Vierundzwanzig Stunden – Fetisch und Photographie

Zwischen Plastikpilzen auf einem Weihnachtsmarkt, die eine Märchenhütte schmücken, den ersten Schneeflocken, die fallen und sogleich schmelzen, zwischen dem Brandenburger Tor um 15 Uhr, in Potsdam, preußischblau: zwei Blicke, eine Frau und ein Mann, in Mantel, Schal und Jacke gehüllt, zwischen einem Spaziergang in Sanssouci, einem Heißgetränk in einem Café, das sich „Franz Schubert“ nennt, zwischen der Schlegelstraße – wie passend –, wo ihr Auto parkt, sowie einer abendlichen Irrfahrt über die Landstraßen Brandenburgs, während der eigentlich ortskundige Beifahrer behauptet: ich kenne den Weg: Fahrland, Richtung Spandau, Richtung Nauen, im Grunde haben wir uns völlig verfahren; ihre Gelassenheit, während sie fährt, und meiner Freude, endlich den Berliner Ring erreicht zu haben, nachdem wir auf irgend einer Landstraße restlos in die Irre gerieten, zwischen meiner schlechten Wegbeschreibung und meinem mangelnden Talent, sich im Dunkeln zu orientieren, zwischen Coq au Vin und Nähe, zwischen Zigaretten und zwei Flaschen Riesling, zwischen morgens im Bett vorgelesenen Gedichten von Rolf Dieter Brinkmann und einem Fichtenschaumbadextrakt in meinem Badezimmer, daß uns nach Spießbürgern riechen läßt, zwischen Worten, Küssen und der Musik von Tocotronic, von Scott Walker sowie Johnny Cash, zwischen meiner Zaghaftigkeit, ihren blau-grauen Augen, ihrem blonden Haar, ihrem Mund und den Rücklichtern eines Autos: eine Zeitspanne von genau 24 Stunden, die sich in keiner Weise fixieren läßt.

Keine Photographie, keine Prosa, keine Lyrik vermag es. Alle Literatur, Philosophie und Kunst ist nichts gegen diesen einen Moment. Was Marcel Proust inspirierte, sich von der Welt korkverschält abzusetzen, um den fulminantesten Roman des 20. Jahrhunderts zu schreiben, das läßt sich anhand solcher Momente erahnen. Die Erinnerung arbeitet als Ort poetischer Vergegenwärtigung. Aber der Wunsch nach Präsenz ist ein Begehren, das an keine zeitlich-empirische Realität sich koppeln läßt, die wiederanzueignen wäre.

Eine Fahrt mit der S-Bahn nach Potsdam. Vierundzwanzig Stunden später schneit es wieder, während ich eine Nebenstraße heruntergehe. Ohne Kamera, ohne Reflexion. Ich sehe lediglich verschwommen, ohne Brille. Zwei Weingläser bleiben, die auf dem Nachtisch im Schlafzimmers stehen, und ihr Geruch auf dem Kopfkissen.

Popmusik kann vollständiger, vollkommener Kitsch sein: bis zum Äußersten. Weil alle Regungen im Grunde von Diskursen überformt sind und dennoch der Wunsch besteht, sich auszudrücken. Sobald eine Regung hin zu einer Seite aufgelöst wird, sich fixiert, sich in ein starres Bild bringt, ist diese Regung an sich bereits verloren.

„Eine Flanke gegen die Gegebenheiten …“
„Eine Flanke gegen den gesunden Menschenverstand …“

Der Kitsch all der Referenzrahmen und der Bezüge. Ob man sich nun auf die Odyssee, persische, indische, japanische Mythen und Geschichten, auf die Bibel, auf europäische Literatur oder Popmusik kapriziert und diese Dinge anzitiert, ob ein Text das große Epos als Muster ausbeutet: es bleibt sich ganz und gar gleich. Kein Text funktioniert am Ende aus sich selbst, sondern er verweist auf andere Text, es erzeugen sich aus Texten neue Texte.

Der Text der mémoire involontaire reicht nicht heran, und selbst eine Photographie oder ein Film, die jene Momente in ein Bild bannten, wären lediglich so etwas wie ein Katalysator, eine Art von technischer, analoger oder digitaler Madeleine, aber nicht die Sache selbst, ein Referent oder gar ihr Stellvertreter. Roland Barthes schreibt in „Die helle Kammer“:

„Die Realisten, zu denen ich gehöre und bereits gehörte, als ich die Behauptung aufstellte, die PHOTOGRAPHIE sei ein Bild ohne Code – obschon Codes selbstverständlich ihre Lektüre steuern –, betrachten eine Photographie keineswegs als eine ‚Kopie‘ des Wirklichen – sondern als eine Emanation des vergangenen Wirklichen: als Magie und nicht als Kunst. Die Frage, ob die Photographie analogisch oder codiert sei, hilft uns bei der Analyse nicht weiter. Wichtig ist, daß das photographische Bild eine beständige Kraft besitzt und daß die Zeugenschaft der PHOTOGRAPHIE sich nicht auf das Objekt, sondern auf die Zeit bezieht. Phänomenologisch gesehen, hat in der PHOTOGRAPHIE das Bestätigungsvermögen den Vorrang vor der Fähigkeit zur Wiedergabe.“ (R. Barthes, Die helle Kammer)

Denn der Moment läßt sich nicht wiedergeben, sondern vielmehr transformiert er sich in ein bestimmtes, aufgeladenes Objekt. Und darin sind der Fetisch und die Photographie verschwistert. Sie symbolisieren oder eher noch: sie verdichten in sich ein komplexes Geschehen.

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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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