Die Entschärfung der Schärfe bei den Gebrüdern Grimm. Oder die Archive der Nacht (1)

Und als die Mutter uns das Geschichtlein am Bett zum Abend hin vorlas, mit einem hämischen Lachen, und als sie uns Kindern zurief: „So müßt ihr die Mädchen später nehmen, ihr müßt sie nehmen, wie sie kommen!“: Da ahnte ich fürdahin meine Bestimmung: Schreiben, Texte sammeln, den Essay als Form produzieren, schöpfen, abschöpfen. Es entstand – Jahrzehnte später – ein herrlicher Blog, der sich Aisthesis nannte. Denn ich wußte, daß man mit der Schrift Mädchen und vor allem Frauen binden kann. Nicht unbedingt auf die Weise wie Lewis Carroll es in seinen „Briefe an kleine Mädchen“ tat – das Verhältnis von Pädophilie (bzw. sexuellem Mißbrauch) und „Alice im Wunderland“ ist eine eigene Serie wert – und auch Kafkas Briefe an Felice erweisen sich als ungeeignet zum Brauterwerb. Bettgeschichten. Und die Mutter las mit ihrer mahnenden Stimme, während der Vater im Hintergrund streng und stumm blickte. „Ich liebe den Puritanismus, ich liebe das Evangelikale. Und im Zeichen des Kreuzes will ich es bluten sehen!“, so rief der Vater mit einem Male. Er sprang von seinem Platze auf in die Höhe, reckte sich und verließ den Raum. Und inmitten der grauen, für den kindlichen Blick nicht endenden Hochhaussiedlung in den 60er Jahren war das eine Ausnahmesituation, und die Mutter begann zu lesen:

„Der Prinz […] sprang in das Zimmer, fiel Rapunzel zu Füßen, schlug die Arme um ihre Knie und sagte ihr damit Dinge, die sie glauben konnte. Aber sie fürchtete sich doch und schrie ganz erbärmlich, hörte auch nicht eher auf, als bis sie so verliebt in den Prinzen war als er in sie, und da wurde sie stille. Er sagte ihr sehr viel schöne Sachen, und sie war bloß bestürzt und antwortete nicht. Das machte ihm gute Hoffnung, und endlich ward er so dreist, dass er Heiratens vorgab und sie gleich nehmen wollte. Sie sagte ja, ohne zu wissen, wozu es geschah, ohne zu wissen, wie, und es war ihr wohl und weh, ohne zu wissen, wo. Das war recht artig.“ (W. Schulze, Kleine Romane, 1795)

Ein Text voll von wundersamen Stellen, Paradoxien, Gegenwendigkeiten wie man sie später in der Prosa Kafkas findet: „Aber sie fürchtete sich doch und schrie ganz erbärmlich, hörte auch nicht eher auf, als bis sie so verliebt in den Prinzen war als er in sie, und da wurde sie stille.“ Auf welch seltsamen Wegen sich zuweilen die Liebe einer Frau zu einem Manne einstellt. Die parataktische Syntax eignet sich vorzüglich, das Geschehen zu transportieren und terminiert in jenem Satz: „Das war recht artig.“ Wilhelm Grimm formte diese Stelle in der Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen von 1837 auf diese Weise um:

„Anfangs erschrack Rapunzel gewaltig als ein Mann zu ihr herein kam, wie ihre Augen noch nie einen erblickt hatten, doch der Königssohn fieng an ganz freundlich mit ihr zu reden, und erzählte ihr daß von ihrem Gesang sein Herz so sehr sey bewegt worden, daß es ihm keine Ruhe gelassen, und er sie selbst habe sehen müssen. Da verlor Rapunzel ihre Angst, und als er sie fragte ob sie ihn zum Manne nehmen wolle, und sie sah daß er jung und schön war, so dachte sie ‚der wird mich lieber haben als die alte Frau Gothel,‘ und sagte ja, und reichte ihm ihre Hand. Sie verabredeten daß er alle Abend zu ihr kommen sollte, …“

Lesen Sie morgen weiter, wenn es hier auf „Aisthesis“ zum 200. Jahrestag der Kinder-und Hausmärchen von Jacob und Wilhelm Grimm heißt: GRRRRRIMMSSSS AND SEX: So zärtlich war die Nacht!

[Bitte rammsteinmäßig mit sehr gerolltem r aussprechen!]

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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Eine Antwort zu Die Entschärfung der Schärfe bei den Gebrüdern Grimm. Oder die Archive der Nacht (1)

  1. ralphbuttler schreibt:

    Reblogged this on Auf dem Dao-Weg.

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