Der verhüllte Blick – Die Macht und das Leben der Bilder (5)

Es gibt Photographien, die verselbständigen sich, und sogar in der Flut der Bilder im Zeitalter des multimedialen (weißen) Rauschens bleiben solche Abbildungen zumindest eine Zeit lang im Kopf hängen. In dieses kollektive Schema fallen z.B. zahlreiche Bilder aus dem Vietnamkrieg, als die Photographie in der Illustrierte, in der Zeitung noch einen besonderen Status besaß, der auf etwas wie Welt und Außerhalb verwies: So jenes nackte, halbverbrannte Mädchen, das die Straße entlangläuft, nachdem die Armee Südvietnams ihre Familie, ihr Dorf metzelte bzw. mit Napalm niederbrannte oder als der Polizeischef von Saigon jenen Mann vor laufender Kamera erschoß: die Waffe sitzt am Kopf und Sekunden später wird ein Körper vom Leben in den Tod befördert.

Andererseits läßt das kollektive Bildgedächtnis angesichts der Flut von Photographien nach. Was es heute Wert war, betrachtet zu werden, scheint in einem Jahr lediglich für diejenigen, die sich professionell oder semi-professionell mit Bildern und Photographien beschäftigen, von Bedeutung. Wieweit diese Inflation der Bilder ihren Gehalt samt ihrer Wirkung überhaupt entschärft, wäre ein anderes Thema.

Eine solche eindringliche Photographie erhielt letztes Jahr die Auszeichnung World Press Photo 2011. Das Bild machte Samuel Aranda. Aranda ist ein spanischer Photojournalist und als freischaffender Photograph tätig; er fertigt dort seine Bilder, wo es hart zugeht. Von dieser Art Photographen gibt es auf der Welt nur sehr wenige. Aranda photographierte in den Palästinensischen Autonomiegebieten, er berichtete über Flüchtlinge, die unter schwierigsten Bedingungen von Afrika nach Europa bzw. Spanien reisten, und er begleitete die arabischen Revolutionen mit seiner Kamera. Während zahlreiche Photographen in Ägypten, Tunesien und Libyen photographierten, hielt sich Aranda in Jemen auf.

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Photo: Samuel Aranda

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Dieses dort aufgenommene Bild gewann den begehrten World Press Award 2011. Klassisch fällt die Komposition aus, fast wie inszeniert, ein Dreieck und eine Diagonale bestimmen die Anordnung, dramaturgisch perfekt ausgeleuchtet, die Hände der Frau in weißen, ein wenig schmutzigen Handschuhen, die im Kontrast zum Gewand hervorstechen und den Blick auf diese Hände lenken, die den Verletzten halten. Ein nackter, versehrter Oberkörper, unreine Haut, während der Kopf des Mannes sich auf die Schulter bettet, auf dem rechten Unterarm eine (rätselhafte) Beschriftung. Und unwillkürlich denken Betrachterin und Betrachter bei dieser Komposition an ein ganz anderes Bild, das im kollektiven Bildergedächtnis eingegraben liegt: Nämlich das Vesperbild oder als Kulmination desselben: die Pietà, als Skulptur in ihrer Vollkommenheit und einzigartigen Schönheit von Michelangelo geschaffen und im Petersdom ausgestellt.

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Michelangelo's_Pieta_5450

Quelle: Wikipedia

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Der verhüllte, verschleierte Blick und das heißt: die Abwesenheit der Augen unterstreicht einerseits die Distanz und erzeugt den Effekt der Fremdheit. Wenn – nach dem Philosophen Emanuel Lévinas – das Antlitz eine zentrale Kategorie der Ethik bedeutet, so sind das Antlitz und der Blick als Medium und Weise der Kommunikation auf dieser Photographie getilgt – zumindest für jene Frau. Andererseits sprechen die Gesten dieser Frau für sich und steigern womöglich durch die Abwesenheit des Blickes die Intensität der Photographie. Es wird sich weder um eine Krankenschwester noch um jemanden handeln, die den Verwundeten nicht kennt.

Kompositorisch ist diese Bild fast zu schön, um wahr zu sein. Zu perfekt, zu ausgefeilt. Photographien, Bilder überhaupt sind Bestandteil der Politik, mit ihnen wird Politik gemacht und sie betten sich in die Kontexte politischer Ikonographie ein, schreiben diese fort und Erzeugen als Bilder, wie es sie auf diese Weise noch nicht gab, Andockpunkte. Benutzbar sind sie für jede Seite und für jeden Anlaß, wenn die entsprechenden Bildunterschriften getätigt werden, die die Kontexte erzeugen.

Eines jener Bilder, die zum Irrtum auffordern, wenn man sie betrachtet, und die mit einer völlig falschen Bedeutung aufgeladen wurden, ist jene Photographie, die der Magnum-Photograph Thomas Höpker am 11.9.2001 machte.

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WTCPhoto: Thomas Höpker

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In diese Reihe gehören zahlreiche Photographien, so zum Beispiel fällt auch jenes Bild, das Spencer Platt nach dem Libanonkrieg 2006 im Beiruter Vorort Dahye schoß und das für Empörung sorgte, dort hinein. Es wurde zum World Press Photo 2006 gewählt.

© Spencer Platt, USA, Getty ImagesWorld Press Photo of the Year 2006

XPhoto: Spencer Platt/Getty Images

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Photographien als solche, die als geschichtliche Dokumente oder zu journalistischen Zwecken herangezogen werden, verstricken sich schneller als ihnen lieb ist, in den Streit der Auslegungen: was bedeutet das Bild, was zeigt es? Sehen wir dort tatsächlich eine dekadente Jeunesse dorée, die sich im Elend mit Eleganz und Photohandy amüsiert, lagern da vor der Skyline New Yorks hedonistische junge Menschen, die vor einstürzenden Hochhäusern einen Picknick abhalten?

Manchmal koppele ich mich von diesen Diskursen ab und betrachte rein das Gemachtsein, die Paradoxien als solche ohne den Wahrheitswert, die Anordnung der Elemente im Bild, die Schönheit oder Widerwärtigkeit von Haut, die Windung eines Körpers, selbst im Tode, das sich wölbende weiße T-Shirt einer jungen Frau. Das mag eine abstoßende Haltung sein. Aber eine Betrachterin, ein Betrachter kommen damit zuweilen einer Photographie näher als der politische und nicht mit ästhetischer Bedeutung sowie ästhetischem Gehalt aufgeladene Kontext. Selbst die fahle, unreine Haut jenes Mannes und die eigenwillige Burka der Mutter führen einen Reiz und eine Anregung mit sich. Und jene libanesischen Frauen mit ihren Dekolletés und als Kontrast zu den Schwarzhaarigen diese blonde Frau mit dem engen weißen T-Shirt, dem sinnlichen Mund und der Sonnenbrille: sie verweist auf ein Beirut jenseits islamischer Verhüllung und des ganzen religiösen Schnickschnacks. Die Feerie der Waren ist jene Welt für sich. Es gälte, neben ihrem Tauschwert auch den Gebrauchswert und die Momente reiner Lust wahrzunehmen. Manchmal ist ein teurer Anzug, eine herrliche Flasche Wein oder jener Abend mit der einen blonden Frau, die ich liebe und dich mich (hoffentlich) auch liebt, betörender als ein moralisch sauberes Gewissen. Sag ich mal so.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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