Oblomows Erben sowie Berlin in Bildern: Jan-Ole Gersters „Oh Boy“

24 Stunden ergeben einen Tag: aber die Odyssee ist seit 3000 Jahren des Mythos entkleidet, das ahnte bereits James Joyce, und profan gestaltet sich ein Tag in den Wirren und den Labyrinthen der Großstadt, wenn ein Mann, den wir nicht einmal mehr Held nennen mögen, durch die Stadt getrieben wird. Mythos wanderte in den Alltag ein – zumindest in Joyces „Ulysses“ – und diese Melange spielt in den verschiedensten Tonlagen und artikuliert sich in den unterschiedlichsten Stimmen. Form entgrenzt sich. Das war die Klassische Moderne.

Der Protagonist in Jan-Ole Gersters Debütfilm „Oh Boy“ ist weder auf der Flucht, noch will er irgendwo ankommen oder verweilen. Ihm bleibt der profane, zu bewältigende Alltag eines jungen Mannes von Mitte zwanzig, dem der Begriff des Sinns abhanden kam. Suchbewegungen. Und kein Ort ist im Grunde der richtige. Von einem Ereignis zum nächsten trudelnd. Aber wie geht das Dasein als junger Mann, wenn einer nicht mag, wenn einer bemerkt, daß sowohl die eine als auch die andere Variante des Lebens nicht das bietet, was man will, ohne zugleich zu wissen, was das eigentlich ist, was man will? Das Leben lebt nicht mehr. Bereits in dem Moment, wenn jener junge Mann morgens neben einer Frau liegend erwacht – so beginnt der Film –, zeigen sich die Unentschlossenheit und der stille Fluchtinstinkt des Protagonisten. Die Frau ist (vermutlich) seine Freundin, es könnte sich aber ebensogut um eine Beischlafgeliebte, um irgendeinen One-Night-Stand handeln. Die eine Variante ist so gut wie die andere. Sinn erweist sich am Ende als Konstruktionsleistung. Im Verlauf des Films taucht diese Frau nicht weiter auf; lediglich als Abbild auf einer Photographie, in einem Portemonnaie vergraben, gerät sie noch einmal in den Blick.

Die flüchtigen Momente eines Tages in Berlin ziehen wie die Bilder des Filmes am Gesichtssinn vorbei. Und so erwacht Niko Fischer morgens – neben jener Frau – und treibt dahin: vom Morgen, in den Tag, in den Abend, in die Nacht hinein durch Berlin, unter anderem auf der Suche nach einem Bohnenkaffee, den er jedoch erst am nächsten Morgen zum traurigen Schluß des Filmes trinken darf. So wie ein Tag eben verläuft und ein zufälliges Ereignis das nächste nach sich zieht, reihen sich die teils äußerst komischen oder zumindest skurrilen Begebenheiten und die Bilder dieser Stadt. Autos, Straßenbahnen, ein Filmset, Polizeiwannen mit Blaulicht, Ausdruckstanztheater, Verkehr, Parks. Und inmitten dieser Stadt Niko Fischer. Allerdings: unter dem „Lola rennt“-Syndrom leidet der Held des Filmes nicht. Die Bewegungen, die Fluchten, die Reaktionen auf die Erlebnisse, denen Niko Fischer ausgesetzt ist, hinterlassen den Eindruck des Unentschlossenen. Schweigsam agiert der Held, nur das nötigste sprechend. Es kostet ihn das Sprechen kein Überwindung, er ist nicht scheu oder schüchtern, sondern es ist diese Art, sparsam mit den Worten umzugehen, eine Weise, die Dinge und die Menschen auf das nötigste zu reduzieren und zu distanzieren – womöglich um sie dadurch desto klarer wahrzunehmen. Alles, was passiert, könnte so oder auch ganz anders sein: Blick und Bewegung des Protagonisten trotzen jeglicher Hektik.

Mittelstands- und Wohlstandskinder: der Vater (Ulrich Noethen) geht einer Arbeit in irgendeiner Spitzenposition nach, er ist einer jener „Leistungsträger“; Vaddern verdient gutes Geld, und davon profitiert auch der Sohn. Der Vater hat einen persönlichen Assistenten, er spielt Golf, und er besitzt einen Sohn, der ein wenig aus der Art schlug und sein Jurastudium abbrach, ohne dies dem Vater mitzuteilen. Zwei Jahre lange hing Niko Fischer in der Luft und bezog das schöne Unternehmergeld, ohne Gegenleistung zu bringen. Und dann, auf dem Golfplatz, wohin der Vater seinen Sohn einlud, weil der Sohn den Vater anrief, da der EC-Geldautomat kein Bargeld mehr ausspuckte, eröffnete der Vater dem Sohn, daß er von den Gammeleien des Sohnes wisse und seine Zahlung von 1000 Euro pro Monat ab sofort einstelle: Niko solle endlich arbeiten gehen. „Was hast Du denn die ganzen zwei Jahre über gemacht?“, so fragt der Vater, halb ratlos, halb aggressiv. „Nachgedacht. Über mich. Über dich. Über alles!“, antwortet der Sohn.

Diese feinen Gesten, die leicht skeptisch gehobene Augenbraue, den mal irritierten, mal melancholischen, dann wieder leicht genervten Ausdruck spielt Tom Schilling als Niko Fischer überzeugend und bis zur Perfektion. Überdruß und Interesse, das sich sogleich wieder verflüchtigt, prägen diesen Charakter. Nein, Niko Fischer ist nicht einmal mehr der Sohn, sondern bereits der Enkel von Herrn Lehmann. Es ist die Generation, die nichts mehr will, die nicht einmal das eigene Nichtwollen kultivieren kann. Sie ist nicht wirklich gleichgültig – das zeigt der Schluß des Films –, aber sie ist auch nicht emphatisch, sie betrachtet und nimmt das Erlebte ins Denken, in die unendliche Reflexion hinein. Selbst die Exzesse im Alkohol und in den Drogen geraten halbherzig. Im Gespräch mit dem hinterhältig-aggressiven Psychologen beim MPU-Vorgespräch, zu dem Niko Fischer beordert wird – deshalb sein hektischer Aufbruch von jener Bett-Frau –, offenbart es sich: Führerscheinentzug wegen 0,7 Promille samt Nachschulung. Aber 0,7 Promille sind eine Lappalie und zeugen nicht von ausschweifendem Leben. Ich kenne, als ich in jenen wilden Jahren Auto fuhr, mindestens 1,24 Promille (bestraft und geläutert, heute wird Taxi gefahren, wenn ich trinke), und bei anderen, die fuhren, war damals nicht nur Alkohol im Spiel. Die radikale Verausgabung, dieses „Verschwende deine Jugend“ im Angesicht des Ennui oder des Nichts, um aus diesem leeren Raum und den Momenten des Unbestimmten und Negativen heraus noch den Überschwang, den Hedonismus und die wilde Lust herauszuschlagen, sieht anders aus als es Niko Fischer betreibt. Tom Schilling spielt diesen Charakter brillant und bis auf die Spitze getrieben. Gehört der Typus Niko Fischer nur nach Berlin? Im Grunde will ich ihn ebenfalls in Frankfurt, Leipzig, München oder Stuttgart sehen. Funktionierte dieser Film auch in Rostock oder Nürnberg? Und da liegt das Problem dieses Films.

Wieder solch ein Berlin-Film mit dem Hang zum Humor, so denken sich Betrachterin und Betrachter im Kino, bevor sich der Vorhang von der Leinwand beiseite schiebt. Ja, und wieder ein Werk, das in der Tradition der Berlin-Filme steht: sei es „Nachtgestalten“, „Lola rennt“ oder „Herr Lehmann“. Der Film zehrt vom Lokalkolorit, aber das gereicht ihm nicht zum Schlechten, die Ästhetik der Schwarz/Weiß-Bilder paßt zum Sujet dieses Films. Ihn mit Ruttmanns „Berlin – Die Sinfonie der Großtadt“ in bezug zu setzen, führt wohl zu weit – trotz der Bilderfolgen, die die Stadt im Lichte der Kamera zeigen. Eher scheint mir hier von der Ästhetik der Photographie Thomas Schadts Fortsetzungsdokumentation „Berlin: Sinfonie einer Großstadt“ aus dem Jahre 2002 einen Referenzpunkt abzugeben. Insbesondere in seinen stillen Momenten borgt „Oh Boy“ von diesem Film in einer angenehmen Weise – angenehm gerade deshalb, weil Gersters Film an keiner Stelle aufdringlich oder gespreizt daherkommt. „Oh Boy“ ist trotz seines Humors ein ruhiger Film, selbst inmitten der Hektik dieser pulsierenden Stadt; er macht nicht auf jenes „Icke-Berlin“, zaubert keine legendären Clubs und keine spektakulären Szenen im Ausgehgetümmel der Großstadt hervor. Der unendliche Verkehr ist nur wie durch eine Wand wahrnehmbar. Die wilden Jahre sind worüber. Verhalten präsentieren sich die Bilder, und das macht den Charme dieses Regiedebüts von Jan Ole Gersters Film aus.

„Oh Boy“ ist stimmig gemacht. Er unterhält, ohne zu langweilen – und das ist für die Konstruktion eines Filmes nicht wenig. Dennoch: etwas fehlt diesem Film. Man kann sich über die klassizistische Bildästhetik des Filmes streiten, sie ist in gewissem Sinne old fashion und filmisch wenig innovativ. Sie folgt dem herkömmlichen Blick, bricht trotz manch ungewöhnlicher Einstellung die Perspektiven nicht auf. Aber dieses retardierende Moment wird wohl das ewige Problem des kommerziellen Kinos bleiben. Philipp Kirsamers Kamera photographiert diese Stadt zwar in seinen besonderen Augenblicken ab, und so zeigen sich angesichts der Schwarz/weiß-Bilder Orte wie die Schönhauser Alle, Ecke Eberswalder Straße, die Kastanienallee, der verschlafene See im Park am Weinbergsweg oder der Zionskirchplatz unter einem ganz anderen Blickwinkel, sie wirken stiller und zugleich fremder, und der Berlinbewohner sieht „sein“ Berlin in ein anderes Licht getaucht. Die Bilder verschaffen den Abstand. Und wenn die Kamera in der nahen Einstellung, während einer der Protagonisten spricht, auf die Gesichter geht, so arbeitet die Kamera mit der Schärfentiefe; das eine Gesicht unscharf gezeichnet, das andere deutlich und in Grautöne mit wenig Kontrast gepackt. Dieses Mittel verdichtet die Dialogszenen und schafft Nähe, die sich dann wieder in die Distanz verliert. Es sind Augenblicke und Momente, die sich im Strom des Tages wieder verflüchtigen. Nichts knüpft im Grunde ans andere: statt zur Theaterperformance einer Kleinkunsttruppe zu gehen, könnte sich der Protagonist genausogut abends an den Landwehrkanal setzen.

Diese Bildästhetik des Schwarz/Weiß zeichnet den Film einerseits aus. Aber zugleich verfängt sich jene melancholische Schönheit und gerät an manchen Stellen zu still, zu feingliedrig. (Ganz davon abgesehen, daß es ein Film ist, der sehr durch die Brille eines Mannes schaut. Im Grunde müßte ein Film-Pendant geschaffen werden, das diese Situationen und diesen Alltag aus der Perspektive der Frau inszeniert.) Es ist immer leicht, zu kritisieren: „Oh Boy“ ist kein Meilenstein, aber als Debütfilm ist er gut gemacht – Form und Inhalt stehen in einem Verhältnis: sie entsprechen sich. Wir gingen aus dem Kino heraus und waren für einen Moment angetan. Aber diese Bilder von Berlin und von der Geschichte eines jungen Mannes, den wir einen Tag lang auf 83 Minuten Zeit durch Berlin begleiten durften, verflüchtigen sich nach einem Tag, und es bleibt ein interessanter, aber nicht über die Maßen aufregender Film zurück. Daß die Kritik diesen Film derart umfassend lobte, mag seine Gründe auch darin haben, daß der Berlin-Hype noch lange nicht abgeklungen ist. Doch wenn derart umfassend gelobt wird – von FAZ bis Hörzu –, dann stimmt meistens irgend etwas nicht. Das reizt am Ende meine Skepsis. Warum so viel Lob? Was fehlt? Ja, der Kritiker dieses Blogs bleibt der ewige Nörgler und verharrt in der bestimmten Negation. Im Grunde will ich immer noch Werke, die den Zuschauer vor den Kopf stoßen, so daß sie sich an der trunkenen Schönheit und an der Melancholie zuletzt erbrechen. Erst wenn bei einem Berlin-Film wieder mit Schuhen und anderen Gegenständen nach der Leinwand geworfen wird, funktioniert Kino wieder.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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7 Antworten zu Oblomows Erben sowie Berlin in Bildern: Jan-Ole Gersters „Oh Boy“

  1. FrauWunder schreibt:

    nein herr geist, was für eine schöne filmkritik. ich werde mir den film ansehen ganz sicher, falls der überhaupt hier läuft am ende des regenbogens. und dann werde ich nur noch einmal aufs neue festestellen, was ich schon seit geraumer zeit beobachte, dass es nämlich eine neue generation gibt. ich hab sie mal irgendwann 81- x genannt. uns zwar sind das die, die wissen; das gegenteil von gut ist gut gemeint. und sie möchten lieber gar nichts, als irgendwas entscheidendes tun. es ist allemal noch besser im taxi zu weinen, als im bvg- bus, auf dem weg zur arbeit, zum studium, zur freundin , zur kita, zur schule, zur ommma, zum vhs- kurs für kreatives schreiben, zum schwimmen, zum streiken, zum feiern oder zum debattieren. nein ICH und ICH und ICH mit mir, das alleine zählt, denn hetero und männlich, blass und arm
    weil wir bleiben wie wir waren und „feuer frei und weiteratmen“
    das gute wissen ist nicht billig
    zwischen „…glaub ich nicht…“ und „…will ich…“
    und das ist lustig wie ein grab

    genau dieses hin und her, diese hüh und hot, kein vorn und kein hinten, keine meinung, keine ahnung, kein konzept ist kennzeichnend für die aus berlin ,leipzig, hamburg, bochum. nein, das ist kein berlin- phänomen, das ist kennzeichen einer ganzen urbanen generation, zwischen 81 und 91 geboren.

    ja, das haben die von kettcar schon vor weees ich nicht (müsstes du mir sagen, du bist hamburger- schule) wie vielen jahren bestens vertont. und es trifft den nagel auf den kopf, die generation nico fischer, sie nervt und rührt doch an. man möchte ihnen in den arsch treten und zu rufen; ….. nimm den hammer oder mach wenigstens kaputt was dich kaputt macht, aber dann stellt man wieder fest, die machen weder sich noch irgendwas kaputt, die rebellieren durch totalentsagung, denn die wissen bereits das gegenteil von gut ist gut gemeint und da möchte man sie dann doch schnellstens an die große mutterbrust drücken, aber auch das hilft gar nichts, denn das gegenteil von gut ist gut gemeint….

    aber trotz alledem; feuer frei und weiteratmen und wenigstens ist das weinen im taxi klanglich ganz wunderbar untermalt.

  2. Bersarin schreibt:

    Ich antworte Dir morgen. Deine Beobachtungen in bezug auf diese Generation teile ich. (Müde bin ich gerade, immerzu müde.)

    Etwas fehlt, wie es Ernst Bloch in einem Gespräch mit Adorno über die Utopie sagte.

  3. Bersarin schreibt:

    Ja, Du wohnst am Ende des Regenbogens. Da wo die Schätze, die Kostbarkeiten und die Preziosen versteckt liegen. Auch so eine Art von Grandhotel oder gar Schloß: Das des Dornröschens gar? Und wer oder was ist der Schatz? Aber es führen diese Fragen zu weit und hängen wenig bis gar nicht mit dem Film zusammen. Er wird „Oh Boy“ wahrscheinlich in der nächstgelegenen größeren Stadt zu sehen sein.

    Auch ich denke, daß dieser Film jene neue Generation ins Bild bringt. Sie ist sachlicher, abgeklärter, melancholischer, aber ohne diesen Exzeß. Berlintypisch sind diese Jungen und Mädchen wohl nicht – es gibt sie überall. Aber ich kann diese Eigenschaften und Zustände nicht adäquat beurteilen, weil ich zu wenig von der Jugend mitbekomme in meiner Berliner Abgeschiedenheit; ich muß mich da auf Berichte und Zeitungen verlassen. Froh bin ich zumindest, daß wir seinerzeit doch von Zeit zu Zeit den Arsch hochbekommen haben. Hätte der Herr Hegel, der bekanntlich noch mehr Herr Geist war als ich es bin, diese Mädels und Bürschchen zu Gesicht bekommen – seine Kritik fiele noch harscher aus als die Widerworte gegen die Romantiker, deren Reflexionen in den unendlichen Regreß mündeten – ohne Ziel. Fragment und Ironie (Schlegel).

    Auch jenes tolle Stück der „Sterne“ trifft es: Was hat Dich bloß so ruiniert. Schade, daß hier zu diesem Beitrag von mir und zu Deinem Posting keine aus dieser Generation kommentiert.

    Wie gut in jedem Falle, daß wir beide wissen, was wir wollen. Was geht und was nicht geht. Gehören wir eigentlich noch einer Generation an, Frau Wunder, oder trägt uns bereits die Spaltung? Ich antworte Dir zudem mit einem meiner Lieblingssongs:

  4. Bersarin schreibt:

    Pure Vernunft darf niemals siegen
    Wir brauchen dringend neue Lügen
    Die uns durchs Universum leiten
    Und uns das Fest der Welt bereiten
    Die das Delirium erzwingen
    Und uns in schönsten Schlummer singen
    Die uns vor stumpfer Wahrheit warnen
    Und tiefer Qualen sich erbarmen
    Die uns in Bambuskörben wiegen
    Pure Vernunft darf niemals siegen

    Pure Vernunft darf niemals siegen
    Wir brauchen dringend neue Lügen
    Die uns den Schatz des Wahnsinns zeigen
    Und sich danach vor uns verbeugen
    Und die zu Königen uns krönen
    Nur um uns heimlich zu verhöhnen
    Und die uns in die Ohren zischen
    Und über unsere Augen wischen
    Die die, die uns helfen wollen bekriegen
    Pure Vernunft darf niemals siegen

    Pure Vernunft darf niemals siegen
    Wir brauchen dringend neue Lügen
    Die unsere Schönheit uns erhalten
    Uns aber tief im Inneren spalten
    Viel mehr noch, die uns fragmentieren
    Und danach zärtlich uns berühren
    Und uns hinein ins Dunkel führen
    Die sich unserem Willen fügen
    Und uns wie weiche Zäune biegen
    Pure Vernunft darf niemals siegen

    Wir sind so leicht, dass wir fliegen
    Wir sind so leicht, dass wir fliegen
    Wir sind so leicht, dass wir fliegen
    Wir sind so leicht, dass wir fliegen

  5. Bersarin schreibt:

    Und hier noch das sozusagen offizielle Video von ihrer Homepage:

    http://www.tocotronic.de/videothek/pure-vernunft-darf-niemals-siegen/

    Es soll heute oder vor ein paar Tagen auch eine neue Single herausgekommen sein. Im Januar dann die neue Platte. (Wird das schön.)

  6. detroit music schreibt:

    „Es ist die Generation, die nichts mehr will, die nicht einmal das eigene Nichtwollen kultivieren kann. Sie ist nicht wirklich gleichgültig – das zeigt der Schluß des Films –, aber sie ist auch nicht emphatisch, sie betrachtet und nimmt das Erlebte ins Denken, in die unendliche Reflexion hinein.“

    Ich werde mir den Film auch wohl nur wegen der Berlinbilder ansehen, weil ich eben so etwas schon vermutet habe: (Selbstverliebtes) Kreisen um Melancholie und emotionale Distanziertheit, völlig leblos, gepaart mit unantastbar schönen Bildern und schicker Musik. „Ja, uns geht’s schlecht und so, aber eigentlich steht es uns ja ganz gut…“ Das ist ja mittlerweile ein Filmgenre, Borken Flowers, Lost in Translation und alles von Sofia Coppola, unzählbar viele „Indie“filme, und irgendwie habe ich auch immer Kettcar und Tocotronic unter diesen seichten Melancholiekitsch gezählt, sorry, ist ungerecht, angehört habe ich mir die noch nie.
    Ich verbinde das auch gedanklich mit einem linkischen Konservativismus, kaum unterscheidbar von Retrostyle: Wie in jedem Artikel über den Film gefeiert wurde, dass er doch eigentlich nur einen Filterkaffee haben will, das hat scheinbar viele Rezensenten SEHR beeindruckt, oder wie Tom Schilling sich in einem „altmodischen Anzug und Strickweste“ oder so interviewen lässt. Das hat für mich etwas von einem überheblichen Rückzug aus einer Welt, die einen verwirrt und in der man keinen Platz mehr findet…
    Vielleicht wird das alles etwas arg konstruiert und generalisierend klingen (so ist das aber nun mal, wenn man über Generationen redet), aber ich denke man kann das etwas vulgär-marxistisch damit erklären, dass in solchem Stil sich eine Generation im Abstieg seiner selbst versichert. Soweit ich das aus dem Trailer schließen konnte, ist das Zentrum der Handlung, dass der in Klischee-reiche-Leute-beim-Golfen-Kleidung gehüllte Vater seinem nutzlosen Sohn die 1000 € im Monat streicht. (Nutzlos, scheint mir, nicht nur aus der Perspektive der Leistungsgesellschaft, denn wer mit 1000 € und 100% Freizeit, ob Berlin oder nicht, nicht das jugendliche Äquivalent zum Jetsetleben führt, der ist wirklich selber schuld.) Subtil angedeutet (oder vielleicht von mir nur vorgestellt) zeigt sich, dass der nutzlose Sohn scheinbar keinerlei Ambitionen hat, etwas aus sich zu machen, irgendwas besonderes zu erreichen, und sei es auch nur den selbstbewussten Reichtum und den Status seines Vaters, weil aus unerklärlichen Gründen allein die Entscheidung nach irgendetwas zu streben schon derart anstrengend und überfordernd ist, dass er sich lieber in eine zurückgezogene, früh-gealterte Resignation flüchtet. „Eine Generation, die nichts mehr will“ – und sich auch nicht vorstellen kann, irgendetwas zu erreichen. Aber die Hindernisse sind nicht materiell (in dem Film ist das ja eher eine Parodie auf materielle Probleme), sondern vage, sehr vage. Und dass dann trotzdem der Protagonist eine so schicke, ironische Haltung bewahren kann, der seine Malaise fast begehrenswert erscheinen lässt – damit wollen sich viele identifizieren, das fühlt sich gut an zu sehen.
    Vielleicht lese ich zu viel Politik in so einen simplen Plot, aber die Tatsache, dass genau so eine Story im Jahr 2012 einen ganzen Kinofilm füllen kann, scheint mir bedeutsam. Meine Generation (89) – oder zumindest ich – ist genau zu jenem Zeitpunkt sich der Welt bewusst geworden, als überall vom Untergang Deutschlands geredet wurde, etwa um die HartzIV-Reformen, zum Höhepunkt der Initiative Neue Deutsche Marktwirtschafts-Propaganda. Und selbst wenn man keine Zeitung las, konnte man dem nicht entkommen, wie etwa ein Erwachsener nach dem anderen sich berufen fühlte mit ernstem Blick, die weltwirtschaftlichen Entwicklungen abgeklärt und nüchtern ins Auge fassend, zu offenbaren: „Junge, streng dich an. Das ist nicht mehr so wie früher, wo man einfach so einen Job finden konnte…“ Ich habe das Gefühl, dass – unausgesprochen – all das was man die soziale Verschärfung der letzten Zehn Jahre nennen könnte, in den Medien vor allem deshalb so ein Entsetzen ausgelöst hat, weil die gebildete Mittelschicht nicht ausgenommen war. Vielleicht ist das ja kollektive Nostalgie, aber angeblich gab es ja mal eine Zeit, wo man als Akademiker per Definition ausgesorgt hatte, einen Job garantiert und vor dem Feminismus sogar mit Sicherheit eine brave Frau. Und heute steigen ja nicht mal mehr die Beamtenpensionen, dazu diese ganzen Artikel über arbeitslose Akademiker. Der Horror… der Horror… Es ist fast so, als sei ein ungeschriebener Pakt mit der Mittelschicht gebrochen worden, und jetzt werden sie plötzlich als genauso überflüssig behandelt wie der Rest der Bevölkerung: sozusagen eine Proletarisierung des Bürgertums.
    Oder die Hochschulreformen. Rein materiell ja keine dramatische Verschärfung, aber wie fühlt es sich an, Opfer einer Reform zu sein, die anscheinend mit dem alleinigen Zweck verfolgt wurde, um das Leben von Studenten härter zu machen, den Druck zu erhöhen, weil anderes man sich eben (irgendwie) nicht mehr leisten kann. Mir schien immer, dass mit Genugtuung hervorgehoben wurde, dass etwa das Geld, das durch die Studiengebühren erhoben wird, so gering ist, dass man damit eigentlich keine nennenswerten Verbesserungen der Hochschulen erreichen kann, aber trotzdem wurden die Gebühren eingeführt, scheinbar einfach um etwas zu beweisen. Um zu zeigen, dass es von jetzt an eben härter zugeht.
    Was man so jugendliche Revolte oder auch nur Selbstbewusstsein nennt, ist ja der Vorwurf gegen Ältere, diese hätten sich zu leicht mit der Wirklichkeit arrangiert, hätten ein Maß an Anpassung, Konformismus und Verzicht an sich ausgeübt, das gar nicht nötig ist, um in der Welt zu bestehen. Was aber junge Menschen überall auf der Welt, und in Deutschland eher noch am wenigsten, erfahren, ist genau das Gegenteil: Die Drohung sie müssten noch viel mehr das Spiel mitmachen und tun, was man von ihnen erwartet, um überhaupt zu bestehen. Natürlich gibt es dann wenige mit etwa, um bei Filmemachern zu bleiben, dem Selbstbewusstsein eines Werner Herzog oder Fassbinders, die vor allem auf ihrer Unabhängigkeit bestehen. Über Jan Ole Gerster steht stattdessen in fast jedem Artikel die Geschichte, er habe als Praktikant in einer Berliner Filmproduktionsfirma angefangen. Und zwar hat er die Stelle, auf die sich „jede Woche 300-400 Leute bewarben“ nur gekriegt, weil er immer so hartnäckig angerufen hat! Steht in der Zeitung! Hach…so wünscht man sich das… wären doch alle so…
    Natürlich sind alle diese Sachen ja aber auch nicht neu: Der Prototyp eines solchen Charakters wie in dem Film (sollte ich mir vielleicht erst mal anschauen, bevor ich so lange darüber schwatze) stammt ja vielleicht aus den 50ern, Fänger im Roggen. Obwohl das ja auch eher mein Argument unterstützt, weil in den 50ern ebenfalls viele Menschen aus verschiedenen Gründen, auch wirtschaftlich, keine große Zukunft vor sich sahen. Ein Holden Caufield in den 60ern, zur Boomzeit, als die Fesseln abfielen und man so leicht die Zukunft gegen die beschränkte Gegenwart ausspielen konnte, wäre wohl anders aufgetreten. Ich schätze man kann auch in den 50ern ansetzen, um nach zu verfolgen wie sich ein distanzierter, emotionsloser Habitus, Coolness, als Widerstand gegen eine oppressive Wirklichkeit entwickelte. Ich seh schon die Dissertation vor mir: „Melancholische, distanzierte junge Männer im deutschen Film, die Sonnenbrillen von Velvet Underground und die Kultur des Spätkapitalismus…“ Aber irgendwann ist diese Geste der „Rebellion der Totalentsagung“ auch nur noch brav und – vor allem! – langweilig, besonders weil sie ja trotz der Entsagung rein negativ ist, sich auf nichts anderes bezieht als auf die schröckliche, schröckliche Welt. Dann schon lieber so was, das hat wenigstens Humor:

    http://www.youtube.com/watch?v=uBwcPRbFDPI

    P.S.: Jedes mal wenn ich ISM schreiben will, kommt „Neue Deutsche Marktwirtschaft“ dabei raus. Aber das ist ein zu schöner Tippfehler, das lass ich jetzt so.

  7. Bersarin schreibt:

    Du liest nicht zu viel Politik in den Film hinein, sondern die Ideologie, die wirkt. Diese Bewerbungsgeschichte Gerters und das weitere Brimborium ist schlimmste Personalisierung. Der Film ist interessant, schön anzusehen und zwiespältig zugleich. Diese Schönheit der Warenwelt muß in en Blick kommen. Immer wieder und in ihrer Ambivalenz.

    Und deshalb schrieb ich meinen Hinweis auf die Steine und die Leinwand.

    Horst Herold (BKA) formulierte es in den 70er Jahren zur Zeit der RAF-Rasterfahndung in einem gelungenen Satz so: „Wir kriegen sie alle!“ Auf unfreiwillig komisch-unkomische Weise ist dieser Satz mehr als wahr, weil er das Prinzip dieses Systems, mithin der Selektionsweise der Bewußtseinsindustrie, herausstellt.

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