Glut und Struktur – Die Unmöglichkeit von Pest und Cholera in den Zeiten der Liebe: Kitsch as Kitsch can

Das Gefühl von Liebe ist rührend, und zuweilen stellt sich die Frage, was einer mehr liebt: das Gefühl von Liebe, mithin diesen Zustand, oder die damit verbundene Person? Um jenen Diskurs, der das Feld der Liebe berührt, zu pointieren und zugleich abzuschließen, damit wir dann am Wochenende wieder auf die wichtigen Dinge zu sprechen kommen, so zum Beispiel auf Hegel, sei noch eine kleine Stelle aus Luhmanns „Liebe als Passion“ gegeben. Irrungen, Wirrungen:

„Aber verstehende Liebe ist kognitiv so strapaziös, daß es nahe liegt, sich ans Gefühl zu halten und dessen Instabilität in Kauf zu nehmen.“ So ist es. Liebe läßt sich im Zustand unmittelbarer Be- oder zuweilen auch Getroffenheit nicht in den Blick der Erkenntnis zwingen. Die Liebenden sind entweder drinnen, lieben einander ohne Bedingung, und dann erkennen sie nicht, oder sie sind draußen, dann funktioniert das Erkennen, doch mit dem Lieben tut man sich schwer. Weiter heißt es bei Luhmann: „Dieser Ausweg verbaut jedoch, wie wir ausführlich zeigen werden, eine institutionelle Lösung für das Verhältnis von Liebe und Ehe.

Hiermit wird zugleich einsichtig, daß die Liebe die ihr zufallenden Kommunikationsprobleme auf ganz eigentümliche Weise löst. Sie kann, um es paradox zu formulieren, Kommunikation unter weitgehendem Verzicht auf Kommunikation intensivieren. Sie bedient sich weitgehend indirekter Kommunikation, verläßt sich auf Vorwegnahme und Schonverstandenhaben. Sie kann durch explizite Kommunikation, durch Frage und Antwort, geradezu unangenehm berührt werden, weil damit zum Ausdruck kommt, daß etwas sich nicht von selbst versteht. Zum klassischen Code gehört auch die ‚Augensprache‘, ebenso wie die Feststellung, daß Liebende endlos miteinander reden können, ohne sich etwas zu sagen zu haben [dies unterläuft mir allerdings nicht, ich habe mir mit Frauen immer etwas zu sagen, und daran trage ich selber wesentlichen Anteil, Hinweis Bersarin]. Es ist, anders gesagt, kein kommunikatives Handeln, kein Fragen, kein Bitten des Geliebten erforderlich, um den Liebenden auf ihn einzustimmen; das Erleben des Geliebten soll das Handeln des Liebenden möglichst unmittelbarer auslösen.“ (Luhmann, Liebe als Passion)

Es gibt wenige soziologische Analysen, die derart profund, gründlich und mit einer solchen Belesenheit zu Werke gehen. Die Kälte des analytischen, systemtheoretischen, funktionalen Blickes trifft auf diese ach so zarte und vermeintlicher Subjektivität angehörenden Pflanze Liebe, und das ergibt eine spannende Paarung. Zudem zeigt sich nach der Lektüre Luhmanns, daß die Liebe an historischen und gesellschaftlichen Dispositiven hängt. Es existiert keine Liebe an sich. Liebe in der Antike, Liebe in der Neuzeit folgt unterschiedlichen Regeln. Es geht der systemtheroretischen Soziologie um die Analyse dieser Regeln. Dies beruhigt die allzu leicht sich erhitzende Seele und kühlt die Regungen auf das Maß herunter und herab.

Beenden wir diesen Teil mit Robert Musil: „Der Mensch, recht eigentlich das sprechende Tier, ist das einzige, das auch zur Fortpflanzung der Gespräche bedarf. Und nicht nur, weil er ohnehin spricht, tut er es auch dabei; sondern anscheinend ist seine Liebseligkeit mit der Redseligkeit im Wesen verbunden, […] Nun, nicht einmal die Psychoanalyse und die Soziologie haben Wesentliches darüber gelehrt, obwohl diese beiden jüngsten Wissenschaften schon mit dem Katholizismus wetteifern dürfen, sich in alles Menschliche eingemischt zu haben. Man muß sich also selbst den Reim darauf bilden, daß Gespräche in der Liebe fast eine größere Rolle spielen als alles andere. […] Aber es gilt in der Liebe, daß sich ihre Glut umso größer in Worten ausbreitet, je weiter ihnen noch das Handeln ist; …“ (R. Musil, Der Mann ohne Eigenschaften)

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