proust es tat , ins Leben warf, um hernach im korkverschälten Zimmer schreibend sich abzuriegeln.

    Allerdings: es Text ist nie ohne Voraussetzungen, auch der vom Aristophanes nicht. Mih interessiert beides: die Lust am Text, der Rausch des Textes, der Akt dieses Lesens als auch die Formen des Wissens, die hinter einem Text stehen: das. was einen Text strukturiert, seine blinden Flecken als auch seine Zentren. Weshalb wurde der Text geschrieben.Kants KdrV erschöpft sich ja auch nicht in der Erkenntnistheorie, sondern antwortet auf bestimmte Probleme seiner Zeit, ist also von einem kollektiven Strömen getragen.

  18. ziggev schreibt:

    ja, verstehe, Danke auch für die vorige Entwirrung! Für die KdrV nehme ich mir noch ein bisschen Zeit, solange hier noch die neueste Proust-Ausgabe herumliegt. Aber dann ganz bestimmt.

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