Die Kunst an der Grenze – Transgressionen. Sowie ein Blick auf Arthur Cravan

Perspektiven der Klassischen Moderne

Man muß oder besser: man sollte es nicht so weit treiben, wie der Amateurboxer, Schriftsteller und Performance-Künstler Arthur Cravan (22.5.1987 – 1918?), der 1912 in Paris die Zeitschrift „Maintenant“ herausgab – ein passender Name für eine derart auf die Gegenwart und den Augenblick bezogene Kunst – und der sich selber in einem Steckbrief als Hochstapler, Matrose auf dem Pazifik, Maultiertreiber, Apfelsinenpflücker in Kalifornien, Schlangenbeschwörer, Hoteldieb, Neffe von Oscar Wilde, Holzfäller in Riesenwäldern, Exboxchampion von Frankreich, Enkel des Kanzlers der Königin (von England), Chauffeur in Berlin bezeichnete. Dadaismus pur und avant la lettre, bevor 1916 im legendären, von Hugo Ball betriebenen Cabaret Voltaire in Zürich die Dadaisten ihr Programm vorführten.

100 Jahre ist diese Geburt der Klassischen Moderne aus dem Geist des Realismus bald her: Expressionismus, Dada, Kubismus, Futurismus, Abstrakte Malerei,  Suprematismus.  Was aber vor allem geschah, war die Ausweitung der ästhetischen Form und eine Veränderung des Blickes wie es sie seit der Zentralperspektive in der Malerei nicht mehr gab. Und diese Entgrenzung bezog sich nicht bloß auf die Malerei. Es kamen die Photographie sowie der Film als Künste auf.  In der Literatur wurden Texte geschrieben, die die überkommenen Formen, wie zu erzählen sei, sprengten. Vor 100 Jahren schrieb Marcel Proust an seiner „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Es entstanden die ersten Erzählungen Kafkas sowie die Romane „Der Verschollene“ und „Der Prozess“. Ich werde – meinem Faible für den Fetisch Zeit, Datum und Poetik folgend – diese Jahrestage hier im Blog (wie schon zu Kafka getan) gelegentlich mit Texten begleiten. Zudem bespreche ich Florian Illies‘ Buch „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“. Den Realismus in der Literatur übrigens kann man, entgegen eines Vorurteils, durchaus als den Wegbereiter dieser wilden und zugleich dramatischen Zeit interpretieren. Er war, zumindest in der Literatur, die erste moderne Bewegung – man denke an Gerhart Hauptmann.

Aber was tat jener Arthur Cravan? Der dadaistische Künstler/Filmemacher Hans Richter schreibt in seiner lesenswerten Darstellung „Dada. Kunst und Antikunst“:

„Da er alle Welt angriff und völlig unbekümmert die die größten Beleidigungen verteilte wie ein anderer Pralinen, und das mit größter Eleganz, wurde er als Monstrum über Nacht der Liebling von Paris, d.h. all derer, die selbst ihre privaten Abrechnungen einmal so elegant und direkt und unverschämt ausgesprochen hätten.

Er forderte den Schwergewichts-Weltmeister, den Negerboxer Jack Johnson, in Madrid am 23. April zum Kampf heraus (wurde allerdings schon in der ersten Runde ausgeknockt). Er zog sich vor einem geladenem Publikum von Damen der besten Gesellschaft, die neugierig zu einem Vortrag gekommen waren, fast völlig aus, ehe er von der Polizei mit Handschellen abgeführt werden konnte. Er beschimpfte, meist betrunken, die Presse und das Publikum, Unbekannte wie Freunde, maßlos, doch auf die begabteste Weise. Schließlich fuhr er allein mit einem kleinen Boot von Mexiko aus ins Karibische Meer hinaus, das von Haifischen wimmelte. Er tauchte nie wieder auf. Seine Frau, die Dichterin und Malerin Myna Loy, die ihm gerade eine Tochter geboren hatte, erwartete ihn vergebens in Buenos Aires, wo sie sich treffen wollten. Als er nicht kam, suchte sie ihn in allen verrotteten Gefängnissen Mittelamerikas. Nie wieder war eine Spur von ihm zu finden.

Die These, daß die Kunst überflüssig und tot sei, nichts als Ausdruck einer verrotteten Gesellschaft, und daß der lebendige Einsatz der Person die Kunst ersetzen müsse, machte Cravan zum bewunderten Vorbild der Jugend: das Leben selbst als artistisches Abenteuer! So etwas ist nicht erst seit Dada ausgesprochen und gehört worden. Aber die Heroisierung dieser anarchistischen Existenz machte sie zum Vorbild einer bestimmten geistigen ‚Elite‘“

Ich sehe mal davon ab, daß Richter in bezug auf Cravan einige Dinge falsch darstellt. So verschwand Cravan z.B. nicht in der Karibik, sondern im Pazifischen Ozean vor der Küste Mexikos. Aber es soll nicht um das Leben Cravans oder der armen Mina Loy gehen, die den Tod ihres Mannes nicht verwand. Sondern vielmehr interessiert mich das Exemplarische an dem Fall Cravan.

Leben und Kunstwerk stehen in keinerlei Differenz mehr. Ein Werk als Objekt kann zum Subjekt werden, indem sich in ihm Wirkungen und Kraftfelder ausdrücken,  die agieren, und das Subjekt vermag es, sich selber zum Gegenstand ästhetischer Betrachtungen zu verwandeln. Jegliche Grenze löst sich auf – eine Haltung, die für eine bestimmte Form der Kunst des 20 Jahrhunderts prägend wurde. Es steckt in dieser Weise, wie sich Kunst und Leben verflüssigen, mithin: wie sie liquidiert werden, zudem die Frage nach der Souveränität einerseits oder aber als andere Position der ästhetischen Moderne die Frage nach der Autonomie der Kunst. Ein Teil der Avantgarden betrieb diese Souveränität der Kunst als ästhetischen Projekt der Entgrenzung und auch der Umwälzung von Welt, und das reicht bis heute hin: Von Dada über den Surrealismus (Bretons Satz vom Revolver, mit dem er in die Menge schießen wollte), die Happeningkunst oder Beuys‘ erweiterten Begriff von Kunst, bis hin zu Schlingensief oder Meese. Und ebenfalls gehören in diese – freilich herabgesunkene – Form der Souveränität der Kunst all die Ausstellungen in Museen, die auf Wirkungen aus sind, indem sie das Publikum zum Teil des Events machen bzw. die als reine Rezeptionskunst lediglich von den Wirkungen zehren, so wie in den Hamburger Deichtorhallen kürzlich die Wackelplatte (Horizon Field) von Antony Gormley. Allerdings: in solchen Fällen pervertiert die Entgrenzung bzw. die Entdifferenzierung und dient lediglich der Erbauung.

Während diejenigen Avantgarden, welche auf die Autonomie des Werkes setzten, am Ende mehr oder weniger beim l‘art pout l‘art, bei der Hermetik der Kunst unter den Bedingungen der Moderne ankamen. Als konstitutiv für das Werk erwies sich sein Rätselcharakter: daß es nicht mehr umstandslos und unmittelbar lesbar sich gerierte.

Andererseits scheint mir diese Haltung Cravans mehr als Konsequent. Was kann nach der äußersten Anspannung der ästhetischen Form, nach Provokation, revolutionärer Perspektive und Exzeß noch kommen? Klar: l’art pour l’art und die Ausscheidung sämtlichen Lebens als Souveränität in einem Akt. Der Kult der Kälte als Mimesis ans Tödliche. Leider kommt dabei in seiner Vulgärversion allzu leicht der blanke Zynismus oder eine verschroben-ironische Generation Pop heraus, statt daß diese Härte sowie die Aporie in der ästhetischen Konstruktion bewältigt wird. Was tun?

Cravan war beim Pariser Publikum durchaus beliebt. Eine andere Variante dieser Aufbrezelung eines Künstlers durch das bürgerliche Publikum, der sich zugleich die Faszination für eine skurrile Person beigesellte, ereignete sich viele Jahrzehnte später in Paris , und zwar bei jenem russischen Schriftsteller Eduard Limonow. Er ging in die USA, verachtete dieses Land zutiefst, lebte eine Weile in Paris, stieg dort zu einem intellektuellen Star auf, gründete 1994 in Rußland die Nationalbolschewistische Partei. In Serbien kämpfte er an der Seite der Nationalisten mit der Waffe , und er nahm aller Wahrscheinlichkeit nach auch an Erschießungen teil. Im Verlag Matthes & Seitz erschien kürzlich eine von Emmanuel Carrère verfaßte Biographie zu Limonow. Mich interessieren an Cravan oder Limonow – die Namen sind austauschbar – diese Extreme und was solche Menschen antreibt. Menschen, die selber zum Kunstwerk werden, bei denen die Differenz zwischen Leben und Text eingezogen ist. Die sogenannte postmoderne Entdifferenzierung. Kunst hängt mit Gewalt zusammen, die sich, als universal in der Gesellschaft zutragende, zugleich im Kunstwerk sedimentiert und das Subjekt tangiert.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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Eine Antwort zu Die Kunst an der Grenze – Transgressionen. Sowie ein Blick auf Arthur Cravan

  1. ralphbuttler schreibt:

    Reblogged this on Auf dem Dao-Weg.

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