Hegellektüren (2) – Das gefesselte Subjekt

Eine Ergänzung der Lektüren durch Slavoj Žižek, ein wenig angeregt, kürzlich, durch einen Hinweis der Kommentatoren „detroit music“ sowie „Alter Bolschewik“. Odysseen und Fesselungen – Bounded: Tokio Dekadenz als Seinsweise des (spät-)modernen Subjekts: die Warenwelt.

Was will die Philosophie? Sie handelt vom Denken des Denkens. Sie ist Reflexion. Reflexion auf sich selbst, auf die eigenen Bedingungen und Reflexion auf das ihr Auswendige. Sie ist die Arbeit des Begriffes. Sie ist Metaphorologie, sie findet jene Neologismen, die die Welt und alles das, was der Fall oder auch nicht der Fall ist, beschreiben und begrifflich bannen. Philosophie erzeugt die Begriffsfelder, die Konstellation der Begriffe, die eine neue Sicht öffnen, und sie übersetzt – ähnlich der Literatur und der Lyrik – das, was dumpf als Gefühltes brodelt, in die Sprache. Es gibt – zumindest für Menschen – keine Gefühle als solche, es gibt nur Sprache und Formen des Ausdrucks. Philosophie ist Analyse dessen, was die Welt ist, und sie ist zugleich ein Ausdrucksmedium. Die sprachliche Form bleibt ihr nicht äußerlich. Was eine oder einer nicht zur Sprache bringen kann, das fühlen sie auch nicht bzw. es bleibt das, was da als Nerven- oder Neuronenreiz wirkt, wage, dunkel Geahntes. Doch auch die Reflexion allein reicht nicht hin.

Hegel wurde nicht müde, den zwar einerseits notwendigen, aber zugleich defizitären Status der Reflexion darzulegen, sofern diese im endliche Verstand verharrt, dem das Absolute, das Wesen, die Substanz als bloß Äußeres entgegengesetzt bleibt. Die Reflexion ist zwar, nach Hegels Differenzschrift (1801), das Instrument der Philosophie. Aber als Gegensatz zum Absoluten muß sich die Reflexion selber durchstreichen, sich aufheben, weil dieser Gegensatz dem Begriff des Absoluten widerspricht. Der Widerspruch in der Sache wird zum Motor des Denkens und setzt Bewegungen in den Gang. Pointiert und in kalter Präzision werden diese Bestimmungen der Reflexion und deren Aufhebungen (im mehrfachen Wortsinne) in Hegels „Wissenschaft der Logik“ dargelegt. Die Gedanken Gottes vor der Erschaffung der Welt, so bezeichnete Hegel in der Einleitung diesen Text.

„Die Form, die das Bedürfnis der Philosophie erhalten würde, wenn es als Voraussetzung ausgesprochen werden sollte, gibt den Obergang vom Bedürfnisse der Philosophie zum Instrument des Philosophierens, der Reflexion als Vernunft. Das Absolute soll fürs Bewußtsein konstruiert werden, [das] ist die Aufgabe der Philosophie; da aber das Produzieren sowie die Produkte der Reflexion nur Beschränkungen sind, so ist dies ein Widerspruch. Das Absolute soll reflektiert, gesetzt werden; damit ist es aber nicht gesetzt, sondern aufgehoben worden, denn indem es gesetzt wurde, wurde es beschränkt.“ (Hegel, Differenzschrift, S. 25, in: Werke 2, Fft/M 1986)

Die Reflexion unterliegt Beschränkungen. Diese Schranken können jedoch von der Reflexion ins Denken genommen und damit zugleich: auf den Begriff gebracht werden. Dabei richtet sich diese Reflexion nicht nur auf das Andere, also auf das Objekt, sondern es steckt in diesem Akt ebenso der Bezug auf sich selbst, ausgehend von Kants Bestimmung des „Ich denke“ in seiner transzendentalen Deduktion.

„Insofern die Reflexion sich selbst zu ihrem Gegenstand macht, ist ihr höchstes Gesetz, das ihr von der Vernunft gegeben und wodurch sie zur Vernunft wird, ihre Vernichtung; sie besteht, wie alles, nur im Absoluten, aber als Reflexion ist sie ihm entgegengesetzt; um also zu bestehen, muß sie sich das Gesetz der Selbstzerstörung geben. Das immanente Gesetz, wodurch sie sich aus eigener Kraft als absolut konstituierte, wäre das Gesetz des Widerspruchs, nämlich daß ihr Gesetztsein sei und bleibe; sie fixierte hierdurch ihre Produkte als dem Absoluten absolut entgegengesetzte, machte es sich zum ewigen Gesetz, Verstand zu bleiben und nicht Vernunft zu werden und an ihrem Werk, das in Entgegensetzung zum Absoluten nichts ist (und als Beschränktes ist es dem Absoluten entgegengesetzt), festzuhalten.“ (S. 28)

Insbesondere zum Einstieg in die Philosophie Hegels scheint es mir nicht verkehrt, die Differenzschrift zu lesen, weil dort grundsätzliche Positionen und Auseinandersetzungen mit der kantischen sowie der nachkantischen Philosophie entfaltet werden.

Hegels Philosophie ist eine der Aufklärung, sie klammert und heftet sich aber nicht nur an das Subjekt – weder an das empirische, noch an das transzendentale –, sondern nimmt das Überschreitende, die Transgression in den Blick. Das Absolute als mit sich und mit Anderem vermittelte Form, davon das Subjekt lediglich ein Bestandteil ist – zumindest in der Diktion Hegels –, bleibt die Aufgabe er Philosophie. Um es ein wenig auf die Empirie herunterzurechnen: Hegel – das ist Zen-Buddhismus für Preußen – allerdings in die Sprache gebracht und Intuition transformierend.

Der Philosoph Slavoj Žižek wendet die Philosophie Hegels in einen psychoanalytischen Rahmen, der sich vor allem am Text von Jacques Lacan ausrichtet. Aber entgegen der poststrukturalistischen Dezentrierungstheorie vertritt der Text Žižeks – zumindest in bezug auf seine Auseinandersetzung mit dem Deutschen Idealismus – eine Position, die das Subjekt als philosophische Kategorie nicht zugunsten von Strukturen preisgibt. Vielmehr thematisiert Žižek ein Subjekt, in dessen Faltungen und Strukturierungen zugleich die Brüchigkeit und die Widersprüchlichkeit dieser Subjektivität ins Denken genommen werden.Es geht Žižek um die Bereitschaft, „mit dem wahrhaft traumatischen Kern des modernen Subjekts begrifflich fertig zu werden.“ (Žižek, Die Nacht der Welt, S. 8, Fft/M 1998) Reflexion ist dabei zum einen die auf einen Gegenstand, mithin auf das Andere des Bewußtseins, eben das, was man (phänomenologisch im nachhegelschen Sinne) als Intentionalität des Bewußtseins bezeichnen kann, und zugleich – alte Einsicht – bezieht sich das Subjekt in diesem Verhältnis – ungewußt und unreflektiert im Akt des Erkennens und Wahrnehmens als solchem – auf sich selbst, und zwar im Sinne jenes in Kants Text postuliertem „Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können; …“ Dieses Bewußtsein samt seiner Tücken (sowie dem Moment der Sprache als Weise von Subjektivierung) bildet die Basis für Žižeks Philosophie, und eines seiner Bücher führt eben diesen Titel: „Die Tücke des Subjekts“. Darin heißt ein schönes Kapitel: „Kant mit David Lynch“. Was Žižek hier kombiniert, mag im Zusammenspiel zunächst verstörend scheinen – popular culture stößt auf abstrakte Philosophie – trifft aber in seiner Unterschiedlichkeit, der gleichwohl ein Gemeinsames inhäriert, doch gut den Ton, der den Riß, welcher nicht nur durch die Welt, sondern auch durch das Subjekt selbst sich zieht, anspielt. Žižek versucht das Subjekt im Weld von Begehren, Wunsch, Gesellschaft und Sprache zu denken.

„Diese reflexive Wende läßt sich bereits in einer Geschichte deutlich ausmachen, die vielleicht als paradigmatisch für die Abwehr des exzessiven Genießens gelten darf: Odysseus‘ Begegnung mit den Sirenen. Der Befehl, den Odysseus der Mannschaft vor seiner Begegnung gibt lauter: ‚(…) doch ihr sollt dann mit schmerzender Fessel, damit unverrückt ich bleibe, aufrecht mich an den Mastschuh binden, mir Tauen umwunden. Wenn ich dann flehe und euch befehle, ihr möchtet mich lösen, alsdann sollt ihr mich fester mit noch mehr Banden umschnüren.‘ Dieses ‚ihr sollt mit schmerzenden Fesseln mich binden‘ ist zweifellos exzessiv in Hinblick auf Circes Anweisung, die Odysseus hier befolgt: Wir sehen hier den Übergang vom Fesseln als einer Abwehr des exzessiven Genießens , den der Gesang der Sirenen bietet, zum Fesseln selbst als einer Quelle sexueller Befriedigung.“

Dieser Odysseus übt einerseits, wie dies bereits Adorno/Horkheimer in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ darstellten, Kontrolle aus: es ist jene (bürgerlich, wissenschaftliche, männliche) Rationalität, die sich die Regungen, den Trieben versagt. Darin steckt einerseits Aufklärung und andererseits Unterdrückung vom Begehren, von wilder Lust;  das Subjekt, das sich  an das Düstere hingeben möchte, verdrängt diese Zonen des Reizes, diese schwarzen und doch (erotisch) aufgeladenen Felder. Bei Adorno verkörpert jener Gesang die Kunst mitsamt ihren Verlockungen eines Ungedeckten, und Odysseus ist bereits der bürgerliche, gefesselte Konzertbesucher – eingefügt in den Zwang des Konzertsaals und in den Zuhörersessel gepreßt. Aber diese Bedingungen lassen sich nicht in einem Akt unmittelbarer Revolte, im Aufbegehren beseitigen und aufheben: das Gegenteil, die radikale Entfesselung als irgendwie geartete wilde Performanz der Kunst, der es nicht mehr auf das Werk als solches, sondern auf den Vollzug als Exzeß oder Prozeß ankommt bleibt (zumindest in der Diktion Adornos und ebenso in meiner Lesart) ebenso falsch und Ideologie, weil solches Verhalten das bloße Zerr- und Gegenbild inmitten einer ansonsten durch und durch verwalteten (Kunst-)Welt ist.

Es erweist sich – treibt man die Position Žižeks in diesem Satz ein wenig weiter – die Verlockung des (männlichen) Subjekts samt dessen Fesselung und dem Moment des Genußes (sowohl am Objekt als auch an der Fesselung selber) am Ende als eine Struktur von Begehren, die den Charakter des Universalen trägt. Wesentlicher als die Frage nach dem Masculin/Feminin (Odysseus gefesselt, eben als Mann, die Sirenen als Verlockungen der Frau: klassisches Rollenmodell), wichtiger als die Frage nach dem Geschlecht innerhalb dieser Strukturierungen ist die nach dem Objekt, auf das sich – medial vermittelt – ein Subjekt kapriziert. „Es ist alles eine Frage der Objektwahl!“, sagte die Katze zu der Maus, als diese die Laufrichtung änderte.

Dieses Objekt, welches begehrt und am Ende restlos verzehrt und in den Gebrauch genommen wird, gleicht – zumindest in einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft – der Ware. Das Begehren koppelt sich an die Warenform. Kunstwerk und Ware eint der Scheincharakter. Die Verheißungen von Kunst und die, welche die Waren bieten, nähern sich aneinander an. Bereits Baudelaire wußte etwas davon (folgt man den Studien von W. Benjamin und G. Agamben), Marcel Duchamp pointierte dies in seinen Ready Mades, jenen objéct trouvée, und Warhol griff diesen Aspekt von Duchamp auf und brachte ihn in den Kontext von Pop- und Unterhaltung. Der Genuß von Campbell-Suppendosen als Bild und Campbell-Suppendosen, deren Inhalt im Topf köchelt und schmackhaft mit ein paar Gewürzen aufbereitet wird, ist (häufig) bloß noch ein gradueller – zumindest dann wenn die Rezeption von Kunstwerken in jener Haltung der Zerstreuung und des bloßen Genießens und Schlürfens erfolgt. (Wobei die Zerstreuung in anderer Weise auch wieder nicht zu gering angesetzt werden sollte.) Hegels These vom Ende der Kunst sind wir an dieser Stelle sehr nahe, wenngleich aus anderen Gründen als Hegel sie annahm. Das sinnliche Scheinen der Idee, die Weise von Reflexion hat sich – entgegen Hegels Annahme – nicht in die Philosophie als höchste Weise von Denken und Anschauung verwandelt.

Strukturunterschiede der Diskurse stellen sich erst auf einer Ebene der dritten Beobachtung ein, indem der Beobachter des Beobachters in den Blick, in die Reflexion genommen wird.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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19 Antworten zu Hegellektüren (2) – Das gefesselte Subjekt

  1. El_Mocho schreibt:

    Nun ja. Ich will da jetzt inhaltlich nichts zu sagen. Aber ich erlaube mir mal einen Lektürevorschlag: http://www.amazon.de/Reise-Aequinoctial-Gegenden-Neuen-Continents-Press/dp/1409928330/ref=sr_1_4?s=books&ie=UTF8&qid=1352366483&sr=1-4

    Ist zwar nur ein Reisebericht und kein philosophischer Traktat, aber Erkenntnisse über die Welt und die Menschen vermittelt er reichlich, sicher nicht weniger als die Werke von Hegel usw. Er ist ungefähr um die gleiche Zeit entstanden wie letztere und zeigt, dass es in Deutschland auch eine andere, empiristische Traditionslinie gab, die allerdings sich gegen den philosophischen Mainstream nicht durchsetzen konnte.

    Im Gegensatz zu Hegel war Alexander von Humboldt der Meinung, dass sich die Wahrheit in erster Linie durch empirische Erforschung der Welt ermitteln lässt und weniger durch Begriffsschieberei ermitteln lässt.

    „Aus unvollständigen Beobachtungen und noch unvollständigeren Inductionen entstehen irrige Ansichten von dem Wesen der Naturkräfte, Ansichten, die, durch bedeutsame Sprachformen gleichsam verkörpert und erstarrt, sich, wie ein Gemeingut der Phantasie, durch alle Klassen der Nation verbreiten. Neben der wissenschaftlichen Physik bildet sich dann eine andere, ein System ungeprüfter, zum Theil gänzlich mißverstandener Erfahrungskenntnisse. Wenige Einzelheiten umfassend ist diese Art der Empirik um so anmaßender, als sie keine der Thatsachen kennt, von denen sie erschüttert wird. Sie ist in sich abgeschlossen, unveränderlich in ihren Axiomen, anmaßend wie alles Beschränkte; während die wissenschaftliche Naturkunde, untersuchend und darum zweifelnd, das fest Ergründete von dem bloß Wahrscheinlichen trennt, und sich täglich durch Erweiterung und Berichtigung ihrer Ansichten vervollkommnet.“ (Kosmos)

    http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_von_Humboldt

    Nur mal als kleine Anregung zur Erweiterung des Horizontes.

  2. David schreibt:

    Poste bitte mal ein paar PET-Scans von Deinem Brain, damit wir prüfen können, ob Du das auch alles ernst meinst.

  3. Bersarin schreibt:

    „Im Gegensatz zu Hegel war Alexander von Humboldt der Meinung, dass sich die Wahrheit in erster Linie durch empirische Erforschung der Welt ermitteln lässt und weniger durch Begriffsschieberei ermitteln lässt.“

    Ja, A. v. Humboldt reiste und er schrieb darüber. Und in welchem Medium tat er letzteres? Preisfrage, El_Mocho! In der Sprache. Und womit beschäftigte sich sein Bruder der Wilhelm? Richtig: mit der Sprache. Wahrheit findet sich nicht im unmittelbar Gegebenen, im Stofflichen.

    Der Ausdruck „Begriffsschieberei“ indiziert übrigens recht deutlich, welches Verhältnis Du zur Sprache und zum Denken pflegst.

    Niemand spricht sich gegen die Beobachtung und die Empirie hier aus. Aber die Form und die Weise der Beobachtung, die kommt dummerweise in der Empirie nicht unmittelbar vor. Da bedarf es eines anderen Mediums. Solche Irrungen geschehen dann, wenn die Differenz zwischen dem empirischen und dem transzendentalen Subjekt eingezogen werden.

    Die „Phänomenologie des Geistes“ ist übrigens ebenfalls ein Text von einer Reise – einer sehr weiten sogar.

    Aber diese Dinge, El_Mocho, habe ich hier mit Dir schon eine gefühlte Ewigkeit durchgekaut.

  4. summacumlaude schreibt:

    Nun, El_Mocho, Deine Einwände gegen das Reflektieren und zugleich Deine Erkenntnistheorie der Empirie tragen leider auch einige ungute Traditionen in sich: Nämlich das Anti-Intellektuelle, die Bevorzugung der Tat und des verwertbaren Ingenieurwissens gegenüber dem „unnützen“ philosophischen Räsonieren.
    Die Inhumanität des 20.Jhd. hat genau diese übergreifende Klammer, denn solch eine Einstellung feierte am 10.Mai 1933 ebenso fröhliche Urständ wie auch in Stalins Ärzteprozessen. Die Verbindung des Anti-Intellektualismus mit dem Antisemitismus ist hierbei unbestreitbar.
    Ich verhehle nicht, dass sowohl im Nationalsozialismus als auch im Stalinismus dieser anti-intellektuelle Impetus leider einen grandios funtionierenden, gesellschaftlichen Kitt darstellte. Gerade in der Arbeiterschaft/im Kleinbürgertum schallt(e) es: Die denken wohl, die sind was Besseres….. und bald wußte (weiß?) ein jeder, wie man mit diesen sich „besser“ Fühlenden umzugehen hat. Eigenes Nicht-Verstehen wird als angeblicher Dünkel auf „die da“ projeziert. Vieles, was Bersarin über das Ende der Kunst und den „verwertbaren“ Charakter der Werke schrieb, schwingt genau hier mit. Deswegen könnte das Ende der Kunst auch das Ende der Humanität andeuten, nicht einszueins und in einer Kausalreihe gedacht, aber als Ausdruck der Tatbevorzugung gegenüber dem Kontemplativen. So im Ungefähren improvisiert…zur genaueren Ausführung fehlt mir die Zeit (nicht die Anschauung!).

    darüber solltes Du El_Mocho – nun ja – reflektieren. Grüße!

  5. Bersarin schreibt:

    Danke für Deinen Kommentar, summacumlaude, ich ergänze oder schreibe dazu nichts weiter, weil dieser Text gut für sich steht.

    Was an El_Mocho/Willy_56 oder wie auch immer so eigenwill(y)g ist: sie kritisieren einen Text mit der Bratpfanne. Die Kritik bleibt äußerlich. Und das eben macht eine Auseinandersetzung so unfruchtbar. Ich lerne nichts dabei, was ich schade finde.

  6. ziggev schreibt:

    auch wenn ich ebenso immer dasselbe sage, summakumlaude hat ebenfalls eben gesagt: es handelt sich um eine Erkenntnistheorie, mit Betonung auf Theorie. Tja, und manchmal landet man bei Begriffen, etwa Empirie. Warum also nicht prüfen, ob die Begriffe, wie sie zum Zeitpunkt t oder von dem und dem aufgefasst werden, möglicherweise schlecht zueinander passen – und warum nicht, wenn dies der Fall ist, sich überlegen, wie der eine oder andere Begriff neu gefasst werden sollte, damit eine Theorie, die einen oder einige solcher Befriffe verwendet, hinterher ein schönes, stimmiges Gebilde abgib, anstelle sich mit Ideologiefetzen zu begnügent?

    Wogegen sich Alexander im „Kosmos“ wendet, so gesehen und etwas näher betrachtet, ist Empirie ohne Theorie.

    Bersarin, ich möchte Dir allerdings in Teilen widersprechen. Es bedarf nicht unbedingt eines anderen Mediums als das der Empirie, um eine Theorie der Form und Weise der Beobachtung zu formulieren, jedenfalls muss nicht unbedingt ein in jeder Weise anderes Medium als das der Empirie herangezogen werden. Es lässt sich schließlich auch fragen: Wie machen das um himmels Willen all jene Wissenschaftler, die empirisch forschen und eine andere Erkenntnis nach der anderen gewinnen? Und die Antweort könnte dann auch lauten: Lasst uns das einfach mal etwas genauer anschauen, wie die das machen!

    Herauskommen könnte dann doch etwas, das – sollte es nicht bei einer langen Aufzählung von empirisch gewonnenen Erkenntnissen samt der Weisen, wie sie gewonnen wurden, bleiben – den Namen Philosophie verdient.

    Denn es ließe sich wunderbar zwischen unterschiedlichen Weisen des Erkennens unterscheiden, aber was schreibe ich hier, Du sagte es ja bereits (ich zitiere brutal aus dem Kontext gerissen):

    Strukturunterschiede der Diskurse stellen sich erst auf einer Ebene der dritten Beobachtung ein, indem der Beobachter des Beobachters in den Blick, in die Reflexion genommen wird.

  7. Bersarin schreibt:

    So ist es: Philosophie setzt die Boebachterposten ins Bild, in die Bilder: Das Denken des Denkens. Dieses „Geschäft“ betreibt sie innerhalb der Sprache, also vermittels der Begriffe. Es herrscht eine Beziehung zwischen Begriff und Objekt, zwischen der Empirie und der Sprache. Aus diesem Grunde ist die Sprache der Philosophie nicht äußerliche. Ich würde nicht so weit gehen und schreiben, Philosophie sei immer Literatur. Aber es gibt zumindest eine Beziehung zwischen beiden Diskursen. Die Durchlässigkeit der Grenzen, den Ort wo die Unterscheidung aussetzt: da erst wird es interessant.

    Nachtrag: ich bin die nächsten Tage unterwegs und werde deshalb nur sporadisch antworten können.

  8. El_Mocho schreibt:

    Soso, wer die idealistische Philosophie kritisiert ist also (zumindest ein verkappter) Antisemit, Nationalsozialist und darüber hinaus auch noch Stalinist. Wirklich sehr abgedreht, könnte von Adorno stammen. Das ist genau wie in der famosen „Dialektik der Aufklärung“, solche Behauptungen werden mit großer Vehemenz vorgebracht, ohne besonders substantiiert zu werden. Als wäre nicht z.B. Stalin über Marx vermittelt auch ein Hegelianer gewesen, und darüber ein großer Feind der empirischen Naturwissenschaften, Stichwort Lyssenko.

    Bersarin, du solltest mir dankbar sein für den Kommentar. Immerhan hat der Text hier drei tage gestanden, ohne dass sich jemand befleissigt hat, einen Kommentar dazu abzugeben. Wahrscheinlich hat niemand so recht verstanden, worum es da eigentlich geht, und erst duchr meinen Kommentar hat eine Diskussion begonnen.

    @ziggev: „Lasst uns das einfach mal etwas genauer anschauen, wie die das machen!“

    Genau das tut W.v.O. Quine in seiner naturalistischen Erkenntnistheorie, wie ich meine recht überzeugend. Er setzt dabei allerdings voraus, dass es eine unabhängig vom erkennenden Menschen objektiv existierende Welt gibt und das menschliche Erkennen ein rein innerweltlicher Prozess ist.

    ich weiß nicht, wieweit A.v. Humboldt Kant gekannt hat, aber für einen gebildeten Deutschen seiner Zeit kann man das wohl voraussetzen. In seinen Schriften kommt er allerdings bezeichnender Weise ohne jeden Bezug auf Kants Philosophie aus.

  9. summacumlaude schreibt:

    Ein letzter Versuch: El-Mocho Du solltest auf die vorgetragenen Argumente eingehen und nicht infantil verbockt Sachen aus den Argumenten herauslesen, die niemand behauptet hat. Niemand nennt Dich Nazi. In Rede steht Deine Ablehnung des spekulativen Denkens, des Reflektierens und Deine demgegenüber vorgebrachte Erhöhung der Empirie als Erkenntnismethode. Es wurde dargetan, dass diese Polarisierung – hie die gute, ergebnisorientierte Empirie, dort die schwatzende, tatenarme, spekulativ sich auflösende Philosophie (welche auch immer!) – eine Polarisierung ist, die in einer unguten Tradition steht. Diese Tradition heißt: Anti-Intellektualismus. Das ist historisch so ziemlich unbestreitbar. Lies Dir hierzu einfach nur einmal einige Göbbels-Reden durch.
    Übrigens wurde diese Ablehnung des intellektuellen Debattierens auch politisch ausgeweitet: Die Nazis nannten ja das Parlament die „Schwatzbude“, Parlamentarismus und das dazugehörige Debattieren waren gewissermaßen auch „intellektuell“ und folglich verachtenswert.

    Ich verbleibe in der Hoffnung, das Deine Reaktion jenseits des Reflexhaften erfolgt.

  10. Bersarin schreibt:

    El_Mocho, bezüglich des Textverständnisses ist es nicht immer ratsam, von sich auf andere zu schließen. Das ist eine der hermeneutischen Grundeinsichten.

  11. ziggev schreibt:

    @El_Mocho

    Eine Frage: was soll jetzt diese Verunglipfung Adornos? Ich langweile mich gerade auf meiner Kur. Da ich schon soetwas ahnte, habe ich mir etwas zum Lesen mitgenommen. Die Grundthesen der ‚Dialektik der Aufklärung‘, wie sie mir zu Ohren gekommen waren, schienen mir bereits so im „Mainstream“ angekommen zu sein, dass ich dort nie Versuche unternahm, tiefer zu schürfen, was immerhin dieses mein Vorurteil hätte widerlegen können (was ich für wahrscheinlich halte).

    Also, „die Größten Kritiker der Elche …“, gerade las ich in Adornos „Noten zur Literatur“, erster Essay über den Essay als Form, die wunderbaren Sätze:

    „Trotz aller belasteten Einsicht, die Simmel und der junge Lukács, Kassner (…) und Benjamin dem Essay, der Spekulation über spezifische, kulturell bereits vorgeformte Gegenstände [hier als Anmerkung ein Zitat von Likács] anvertraut haben, duldet die Zunft als Philosophie nur, was sich mit der Würde des Allgemeinen, Bleibenden, heutzutage womöglich Ursprünglichen bekleidet und mit dem besonderen geistigen Gebilde nur insofern einlässt, wie daran die allgemeinen Kategorien zu exemplifizieren sind; wie wenigstens das Besondere auf jene duchsichtig wird.“ (meine Hervorhebung)

    Das ist doch wunderbar! Das wendet sich doch recht explizit, so lese ich Adorno hier wenigstens, gegen die links-idealistische Manie, immerfort, und dies als die einzig brauchbare Vorgehensweise betrachtend, zu deduzieren. Ich denke mal, es würde sich schon lohnen, einmal bei Adorno etwas genauer hinzulesen.

    Weiter beim „Essay als Form“, etwas später: „In Deutschland reizt der Essay zur Abwehr, weil er an die Freiheit des Geistes mahnt, die (…) stets bereit war, die Unterordnung unter irgendwelche Instanzen als ihr eigentliches Anliegen zu verkünden. Der Essay aber lässt sich sein Ressort nicht vorschreiben. Anstatt wissenschaftlich etwas zu leisten oder künstlich etwas zu schaffen, spiegelt noch seine Anstrengung die Muße des Kindlichen wider (…)“

    Ich habe manchmal den Eindruck, dass Du Dir solche Unterordnung unter irgendwelche Instanzen eigentlich ganz gern angelegentlich sein lässt. Vielleicht schließt Du hier von Dir auf andere? Und ich finde es immer etwas simpel, Quine lediglich im Modus des Namedroppings anzuführen. (klar schmeichelt es mir, wenn eine meiner Grundintentionen mit solchen großen Namen in Verbindung gebracht werden, dazu gleich noch etwas.) Es verwundert schon ein wenig, warum Du so hartnäckig an Deiner Schwarz-Weiß-Malerei festhältst. Du hättest ja auf meine – zugegeben: recht improvisierte und allzu starke Argumente nun gerade vielleicht nicht, aber gerade deshalb – auch einmal eingehen können. Auf solche Weise habe ich jedenfalls keine Lust, mich vor den Und-jetzt-kommt-Quine-Karren spannen zu lassen.

    Und wierder die Elche: Wie hieß noch einer der bedeutensten Aufsätze des großen Quine? „Two Dogmas of Empiricism“.

    Diese Kur scheint in erster Linie darin zu bestehen, alles darn zu setzten, die Klienten dazu zu zwingen, sich zu langweilen (was an sich nicht das Schlöechteste ist), und ansonsten absurde Verhaltensregeln aufzustellen; meine Omline-Zeit ist beschränkt, also nur noch ganz kurz.

    Adorno scheint sich in „Noten zur Lietratur“ doch ziemlich eindeutig gegen die Deduzierungswut, mein Eindruck: eine typische Marotte sich links dünkender, zu wenden. Da aber, insofern bin ich Empirist, Deduzieren das genaue Gegenteil einer Methode ist, die sich eignet, Erkenntnisse zu gewinnen, sehe ich hier Adorno als jemanden, der sich fröhlich mit Empirie beschäftigt. Ja, die Empirie macht glücklich, nur sie. Bei der kindlichen Muße denke ich sofort an Proust, und überhaupt bei Adorno, wie mir bereits schien, eine eigenartige Würdigung des Kindlichen, aber das führt jetzt zu weit …

    Und beim “Lasst uns das einfach mal etwas genauer anschauen, wie die das machen!” dachte ich weniger an Quine, sondern vielmehr an Bruno Latours „Die Hoffnung der Pandora – Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft“. An einigen Stellen vielleicht etwas viel Konstruktivismus, bei der Lektüre war ich aber einigermaßen überrascht. Genau das, was Latour beschreibt, betreibt, hatte ich eine Zeit lang praktiziert, quasi als Ethnologe hatte ich mit meinen naturwissenschftlichen Bekannten (Biologie, Geographie) lustige Zeiten verbracht und sie mit Gewinn auf Exkursionen (eigentlich Spaziergänge begleitet von zum Teil wissenschftlichen Plaudereien) begleitet, einschließlich Proben sammeln und so fort, und Latour scheint in der Tat eine lohnenden Ausgangspunkt zu bieten, die Diskussion, wie Du sie zu führen zu trachten scheinst, noch einmal zu überdenken.

    Hier beim Perlentaucher ein paar Rezensionen zusammengefasst.

    http://www.perlentaucher.de/buch/bruno-latour/die-hoffnung-der-pandora.html

  12. Bersarin schreibt:

    @Ziggev
    Was Du zu Adorno schreibst, ist richtig, insbesondere im Bezug zur Kindheit.

    Es ist löblich, daß Du Dich so sehr mit El_Mocho auseinandersetzt. Aber es ist vergebliche Mühe. Ein wenig, so mutmaße ich, betreibt unser Freund El_Mocho die Sportart des Nordic Stalking.

  13. futuretwin schreibt:

    Ich würde doch noch einmal auf das Geschlecht zu sprechen kommen:
    Ist dieses Genießen des Verbots bei Odysseus nicht verwandt mit dem Befund von Theweleit in „Männerphantasien“: dem Panzer, der vor dem Fließen schützen soll, aber selbst zum Quell von Lust werden kann? Rekurriert dies nicht auch auf Reich, der behauptete, die Deutschen seien keinesfalls getäuscht worden, vielmehr hätten sie den Nationalsozialismus gewünscht?
    Bei Theweleit steht im Kapitel „Die Nation“ nicht nur der Satz „Hier fließt etwas, hier liebt er.“, der auf diese Thematik abhebt, sondern hier werden auch die Begriffe Gestalt und Ganzheit als im Zusammenhang mit der „deutschen Nation“ in den untersuchten Texten positiv besetzt identifiziert.

    In der psychologischen Morphologie, die mit den Polen Gestalt und Verwandlung arbeitet, kann Odysseus (der, der sich hinausbegibt, der heraussticht) sowohl mit „dem Männlichen“ konnotiert werden, wie auch mit dem Wachen, im Gegensatz zum Schlaf. Penelope kann (neben „dem Weiblichen“) eher für letzteren stehen, während im Einen das Andere jedoch nie fehlt und beide schließlich durch „das Geheimnis des Bettes“ wiedervereint werden und der Übergang gelingt (einschlafen).

    Sowohl Theweleit, als auch die Morphologie argumentieren jedoch essentialistisch, man kann Theweleit Differenzfeminismus vorwerfen, er möchte das „starre Männliche“ durch „das fließende Weibliche“ gleichsam erlösen. Da ist die Morphologie schon fast vorzuziehen, die immer eine Balance zwischen Gestalt (Odysseus, Mann) und Verwandlung (Penelope, Frau) anstrebt. Diese ist jedoch politisch komplett unreflektiert.

    Vielleicht sind hier die Ideen von Roswitha Scholz erhellend, die in der Wert-Abspaltungs-Kritik erklärt, dass alles was in den Kapitalismus nicht hineinpasst abgespalten und auf die Frau projiziert wird.

    An dieser Stelle kann man sogar wieder zu Zizek zurückkommen, bei dem es das Symptom gibt, an dem sich die nie gelingende Ganzheit (Gestalt) festmacht, im Nationalsozialismus etwa die Juden. Doch ist die Frau auch ein solches Symptom?

    Dieses sollte alles einmal in einem Text genauer untersucht werden, der den Titel
    „Anti-Odysseus. Geschlecht und Kapitalismus“ tragen könnte. Hier kann es jedoch nicht darum gehen, wie Odysseus durch Penelope erlöst oder ersetzt wird, sondern, wie beide überwunden werden können.

  14. Bersarin schreibt:

    Zunächst einmal danke ich Dir für Deine Kritik/Anregung. Panzer und Fließen sowie die Lust am Panzer, in Analogie gesetzt zur Lust an der Fesselung beim Odysseus würde ich nicht nur im Sinne Theweleits oder im Rahmen des Nationalsozialismus als psycho-faschistische Praktik interpretieren. Diese Lesart kann zugleich in Lustfeindlichkeit umschlagen. Es muß in der Analyse zwischen verschiedenen Praktiken differenziert werden. Insbesondere aus der Figur des Odysseus würde ich – ganz im Sinne der „Dialektik der Aufklärung“ – eben diesen verschlungenen, mithin dialektischen Aspekt mit herauslesen. Bei diesen Thesen von Theweleit bin ich vorsichtig. Sie sind sehr steil und teils mehr der Rhetorik und dem Effekt, der gewitzten Lesart denn der Sache geschuldet.

    „Vielleicht sind hier die Ideen von Roswitha Scholz erhellend, die in der Wert-Abspaltungs-Kritik erklärt, dass alles was in den Kapitalismus nicht hineinpasst abgespalten und auf die Frau projiziert wird.“ Die Logik der Abspaltung besteht sicherlich, aber es hält dafür nicht bloß die Frau her, sondern generell alles, was als Anderes erfahren wird: das kann die Natur sein, indigene Völker, verborgenes Wissen, Mystik, asiatische Weisheit, Zen und vieles mehr. Ich halte diese Abspaltungen, in denen dann das Reich des Besseren gesucht wird, für ziemlichen Unfug, weil solches Verfahren in der Logik der Opposition verbleibt. Jener Logik, die den Widerspruch nicht denken kann, sondern im Entweder-Oder verharrt. Höhepunkt solcher Abspaltung war in den 80er Jahren die schwachmatische Esoterik oder daß die verzückten Jüngerinnen und Jünger zu ihrem Guru rannten, sich um irgendwelche Trommler scharrten, Mongolische Pferdekopfgeigen sich anhörten oder plötzlich glaubten, am Potlatsch teilzunehmen: „Wunsch, Indianer zu werden.“ (F. Kafka) Die Frau steht im Zusammenhang kapitalistischer Produktion, sie ist kein Draußen und insbesondere ihr Körper ist kein Jenseitsort, sondern einer der Verfügung. So wie jeder Körper im System.

    Auch das Abgespaltene gehört zum System und wird grundsätzlich verwertbar gemacht, solange es sich in die Warenform überführen läßt und Profit bringt.

    Allerdings vermag ich an dieser Stelle nichts im Detail über die Thesen von Roswitha Scholz zu sagen, weil ich sie nicht gelesen habe, und kann insofern nur den von Dir genannten Satz als Anlaß nehmen.

    Die Idee eines „Anti-Odysseus“ – in Analogie auch zu Deleuze/Guattari – scheint mir nicht schlecht. Ich selber würde in der Odyssee freilich auch die Idee des Bildungsromans immer mitlesen. Entäußerung, Umhertreiben, Ankommen. Inwieweit diese Aspekte nun männlich/weiblich konnotiert sind, bleibt eine weitere Frage.

  15. futuretwin schreibt:

    Vielleicht muss ich mir das Dialektische am Odysseus noch einmal in der DdA anlesen, um es in das wüste Konglomerat einfließen zu lassen, dass ich dir in meinem Einstiegspost vor den Kopf geknallt habe. ;-)

    Das mit der Lustfeindlichkeit habe ich jetzt aber nicht verstanden. Theweleit preist doch das „weibliche Fließen“ als Erlösung an, schlägt also eher genau nicht in Lustfeindlichkeit um.

    Ein Link zu Scholz:
    http://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=autoren&index=23&posnr=25&backtext1=text1.php

    Allerdings Achtung, das sind Wertkritiker, fanatische Adorniten, die alles was nach Postmoderne oder Poststrukturalismus riecht umstandslos bashen. Aber den Vorwurf, dass sie in der Abspaltung das Heil sucht kann man ihr genau nicht machen. Sie will das Gefüge, das Wert und Abspaltung darstellen im Ganzen überwinden.
    Aber das nicht nur die Frau sondern alles „Andere“ hierhin gehört passt schon. Alles was nicht weiß, männlich, heterosexuell ist.

    Die Odysseus-Ulysses-Analogie, die du in deinem neusten Artikel ziehst, wurde bei den Morphologen auch gesehen. Dort war über die Idee, dass jeder Tag eine ganze Odysse sein kann, ja überhaupt erst die Idee einer Analogie von Odysseus zum Tage und Penelope zum Schlaf entstanden. Ist auch soweit ganz pfiffig: Kennst du die Episode mit dem Bett in der Odysse? Als der Held die Freier der Penelope erschlagen hat, bleibt diese skeptisch, da sie ihn immer noch nicht erkennt und stellt ihm eine Fangfrage:

    Wunderliche, gewiss vor allen Weibern der Erde
    Schufen die Himmlischen dir ein Herz so starr und gefühllos!
    Keine andere Frau wird sich von ihrem Gemahle
    So halsstarrig entfernen, der nach unendlicher Trübsal
    Endlich im zwanzigsten Jahre zum Vaterlande zurückkehrt!
    Aber bereite mein Bett, o Mütterchen, dass ich allein mich
    Niederlege: denn diese hat wahrlich ein Herz von Eisen!
    Ihm antwortete drauf die kluge Penelopeia:
    Wunderlicher, mich hält so wenig Stolz wie Verachtung
    Oder Befremden zurück; ich weiß recht gut, wie du aussahst,
    Als du von Ithaka fuhrst im langberuderten Schiffe.
    Aber wohlan! bereite sein Lager ihm, Eurykleia,
    Außerhalb des schönen Gemachs, das er selber gebauet.
    Setzt das zierliche Bette hinaus, und leget zum Ruhen
    Wollige Felle hinein, und prächtige Decken und Mäntel.
    Also sprach sie zum Schein, den Gemahl zu versuchen. Doch zürnend
    Wandte sich jetzt Odysseus zu seiner edlen Gemahlin:
    Wahrlich, o Frau, dies Wort hat meine Seele verwundet!
    Wer hat mein Bette denn anders gesetzt? das könnte ja schwerlich
    Selbst der erfahrenste Mann; wo nicht der Unsterblichen einer
    Durch sein allmächtiges Wort es leicht von der Stelle versetzte:
    Doch kein sterblicher Mensch, und trotzt‘ er in Kräften der Jugend,
    Könnt‘ es hinwegarbeiten! Ein wunderbares Geheimnis
    War an dem künstlichen Bett; und ich selber baut‘ es, kein andrer!
    Innerhalb des Gehegs war ein weitumschattender Ölbaum,
    Stark und blühendes Wuchses; der Stamm glich Säulen an Dicke.
    Rings um diesen erbaut‘ ich von dichtgeordneten Steinen
    Unser Ehegemach, und wölbte die obere Decke,
    Und verschloss die Pforte mit festeinfugenden Flügeln.
    Hierauf kappt‘ ich die Äste des weitumschattenden Ölbaums,
    Und behaute den Stamm an der Wurzel, glättet‘ ihn ringsum
    Künstlich und schön mit dem Erz, und nach dem Maße der Richtschnur;
    Schnitzt‘ ihn zum Fuße des Bettes, und bohrt‘ ihn rings mit dem Bohrer,
    Fügete Bohlen daran, und baute das zierliche Bette,
    Welches mit Gold und Silber und Elfenbeine geschmückt war;
    Und durchzog es mit Riemen von purpurfarbener Stierhaut.
    Dies Wahrzeichen sag‘ ich dir also. Aber ich weiß nicht,
    Frau, ob es noch so ist, wie vormals; oder ob jemand
    Schon den Fuß von der Wurzel gehaun, und das Bette versetzt hat.
    Also sprach er. Der Fürstin erzitterten Herz und Knie,
    Als sie die Zeichen erkannte, die ihr Odysseus verkündet:
    Weinend lief sie hinzu, und fiel mit offenen Armen
    Ihrem Gemahl um den Hals, und küsste sein Antlitz

  16. futuretwin schreibt:

    Ach, ja, zum Scholz-Text muss man noch dazu wissen, dass der 20 Jahre alt ist.

    Und ich muss noch ein (geklautes) Bonmot zum Besten geben (kicher) das die Ausrichtung dieses Blogs ganz gut auf den Punkt bringt (nicht wissend ob es schon in diesem Kontext angewendet wurde):

    Gabba gabba Hegel!

  17. Bersarin schreibt:

    Im Hinblick auf die Lustfeindlichkeit und Theweleit liegt das Mißverständnis wohl darin gegründet, daß meine Lektüre von Theweleit zu lange her ist. Es waren diese Überlegungen von mir insofern eher allgemeiner Natur. Fesselung ist Unterdrückung von Trieb und zugleich Lust in einem. Der Doppelaspekt: Boundet als Sexpraktik und im anderen Rahmen eine metaphorische Fesselung, wie sie eben Adorno/Horkheimer ausmachen: Odysseus ist potentiell bereits der in seinen Sessel im Musiksaal gefesselte Konzertbesucher.

    Eine Sichtung der DA von Adorno/Horkheimer hatte ich eigentlich schon lange auf dem Plan. Aber was machen, wenn ich nebenbei auch noch arbeiten muß? Zunächst einmal mäandere ich noch ein wenig bei Hegel, und da ich ein sehr großer Freund der Ramones bin, kann ich Deinen Schlachtruf nur unterstützen.

    Die Odyssee in 24 Stunden zu bannen: dieses Projekt betrieb Joyce ja im „Ulysses“, was dann in jenen wunderbaren Monolog der Molly Bloom mündet: Yes I will, Yes. Dieses grandiose Ja, dieser Rausch der Rede und wie die Gedanken strömen. Und in dieser Weise endet ein Tag. Als jene Lust, die die Unendlichkeit will. (Wie schon Nietzsches Zarathustra wußte, aber das ist dann wieder ein anderes Kapitel.)

    Diesen Schluß der Odyssee und daß Penelope ihren Mann nicht erkennt, faszinierte mich seinerzeit, ebenso dieser Akt der Aggression mit dem Bogen die Freier zu töten: das. Der erste, der Odysseus erkennt, ist übrigens der alte Hund – also ein nichtmenschliches Wesen.

    Ich habe Roswitha Scholz‘ Text nur überflogen. Wieweit sie darin Adorno folgt, vermag ich auf die schnelle nicht zu beurteilen. Die Möglichkeiten, die sie als eine Art Jenseits (oder Diesseits?) anbietet, scheinen mir problematisch, was allerdings auch daran liegt, daß ich in diesen herrschenden gesellschaftlichen Mechanismen sehr viel mehr die Aporien sehe. Fast würde ich bereits sagen, daß nicht einmal mehr in der Kunst jener Schein des Anderen emaniert. Aber wie gesagt: ich müßte den Text von Scholz zunächst genauer lesen. Auch bin ich nicht unbedingt der herausragende Experte, was die Marxsche Werttheorie betrifft. Insofern bin ich in bezug auf diese Dinge, die Scholz da zum Thema macht, sehr verhalten. Wie gesagt: ich müßte den Aufsatz lesen.

    Fragen der Frau, des Nicht-Weißen, des heterosexuellen weißen privilegierten Mannes lese ich nicht bloß als Nebenwidersprüche, aber den Fokus meiner Kritik würde ich immer noch auf den – etwas pauschal formuliert – Widerspruch von Arbeit und Kapital und auf die Form der Warenwirtschaft samt bürgerlicher Konkurrenzgesellschaft legen. Dies scheint mir das Hauptproblem, weil sich darin Strukturen reproduzieren, die dann in anderen Bereichen wirken. Aber ich komme, im Rahmen von Kritischer Theorie eher von Adorno und dem Konzept der bestimmten Negation her, weniger interessieren mich Lösungen, sondern der Stachel der Kritik. Dies gefällt nicht jeder und jedem, aber ich sehe dadurch, daß ich richtig mit meinem Ansatz liege. Ach, der kann ja nur kritisieren, ist für mich Ausweis höchsten Lobes. Und warum auch sollte ich hier in dieser Immanenz auch irgend etwas verteidigen?

  18. futuretwin schreibt:

    Arbeiten, ja ich auch. Das ist ja das Problem. ;-)
    Schlachtruf passt, auf das Wort war auf der Schnelle nicht gekommen (ich war auf der Arbeit). Gabba Gabba Hegel hat übrigens(falls du es nicht wusstest) ein Schreiberling der „Sounds“ für Gang of Four erfunden.

    Wenn du den Fokus der Kritik auf den Kapitalismus legst, sind die anderen Themen dann keine Nebenwidersprüche? Aber ich möchte keine Haare spalten.
    Der Punkt ist, Scholz hat einen, wie ich finde, sehr guten Weg gefunden, Kapitalismuskritik und Feminismus zusammenzudenken. Und der ist, auch wenn Scholz selbst das anders sehen würde, durchaus kompatibel mit etwa deleuzianischen Ansätzen, wie dem Theweleits.

  19. Bersarin schreibt:

    Der Nebenwiderspruch: Ja und und Nein, ich versuche mich da immer ein wenig durchzumogeln mithilfe einer Weise von Perspektivität, welche die Optik wechseln kann: die Beobachterin/der Beobachter changieren. Es handelt sich im Grunde um die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen – Hegel mit Nietzsche kreuzend. Aus der Perspektive der Frau oder aus der eines nichtweißen, anderssexuellen Subjekts zu sehen und zugleich als das Gegenteil davon die eigene Position mitzudenken, aber dabei nicht die Strukturen und die Bedingungen der Möglichkeit von Gesellschaft aus dem Blick zu verlieren. Strukturen sind weder männlich noch weiblich, sondern sie folgen einer ihnen immanenten Logik. (Die freilich durch solche Begriffe mit determiniert sein kann.)

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