Das Ende der Kunst oder die Kunst des Endens? – Wozu Kunst (6)

„Jene Tendenz, die durch Entkunstung die Kunstwerke unmöglich machen möchte, ist nicht mit dem Appell zu sistieren, Kunst müsse es geben: das steht nirgends geschrieben.
(Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie)

Besser Scheitern, schöner scheitern? Für eine Ästhetik des Scheiterns auf Kosten der Kunst? Die Pose oder die Posse der Kritik als Aporie? Der Topos vom Ende der Kunst oder aber: von der Kunst des Endens – er ist alt! Er durchkreuzt und durchzieht die Diskurse seit es die ästhetische Moderne gibt, also seit Kunst als autonome Sphäre, als ausdifferenzierter Bereich ins Spiel kam. Das geschah vor rund 250 Jahren, und in der Malerei im Grunde schon sehr viel früher. Aber bereits jene „Querelle des Anciens et des Modernes“ sowie die Ästhetik des Geschmacks, die sich in den Französischen Salons entwickelte, um ein ausgeklügeltes und raffiniertes System zur Beurteilung von Kunst zu entwickeln, trugen diesen Streit in sich aus. Und in einer ganz anderen Richtung hin, im Sinne einer Politik der Kunst tat sich im Jahre 1968 im legendären Kursbuch 15 in der BRD jene Rede vom Tod der Literatur auf. Es schrieb Hans Magnus Enzensberger:

„Für literarische Kunstwerke lässt sich eine wesentliche gesellschaftliche Funktion in unserer Lage nicht angeben. Wer Literatur als Kunst macht, ist damit nicht widerlegt, er kann aber auch nicht mehr gerechtfertigt werden. Wenn die intelligentesten Köpfe zwischen zwanzig und dreißig mehr auf ein Agitationsmodell geben als auf einen experimentellen Text; wenn sie lieber Faktographien benutzen als Schelmenromane; wenn sie darauf pfeifen, Belletristik zu machen und zu kaufen: Das sind freilich gute Zeichen.“

Zugleich aber kann man hinsichtlich dieses Slogans vom Tod der Literatur mit dem Germanisten Ralf Schnell von einem Mythos sprechen, denn, so Schnell, nirgendwo gab es ein Plädoyer dafür, die Literatur abzuschaffen, nirgendwo wurde das Hinscheiden diagnostiziert. Aber es wurden entscheidende Argumente für eine Funktionsänderung sowohl der Literatur wie auch der Dichter geliefert. (Nachzulesen in: Ralf Schnell: Die Literatur der Bundesrepublik)

Ästhetik heißt immer auch Aisthesis – jenes sinnlich Wahrnehmbare, das uns umgibt und das vermittels des Kunstwerkes in die Gestaltung gelangt. Aber jene Phänomene, jene Dinge, das, was uns umgibt, ist bereits vorstrukturiert und in die Diskurse gepackt.

Man kann sich mit Zitaten augmentieren. Sicherlich. Jenes von Adorno bringt einen ganz bestimmten Aspekt auf den Begriff: Daß es nicht notwendig Kunst geben müsse. Genauso ist ihr Ende denkbar. Ich lasse die Leerstellen, die diesem Zitat von Adorno eingeschrieben sind, auch und gerade im Hinblick auf jene bürgerliche Gesellschaft, die der Kunst zu sehr bedürfte und sich ihrer zugleich als Stachel entledigte, so stehen, wie sie da sind. Diese Leerstellen harren der Lektüre.

Diese Überlegungen zum Ende der Kunst sind eine nicht ganz so kurze Entgegnung auf einen Kommentar der Schriftstellerin Aléa Torik, den sie hier zu meinem letzten Text schrieb. Sie knüpfen an jene Überlegungen an, denen ich den Titel „Wozu Kunst“ gab.

Nein, liebe Aléa, ich fordere nicht das große Epos, davon schrieb ich nirgends. Denn diese Zeiten sind aus den bekannten und genannten Gründen vorbei: Wer einen Bildungsroman im Sinne von Goethes „Wilhelm Meister“ schriebe oder als Karikatur desselben, wie sie Flaubert mit der „Éducation sentimentale“ unternahm, verfiele dem Epigonentum – selbst die Ironie oder die Spiegel- und Potenzierungebene innerhalb eines solche Textes ist mittlerweile eingeplant und berechenbar. Obwohl: es entstünde vielleicht und dennoch gerade aus diesem Zusammenspiel, aus diesem Pastiche ein guter Text. Was allein in solchem Schreiben zählen mag, das sind die handwerklichen Qualitäten. Die Epoche der bürgerlichen Kunst, der bürgerlichen Literatur, der avancierten ästhetischen Form ist vorbei, die Kategorie des Neuen bekam einen anderen Stellenwert, sie schöpfte sich – auch geschichtsphilosophisch – aus.

Das heißt nicht, ich betonte es, daß keine Bücher mehr geschrieben werden können. Im Gegenteil. Allerdings: Was die Kunst betrifft, so ist das frühe 21. Jhd – in gewandelter Weise freilich – dem Mittelalter wieder sehr nahe: Künstlerin und Künstler sind reine Handwerker, sie beherrschen im Rückgriff auf Tradition, Konstruktion und Form ihr Handwerk, sie lernen das in Schreibschulen oder in der stillen Kammer; selbst der Aspekt der ästhetischen Form erweist sich für den gelehrigen Scholasten lediglich als Wiederholbares und gerät damit ebenfalls handwerklich. Kunst ist Kunstgewerbe. „Unsere postmoderne Moderne“ halt.

Das große Epos mag sich als Fragment, als vielfältig erzählte aufgeschlüsselte Geschichte als Umschrift niederschlagen.

Diese Liste der Literatur, die Aléa Torik nannte, ließe sich sicherlich ergänzen: David Forster Wallace, Navid Kermani, Don DeLilo, Roberto Bolaño, um nur einige Schrifsteller zu nennen, die in den letzten zehn Jahren Romane von über 800 Seiten schrieben. Und noch viele Namen mehr lassen sich aufzählen, die nicht mehr jedem (auch mir nicht) geläufig sind. Und es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit und vielfach um Texte, die gelungen sind, komplex erzählt, gut erzählt, klug konstruiert, in der Sprache exakt, auf Tradition rekurrierend und dennoch nicht imitierend, manche Geschichten sind sogar schön zu nennen, weil sie anrühren oder in äußerster Reflexion ein Geschehen, eine Situation, ein Innenleben, eine Szenerie, einen Aspekt des Lebens pointieren und verdichten. Das eben, was man von Literatur erwartet. Und solche Texte werden auch weiterhin geschrieben werden. Darum geht es mir aber gar nicht so sehr. Denn es kann erzählt werden, solange es Menschen in bestimmten Situationen, Subjekte mit ihren Innenräumen, Innenwelten, Außenwelten gibt, über die zu berichten ist. [Und auf einen weiteren Aspekt, der mit Gesellschaft zusammenhängt, wies Alterbolschewik hin. Das sind Überlegungen, die ich für ganz zentral halte.]

Zu erzählen und zu schreiben gibt es immer etwas, solange wahrgenommen, gedacht, gelebt wird – was man so Leben nennt.

Trotzdem: etwas stimmt nicht. Etwas fehlt.

Ich fange mal im vollständig subjektiven (Text-)Gefüge an: Vielleicht ist es – unter anderem – auch dieser Umstand, der sämtliche Kunst auf einen Nenner reduziert: es schreiben und malen und filmen und photographieren zu viele. Jede und jeder in Berlin ist eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller. Keine Party, wo nicht mindestens 20 Menschen hocken, die Kunstprojekte machen und die an Fördergelder heranwollen. Ich sage mittlerweile auf Partys: „Ich bin Verkäufer“ oder „Ich arbeite als Angestellter“, und damit bin ich dort ein Außenseiter und falle auf. „Machst Du denn keine Kunst?“ „Nein!“ [Ich mache sie auch nicht, insofern lüge ich nicht.] Meist nutzen dieses „Nein“ die Künstlerinnen und Künstler dazu, mich mit ihren Dingen vollzuschwatzen. Sie wundern sich, wenn ich ihnen dann im Rahmen einer kritischen ästhetischen Theorie antworte. Daß Künstlerin und Künstler ihr Tun legitimieren, damit sie in dem, was sie machen, nicht ganz und gar sinnlos dastehen, ist verständlich.

Aber zurück zum Allgemeinen, zum ästhetischen Diskurs: Es geht nicht um das radikal Neue, das gleichsam als Sprung aus der Reihe heraus funktioniert; dieses Neue ereignet sich sowieso sehr selten, im Grunde gar nicht, denn eines fußt auf dem anderen – kein Impressionismus ohne Courbet und Delacroix – und es laufen Bewegungen in der Kunst meist parallel, so daß das Neue eher ein Diskurseffekt ist, der sich dann, wie in Picassos „Les Demoiselles d’Avignon“ oder in Kafkas „Prozess“, zwar in einzelnen Werken manifestiert, aber darin nicht gebunden bleibt. Die Versuche abstrakt zu malen, geschahen unabhängig voneinander an verschiedenen Orten: egal ob František Kupka, Delauny oder Kandinsky. Der innere Monolog als eine Weise Literatur zu schreiben oder die Auflösung von Raum und Zeit im Kubismus läßt sich nicht <i>an einen</i> Namen knüpfen. Trotzdem entstand vor knapp über 100 Jahren etwas in der Malerei, das seinesgleichen suchte. Der Begriff des Neuen greift hier gut. Gleiches gilt für die Literatur. Diese Epoche halte ich für eine der produktivsten. In der Bildenden Kunst potenzierte sich diese Entwicklung dann noch einmal nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 90er Jahre hinein. Und dann war Schluß. Allenfalls mag sich eine gewisse Weise der Innovation zeigen, indem sich Kunstgattungen durchdringen und neue Formen erschaffen, so daß Kunst als Interferenzphänomen sich erweist.

Was das Klagen betrifft, so scheinen mir Positionen wie die meine eher die Ausnahme im Betrieb zu sein. Die wenigsten klagen, sondern machen weiter. Was ich wesentlich kritisiere: Kunst verkam und verkommt zum Sedativum oder zum Erlebnispark: allüberall (auf den Tannenspitzen) diese Ausrufe: Wie sinnlich, wie taktil, wie haptisch! Nun sagen manche: das war schon immer so! Aber ja. Das war es, nur haben wir seit zehn, zwanzig Jahren einen Sprung innerhalb der Generierung von symbolischem Kapital gemacht, der seinesgleichen sucht.

Die These vom Ende der Kunst ist alt, das ist wahr. Aber es ändern sich deren Ausprägungen. Ich kritisiere nicht im Sinne Hegels, daß die Kunst als eine Weise des Wissens in anderen Bereichen nun aufgehoben sei. Daß also im Sinne teleologischer Entwicklung vom sinnlichen Scheinen hin zum Begriff Kunst nicht mehr nötig sei, um eine Weise der Repräsentation zu bilden. Denn Kunst verband sich immer schon mit Repräsentationsmodellen. Aber es fand in der gesellschaftlichen Entwicklung eine Art Transsubstantiation zuungunsten der Kunst statt. Werke entleerten sich, ihr Gehalt motivierte sich nicht mehr ästhetisch oder im Bezirk ästhetischer Theorie. Auch kritisiere ich nicht auf die konservative Weise, daß alles unter der Sonne schon einmal da war (was nicht einmal stimmt).

Kunst verkommt heute zu einer Produktion von Ideen, jede(r) hat Ideen, jede(r) dünkt sich kreativ, Kunst erschöpft sich im Akt des Schaffens um dieses Aktes willen, und das ist dann nichts als eine Selbstlegitimation. Kunst ist eher Handwerk denn Avantgarde, es gibt nicht einmal mehr den Plural davon: die Avantgarden: es ist jede(r) eine Künstlerin, ein Künstler, mittlerweile. Der Satz Warhols ist – sogar in einem pädagogischen Sinne – wahr geworden. Und sich selbst zu erfinden und zu gestalten ist ebenso das Projekt des Künstlers wie auch des Arbeitnehmers, um sich an seinem Platz adäquat zu positionieren. Das Survival of the Fittest-Festival bedient sich mittlerweile der ästhetischen Kategorien, man kann im Crossfit-Bootcamp seinen Körper in jeglicher Form ästhetisieren, kapitalisieren und rekapitalisieren, und diese Dinge geschehen ganz und gar freiwillig. Wir transformierten uns, wie es Deleuze in seinem Text „Postskriptum über die Kontrollgesellschaft“ im Anschluß an die Befunde Foucaults schreibt, von einer Disziplinar- zu einer Kontrollgesellschaft, indem das Subjekt die Zwänge derart verinnerlicht, daß sie den Aspekt des Kreativen annehmen und sich auf eine perverse Weise camouflieren. „Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen …“ Oder mit Rilke, torsohaft fragmentiert: „Da ist keine Stelle, die dich nicht ansieht!“ Und wir erwidern den Blick gerne. Kunst scheint mir mittlerweile nicht so weit von diesen Erfindungs- und zugleich Kontrolldiskursen entfernt. Selbst der Widerstand, selbst ein solcher Text ist eingeplant.

Es sind dies zunächst Thesen, die einer Unterfütterung harren, und diese Arbeit macht sich nicht nebenbei, mein Blog zeigt aber womöglich ein wenig von dieser Tätigkeit sowie vom Gang der Reflexion, und insofern ist Kritik ebenso komplex und schwierig wie das Erschaffen von Literatur.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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16 Antworten zu Das Ende der Kunst oder die Kunst des Endens? – Wozu Kunst (6)

  1. Partystein schreibt:

    Auch die „Jeder ist ein Künstler“-Phase werden wir hinter uns lassen und vielleicht wird gerade das aktuell intensive künstlerische Bezugnehmen auf Vergangenes bzw. dessen inflationäre Reproduktion zwangsläufig in ein Zeitalter der kompletten Ausblendung von Vergangenem münden… Wer weiss es schon?

    Auf jeden Fall scheint mir die Entwicklung der breiten Masse zum Kapitalsklaven ohne Zeit für „kreatives Austoben“ aktuell wesentlich wahrscheinlicher, als dass der Ist-Zustand mit Trend zur Künstlerexistenz noch lange anhalten würde. Elitärer wird es mit Sicherheit wieder werden (Fragt sich nur, wer sich in Zukunft als Elite verstehen wird)

  2. silberfink schreibt:

    Und ich möchte noch einwerfen, dass sich die Bedingungen für Kunst ändern wie die Moden, das allgemeine Bewusstsein und die Erkenntnisebenen. Neue Maßstäbe und Kriterien werden sich entsprechend den herrschenden Bedingungen entwickeln und Begriffe wie Avantgarde werden unter Umständen völlig an Bedeutung verlieren.. Ein Maßstab aber bleibt meiner Meinung nach bestehen; Dass sich der Mensch und insbesondere der Künstler immer selbst verpflichtet ist und sein muss…

  3. Bersarin schreibt:

    Die Auseinandersetzung mit Kunst ist – einerseits – nur möglich, in dem auf Vergangenes Bezug genommen wird, denn die Gegenwartskunst erscheint (zumindest in der Kunstkritik, in den einzelnen Wissenschaften von den Künsten wie auch in der ästhetischen Theorie) als adäquat begriffene Gegenwart nur durch den Blick ins Vergangene, was – unter anderem – an der Selbstreferenz der Kunst liegt.

    Einen Unterschied würde ich schon machen wollen zwischen der Kreativität von Menschen (in einem sehr weit gefaßten Sinne) und dem Kunstwerk bzw. den kreativen Momenten, die dort hineinfließen. Nicht jeder, der kreativ ist, macht Kunst. (Und nicht jeder, der Kunst macht, ist dabei kreativ.) Bei dieser allgemein verstanden Kreativität handelt es sich dann wohl eher um eine im weiten Sinne verstandene Fertigkeit: unter anderem auch die Lebenskunst, sein Leben in einer bestimmten Weise zu gestalten. Praxis, Handlungen und, Klugheit, eine bestimmte Form von praktischem Wissen und auch Können.

    Die „Kreativität“, die in der Freizeit sich zeigt, ist aber immer häufiger eine solche, die der Arbeitswelt fatal gleicht. Der Gang ins Fitnesstudio ist meist nur die verlängerte Arbeitswelt, und mit anderen Freizeitaktivitäten sieht es ganz ähnlich aus. Menschen, die sich mit Zen-Buddhismus oder mit der Philosophie befassen, machen das nicht mehr, weil es sich hierbei um eine zweckfreie Tätigkeit handelt, die neue Blick, Ruhe oder was auch immer eröffnet, sondern diese neuen Blicke, diese Ruhe oder das Was-auch-immer stehen bereits in Funktionsrahmen – nämlich in Hinblick auf die Arbeitswelt und auf Optimierung. Wie organisiere ich mit Zen-Gelassenheit oder mit dem Stoizismus die komplexe Welt der Arbeit? Und es gibt diese Bücher sicherlich: „Die Stoa für Manager“, „Zen für Arbeitnehmer“.

    Bewußtsein, Denken, Kreativität, sofern man das so nennen mag, werden immer von vorgängigen Strukturen gesteuert. Es gibt kein Draußen zur Logik des Kapitals und zu den Mechanismen der Verwertung. Und der Kunstmarkt zeigt dies ja deutlich. (Und insofern trifft meine Kritik zu einem Teil auch mehr die Bildende Kunst als die Literatur.)

    Was den Beuys-Satz „Jeder ist ein Künstler“ betrifft, so handelt es sich hierbei um eine sehr kryptische Formulierung, die der Erläuterung bedarf. Allein schon im Hinblick auf den Kunstbegriff und was Beuys darunter verstand. (Und die Kunst von Beuys war zugleich ja als eine Kritik an dieser Gesellschaft aufzufassen, wenngleich ich Werke wie die Honigpumpe, die Baumpflanzaktionen oder die Fett- und Filzwerke teils als Sozialkitsch sehe.) Richtig ist, daß das autonome Kunstwerk immer mehr sich verwandelt, und zwar hin zu einer sozialen Angelegenheit, die auf Ereignishaftigkeit, auf Prozeß und im schlechteren Falle auf Mitmachen und auf Effekt aus ist. Ich schrieb ja bereits von jenem „Horizon Field“ von Antony Gormley. Man kann das mögen, aber es ist halt am Ende Mitmachkunst, die auf den Effekt setzt. Schön daß es viele erreicht. Aber ich bleibe nach wie vor dabei, daß es eine Differenz zwischen bloßem Fühlen und der Logik des Begriffs, mithin der Formen des Wissens innerhalb der Kunst gibt.

    Und dies ist ja genau meine These: der überkommene Begriff von Kunst, wie wir ihn aus dem 19. und 20. Jhd kennen, ist bereits abgelebt. Es geht um Produktionsprozesse bei denen das Resultat (also: das Kunstwerk) nicht mehr die zentrale Rolle spielt. Insofern ist es sehr richtig, daß sich die Bedingungen von Kunst ändern. Im Zeichen eines Kapitalismus, in dem Werke nicht mehr Werke, sondern (Millionen-)Werte sind, wird anders produziert. Es gibt da kein Draußen. Was sich schon am Feuilleton der „Zeit“ zeigt: Hätte die Ressortleitung in den 80er oder 90er Jahren eine Rubrik wie „Kunstmarkt“ eingeführt, es ereignete sich ein Aufschrei. Heute nehmen wir ein verwässertes Feuilleton hin. Aber in Zeiten, da „Monopol“ als Kunstzeitschrift durchgeht, braucht man nichts anderes zu erwarten.

    Nein, silberfink, da widerspreche ich: Der Maßstab zur Kunstkritik ist nicht der Mensch, sondern das Werk, und es sind eben Texte, die über Werke verfaßt werden, diese Texte beziehen sich (teils) auf andere Texte. Der Mensch spielt dabei nur am Rande eine Rolle, um es etwas zu pointieren. Ob der Text von x, y oder z ist bleibt im Grunde egal. Obwohl man im Rahmen von Subjektivierungen – hier bezogen auf Franz Werfel – andererseits mit Karl Kraus schreiben kann: „Ein Gedicht ist so lange gut, bis man weiß, von wem es ist.“ Da ist manchmal etwas dran.

  4. Aléa Torik schreibt:

    Lieber Bersarin,

    ich nehme mir heraus, mich nur zur Literatur zu äußern, weil ich von der darstellenden Kunst zu weit weg bin. Ich fühle mich nicht kompetent. Ich glaube, dass beide Künste ganz andere Probleme haben: die Malerei etc. hat den Markt, der ihr den Garaus macht und die Literatur hat … keine Vorstellung von dem, was aus ihr wird.

    Wenn ich das Klagen mit einem Glas Wein, das Schreiben eines beklagenswerten Textes aber mit Alkoholismus verglichen habe, dann wollte ich nicht Deine mit meiner Arbeit vergleichen, jedenfalls nicht bewusst. Zwar hatte ich in den vergangenen Tagen viel zu tun: Ich habe gestern die letzte Fassung meines Romans an den Lektor abgegeben, nur noch Kleinigkeiten. Das hat mich in den vergangenen drei Monaten nahezu Tag und Nacht beschäftigt. Auch deswegen habe ich mein Blog stillgelegt. Heute ist der Text an den Setzer gegangen, in der Woche vor Weihnachten werden die Fahnenabzüge Korrektur gelesen. Ich wollte aber in meiner Replik die von mir genannten Romane verstanden wissen, die ganz andere Dimensionen bedienen als ich das tue. Solche Texte braucht eine ungeheure Architektur. Einen tausend oder zweitausend Seiten Roman zu halten, ihn so zu bauen, dass er das ganze Gewicht der Personen und Handlungsstränge hält: das muss eine gigantische Arbeit sein. Das wollte ich verglichen haben mit einer Rezension wie sie in einer Zeitung erscheint. Ich wollte Dich kränken und weder deine, noch meine Leistung klein reden.

    Meine Leistung ist mir groß genug, weil ich weiß, dass ich derzeit alles leiste, was ich leisten kann. Ich kann immer nur bis ans Maximum gehen, nicht weiter. Weil ich auf eine Ressource zugreifen muss, die ich nicht willentlich beeinflussen kann: meine Kreativität. Ich kann sie nur strapazieren und ich weiß, dass sie dabei elastischer wird. Das ist mein Maß. Mir zu sagen, dass die Romantiker oder die Surrealisten vielleicht angesichts ihrer historischen Situation mehr geleistet haben als ich, führt mich in keinster Weise dahin, wo ich hin will. Das führt in die entgegengesetzte Richtung. Ich wachse an mir und an meiner Umgebung und an einem Umstand, der Anerkennung heißt und auf den ich keinen Einfluss habe. Aber ich wachse nicht daran, wenn ich mir sage, dass Cărtărescu und Döblin und Proust besser sind als ich. Sie sind besser, aber nicht von Anfang an. Sie sind es geworden. Und sie sind es nur deswegen geworden, weil sie sich nicht mit Besseren verglichen haben.

    Ja, die Zeiten des Epos sind vorüber. Aber ich glaube, dass wir das alle wissen, also alle, die wir nicht nur schreiben, malen etc., sondern uns Gedanken über unser Tun machen und wissen wollen, wo wir stehen; die wir uns verorten in Bezug auf die anderen. Wir suchen alle. Wir warten alle, dass einer kommt und die neue Richtung vorgibt. Ich sehe nichts, was wie Döblin und Werfel ist. Kermani ist ein interessanter Name (!) ich hatte bisher keine Zeit dafür. Wir warten alle, dass etwas anders kommt, als die doch inzwischen reichlich ausgelutschte Postmoderne. Aber es ist nur der Zerfall von Strukturen zu erkennen, die es gar nicht mehr gibt. Also muss man sich seine eigenen schaffen. Vielleicht hatte Proust ähnliche Gedanken, und Gide, der seinen Roman abgelehnt und später als den Fehler seines Lebens bezeichnet hat, hat sich gedacht: warum schreiben die nicht mal etwas Neues?

    Ich glaube, dass du eines nicht bedenkst: du hast schon alles gesehen und alles gelesen. Als du Proust gelesen hast, warst du in einer anderen Situation, da warst du viel neugieriger, begeisterungsfähiger, viel eher bereit zu sagen: das ist es! Wenn du heute Proust begegnen würdest, seinem Text natürlich, was wäre dann? Wärst du noch so enthusiastisch? Oder würdest du sagen: gut geschrieben, aber nicht auf der Höhe der Zeit!

    Dennoch kann ich deine Klage verstehen! Klagen haben einen ganz eigenen Ton und den schätze ich auch. Richtig schön klagen kann wunderbar sein. Die Klage klingt in Moll, was soll ich da mit Dur, wenn mir nicht danach zumute ist. Und aus einem Gefühl der Zufriedenheit ist sicher noch nie oder doch selten etwas Großes entstanden.

    Ich habe gerade meinen zweiten Roman geschrieben. Das passiert nur alle paar Jahre mal und deswegen ist es ein herausragendes Ereignis in meinem Leben. Ich bin nicht Beckett. Aber das stört mich gerade nicht. Ich bin müde und ich bin zufrieden mit meiner Leistung. Morgen, in drei Monaten, kommt ein Depp – oder ein Deppin – und erklärt mir, dass ich keine Ahnung von Literatur habe, weil meine Personen zu klein sind. Es wird mir dann nicht helfen, wenn ich der Deppin erkläre, dass sie möglicherweise zu klein sind, aber dass sie dennoch genauso sind wie ich sie wollte und sie machen konnte. Schlimmer wär‘s, wären sie zu groß! Aber das versteht die Deppin nicht. Warum schreiben Sie nicht wie Proust?, fragt sie mich. Oder wie Beckett? Wie Kafka? Was soll ich der dann sagen? Dass ich froh bin, nicht zu schreiben wie Kafka, weil ich dann nur abschriebe? Und es sehr viel anstrengender ist, seinen eigenen Stil zu finden, als einen anderen zu imitieren?

    Ich gehe jetzt ins Bett.

    Gilles Deleuze zu Proust, Kafka und Beckett: http://www.youtube.com/watch?v=sqXdAYtsNSw

    Aléa

  5. silberfink schreibt:

    Lieber Bersarin, ich frage mich gerade ob Du in der Warteschleife hängst oder ob Du einfach nur Streit mit mir suchst? :-) Jedenfalls kommen diese Blogdiskussionen meinem (sparsamen) Wesen nicht sehr entgegen, daher wird sich meine Beteiligung weiterhin mehr auf’s (stille) Lesen beschränken. Ich hoffe das ist in Ordnung für Dich.
    >> http://blogs.taz.de/hausblog/2012/12/11/taz-markenzeichen-unsere-grundhaltung-ist-die-norgelei/

  6. Bersarin schreibt:

    Liebe silberfink, ach, manchmal bin ich streitsüchtig, polemisch, angriffslustig, dann wieder nicht. Ich bin auch zur Sanftheit fähig. Meine Antwort in bezug auf den Maßstab der Kritik war doch einigermaßen ausgewogen. Ja, und manchmal hänge ich in der (eigenen) Warteschleife. Oder stehe auf dem Schlauch. Wie gesagt: ich habe meine Antwort nicht streitsüchtig verstanden, aber ich bin skeptisch, wenn sich ausschließlich auf‘s Subjekt berufen wird. Für die Sicht auf Kunst sind Künstlerin und Künstler eher zweitrangig. Es gibt Künstler, von denen wissen wir so gut wie nichts, und trotzdem deuten wir ihre Werke. Der Maßstab für Matthias Grünewalds „Isenheimer Altar“ ist nicht Matthias Grünewald, sondern eine Komplexion aus Details, aus Geschichte, Kunstgeschichte, Gegenwartsbezug, Handwerklichkeit, Theologie, Metaphysik,Blickweisen (die die Konstitution einer bestimmten Form von Subjektivität freilich mit einschließen) und vieles mehr.

    Kritik halte ich schon für zentral, und Kritik heißt ja nicht nur: auseinandernehmen, sondern auch unterscheiden und eine Sache sichten. Die alte Frage: Inwiefern entspricht eine Sache ihrem Begriff? Wenn es in der Wirtschaft freie Marktwirtschaft heißt, so meint diese Freiheit etwas anderes als ein emphatisch verstandener, nicht-partikularer Begriff von Freiheit. Insofern ist mir das Nörgeln schon lieb. Dies bedeutet freilich nicht, zu einem genuß- und lebensfeindlichen Menschen zu werden. Am liebsten nörgele ich am gut gedeckten Tisch sowie einigen Flaschen guten Weines. Und sitzt dazu mit mir noch eine schöne Frau, mit der ich mich sinnlich-ästhetisch-theoretisch gemeinsam zu den Höhen und Tiefen der Theorie und des Denkens steigere, dann ist der Tag, der Abend perfekt.

  7. Bersarin schreibt:

    Liebe Aléa, ein weites Feld, so könnte man die Aspekte nennen, die Deine Entgegnung tragen. Ich habe Deine Kritik auch nicht als Kränkung oder gar Herabwürdigung verstanden, und selbst wenn sie das wäre, so ist es ok. Wer, wie ich, austeilt, der kann auch einstecken.

    Alles das, was Du in bezug auf die Schriftstellerinnen und Schriftsteller sowie im Hinblick auf deren Arbeitsweise schriebst, ist richtig. Es gibt keinen Grund, weshalb Du Dich an Proust oder Kafka oder womöglich gar an Fontane orientieren solltest, außer es wäre der (eigenen) Sache geschuldet oder es gälte, den eigenen Stil noch einmal an einem anderen Stil, an einer anderen Art des Schreibens sich abarbeiten zu lassen. Und eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller, der sich nur um die ästhetische Theorie oder um die Literaturkritik kümmerte, wäre wahrscheinlich keine gute Schriftstellerin, kein guter Autor. Insofern gibt es die Logik der Dichtung und die der Kunstkritik/Ästhetik. [Und besäßen wir andere Diskurse für Kunst und Kunstkritik, so müßte man im Grunde auf einen Roman mit einem Roman oder zumindest einer kurzen Erzählung antworten, sofern der Kritiker nicht die nötige Zeit besitzt, einen Roman zu schreiben. Diese Art von Textualisierung wäre mal interessant.] Aber es werden, selbst wenn wir einen anderen Begriff von Literatur zugrunde legen, der die Grenzen von Fiktion und Realität überschreitet, dennoch die ästhetischen Diskurse bleiben. Literatur und deren Kritik sind zwei verschiedene Gegenstandsbereiche und zwei verschiedene Weisen der Beobachtung

    „Einen tausend oder zweitausend Seiten Roman zu halten, ihn so zu bauen, dass er das ganze Gewicht der Personen und Handlungsstränge hält: das muss eine gigantische Arbeit sein.“ Dies ist völlig richtig. Und das sollte eine Kritik auch immer mit im Auge haben. Und ich selber schreibe hier im Blog auch keine Literaturtotalverriße (selbst nicht bei Helene Hegemann), sondern zeige Probleme auf, lege Finger in Wunden. Zudem geht es einer Kunstkritik, die sich mit der Ästhetik, mit ästhetischer Theorie verbindet, um mehr als nur um feuilletonistische oder subjektivistische Sichtung eines Buches, die nach gelungen/mißlungen urteilt oder die ihre Besprechungen nach Frauen- und Männerquote einrichtet. Solch eine feuilletonistische Sichtung und bloße Bewertung eines Buches scheint mir eher eine schlechte Art der Kritik zu sein. [Und zudem: gerade das Scheitern eines Kunstwerkes kann seine Stärke ausmachen. Gerade da, wo ein Text sich verfranst, verzettelt, in der Konstruktion nicht weiter kommmt. Aber diese Dinge lassen sich eben nicht abstrakt, sondern nur ann konkreten Werken besprechen.]

    Es geht in einer solchen ästhetischen Kritik, wie sie auch W. Benjamin in seinem frühen Text „Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik“ um Aspekte, die über das Werk hinausweisen, die möglicherweise Paradigmen auch gesellschaftlicher Diskurse umfassen und zugleich die Binnenstruktur des Werkes nicht aus den Augen verlieren. Um nicht immer nur bei Kafka, Beckett, Proust zu bleiben: Foster Wallace oder Don DeLillo schreiben mehr als nur eine (lange) Geschichte, etwa auf 60 Seiten den Flug eines Baseballs. Und auch Dein Roman verweist eben auf mehr als Berlin und Rumänien, Blindheit und Photographie, Liebe, Passion und Identität, Sicht und Einsicht.

    Meine Kritik an der Kunst oder spezieller: auch an der Literatur ist keine Kritik an der vollständigen Unmöglichkeit, denn es werden weiter gute Bücher geschrieben werden. Ich schrieb es bereits: es wird in verschiedenen Formen) erzählt werden, solange es Menschen gibt, denn die Erzählung, der Epos, der Mythos sind eine Weise der Erkenntnis, in der das Subjekt sich seiner selbst sowie der Strukturen vergewissert. Und aus diesem Grunde gibt es auch keine Spartenliteratur, sondern Literatur ist geschlechts- und kontinentneutral. Bestimmte Sujekte schreiben Bücher aus bestimmten Lagen heraus.

    Dennoch: der klassische Roman steht, zumindest seiner Form und seiner Weise zu erzählen nach, auf der Kippe. Erzählen, konstruieren, erfinden: das geht immer. Aber der lineare Roman stößt auf Schwierigkeiten, wirkt teils abgelebt. Insofern wäre der kürzlich auf Deutsch erschienene Roman „Only Revolutions“ von Mark Z. Danielewski interessant. Dies braucht die Schriftsteller nicht zu interessieren, hier sind diese gegenüber dem ästhetischen Theoretiker im Vorteil: ein Künstler muß kein einziges Kuntwerk in seinem Leben wahrgenommen haben. (Wobei ich dennoch in bezug aufs Handwerkliche meine, daß es einer Schriftstellerin oder einem Schriftsteller nicht schaden kann, ein wenig gelesen zu haben.) Eine Kunstkritikerin oder ein Kunstkritiker müssen aber sehr sehr viele Werke gesichtet, gelesen, geschaut haben. Und das eben ist unsere Arbeit.

    Die Logik der Literaturkritik ist zugleich eine der Rückschau. Beziehungsweise: jedes Kunstwerk besitzt einen Wahrheitskern, der zugleich an einen Zeitkern gebunden bleibt.

    Dennoch und trotz allem Disput: Es freut mich, daß hier auch die Antwort einer Schriftstellerin steht. Vor allem aber wünsche ich Dir für Deinen zweiten Roman viel Erfolg und daß alles so gelingt, wie Du es Dir vorstellst.

  8. hinz&kunz schreibt:

    Vielleicht eine offene Klammer hierzu:
    Das ästhetische Scheitern am klassischen Roman, am repräsentativen Bild, ist es nicht ein Scheitern des INHALTS, der sich nur verstecken kann hinter der nunmehr ganz spezifisch gefragten FORM der Präsentation, also des „performative turn“ der Künste?
    Also interessiert heute – und auch Sie, Bersarin – nicht vor allem auch die Darstellung des „öffentlichen Gebrechens“ wenn man so will, das Aufzeigen der Unmöglichkeit am Werk selber und der persönliche Umgang damit?
    Oder ganz konkret: Zeigt uns Foster Wallace im „Pale King“ mit seinem fiktionalisierten Scheitern als Figur des DFW im Roman(fragment) nicht die Kontingenz des Schreibvorgangs als Antwort auf die Fragmentierung der Kunst – dagegen zB Kafka als „K“ im „Schloss“ ein Scheitern, das erst als rite de passage das Scheitern als transzendente Matrix begreift und hinnimmt…
    Naja. Klammer zu!

  9. Bersarin schreibt:

    Einerseits ist das Richtig, diese Aspekte auch am Inhalt (eines Romans) aufzuziehen, der eben genau an der Form scheitert.

    Ja, das gesellschaftliche Moment, das Verschwinden einer solchen Sphäre wie der autonomen Kunst, des autonomen Kunstwerkes ist mir wichtig. Dies schließt auch die Weisen von Rezeption mit ein. Wobei das Lesen von Foster Wallaces „Unendlicher Spaß“ einen ganz anderen Zeitaufwand erforert als das Betrachten eines Bildes. Weshalb ich in der Literatur noch das meiste Potential an Widersrtand sehe. Zeit ist für das kapitalisierte und durchökononomisierten Subjekt eine allzu kostbare Ressource.

    Der Vergleich von Kafkas Schloß und Pale Rider scheint mir interessant. Allerdings sehe ich bei Kafkas Schloß keine transzendente Matrix eines Scheiterns. Diese Lektüre sitzt zu sehr noch der theologischen Lesart von Max Brod auf. Im Grunde ist K nicht einmal mehr ein gescheitertes, sondern vielmehr ein dezentralisiertes, deterritorialisiertes Subjekt.

    Ich hoffe, alle diese Aspekte demnächst in meiner Serie zum Ende der Kunst weiterzuverfolgen.

  10. Aléa Torik schreibt:

    Lieber Bersarin,

    noch einmal der Versuch, auf deine abstrakten und nach dem Allgemeinen greifenden Äußerungen mit meinen persönlichen und konkreten Umständen zu antworten. Du entsprichst damit deinen eigenen Anforderungen – in der Kritik zu abstrahieren – und ich den meinen – eben zu konkretisieren. Diese gegenläufige Bewegung zwischen deiner und meiner Betrachtungsweise gefällt mir gut.

    Auch ich suche nach Darstellungsformen für die unendlichen Möglichkeiten, Text zu präsentieren, Worte zu organisieren, Geschichten zu erzählen. Da ich diese Geschichten nicht irgendwo hernehme, da ich keinen Fundus habe, sondern mir ausdenke, interessiert mich natürlich jener ominöse Moment, wo aus einer kaum zu begreifenden Idee ein Wort und dann ein zweites wird, die versuchen, diese bereits wieder vergangene Idee zu fassen zu bekommen. Das ist ein intimer Prozess, der in meinem Gehirn stattfindet und für den ich keine Worte habe.

    Mich interessiert darüber hinaus auch die Organisationsform von Geschichten. Dafür kann ich Worte suchen: Bei meinem ersten Roman war das ein Blinder und ich habe entsprechend den Text, die Textbausteine, so angeordnet, wie ich annehme, dass ein Blinder Dinge wahrnimmt: mit großen Lücken. Müsste ich mit wenigen, mit drei Worten sagen, worum es meiner Einschätzung nach in dem Text geht, würde ich sagen: man selbst werden. Im zweiten Fall habe ich ein erzählendes Ich und ein erzähltes Ich, die auf den ersten Blick identisch sind, aber immer weiter auseinander fallen, die miteinander kollidieren, und der Leser sich nicht sicher sein kann, auf welcher Ebene der Erzählung er sich gerade befindet. Worum es geht? Man selbst werden! Beide Texte organisieren sich nach einem für mich zentralen Gefühl, nicht neu, aber wichtig: wir wissen nicht wissen, wo wir stehen. Ich versuche, in diesem Sinne, moderne Texte zu schreiben.

    Ich suche nach einer Ausdrucksform. Das tun viele reflektierte Künstler. Schreiben, erzählerisches Gestalten von Welt, hat neben dem Raum, in dem die Geschichten stattfinden, vor allem die Zeit zu arrangieren. Das ist sogar vielleicht die gestalterische Möglichkeit schlechthin. Dass lineare Erzählungen einen überholten, gestrigen Eindruck machen, gehört beinahe zum Bestand der Moderne, seit Sterne etc. Ich habe mich an verschiedenen Orten, teils sehr ausführlich, mit Wallace beschäftigt. Er gehört zu denen, die klar empfunden haben, dass wir nicht mehr chronologisch erzählen können. Aber wir können es auch nicht einfach aufheben, Meine These dazu lautete: „Letztlich allerdings kann es keine radikale Überwindung des linearen Erzählens geben, weil es keine Überwindung des linearen Lesens gibt.“ Dazu hat Cortázar mit Rayuela einen Vorschlag gemacht, indem er dem linearen Lesen synchron ein stochastisches dazu gegeben hat. Danielewski reiht sich da deutlich in eine Tradition ein, das Verschieben von Raum und Zeit, da war ein grandioses Erlebnis: „Das Haus“. Ich hatte leider keine Zeit es zu Ende zu lesen. Möglicherweise ist die Modifikation temporaler Bestimmungen ein zentraler Punkt an dem man drehen kann, an dem ein modernes Erzählen sich in Szene setzen kann.

    Ich bin jetzt an einem Punkt, wo ich mir überlege, was ich als nächstes schreiben könnte. In die beiden vorherigen Texte bin ich unbeabsichtigt hineingeschlittert. Der erste war vielleicht etwas abseitig, der zweite, der im kommenden Frühjahr erscheint, trifft hingegen einen Nerv: dieses metafiktionale Erzählen, das gerade viele machen. Aber das ganz große Rad ist es noch nicht. Und das suche ich jetzt. Keine Anpassung an den mainstream, sondern ein Thema, das es lohnt, für zwei, drei Jahre zu bearbeiten. In so ein Thema muss man hinein, nicht wie in einen Bungalow, sondern wie in eine Höhle. Wenn man Pech hat, kommt man nicht mehr heraus. Deswegen ist das Finden eines Ansatzes sehr wichtig. Damit man in die Höhle hinein will. Und nur wenn man das gewollt hat, findet man Jahre später wieder heraus. Einen Stoff zu finden und sich damit in einen gesellschaftlich literarischen Diskurs einzuordnen, sich zu unterwerfen oder zu widerstreben, das ist eine sehr schwierige Aufgabe. Die Geschichten wachsen dann, da hast du recht, schon aus einem heraus, aus einem Grund, der irgendwo zwischen schizoider Weltbewältigung liegt und der Erkenntnis, dass die größte Entdeckung seit Menschengedenken die Differenz zwischen sich und anderen ist, die man schreibend und liebend nur überwinden kann. Diese beiden Dinge haben viel miteinander zu tun.

    „Literatur ist geschlechts- und kontinentneutral“ . das ist auch meine Auffassung. Was du dann zur Differenz von Künstlern und deren Kritikern sagst, gefällt mir sehr gut! Ich finde ein Kritiker sollte einem Künstler, ein ernstzunehmender Kritiker sollte einem ebensolchen Künstler Wege zeigen, die der nicht sieht. Weil man durch den Blick eines profilierten anderen etwas lernen kann, was man durch den eigenen, affirmativen Blick nicht kann. Die Dinge sind so eng an einem dran, dass man sie im Grunde gar nicht anschauen kann. Man kann sie nur erleben.

    Aléa

  11. Aléa Torik schreibt:

    Noch ein kleiner Nachtrag zu deiner Formulierung „ … daß alles so gelingt, wie Du es Dir vorstellst.“: Die Tatsache, dass es nicht so gelingt, wie ich mir das vorstelle und die Dinge sich nicht meinen Vorstellungen fügen wollen, ist entscheidend dafür gewesen, dass ich Schriftstellerin geworden bin. Dass ich anfangen musste, mir die Dinge so vorzustellen, wie sie gelingen könnten, also wie sie aussähen, wenn ich sie mir nicht vorstellen müsste. Aber leider muss ich das. Gott sei Dank!

  12. summacumlaude schreibt:

    Lob des Lesers

    Die Diskussion hier zu lesen ist mindestens so anregend, wie das Lesen so mancher neuer Romane. Ende der Kunst? Oder nur Ende der Kunst als Religionsersatz? Aber so einfach komme ich mir nicht davon, denn einiges an der Gegenwartskunst läuft schief.
    Gerade der Mainstream der gedruckten Fiktion hangelt sich allzusehr an der in Leibzig oder Hildesheim gelehrten Regelpoetik entlang. Nun, auch hierbei mag manch gutes Werk entstanden sein oder noch entstehen. Ich bestreite aber, dass man nur noch Präsenserzählen darf und das Subjekt im Satz unbedingt ausgelassen werden muß ( – Ging zum Schrank. Holte Unterhose raus. Zog mich dann an – usw.): Die Nähe dieser Form der Literatur zum Journalismus ist evident. Es war immerhin Ulrich Greiner in der „Zeit“, der das Präsenserzählen auf Kafkas „Process“ übertrug und damit ad absurdum führte. Der „Process“ im Präsens? „Daraus kann nichts werden“ schlußfolgerte er korrekt.
    Ja, die Regelpoetik: Glaubt übrigens jemand, dass Joyce dem Leibziger Institut entstiegen wäre mit dem Manuskript des „ulysses“ als Ergebnis? Oder Proust mit der „recherche“? Nein, das ist absurd zu denken.
    Man denke sich Kafka heute, 1983 geboren: Mit demselben Resonanzkörper ausgestattet! Wie würde er auf die Welt reagieren? Würde er überhaupt noch schreiben? Was würde seinen Körper zum Klingen bringen? Drogen? Psychotherapie? Yoga?
    Würde er sich in Leibzig bewerben?
    Aber ein Leser wäre er in jedem Fall. Freilich hätte er wahrscheinlich ebenfalls „Probleme“ mit der Gegenwartskunst.

  13. summacumlaude schreibt:

    Leipzig mit b
    Oh weh
    ahhhhhsooo! deswegen hat meine Bewerbung nicht geklappt.
    Nun. Kafka wäre das nicht passiert.

  14. silberfink schreibt:

    Ein anschauliches Bild hat summacumlaude da gezeichnet.

    Sich selbst verpflichtet zu sein bedeutet Verantwortlichkeit gegenüber dem MenschSein, ein gewisses Maß an Bewusstheit. Das geht weit über den bloßen Verweis auf Subjektivität hinaus. Das wollte ich nochmal zurechtgerückt wissen. In diesem Sinne kann wohl auch Beuys‘ erweiterter Kunstbegriff verstanden werden.
    Das käme jedenfalls meiner Idealvorstellung entgegen. Es entspräche auch noch immer (oder wieder) einer Art Vorreitertum, da diese Art von (auf’s Menschsein bezogen) Bewusstheit in
    der Breite wenig vorhanden zu sein scheint bzw., so will’s mir scheinen, relativ erfolgreich verdrängt wurde.
    Sanftheit als Systemeigenschaft, nicht als Software gilt bei mir als Mindestanforderung. :-)

  15. Bersarin schreibt:

    Liebe Aléa, ja vielleicht geschehen manche Dinge auch durch das Mißlingen: daß etwas uns an etwas scheitern läßt, das, woran wir uns dann abarbeiten (müssen). Das Gelingen, welches ich meinte, bezog sich mehr auf das Klein-Klein-Prozedere in der Welt der Verlage, bevor man sein Buch veröffentlicht.

    Ich möchte zu Deinem Kommentar nur wenig schreiben, weil ich es nicht für statthaft halte, die Arbeitsweise einer Schriftstellerin zu kommentieren. Wenn ich sage: „Ich fertige auf so und so eine Weise Photos!“, dann möchte ich keineswegs hören: „Das mußt Du aber anders machen.“ Andererseits: ich gebe nur selten Einblick in meine Produktionswerkstatt und ich teile nur dann mit, wenn es dem Text selbst – und damit auch: der ästhetischen Form desselben – dient.

    Die Organisationsform, also auch: die Struktur von Texten, von Bildern, von Filmen interessiert auch mich. Diese Frage: „Wie funktioniert das?“ ist wesentlich für ein Kunstwerk. Sowohl in der Produktion von Kunstwerken als auch in ihrer Kritik.

    Ebenfalls stimme ich Dir zu, was Du zum chronologischen Erzählen schreibt. Wir können es nicht abstrakt negieren. Aufheben allerdings schon. Und zwar in jenem (Hegelschen) dreifachen Sinne des Wortes. Das macht übrigens die Sprache Hegels so ungeheuer interessant: Sie transportiert nicht nur Philosophie als Vehikel, wie teils bei Kant, sondern die Sprache tritt mit der Sache in eine Konstellation, steht mit dem, worüber sie spricht in einem Verhältnis. Schriftsteller und Philosophen arbeiten mit Begriffen, mit Wörtern, und es geht dabei um das Verhältnis von Begriff und Sache. Schon bei Hegel. Oder besser: Gerade dort.

    Die Dinge seien, wie Du schreibst, manchmal sehr eng an einem dran. Man könne sie nur erleben. Letzterem Widerspreche ich. Man kann sie nicht erleben, sondern man muß sie distanzieren. So vie alles. Denn je näher man ein Wort ansieht, dies wußte bereits Karl Kraus, desto ferne sieht es zurück. Entfremdung ist das Zauberwort.

    @summacumlaude
    Ja, das Problem sind diese Schreibschulen, Dozenten verdienen damit halt gutes Geld, aber noch schlimmer als diese Institute, ist jenes Gerede vom Kreativen Schreiben, creative Writing. Andererseits ist schreiben auch ein Handwerk. Die beste Schule für gutes Schreiben ist: viel lesen. Und wer – als Journalist – klares gutes Deutsch möchte, der lese die Texte von Marx, Freud, Schopenhauer.

    @Silberfink
    Sanftheit ist ein schönes Wort. Aber es gibt ebenso diese Momente, da halte ich es mit der Polemik. Mit der Leidenschaft. Mit dem Zorn. Es kommt bei diesen Entäußerungen immer auf die Umstände an. Und es ist in Blogs langweilig, wenn sich alle immerzu über die Köpfe streicheln wie im Zoo. Man kann das ab und an mal machen, mal loben. Aber auf die Dauer halte ich es für unproduktiv. Das heißt ja nicht, man müsse sich im Disput dauernd beleidigen. Aber: ich pflege schon gerne, bei einer Flasche Wein versteht sich, den Polemos – jenen Modus der Kritik.

  16. Lars schreibt:

    Bald schreib ich auch was. MfG Stronse

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