Jenseits der Liebe – Strukturalisierungen jenes Unaussprechlichen

In der „Zeit“ vom 20. September entdeckte ich ein Gedicht des Schriftstellers Richard Brautigan. Mir war er bisher aus den 80er Jahren durch seine wild-versponnenen, teils surrealen Romane bekannt, in einer Sprache der hard boiled Short-Story geschrieben: lakonisch erzählt, fließt die Prosa in knappen Sätzen schnell dahin. So etwa in seinem Roman „Träume von Babylon. Ein Detektivroman“. Brautigan schreibt in der Tradition von Chandler und Hammett, spickt diese Weise des Erzählens aber mit jenem Schuß an Hippiewestküstensound sowie Ironie und surrealen Elementen, die die Story überborden lassen. In meiner Lesart liegt er damit sehr in der Tradition eines Boris Vian. Der Geist der Zeit eben, der sich über die Kontinente erstreckt. Die Romane erschienen seinerzeit in den 80ern im Eichborn Verlag und sind nur noch antiquarisch erhältlich. Ein eigenwilliger Schriftsteller, der in den 80ern in der BRD einen gewissen Kult- und Underground-Status genoß, dann aber in Vergessenheit geriet.

Brautigan interessierte sich für die japanischer Kultur, setzte sich mit der Haiku-Dichtung auseinander. Er ist ein vielschichtiger, leider unterschätzter und in Vergessenheit geratener Schriftsteller. Sicherlich nicht die erste Liga nordamerikanischer Literatur, aber seine Prosa ist doch aberwitzig genug, ihn zu lesen. Der Sound seiner Texte klingt teils lakonisch und, von seiner Vielschichtigkeit her, gleichzeitig leicht wie ein Haiku. In diesen vermeintlich so einfachen Sätzen eines Haikus oder der lakonischen Konstatierungen des Sachverhalts stecken die Schwierigkeiten und die verzwickten Stellen dann wieder im Detail. Richard Brautigan nahm sich im Jahre 1984 das Leben. Er war dem Alkohol zugetan.

Hier aber das feine, kleine Gedicht:

„Es ist schön,
morgens ganz allein aufzuwachen
und keinem sagen zu müssen, dass man ihn liebt
wenn man ihn nicht mehr liebt“

Kurz und schmerzlos. Wie jede Erkenntnis, die sich mit Gewißheit ins Denken einschreibt, einritzt, eingräbt, so tritt dieses Wissen auf. (Freilich, ein wenig fehlt dem Text die Gegenwendigkeit der Brechtschen Liebesgedichte.) Aber ist sowas überhaupt ein Gedicht? Und nicht vielmehr ein Aphorismus, eine Wahrheit, die still daliegt, sich als Wissen im Kopf ausbreitet, wenn die Leere einsetzt. Es gibt, im Blick des Denkens, keine Liebe, es gibt Strukturen der Liebe, in denen diese sich als Romanze oder wilde Leidenschaft zu entfalten vermag. Zumindest verhält es sich im Rahmen perspektivischer Philosophie so, wenn wir diese Dinge in einer Beobachtung zweiter Ordnung kalt konstatieren. Es kann niemand zugleich in und über den Dingen liegen, und es können nur wenige Menschen in einer Frau oder einem Manne stecken und zugleich im Akt des Vollzuges mit dem Geist darüber schweben, um als Beobachter/in zweiter Ordnung die Rahmungen zu ordnen. (Ausgenommen an den Tagen – vielleicht –, wenn es schlecht läuft. Da geht es dann so ab, wie in jener Sexszene bei Woody Allens „Der Stadtneurotiker“, wo der Geist des Subjekts über den Liebenden schwebt und die Dinge, die da geschehen, kommentiert. Allerdings: nicht analysiert, sondern nur kommentiert und beschriebt.)

Niklas Luhmann führt diesen Diskurs der Liebe, die Bedingungen seiner Möglichkeit, diese Beobachtung zweiter (und teils auch dritter) Ordnung auf anregende Weise in seinem aufschlußreichen Buch „Liebe als Passion“ vor. (Der Untertitel ist aufgrund seiner oxymoronischen Verfassung fast noch besser: „Zur Codierung von Intimität“. Eine fein gebaute Sentenz, die von der passio zur Struktur sich bewegt.) Und bereits sehr früh, zuerst in einer 1969 gehaltenen Vertretungs-Vorlesung in Frankfurt – ausgerechnet als Vertretung Adornos, der im Urlaubssemester weilte und dann starb – gab Luhmann im Sommersemester „Liebe. Eine Übung“. Das klingt grotesk-komisch, ein wenig nach Anleitung und Praxis, die sich am Ende, in letzter Konsequenz und im letzten Blick in die Theorie vertagt.

Es geht in diesem schlanken Büchlein um die Bedingung von bestimmten Diskursen und Mustern: Wie ist in einer übermäßig komplexen und kontingenten Welt ein solch unwahrscheinliches Ereignis wie das Sich-Verlieben überhaupt möglich? Ein eigentümliches Spiel und ein Changieren, das die Liebe bietet: einerseits vergewissert sich das Subjekt in der Liebe seiner selbst, weil es bedingungslos so geliebt und angenommen werden will wie es ist, ohne sich funktional verstellen oder sich anders geben zu müssen als es sein will, andererseits eröffnet es sich der Fremderfahrung – hin zu einem ganz anderen, das nicht es selbst ist, mit allen Tücken, Verstrickungen und auch den Aporien. In der Liebe eröffnet sich eine Weise der Einzigartigkeit von Subjektivität. Die Emphase der Liebe samt dieser Singularität, das, was wir unter dem Decknamen der romantischen Liebe führen, ist ihrer Entäußerung und in ihren Handlungsweisen aber auf Diskursrahmen angewiesen, unter denen dieser im Grunde unwahrscheinliche Fall einer uneigennützigen Begegnung zweier Subjekte möglich wird, funktioniert und in eine Form von (besonderer) Kommunikation überführt werden kann: Einer Begegnung, die nicht (primär) an der Zweckrationalität sich orientiert, sondern zunächst das ganz andere, das Versprechen von Symbiose bei gleichzeitiger Differenz in einem als Gegenbild zur Welt hervorzaubern und als Instanz gelingenden Lebens setzen möchte – und dies gilt (nebenbei gesprochen) sowohl für die hetero(normativ)gepolte Liebesweisen, wie auch für die, welche gleichgeschlechtlich oder andersgeschlechtlich verlaufen, weshalb es manchem Genderdiskurs gut täte, den Blick (auch) auf strukturale Bedingungen zu werfen. Die schwule oder lesbische Liebesweise ist genauso dem Diktat eines universalen, die Bezüge sowie die Daseinsweise tangierenden und determinierenden Diskurses unterworfen, der – mit Max Weber gesprochen – am Stahlgehäuse kapitalistisch organisierter Rationalität hängt. Was nicht heißt, das diese gleichgeschlechtlichen oder andersgeschlechtlichen Formen von Liebe deshalb keinerlei Diskriminierung und Abwertung erführen. Im Gegenteil. Die (vermeintliche) Abweichung dient dazu, sich des eigenen Status zu vergewissern. Gerade diese Mechanismen der (vielfachen) Entwertung gleichgeschlechtlicher Liebe müssen im Rahmen einer Systemtheorie der Liebe im Gegenzug zum strukturalen Blick, der auf die Mechanismen schaut, wiederum mitgedacht werden. Formales und inhaltliches Moment bedingen einander. Diese Ausrichtung nun fehlt der Luhmannschen Liebeskybernetik vollständig.

Dennoch: Was ich an Luhmann schätze, ist der kalte Blick auf die Funktionsweisen. In einem bestimmten Sinne handelt es sich bei der Systemtheorie um jene von Adorno festgestellte „Mimesis ans Tödliche“.

Aber was soll‘s? Aisthesis wird die Liebe sowie die Diskurse und Strukturierungsweisen solcher Liebe immer wieder streifen, umkreisen, in Verrückungen und Kontexte bringen. Manchmal reicht dazu bereits ein harmloses Gedicht oder ein Aphorismus hin.

Morgen lassen wir dann in einer längeren Passage Luhmann selber zu den Paradoxien der Liebe sprechen. Um dann Ende der Woche mit unserer Hegellektüre fortzufahren. Dessen Philosophie ist ganz und gar nicht frei vom Phänomen der Liebe.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Jenseits der Liebe – Strukturalisierungen jenes Unaussprechlichen

  1. Frau wunder schreibt:

    aus meinem japanischen lyrikband vom insel-verlag leipzig

    Einsam
    (Hitomaro)

    Trostlos, allein zu schlafen diese Nacht,
    Die endlos lang ist, wie der lange Schweif
    Des Goldfasanen, dessen helle Stimme
    Ich von den Bergen herüberklingen höre.

    oder wie die helle stimme der nachbarin,
    deren gurrendes gelächter beim vögeln
    mich daran erinnert, dass ich allein bin,
    beim aufwachen und mich niemand liebt…

  2. Bersarin schreibt:

    Es soll Menschen geben, denen geht es so, wie im Gedicht beschriebe. Es sind dies die Zaghaften, welche sich nicht von ihrem Begehren trennen können, und zugleich zeugt ein solches Denken von einer sehr tiefen Fähigkeit zu empfinden. Denn eine derart lange, sich ziehende Nacht durchzustehen: dazu bedarf des der Imagination, der Kraft, der Ausdauer. Und vielleicht auch der Lektüre Schopenhauers, um die Verneinung des Willens zu lernen. Aber Kennen und Können sind im Leben oft zweierlei.

    Wie dem auch sei: Sie haben ein sehr schönes Pendant zu jenem Gedicht gefunden, so wie sie oft treffende Worte finden. Und man kann doch in gewissem Sinne sagen, daß wir beide uns auf eine ansprechende und gute Weise ergänzen.

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