Liebestexte, Reden, Nichtung (Michelangelo Buonarroti)

Kunst ist:
Aufhören. Mit allem. Es sind alle Lieder gesungen.
Alle Texte wurden geschrieben. Alle Spiele gespielt und der Vorhang schloß sich.
Wir folgen der unendlichen Repetition und den Reihungen. Mehr nicht.
Die Motive gleichen sich: die Bilder, die Sätze, Stoff, Inhalt, Form. Zeugung ist Anmaßung, Subjektidolatrie.
Der Schöpfungswahn. 500 Jahre Deckenfresko in Rom.
Es gibt keine Schöpfung, und jene Schädelbasislektion hat keiner der Künstler gelernt.
Sie nennen es Zeugung und Akt, wir sagen: Hybris des Immergleichen.

Wenige Künstler bringen den Unsinn der Kunst in den Text, zeichnen und benennen die Aporien, die Antinatur, die Widernatur, die Gegennatur. Es gibt keine Schöpfung, es gibt nur die Umschrift sowie die Feuer der Zeichen, und wenige Schriftsteller erfaßten dies so wie Durs Grünbein, in einem seiner besten Gedichtbände aus den 90er Jahren: „Schädelbasislektion“:

„Ohne Drogen läuft nichts
Hier im Irrgang der Zeichen
Wo du umkommst gesichts-
Los in blinden Vergleichen.
Träumend… Rate für Rate
Von Bildern beäugt.
Wer ist Herr der Opiate
Die das Hirn selbst erzeugte?“

Das ist Poesie und Metapoesie, mithin Reflexion auf das eigene (sinnlose) Tun, in einem. Der Ton geht in solchen Gedichten zwar (häufig und unbemerkt, denn viele zehren – leider – von ihm) hin in die Richtung von Rilke: Da ist keine Stelle, die dich nicht ansieht. Selbst die Bilder gaffen nach dir. Es fließt die Lyrik hinüber in das Ermatten und vom Popsound der Drogen seufzt es bei Grünbein brinkmanninspiriert – man lese nur „Grauzone morgens“: jenen harten Sound des DDR-Bürgersteigs, den Grünbein als 26-jähriger junger Mann aus Dresden 1988 gut traf und sozialistisch-metaphysisch-realistisch überhöht in die lyrischen Bilder schrieb.

Am Ende aber bleibt die Wiederholung, und es tauchen die Texte in Tradition:
„Gleich nach dem Vögeln ist Liebe der bessere Stil.
Die Tierhaut entspannt sich, das Herz fängt sich ein.
Flacher Atem bläst Schweiß aus den Schlüsselbeinmiulden.
Auf der Zunge zergangen, löschen Spermien den Durst
Auf den Nachwuchs. Die Achselhöhlen, den müden Bauch,“
So dichtet Grünbein in „Schädelbasislektion“, hingegen Goethe, in seinen frühen „Lyrischen Dichtungen“ aus Weimar: „Und den höheren Stil lehret die Liebe dich nur“

Auch die Liebe betreibt – sofern sie angemessen ausfällt – mit Macht die Erziehung zum Stil, denn sie ist nichts anderes als Stil und Form. In letzter Konsequenz, als Denken und Form der Körperlichkeit, geht es nicht um die Liebe, sondern der Stil bleibt jenes weilende Thema, gegen den jede Liebe, Gott sei Dank, nur blaß abfällt.

„Alles holt sich der Schlaf. Wie nach zuviel Theologie
Kehren die Laken sich um. Altes Dunkel am Rand,
Neue Ränder im Dunkel. Die Kniekehlen zwitschern
Zweistimmig stimmlos ihr Post-Coital, ein Rondeau.
Eben noch naß richten die Härchen wie Fühler sich auf.
Betäubt, summa summarum, gestillt, hört dieser Schmerz
Des Lebendigen bis zur Erschöpfung auf wehzutun.
Zurück in der Zeit, sind die Körper an keinem Ziel.
Gleich nach der Liebe ist Vögeln der bessere Stil.“

Das Gedicht endet, wie es beginnt. Und das eben ist: Stil. Als Schöpfung. Bilder ohne konkretes Bild, wir durchstreichen jedes Subjekt und die Regung.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Liebestexte, Reden, Nichtung (Michelangelo Buonarroti)

  1. Iris schreibt:

    Mir liegt ein spontanes JA auf der Zunge zu diesen Gedanken. Dennoch frage ich mich:
    War Kunst denn jemals wirklich originell? War denn, was zum ersten Mal geschrieben, gebildet, komponiert, dargestellt wurde, wirklich Neuschöpfung und nicht vielmehr auch da schon „nur“ Abbildung oder Annäherung oder Versuch, zu verstehen, sich anzueignen? Und wenn tatsächlich nichts Neues mehr kommen kann in der Kunst, schon lange nicht mehr kommt, bedeutet das nicht zugleich, dass auch anderswo sich nicht Neues mehr ereignet, egal ob in innerer oder äußerer Welt, mit dem Kunst sich befassen könnte? Bedeutet es, dass wir die Welt bereits in- und auswendig kennen, und dass sowohl der Akt, in dem sie sich schuf oder geschaffen wurde, als auch der, in dem versucht wurde, zu erfassen und abzubilden, ewig abgeschlossen sind?
    Spielt nicht die Motivation eine Rolle und spiegelt sich im Werk? Ist es nicht ein Unterschied, ob ich absolut Neues schaffen will, in der Originalität gleichwertig der Natur, oder ob ich mich dem, was ist und was zugleich – immer noch – unverstanden ist, annähern will in irgendeiner Kunstform? Ist diese Annäherung denn schon jemals jemandem vollendet gelungen? In diesem Versuch der Annäherung nicht der/ die Einzige zu sein, sondern Teil und deshalb nur selten den Fuß auf einen noch unbetretenen Fleck setzen zu können (aber manchmal eben doch), schmälert nicht den Wert des Versuchs. Ergebnisse sind dann vielleicht Glücksfälle, aber vor der endgültigen Ankunft – falls es eine solche je geben wird – nicht auszuschließen.

    Mir fällt hier, wie so häufig, eins meiner Lieblingszitate von Max Frisch ein (Natürlich geht es ums Schreiben, ist aber in meinen Augen übertragbar auf jegliche Kunstform): „Schreiben ist […] Kommunikation mit dem Unaussprechlichen. Je genauer man sich auszusprechen vermöchte, um so reiner erschiene das Unaussprechliche, das heißt die Wirklichkeit, die den Schreiber bedrängt und bewegt. Wir haben die Sprache, um stumm zu werden. Wer schweigt, ist nicht stumm. Wer schweigt, hat nicht einmal eine Ahnung, wer er nicht ist.“

    Und die Liebe ist nochmal ein Thema für sich. (Falls sie nicht das ist, worum sich alles dreht, was ich vermute.)

  2. Bersarin schreibt:

    Von Zeit zu Zeit erwies sich Kunst als originell und brachte – in jenen seltenen Momenten – Bilder, Texte, Musik, Skulpturen, Inszenierungen, Filme hervor, die eruptiv alles bisherige auf den Kopf stellten. Von Michelangelos David über Goethes „Faust“ bis zu Kafkas „Der Prozeß“. Es ergäbe dies eine lange Reihe von Werken: ich greife willkürlich einige heraus, die die Kunst in einen Dreh versetzten, und hernach war nichts mehr wie vorher. Selten sind diese Momente, in denen die ästhetische Form derart tangiert wird, daß hinterher der Stand der Dinge ein anderer ist und nichts mehr in der Kunst ging wie vordem. Das mag alles sehr theoretisch klingen. Aber es ist dies ein Blog, der sich eben mit Kunst selbst und mit der Theorie über Kunst beschäftigt.

    Diese aporetische Situation, die in jener These vom Ende der Kunst, immer wieder als beliebter Topos ästhetischer Theorie auftaucht, gilt es in der Kunst fruchtbar zu machen. Das heißt, von der Logik der Produktion, nicht, daß nichts mehr geht. Geschrieben wird immer und vieles davon ist auch gut.

    Kunst, die mehr ist als nur Erzählen im Plauderton – obwohl auch dies eine hohe Kunst sein kann –, arbeitet sich (bewußt oder unbewußt) an diesem Paradoxon ästhetischer Form ab: das Alte zu überwinden und anderes zu schaffen und zugleich der Unmöglichkeit einzugedenken, weil mit dem Beginn der Klassischen Moderne vieles ausgereizt war. „Das Altern der Moderne“ wie Peter Bürger es nennt.

    Mit dem Hinweis auf diese Versuche und Annäherungen, auf das Tentative der Kunst hast Du sicherlich recht. Wobei ich selber (einerseits) nicht als Künstler schreibe und nicht von einer Produktionslogik ausgehe, sondern von der ästhetischen Kritik her Werke betrachte. Was in solchem Verfahren zum Tragen kommt: das Spiel von Subjektivität und Objektivität. Keine Kritik von Kunstwerken ist möglich, die nicht die ästhetische Form, die Bearbeitung des Materials, mithin auch: den geschichtlichen Stand, mit in den Blick nimmt. Aber zugleich ist auch keine Kritik von Kunst möglich, die nicht das Schillern und Scheinen, die Sinnlichkeit mit einbezieht. Das bedeutet nicht, die Dinge nun auf den bloßen Sinnengeschmack oder die reine Sinnlichkeit herunterzubringen. Auf ein sinnliches Wohlgefallen. Ohne Reflexion sind die Kunstwerke nichts. Aber ohne sinnliches Material natürlich auch nicht.

    Ja, Kunst ist Kommunikation, Kommunikation des Unkommunizierbaren. Da stimme ich Max Frisch zu. Und jener Versuch, dieses Unkommunizierbare in eine Anordnung zu bringen, wie ein Kaleidoskop oder wie die Photographie eines Sternenhimmels, in dem diese Sterne für den Augenblick festgefroren sind: das ist das Kunstwerk.

    Wobei ich diese These vom Ende der Kunst in verschiedenen Facetten sehe. Ich stimme ihr einerseits zu, opponiere zugleich dagegen. Insbesondere dort, wo Kunstformen sich verschränken oder durchdringen, scheinen mir Möglichkeiten und Öffnungen.

    Kunst lügt das Blaue vom Himmel herunter und ist zugleich die äußerste Negativität und Sperrigkeit. Kunst ist Kunst als Kunst und weist über sich hinaus. Aber alle diese ästhetischen Programme und Optionen wollen am Ende doch nur eingelöst werden. Und in der Art, wie ich produziere, ist das Bloggen, diese Koppelung aus ästhetischer Theorie, Philosophie, Literarisierungen, Photographie, Reflexion auf und über Bilder eben auch eine Form der Kunst. Die Differenz von Philosophie und Literatur – zumindest einer bestimmten Form von Philosophie – ist einzuziehen. Philosophie ist Erzählung und sie ist es nicht.

    Ach, knüpfen sich an diese von Dir angesprochenen Aspekte sehr viele Überlegungen an. Und mein Blog ist sicherlich eine der Weisen, auf diese Möglichkeiten, auf die Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten von Kunst zu reflektieren. Danke aber auf alle Fälle für Deine Einwände und Ergänzungen.

    (Die Liebe lassen wir mal beiseite – das ist, wie es bei Kempowski heißt „Ein Kapitel für sich“.)

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