Sylvia Plath und die Literatur als Fragmentierungsprozeß

Die amerikanische Schriftstellerin und Lyrikerin Sylvia Plath – 27.10.1932 in Bosten geboren, gestorben 11.2.1963 in London – wäre am Samstag 80 Jahre alt geworden. Ihr erster und einziger Roman „Die Glasglocke“ (The Bell Jar) erschien einen Monat vor ihrer Selbsttötung im Jahre 1963. Die Frau mit dem Kopf im Gasherd. Das Kindler-Literaturlexikon formuliert und verfehlt Plath mit jenem flachgedachten Existenzial-Pathos: „Selbstmorde von Lyrikern und Lyrikerinnen üben auf die literarische Nachwelt eine geheime Faszination aus. Der Tod verleiht ihrem Werk postum Seriosität und Aufrichtigkeit.“ Ihr Roman „Die Glasglocke“ wäre wohl ebenso gelungen zu nennen, wenn sie sich nicht um das Leben gebracht hätte.

Geballte Subjektivität im Schreiben kommt in dieser Prosa zum Tragen. Aber darin erweist sich dieser Roman gerade als objektiv – manifestiert sich im Text doch der Geist einer Zeit, in der die Horizonte von privater und politischer Erfahrung ausgeleuchtet wurden. On the road eben. „Die Glasglocke“ transformiert diese beiden Erfahrungsmomente in eine Form von Erzählung. Diese Weise von Wahrnehmung, in die Literatur gebracht, reichte von der Prosa und Lyrik der Beatniks bis hin zur deutschsprachigen Literatur und firmierte dort als Neue Subjektivität des Schreibens: von Christa Wolf oder Brigitte Reimann über Peter Handke, Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard oder Max Frisch, um die besseren Vertreterinnen und Vertreter, dieser ansonsten eher fragwürdigen Bewegung zu nennen.

Plath veröffentlichte mit bereits 17 Jahren ihre erste Kurzgeschichte, so ich dem Kindler-Literaturlexikon glauben schenken kann. Sie trug triviale Themen mit einer rhetorischen Eleganz vor und spickte sie mit der nötigen Ironie. Plath wird, insbesondere von ihrer Lyrik her, ihr bekanntester Gedichtband ist „Ariel“, gerne der sogenannten Frauenliteratur zugeschlagen, und ihr Text wird mit Biographischem kontextualisiert – und damit eben: entschärft. Über den Schwachfug solcher reduktionistischen Art des, nun ja: nennen wir es Lesens, möchte ich keine großen Worte verlieren. Nur soviel und oft genannte Sentenz: es gibt keine Frauenliteratur, sondern es existiert gute, mißlungene und mittelmäßige Literatur. Die kann von Frauen wie auch von Männern geschrieben sein. Wer einen Text einzig auf die biographische Situation und auf das Schicksal von Frauen abbilden will, der befasse sich nicht mit Literatur, sondern mit der Sozialgeschichte von Menschen oder der betreibe Biographieforschung. Das ist allemal ergiebiger. In diesen Feldern finden sich angemessenere Beispiele, die Lebensumstände ins Bild setzen und konkret werden lassen, namentlich von nicht-prominenten Frauen. Sylvia Plath ist primär eine Schriftstellerin, Höhen und Tiefen durchmachend, wie das bei Menschen so ist.

Ich las ihren Roman „Die Glasglocke“ in den 80er Jahren mit Gewinn. Hier tritt eine Prosa auf, die in einem besonderen, unverwechselbaren Ton geschrieben ist, komponiert wie ein Stück Popmusik, den Geist der Zeit in Worte verwandelnd, tänzerisch und mit der nötigen Härte gleichermaßen auftretend. Lakonisch und zugleich doch unsicher wie der Ton eines jungen Menschen ausfällt. Die Perspektive der Erzählerin und die literarische Form konvergieren, der Text beobachtet genau, findet die richtigen Bilder für die Situationen. Wesentlich ist in diesem Buch die Entwurzelung der Protagonistin Esther Greenwood, sie fällt aus den Bezügen der Welt, aus den vermeintlichen Sicherheiten heraus, die sich als scheinhaft erweisen. „Die Glasglocke“ spielt mit der Todessymbolik, die in vielfachen Bezügen auftaucht. Schon vom Titel her und bereits im ersten Satz des Romans tritt der Tod auf den Plan, und zwar gesellschaftlich motiviert.

„Es war ein verrückter, schwüler Sommer, der Sommer, als die Rosenbergs auf den elektrischen Stuhl kamen, und ich wußte nicht, was ich in New York sollte. Ich bin albern, was Hinrichtungen angeht. Bei der Vorstellung, auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet zu werden, wird mir übel, und in den Zeitungen war von nichts anderem die Rede – an jeder Straßenecke und an den muffigen, nach Erdnuß riechenden Mäulern der Untergrundbahn starrten mich glotzäugige Schlagzeilen an. Es hatte mit mir nichts zu tun, aber ich mußte darüber nachdenken, wie das war, lebendig verbrannt zu werden, an den einzelnen Nerven entlang.“

Eine junge Frau betritt die Stadt, und im Verlauf des Geschehens sind es ebenfalls die Nerven, an denen auch die Protagonistin verbrennen wird. Anders allerdings entflammend und sich verzehrend als die Rosenbergs. Und zugleich schreibt sich in diesen Prozeß des Verbrennens und Erstickens eine Selbstöffnung und Erkenntnis, mithin die Heilung ein. Insofern scheint es mir angemessen, „Die Glasglocke“ als einen modernen Bildungsroman der 50er Jahre anzusetzen. Irrungen und Wirrungen unter dem Stern der Psyche, der zur Mode grassierenden, reduktionistisch verfaßten Psychoanalyse als Innenbeichte – das Subjekt blickt in die eigenen Abgründe und in die Leere des Ichs, wenn die Bezüge sich als nichtig erweisen. „Die Glasglocke“ changiert zwischen jenem (existenzialphilosophisch aufgeladenen) Sartreschen Ekel und seiner Überwindung im Phänomen amerikanischer Leichtigkeit sowie Existenz im Pop. Lehrjahre des Gefühls, Lehrjahre des Herzens in einer US-amerikanischen Großstadt, in der Großstadt schlechthin, die den Mythos abgibt: New York, es spiegeln die Abgründe, und die Lehrjahre im College-Leben und Universitätsleben bringen nicht nur die Befreiung im Denken, sondern verstärken den Zwang, insbesondere nach Esthers Ablehnung in Harvard. Körper und Geist kollabieren im Gefängnis des Ichs: „unter einer Glasglocke sitzend, in meiner eigenen sauren Luft schmorend.“ Hegel fand für diese objektlose Innerlichkeit die passenden Worte. Aber das Ganze einer erfüllten Existenz, wie es der klassische Bildungsroman konzipierte, die aufklärende Steigerung des Ichs als Bei-sich-im-anderen-sein ist über die Philosophie, über die Reflexion, die sich mit dem sinnhaften Handeln verbindet, über die Leistungen der Selbsterkenntnis, des Gnothi seauton unter den Bedingungen einer Spätmoderne, die Subjektfragmente zurückläßt, nicht mehr umstandslos und ohne weiteres möglich.

Diese Brüche erkannte bereits der Bildungsroman nach Goethe, kulminierend in Flauberts großartiger „L‘Éducation sentimentale“: Als das schönste Erlebnis im Rückblick dieser im Grunde noch jungen Menschen, die die Aufbruchsstimmung der 48er Revolte miterlebten und sich darin tummelten, blieb am Ende lediglich ein Besuch im Bordell in der Erinnerung haften. Dieses Moment nimmt fast schon etwas von Prousts mémoire involontaire vorweg und bestimmt sie ex negativo. Es bleibt die Farce. Mehr nicht, um Goethes angeblich letzten Worte des „Mehr Licht“ auf dem Sterbebett abzuwandeln. Aber vermutlich verhörten sich die umstehenden Sterbebegleiter sowieso, wie sich alle immerzu verhören, und es hauchte der Weise aus Weimar im frühlingshaften Weimarer März, kurz vorm Aufblühen der Natur, während der alte Mann abblühte, statt „Mehr Licht“ eben: „Mehr nicht“. Es ist alles eine Frage der Perspektive. Die Glasglocke dient bei Plath als Metapher für die Erstickungsanfälle einer entzauberten Moderne. Das Subjekt taumelt und das, was als Heilung und Kur sich verspricht, erweist als ebenso fragil sich wie das Glas jener Glocke, die sich jederzeit wieder über Esther Greenwood senken kann. Es bekennt in Goethes „Wilhem Meisters Lehrjahre“ jene schöne Seele: „Ich erkannte auf einmal, daß es nur eine Glasglocke sei, die mich in den luftleeren Raum sperrte; nur noch so viel Kraft, sie entzwei zu schlagen, und du bist gerettet.“ Aber diese Kraft muß eine/r erst einmal aufbringen. Der ermatteten Seele gelingt dieser Schlag nicht mehr ohne Mühe. Die Moderne produzierte Freiheit, Trennung, Zwang und Apathie in einem: im Grenzenlosen sich zu finden, läuft häufig nur noch auf die Kälte des Weltraumes hinaus, und es ist eine/r eher Major Tom als Prometheus. Ankünfte und Heimkehr gestalten sich zwiespältig und stehen unter dem Vorbehalt. Und es tötet mit der Kraft des Bogens nicht jeder all die Freier und Rivalen, bevor er nach seiner Heimkunft die Penelope wieder besteigen darf, die ausgestreckt daliegt und in ihrem wunderbaren Monolog das Bekenntnis zum großen Ja und dreimal Ja im Exzeß der punktlosen Sprache darbringt. Ganzheit und Subjekt sind Phantasma. Ein Vorstellungsbild, das uns dennoch konditioniert und konstituiert. Solche Bedingungen der Konstitution sowie der Spurungen einer jungen Frau zeigt uns „Die Glasglocke“. Heilung ohne zu heilen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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7 Antworten zu Sylvia Plath und die Literatur als Fragmentierungsprozeß

  1. muetzenfalterin schreibt:

    Aber der Roman ist nichts gegen ihre Gedichte.

  2. Bersarin schreibt:

    Danke für den Hinweis, vielleicht werde ich mir demnächst ihren Gedichtband „Ariel“ kaufen. Hattest Du bei Dir mal etwas zu Plath geschrieben?

  3. JA schreibt:

    > http://www.youtube.com/watch?v=AQZ3GWCAGQ0
    der Eintrag in meinen Unterlagen besagt: radikalste englischsprachige Dichterin des 20. Jh., läßt Gertrude Stein und Patti Smith weit hinter sich =)
    JA

  4. Bersarin schreibt:

    Bereits zweimal ein Verweis auf Ariel: Da werde ich wohl lesen müssen! Danke für den Hinweis und das Video.

  5. ziggev schreibt:

    zum Video: das hört sich ja wundervoll an! Ich hätte gar nicht zu träumen gewagt, dass ich mich im Englischen so „zuhause“ fühlen würde. die Wortwahl scheint auch nicht gar so schwierig zu sein. vielleicht gibt es eine Englisch/Deutsch-Ausgabe?

  6. Bersarin schreibt:

    Bei den soweit gängigen Fremdsprachen ist eine zweisprachige Ausgabe von Gedichtbänden auf alle Fälle sinnvoll. Ob die Suhrkamp-Ausgabe zweisprachig ist, weiß ich nicht. Ja, es wurde dieses Gedicht – und daran hängt eine Menge – gut vorgetragen.

  7. muetzenfalterin schreibt:

    Das war mir gar nicht mehr bewusst, aber Du hast Recht, ich habe ein Video eingestellt, in dem sie eines ihrer Gedichte liest: http://muetzenfalterin.wordpress.com/2012/06/23/sylvia-plath/

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