Haptischer Tauchgang – Juli Zehs Roman „Nullzeit“, zunächst in aisthetischer Hinsicht gefühlt

Präludiernd hebt der Betreiber dieses Blogs im Rahmen einer Buchkritik hervor, daß der Verlag Schöffling & Co schöne, fein-griffige sowie optisch ansprechende Bücher fertigt – um hier über den Begriff der Form aufzutakeln, die bekanntlich mit dem Inhalt nicht nur zusammenhängt, sondern ihn zugleich determiniert. Solche fühlige Form ist in der Welt der Verlage nicht selbstverständlich. Was nützt der beste Inhalt, wenn er auf Klopapierrollen daherkommt oder auf Kratz- und Nichtpapier geschrieben wurde? Aus diesem Grunde lese ich keine E-Books. Nicht weil ich gegen das Medium etwas einzuwenden hätte – ganz im Gegenteil –, sondern aus Gründen der Ästhetik und weil die Weise, wie Dinge wirken, mich motiviert oder eben: abstößt. Das E-Book ist, sozusagen analog zum Ficken – dem eigentlichen Genuß –, die Zigarette danach, bei der dann als Abspann die Analyse und die Reflexion erfolgen. War das nun Löfflerchensex oder doch etwas mehr?, so fragt’s im Kopfe, während der Rauch ausströmt und der Tabak verglüht. Und wenn eine Substanz in Rauch aufgeht und zu Asche pulverisiert, so gibt es Situationen, wo der Akt in phänomenologischer Direktheit jenseits jeder Ökonomie – zumindest – geschieht. Unter Wasser sind Brand, Glut und Asche nicht möglich. Dort gelten andere Gesetze, was im Rahmen der Jurisprudenz als nicht ganz unwichtig anzusetzen ist.

Sex, Zigarette, E-Book. Im E-Book kann ich auf die schnelle suchen, Textstellen abgrasen, Passagen markieren und kopieren.

Aber das Buch!: Papier ist ein besonderer Saft und wenn ich es berühre, so affiziert es die Haut. Es schmeichelt, schimmert, rauht, schneidet Haut, wenn eine/r es an seinen Rändern in falscher Richtung anfaßt, und ein sanftes Schleifen tönt, wenn die Finger darüber fahren. Diese Affizierungen vermögen weder Elektronik noch die Kapital und Bewußtsein generierenden Welten von Amazon auszulösen. Weshalb verweisen Dummköpfinnen und -köpfe eigentlich immer wieder und mit unendlicher Penetranz auf Amazon, wenn sie ein Buch besprechen oder in irgend einer Weise erwähnen wollen (selbst hier im Blog, wo die Aversion des Hausherren gegen Amazon eigentlich bekannt sein sollte: doch das Bekannte ist eben noch lange nicht das Erkannte), anstatt auf die Homepage des Verlages zu verlinken, wo das Buch genauso gut aufzufinden ist? [Ceterum censeo!] Insbesondere bei Blogs, die ansonsten mit dem Oberton des kritischen Impetus auftreten, verwundert’s mich allemal, wenn solche Dummbatzigkeit gepflegt wird.

Wie es auch sei: Juli Zehs Roman „Nullzeit“ tritt äußerlich ansprechend auf, wenn das Buch in der Hand liegt und Finger das gerippte Vorsatzpapier berühren oder über den feinen Chromoluxschutzumschlag fahren: Alle diese schönen Dinge, wie bei Schöffling & Co in bewährter Qualität nicht anders gewohnt, erfahre ich nur im Begreifen und Berühren einen Buches; und es gibt gute Gründe, weshalb Jahr für Jahr eine ausgewählte Jury das schönste Buch des Jahres kürt. Nein, ich besitze keine Aktien an dem Verlag Schöffling & Co und erhalte keinerlei Vergünstigungen, doch dieser Verlag macht schöne Bücher. Diesen Aspekt halte ich für erwähnenswert, weil es nicht mehr selbstverständlich ist, solche guten Dinge zu produzieren. Und, neben dem aisthetischen Moment und dem Faible fürs Sinnliche, ich verrate es vorab: Es scheint „Nullzeit“ von seiner Konstruktion her ein gutes Buch zu sein. Womöglich Zehs bestes Buch. Weshalb? Das, werte Leserinnen und Leser, erfahren Sie demnächst hier auf Ihrem Service- und Qualitätsblog Aisthesis. Und wer – zum Abschluß des Abends gegeben – ein nettes Plaudergespräch zwischen Juli Zeh und ihrem Verleger Klaus Schöffling – unter anderem über E-Books – lesen möchte, der schaue hier.

Kommen Sie ansonsten gut ins Wochenende, trinken Sie nicht zu viel. Ich selber bin morgen auf einer mysteriösen Kunst-Aktions-ich-weiß-nicht-was-Party, zu der mich eine Freundin freundlicherweise mitnimmt, denn von alleine und ohne fremden Antrieb verlasse ich meinen Rollstuhl im Grandhotel Abgrund nicht („J’étais bien au centre, n’est-ce pas?“), und werde meinen eigenen Rat – naturgemäß – nicht befolgen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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