If the kids are united – Punks in der DDR

Kurz nur möchte ich auf eine Ausstellung in der „Staatsgalerie Prenzlauer Berg“  hinweisen, die besucht werden sollte. Und zwar fand gestern die Vernissage zu einer kleinen, feinen Photoschau statt, die bis zum 29.11 im Rahmen des Monats der Photographie unter dem Titel „East End – Punks in der DDR“ läuft. Die von unterschiedlichen Photographinnen und Photographen getätigten Bilder aus den Jahren 1982 bis 1984 verdichten eine Szene, die es, anders als in der BRD, nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch im kleinsten Kreise schwer hatte. Punks in der DDR: das war dem auf Ordnungswahn und auf zwangsneurotischer Eigensicherung bedachten System mehr als nur ein Dorn im Auge und mehr als nur ein Schönheitsfehler, der mittels Subversion an der faulen Fassade kratzte. Die Maßnahmen gegen Punks erfolgten prompt und auf den Fuß. Mochte die Ästhetik des Punks sich in Ost und West ähneln – von den Fanzines, über die Art der Musikverbreitung bis hin zum Stil des Lebens, so unterschieden sich die Weisen der Vermittlung und Verbreitung von Musik und Text wesentlich. Waren manche der BRD-Punks damals auf eine unbestimmte ästhetizistisch-politische Weise Müßiggänger-Punks mit Attitüde, die dem Überdruß frönten, dem Ennui huldigten, Dada mit anderen Mitteln fortlebten und -dachten, ohne daß es etwas kostete, außer mal ein böses Wort oder einen bösen Blick, so ging es in der DDR ums Ganze und um die Existenz. Eine Zeit in Bautzen, bloß weil das sozialistische Subjekt optisch und innerlich abwich, ist keine große Freunde. „Sag mir wo Du stehst“, mithin der Beichtzwang der DDR, war bei den Punks nicht mehr erforderlich: Punks zeigten, wo sie standen – egal ob gewollt und ungewollt politisch.

Ich will hier aber nicht die eine Weise von Punk gegen die andere ausspielen, da Punk in der BRD und in der DDR in ganz verschiedenen Referenzrahmen stattfand, und ich schreibe keine Kurz-Geschichte der Ostpunks, weil ich mich damit viel zu wenig auskenne, sondern empfehle vielmehr diese Ausstellung in der „Staatsgalerie Prenzlauer Berg“ mitsamt ihren eindringlichen Photographien. Es werden nur wenige Bilder gezeigt, aber diese wenigen Photographien verdichten die Punk-Szene derart, daß sie pars pro toto stehen. Daß der Ausstellungsmacher (im Kunstbetrieb sprechen wir hochtrabend vom Kurator – heute sind wir alle die Kuratoren unsere selbst und erfinden uns auch beständig selbst: der Markt braucht‘s, der Markt nimmt‘s), daß also der Galeriebetreiber die Auswahl derart reduziert, macht diese Schau spannend und ist wohlgetan. Die Bilder treffen eine Szene auf den Punkt, sie zeugen von jenem „Live fast, die young“ und zugleich vom Geist der Rebellion, von jenem Prinzip Hoffnung, das nur wenig Hoffnung kennt oder zumindest mit dem Mangel an selbiger kokettiert und die Gesellschaft in die Destruktion bringt.

Dieses Moment von Hoffnung, Widerstand, Destruktion und einem ganz anderen, für das es keinen Begriff mehr gibt, verdichtet sich in vielen der Photographien.

 

Photographie: Rudolf Schäfer

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Photographie: Hans Praefke

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Es ist der Dreck, die Wüste, die zum Leben einzig noch verbleibt, und es sind die Abbruchhäuser, die Brachen, in denen sich die Feuer entfachen lassen – und seien dies bloß die Flammen des Moments, der im nächsten Takt der Zeit verschwunden ist. Ein Phänomen wie der Punk, der sich geradezu antiästhetizistisch begriff und in Rotz, Bier, Sperma und Fotzensekret, aber auch in Dada und der Theorie Walter Benjamins (welch eine Reihung!) sich wundervoll delektierte, kommt in der Photographie vermittels der ästhetischen Form zu sich selber: die Photographien sind unprätentiös-dokumentierend und folgen doch – obwohl von unterschiedlichen Photographinnen und Photographen geschossen, einer Ästhetik, die sich als dokumentarisch bezeichnen läßt. Die meisten der Bilder gehen nahe an die Menschen heran, portraitieren. Und diese macht die Stärke dieser Photographien aus. Wenngleich die Photographien nur dann sich erschließen, wenn Betrachterin und Betrachter den Subtext der Bilder mitdenken, der ihnen zugrunde liegt. Die Photographie als solche genommen, sagt wenig über den Raum, den Ort aus, in dem sie entstand. Viele der Bilder hätten auch in Berlin/West, in Hannover oder Hamburg geschossen sein können. Insofern handelt es sich zugleich um eine Ausstellung für Eingeweihte. (Oder aber um eine universale Bildsprache.) Doch dieser Charakter des Abgezirkelten, sich gegen eigene Fraktionen abgrenzend, und das Arkanum innerhalb der Destruktion und des Wilden machte bereits seinerzeit den Punk und seine Fraktionen aus. Und darin zeigte sich wiederum – zumindest im Westen – das Spiel des Pop: das Prinzip der Abgrenzung und des Crossover.

Als Fazit sei soviel geschrieben: Diese Ausstellung dürfte sich für diejenigen lohnen, die bereits mit Hintergrundwissen ausgestattet sind oder aber für solche Wesen, welche sich ohne viel Hintergrundwissen – so wie der geschätzte und verehrte Betreiber dieses Blogs – an einer reinen Bildästhetik laben, erfrischen und an reiner Form und reinem Ausdruck ihre Freunde finden.

Die Photographien in der „Staatsgalerie Prenzlauer Berg“ bringen Aspekte dieser Ästhetik und Politik des Ostpunk ins Bild. Der Blogbetreiber rät zu, dort hinzugehen, sich ein Bier zu kaufen und dann durch den Prenzlauer Berg zu flanieren, um zu schauen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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6 Antworten zu If the kids are united – Punks in der DDR

  1. Frau wunder schreibt:

    Interssant scheint mir diese Ausstellung; habe auch noch ein paar Fotos von Vordamals aus der Zeit des flüstern und SCHREIEN. Die sind von Edith Tar einer Leipziger Künstlerin, welche auch viele meiner Freunde und Bekannten aufs Bild bannte ( veröffentlicht in; Die Spur des Anderen). Die von Dir oben abgebildeten Fotos erinnern mich stark an diese Zeit. Die Zeit kurz vorm Untergang des allesbeherschenden Nichts und kurz vorm Chaos und dem Dauerrausch aus Mix mir einen Drink….

    dann mal Tschaka und ein schönes WE

  2. irisnebel schreibt:

    frau wunder, ein witziger videobeitag. :)
    lieber bersarin, eine ausstellung mit aehnlichem schwerpunkt fand in Halle statt (leider habe ich sie 2008 verpasst):
    http://www.kulturfalter.de/index.php?id=634

  3. alterbolschewik schreibt:

    Das ist eine der wenigen Gelegenheiten, wo ich es bedaure, im Gegensatz zu vielen meiner Ex-GenossInnen nicht in Berlin zu wohnen. Und ich werde es leider nicht schaffen, bis zum Ende der Ausstellung nach Berlin zu kommen.

    An Frau Wunder geht der Dank dafür, meine Aufmerksamkeit auf Feeling B. gerichtet zu haben.

    Etwas off topic an den Hausherren: Ich war letztes Wochenende auf einer Weinprobe (auf der ich vieles über Wein gelernt habe). Dort wurde der letzte zur Verkostung anstehende Wein, ein umwerfender Lemberger vom ausgezeichneten Weingut Zalwander, mit Rammstein eingeleitet – eine höchst seltsame synästhetische Wahrnehmung, die merkwürdigerweise passend war.

  4. Bersarin schreibt:

    Dank an alle für die Links und die Hinweise. Das Feeling B-Video gefällt mir sehr gut.

    Ostpunk ist in der Tat ein spannendes Thema. Und Alterbolschewik: Um die Weinprobe beneide ich Dich. Zeit eigentlich, im Sommer einmal wieder in Freiburg aufzukreuzen.

    @Frau Wunder
    Na, da gibt es dann ja viel zu erzählen und zu schreiben über jene alten, interessanten Zeiten.

  5. alterbolschewik schreibt:

    „Zeit eigentlich, im Sommer einmal wieder in Freiburg aufzukreuzen.“ Würde mich freuen!

  6. Bersarin schreibt:

    Ich denke, daß ich das hinbekomme, denn auch ich freute mich. Allerdings verspreche ich immer sehr viel und halte dann nur die Hälfte, weil beständig Dinge, Menschen, Situationen mein Leben kreuzen, die alles in andere Bahnen bringen.

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