Gestöhne Stanzen – Hegellektüren (3)

Es hallt herüber durch die Altbauwände
die laute, wild-verwegene Frauen-Lust
Berühr’n das Weib behende Männerhände,
dann stöhnt die Stimme, faßt er sie an die Brust.
So tönt‘s durch dünne Mauern manch‘ Abende.
Und ich – ach – ich – werde mir fürda bewußt:
Denn was du seit Jahren und Äonen weißt:
du dienst dem Gegenglück, das einzig heißt – Geist

Ach, liebe Leserin, lieber Leser, versuchen Sie doch ein einziges Mal Hegel zu lesen, mit Kontinuität, die „Wissenschaft der Logik“; so Satz für Satz und Zeile für Zeile sich nächtens am Text entlangzuhangeln, um des hermeneutischen Verständnisses willen und um nicht für dumm zu sterben. „Dies heißt im allgemeinen nichts anderes als: was ist, ist nicht als seiendes Unmittelbares, sondern als Gesetztes zu betrachten; es ist nicht bei dem unmittelbaren Dasein oder bei der Bestimmtheit überhaupt stehenzubleiben, sondern davon zurückzugehen in seinen Grund, in welcher Reflexion es als Aufgehobenes und in seinem Anundfürsichsein ist.“ Kausalität, nachts, in der Studierstube. Der Satz vom zureichenden Grund, welchen Leibniz in seiner „Monadologie“ als Principium ausführte. Und nebenan durch die dünne Wand des Altbaus stöhnt eine Frau in die Bibliothek hinein, und dann ein Mann in dieser schnellatmigen, impulsiven, ausstoßenden und nicht auf Dauer, sondern auf die kurze Mitnahme angelegten Weise. Was machen Sie dann? Gehen Sie ins Internet und lassen sich inspirieren? Mit so Bildchen? Ach, die fesche junge Nachbarin mit den schönen Haaren, dunkel, halblang, manchmal auch rot, die Frau mit dem hellen Lachen. „Deine Zeit ist vorbei, alter Mann, ‚No Country for old men‘“, so höhnt es aus dem Kopf, ich lasse mir die Filme der Coen-Brüder Revue passieren: na ja „The Big Lebowski“ geht noch, den Dude bekomme ich alkohol- und haltungsmäßig gut hin, wenngleich ich Hippies nicht mag und auch nicht bowle [in Gedanken nur, manchmal for Columbine]. „Barton Fink“?: gerne, aber nur nicht so viel Abenteuer und Suspense, das grätscht schon gewaltig in die Welt von David Lynch. Und habe ich einmal mit Gedichten angefangen, so folgt ein Reim auf den anderen und den Fuß. „Ach was“, denke ich mir, „Hans Hubert Vogts hat immer wieder Trainerjobs bekommen, Lothar Matthäus griff sich zahlreich junge Bräute. Alles alte Männer: weshalb also sollte es kampferprobten, hartgesottenen Hegelianern schlechter als bewährten Fußballern gehen? Alles Männer älteren Alters.“ Nicht mehr benötigt. Und da fällt uns angesichts solcher Abhalfterungen sogleich das Motto der Bremer Stadtmusikanten ein:

„Let‘s start a band!“

Musik ist sublimiertes Stöhnen, so denke ich mir an Abenden wie diesen. Und texten kann ich ebenfalls, bloß daß mir keine Songs einfallen, sondern nur Sentenzen der Negativität. Oder pathetisch-absurde Kompositionen: „Dein Schweigen ist die Stimme des Anfangs, und wenn Du kommst, dann gehe ich.“ Irgendwie blöd – kann man daraus ein Lied machen? Ach, „alle Worte tausend mal gesagt“: das wußte schon die Band „Ideal“. Nein, die Sprache schweigt, nächtens – doch Sex in der Nachbarwohnung beim Lesen?: „Alles ohne mich“ kann ich da weiterhin mit „Ideal“ hundsgemein sinnieren.

Vielleicht sollte ich Gedichte von Durs Grünbein singen, nein, weiterschreiben, besserschreiben. Gerade ist sein neuer Gedichtband „Koloss im Nebel“ bei Suhrkamp erschienen. Griechisch-verzückt und zugleich die Sichtachsen trübend. Aber: das Kolossale ist eben nicht das Erhabene. Das Kolossale überwältigt – nach Kant –, aber anders als das Erhabene erschlägt und erdrückt es das Subjekt, hinterläßt im Gemüt nicht jene Weise der Imagination, die zwischen Unendlichkeit und Begrenzung changiert und daraus eine Art ästhetisch-moralische Kraft gewinnt, sondern es legt sich das Kolossale wie ein Schatten oder ein Alp über das Denken. C.D. Friedrichs wunderbarer Mönch am Meer ist in seiner Winzigkeit vor dem Dunkel nicht kolossal, und auch die Schwärze des Meeres ist es nicht, sondern zeugt vom Undurchdringlichen. In Berlin zu sehen. Alles was gut ist, gibt es in Berlin. Manchmal, so denke ich mir, fehlt dem Dresdener Grünbein, der nun in Berlin weilt, der Rotz des frühen Straßensounds, 85 in der DDR:

Grauzone morgens, mon frère, auf dem
Weg durch die Stadt
heimwärts
oder zur Arbeit (was macht das schon) –

Alles passiert jetzt in Augenhöhe. Den
ersten Gesichtern, kantig und
hart, fehlen
nichts als die schwarzen Balken
über den Augen, ausgelöscht für die

diskrete Kartei aller Zeugen des
stillen Smogalarms (morgens
halb 6)

Und es ist dies die Zähigkeit (zäh:

WIE DAS DEUTSCHE SAGT), daß sie schräg
gegen den Kopfschmerz gehen und das
Rauschen der Filter-
anlagen in uns.
(Durs Grünbein, Grauzone morgens)

Ich öffne mir die letzte Flasche eines spanischen Weines, der im Regel ruht. Keine Staubschicht, aber ein Schraubverschluß. Kann ja heiter werden! Ich darf nichts mehr trinken, sagt mir ein Arzt – ach scheiß drauf: wenn ich solche Texte schreibe, dann muß ich trinken, und zwar keinen grünen Tee oder Wasser. Ich schlafe schlecht, dies käme vom Alkohol, so der Arzt. Nein: ich mache Befindlichkeitstexte von meinem schlechten Schlafen, vom Alkohol, von den Frauen, die ich ob des Alkohols nicht mehr adäquat lieben kann, immer ist wer anders schuld. So ist es. Ihre Blicke, die auf mir ruhen.

Ich denke, Prosa und Romane zu schreiben, ist ziemlich leicht, man muß es nur wollen, ein wenig komponieren, eine gute Geschichte sich (er)finden. Der Rest geht von selbst, es gehört dann nur noch Disziplin, Fleiß und ein langer Atem sowie ein Plot dazu: und dann: sich jeden Tag für eine Stunde oder zwei, drei an den Schreibtisch zu setzen. Je nachdem, wie lang der Roman oder die Erzählung werden sollen. Philosophie zu schreiben gestaltet sich schwieriger. Einen Essay zu machen, zum Beispiel, erfordert tagelanges, wochenlanges Nachdenken und Lesen in Primär- sowie Sekundärliteratur samt einer Existenz als Monade, ohne daß in dieser Phase irgend ein Satz geschrieben wurde – abgezirkelt im Raum. Exerzitien. Wer mag schon den Nordpol zum zweiten Mal zu entdecken? Vielleicht machte es Robert Musil in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ richtig: Prosa und Reflexion in ein Verhältnis zu bringen. Am leichtesten ist Lyrik. Sie verkauft sich aber schlecht.

„Nachts sind die Bilder allein im Museum. Niemand da,
Der die Statuen streichelt mit den Blicken der Lebenden.
Nun bist du, Kunst, nutzlos und so naiv verlassen
Wie in den Stunden im Atelier, wenn nach getaner Arbeit
Der Maler die Leinwände umdreht; Gesicht zur Wand.“
(Durs Grünbein, Koloss im Nebel)

Und auch ich wende meinen Blick ab, während aus ihre verklebten Möse sich ein Schwanz herausdrückt oder, leicht erschlafft, noch ein wenig dableibt, weil sie das so mag. Der Geruchssinn intensiviert sich und Atmen ist wie Röcheln. Ars amandi.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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10 Antworten zu Gestöhne Stanzen – Hegellektüren (3)

  1. im regel schreibt:

    Im Regal

  2. FrauWunder schreibt:

    Auch der Olymp ist öde ohne Liebe…

    Kleist

  3. silberfink schreibt:

    Schnellatmig sind nur die, die davon noch keine Ahnung haben oder die, die es für den (schlechten) Spielfilm tun. Schweratmig sind die, die es richtig machen. :-)

  4. Bersarin schreibt:

    @ Im regel
    Der Text ist ein wenig kryptisch. Wenn ich Regal als Palindrom wahrnehme, dann habe ich Lager. Das Lager ist der Nomos der Erde, um Agamben zu zitieren, ansonsten bleibt alles schön leger.

    @Frau Wunder
    Da ist viel Wahrheit dran. Aber was wissen wir von den Göttern? Allenfalls von der göttlichen Liebe schmecken wir. Die Sterblichen.

    @silberfink
    Ich sehe das mit dem Blick des Theoretikers, und ich schaue immer gerne zu. Besonders Frauen.

  5. alterbolschewik schreibt:

    „Musik ist sublimiertes Stöhnen“ – Manchmal ist sie es auch völlig unsublimiert; es gibt ein Photo von meiner Geliebten und mir nach einem Auftritt, wo wir auf den Monitorboxen sitzen und in aller Öffentlichkeit einen Gesichtsausdruck haben, ach, ich führe das lieber nicht weiter aus…

    Die spannende Frage dabei ist, ob Kunst, die nicht mehr sublimiert (nennen wir das Kind beim Namen: Rock’n’Roll), nicht das eigentlich Künstlerische verrät. Marcuse, mit dem ich mich gerade intensiv beschäftige, würde genau das behaupten (übrigens wahrscheinlich in Übereinstimmung mit Adorno). Völlig unsublimierter, unmittelbarer Genuß (kann es das, nach Hegel und um beim Thema zu bleiben, überhaupt geben?) wäre in dieser Perspektive Verrat, da er sich (nur scheinbar?) vom schlechten Ganzen entkoppelt und in der Unmittelbarkeit des Hier und Jetzt eine Erfüllung findet und damit das schlechte Ganze affirmiert.

    So interpretiert würden Marcuse und Adorno mit Hegel darin übereinstimmen, daß die Flüchtigkeit des erlebten Hier und Jetzt dieses entwertet: „Die sinnliche Gewißheit erfährt also, daß ihr Wesen weder in dem Gegenstande noch in dem Ich und die Unmittelbarkeit weder eine Unmittelbarkeit des einen noch des anderen ist; denn an beiden ist das, was Ich meine, vielmehr ein Unwesentliches, und der der Gegenstand und Ich sind Allgemeine, in welchen dasjenige Jetzt und Hier und Ich, das ich meine, nicht bestehen bleibt oder ist.“

    Was aber, wenn das, worauf es ankommt, gar nicht das ist, was „bestehen bleibt oder ist„, sondern gerade das ist, was kurz aufblitzt und dann wieder verschwindet?

  6. Bersarin schreibt:

    Es sind genau diese Momente, wie Du es beschreibst: Wenn zwei Menschen so auf einer Monitorbox sitzen. Diese Augenblicke festzuhalten: das macht eine gelungene Photographie aus! Die Fixierung des im Grunde nicht Fixierbaren.

    Kunst, die nicht sublimiert, die nicht diese zweite Ebene im Text mit sich führt – also den Subtext mitschreibt -, die verrät die Kunst. Und weil die Apologeten des Pop in den Spex-Redaktionen und in den vermeintlich subversiven Pop-Theorie-Texten diesen Verrat so wenig wahrhaben wollen, unterschieben sie im Pop beständig die referenziellen Systeme, die Verweisungszusammenhänge, laden das Triviale mit Bedeutung und Widerständigkeit auf. Plötzlich geraten Madonna oder Lady Gaga oder Prince zu Weisen vom Vorschein des Anderen.

    Und trotzdem bleibt ein Moment des Unabgegoltenen: Das, was als Apparition sofort und unmittelbar wieder entschwindet. Pop lebt allenfalls vom augenblickshaften Ereignis, darin liegt vieleicht sogar ein Moment von Wahrheit, wenn R. Goetz das in seinen Texten aus den 90ern und den 00er Jahren beschreibt. Es ist die Aktion, die Performance des Ausgehens, des Trinkens, der Drogen, der Intensitäten. Das Stück Popmusik, das Werk, das keine Kunstwerk mehr ist, bildet in diesem Rahmen allenfalls einen Katalysator.

    Du sprichst einen Bündel von Aspekten an, die die Ästhetik bestimmen: die Frage nach dem hermetischen Kunstwerk, das nicht Genuß sein will, und doch ohne dieses Moment des Sinnlichen sich selber durchstriche und verleugnete. Das Werden im Vergehen, um mit Hölderlin zu sprechen, oder aber: Das Vergehen als solches, das in den Text und in ein (flüchtiges) Bild geschrieben wird wie bei Proust.

    Diese Aspekte mit dem leider zu unrecht in Vergessenheit geratenen Marcuse gegenzulesen, scheint mir ein interessantes Projekt, das auch mich ein wenig inspiriert.

  7. summacumlaude schreibt:

    Klar, auch die Unmittelbarkeit kann zur Kunst führen (Fluxus?), reflektiert aber in dem unmittelbaren Erleben, besser ausgedrückt in den kontemplativen Momenten nach dem Genuß die Sublimation gleich mit.
    Sonst wäre auch eine Achterbahnfahrt große Kunst – je nach Geschmack natürlich. Die bringt unmittelbar Spaß und man kann in den Spex-Redaktionen dieser Welt dann gleich die der Fahrt immanente Widerständigkeit leitartiklerisch „begründen“. Das erinnert mich daran, dass mein Bruder Anfang der Neunziger als Einziger in unserem Umfeld einen Fernseher besaß. Nun wurde Rambo ausgestrahlt, auf irgendeinem Krawallsender. Also erschienen einige Philosophiestuidenten, um diesen Irrsinn sich zuzuführen. Hätten sie nicht den unmittelbaren Genuß (bei Rambo? Aber bitte – wems schmeckt) genug sein lassen können? Nein, das ging nicht; damals war ja Zeichentheorie groß in Mode, und so mussten sie jedem Bild noch eine Bedeutung unterlegen, die ich einfach nicht erkennen konnte. Lag das nun daran, dass ich kein Kunstverständnis hatte/habe? Jedenfalls sah ich das „Werk“ nicht zu Ende.
    Gruß an alle!

  8. Bersarin schreibt:

    Ich würde zwar einerseits sagen, daß auch einem Film wie Rambo ein Subtext, eine zweite Ebene, ein kollektives Unterbewußtes eingeschrieben ist. Aber deshalb mutiert ein solcher Film (oder andere Werke) nicht zu einem gelungenen Kunstwerk, sondern es handelt sich, wie auch beim Pop, um Produkte der Kulturindustrie, die serielle gefertigt werden, um bestimmte Reaktionsweisen und Einstellungen hervorzurufen.

    Dieses Pseudosubversive, was allüberall gesehen wird, ist ein aufgekochter Schmonzes derer, die sich ins Mitmachen einüben, aber als Mitmacher nicht erkannt werden wollen. Mitlerweile ich selbst die Provokation zur Show verkommen.

    Heideggerlesen auf dem Seminarklo und ähnliches. Wie oberwitzig. Alles schon gewesen. Alles schon gesehen. Gepflegter Ennuie sieht anders aus.

  9. ziggev schreibt:

    Ach, ich weiß nicht, inwiefern ich nun für manche hier etwas ignorant die Diskussion ins Triviale wende, aber damit haben wir es nun einmal zu tun, reden wir über Pop. Und es stimmt natürlich, dass Pop Reaktionsweisen, Einstellungen hervorrufen soll – dass es sich um Produkte der Kulturinsustrie handelt, ist ja eh klar. In meinen Worten heißt das einfach, dass Pop ein Lebensgefühl transportiert, evozieren soll oder Ausdruck desselben ist, er ist gewissermaßen der Soundtrack für die und die Zeit, für die und die Generation. Und es läuft hier vieles über Bilder – nicht umsonst klingen manche Äußerungen zu Bands oder Popmuikern (im weitesten Sinne) von Nick Cohn in seiner epochalen „Pop History“ von 1970 schlicht wie Beschreibungen der jeweiligen Platten-Cover. Pop ist immer auch Image.

    Ich möchte aber die Überlegung nahelegen, ob die Sicht, Pop würde, weil Antisublimation, die Musik verraten, nicht Wesentliches beim Pop verkennt. Den Hinweis auf Spex fand ich nun aufschlussreich, denn ich rätsel(t)e immer, was es mit diesem „Pop-Diskurs“ wohl auf sich haben könnte. Ist nicht vieles an Pop aus der Hochzeit von Spex der Soundtrack für das Lebensgefühl potentieller Spex-Leser gewesen – ein Lebensgefühl, das sich mit der Perzeption gewisser Theorien paarte, und diese Perzeption, oder noch weitergehend, die Theorien selbst der Soundtrack für jene Reaktionsweisen, die in einer bestimmten Zeit gepflegt wurden? Durch eine Verkettung von Umständen kontingenter Natur war ich eigentlich selten in meiner Poprezeption auf der Höhe der Zeit, z.B. was diese Ära betrifft, und, ach, auch in meiner Theorierezeption. So bin ich oft in der Situation, mich zu wundern (gewesen), was jedoch nicht immer dazu wenigstens hinreicht(e), aus dieser Not eine Tugend zu machen, zugegeben.

    So ist für mich viel naheliegender, zu sagen, dass Spex den Pop, nicht, dass Pop die Kunst verriet. Denke ich an den heutigen Pop, nicht aber an all die Subsparten, die traurigerweise kein allgemeines Lebensgefühl mehr vermitteln und damit kein Pop mehr sind, sondern Veraltetes nur noch reproduzieren und so lediglich eben für einen bestimmten Markt produziert werden, dann stehe ich vollkommen ratlos vor der Frage, wie die jungen Leute heute wohl fühlen mögen. Es bleiben lediglich die immergleichen Balladen von jungen Sängerinnen, technoartige Beats. Ja, das ist nur noch billige, die Sinne affizierende Unmittelbarkeit, und das Komagesaufe der Konsumenten nimmt nicht wunder. Sie tun mir etwas leid.

    Sehen wir also Pop lediglich in der Funktion, Reaktionsweisen hervorzurufen, wird klar, dass es so nicht funktioniert. Allein in dieser Funktion führt diese Art Pseudopop lediglich zur Agonie.

    Pop ist also (ich bitte um Verzeihung meiner plakativen Formulierung wegen) Expressionismus. Hierin nicht ohne widerständiges Moment, ist – oder besser: war – als Ausdruck und durchs Ausleben und Evozieren eines Lebensgefühls zugleich unmittelbar. Dies ist natürlich zirkulär und ohne Kulturindustrie ist insbesondere dieses Moment vermutlich gar nicht denkbar. Er ist Ausdruck von etwas, das er in der Folge selbst evoziert, indem er es selbst auslebt und das Muster dafür abgibt, wie dies zu geschehen habe. Er bedarf also gar keiner Rechtfertigung. Das Lebensgefühl, dass du dir dein Lebensgefühl billig kaufen kannst, kannst du dir kaufen, Roller-Scooter, Lollie-Pop!

    Doch in diesem „Grundlos-Froh“, im hymnischen Preisen seiner Nichtigkeit, der Heiligsprechung des seriellen Trashs, der unendlich insistierenden Geste der Wiederholung, der perpetuierenden, nichtendenwollenden Selbstpreisung liegt gleichzeitig ein Moment des Stillstandas, des Stillstands – der Zeit. Eigentlich müsste man Haikus vertonen. Nun, hierin liegt ein Reflexives Element, und in allerhöchter Vollendung ist dieses die Ironie: „Sweet little sixteen, she´s got the grown-up blues / tight dresses and lipsticks, she´s sporting high heel shoes / But oh tomorrow, she´ll have to change her trend / And be sweet sixteen, and back in class again“ Ohne Selbstreferenzielles ist Pop kein Pop. Daraus folgt, sicherlich, nicht notwendig, dass es im Pop etwas sublimes gebe. Und gut, wie ich Pop verstehe, kann ich dem schwer widersprechen, dass er unmittelbarer, unsublimierter Genuss sei. Es gibt nichts zu sublimieren, am wenigsten „sinnliche Gewissheit“. Das Wesentliche des Pop spielt sich jedoch in ganz anderen Gefilden, denn denen sinnlicher Affizierung ab.

    Vermutlich ein paar Jährchen jünger als ihr, Bersarin und Summacumlaude, habe ich dann jene Leute erlebt, die diese Pseudosubversion und sich vorgespielten Ennui nur noch nachahmten. Das schreckte natürlich ab. Und so wurde ich ein „Unzeitgemäßer“, hihi !

  10. Bersarin schreibt:

    Das Phänomen „Pop“ ist ein komplexes, denn es vermischen sich darin viele Bereiche und Aspekte. Sicherlich der des Expressiven: eines Habitus, eines Statements, wie zu leben ist, Lebensentwürfe, Rebellion und Anpassung: Popper, Punk, Ted, Schlagermusikhörer u.v.m. Genau das ist es: man kauft sich ein Lebensgefühl und reichert es mit Eigenem an. Was einstmals in der Organisationsform von Vereinen oder Parteien sich abspielte und Subjekte ein eine Art Gemeinschaft überführte, das ist heute der Pop. Im Zeichen radikaler Individualisierung, die allerdings eine vermeintliche ist und der vielfach der Charakter des Scheins anhaftet, bietet die Pop-Musik Zeichen an, sie ist das geeignete Ausdrucksmedium, weil sie beide Aspekte in sich trägt: Theorie und Praxis.

    Und da diese Musikstücke des Pop mit jenen Mythen des Alltags durchzogen sind, eignen sie sich so gut als Felder der Interpretation, und es lassen sich dort Bezüge hineinlesen, die sowohl mit dem Subjekt als auch mit der Gesellschaft zu tun haben. Und zugleich schwingt, subtil oder auch nicht, das Moment der Kritik und der Verweigerung mit. Weiterhin: Pop ist selbstreferentiell, dies ist ein ganz entscheidender Aspekt, den Du thematisierst. Das macht ihn interessant und eröffnet die Tore zu (teils auch beliebiger) Interpretation.

    Pop ist ein interessantes und zugleich zwiespältiges Phänomen: Rebellion und Anpassung ans Bestehende in einem.

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