Mit einem koksversuchten Hirn – die Welt zu überwinden

Jesus, meine Zuversicht: Die Frankfurter Buchmesse, nun ist sie zum Ende gekommen, jedes Jahr das gleiche; alle reden oder schreiben darüber, einige mögen sie, manche hassen sie; viel Rummel, viel Bewegung, viele Partys, viel Beifick, alles unabänderlich, unveränderlich. Immerzu klagen alle Beteiligten, daß sie zur Messe müssen, aber nicht wollen, und gäbe es diese Messe nicht, so klagten Besucherin und Besucher aus der Verlags- oder Schriftsteller(innen)welt ebenfalls darüber, daß es keine Messe gibt. Es ist das immergleiche Kokettieren. Alles unwichtig. Die Frankfurter Buchmesse ist mal angenehm, mal lästig, aber sie ist immerda und unvermeidlich. Wie der Tod. Nur der kommt nicht jedes Jahr, sondern – in der Regel – bloß einmal. Lassen wir die Nahtoderfahrungen mal beiseite.

Wie drückt man sich eigentlich vor einer Buchbesprechung und schreibt dabei dennoch eine? Gute Frage – machen wir es mal auf diese Weise: Ich möchte Rezensionen (oder auch: Buchbesprechungen) so schreiben, daß man sie gerne liest. Solche Texte müssen den Drive haben, der unter Umständen sogar besser ist als der des besprochenen Buches. Natürlich ist das anmaßend, hat sich ein Schriftstellerin oder ein Schriftsteller doch in der Regel viel Zeit für den Text genommen. Bei diesem Buch freilich, das ich gelesen habe, fällt es mir schwer, die guten Aspekte des Textes noch im Blick zu behalten. Es handelt sich um den Debütroman von Juli Zeh: „Adler und Engel“. Eine Besprechung, die etwa elf Jahre zu spät kommt.

Da sitzt Max mit zugekokstem Kopf in seiner Wohnung in Leipzig – ein junger Mann, Jurist, auf der Karriereleiter gut positioniert, in einer Leipziger Anwalts-Kanzlei arbeitend, die sich mit der EU-Osterweiterung beschäftigt. Nur leider hat sich einige Tage zuvor seine zuweilen etwas verrückte und in anderer Weise doch wieder sehr klarsichtig-cool-abgefuckte Freundin Jessie mit einer Pistole ins Ohr geschossen, während sie am anderen Ohr einen Telefonhörer hielt in dessen Muschel sie mit Max sprach. Plötzlich ein Schuß und das ergab in der anderen Leitung einen ziemlichen Krach. Max ist seit diesem Moment – verständlicherweise – aus der Spur und befindet sich in dauerverkokstem Zustand, aus dem heraus sich seine Reflexionsschleifen und Monologe entspannen, womit sich die Erzählperspektive des Romans generiert – es ist die eines delirierenden, todesversessenen Ichs, das einen Sinn in dieser Geschichte sucht, den es aber unmittelbar und auch nachdem die Fäden entwirrt wurden, nicht gibt.

Sein Leid klagt Max einer junge Radiomoderatorin, die sich Clara nennt, in den Telefonhörer. Die junge Frau betreibt zur Nachtzeit ein Talk-Radio. Claras Interesse als Psychologie-Studentin, die sich mit pathologischen Fällen, genauer gesagt mit der Pathologie von Verbrechern befaßt, ist geweckt, sie steht mit einem Male vor Max‘ Wohnungstür und begibt sich mit ihm zusammen auf eine Spurensuche, die von Leipzig nach Wien führt.

Dieser Rückblick, diese Rekonstruktion von Leben und die Geschichte, die auf einem Rekorder aufgezeichnet wird, reicht bis in die Jugendzeit hinein, wo sich Max, Jessie und ihr damaliger Freund, der bildhübsche Knabe Shershah, ein persischer Diplomatensohn, auf einem Internat für gut betuchte Jugendliche kennenlernen. Jessies Herkunft aus der feinen Gesellschaft ist mit leichtem Makel behaftet, aber zu den Besserverdienenden auch wieder gut passend. Ihr Vater Herbert und sein Sohn Ross sind Großdealer, die über den Balkan, über die Albanien- sowie die Jugoslawienroute die Drogen befördern, und auch Jessie ist mittlerweile eine erstklassige Stoffvertickerin, besser als alle, in ihrer naiven Art unschuldig wirkend und doch hinreichend durchtrieben, um einer solchen Aufgabe sich gewachsen zu zeigen. Teile des Jugoslawienkrieges werden mit Geldern aus Drogen finanziert.<

Doch ist Jessie zugleich ein Opfer dieser Verhältnisse, sie flüchtet sich in spinnerte Fabel- und Bilderwelten, agiert teils durchgeknallt und findet sich im Leben eigentlich nicht mehr zurecht. Ihre Geschichten von den weißen Wölfen und den Schnecken, die sie lieb hat, sind wirr. Aber in diesem Bildern steckt ein Moment von Wahrheit, und im Angesichts eines Grauens, das Jessie miterlebte, reicht einzig die Produktion von Bildern an den Schrecken heran – mithin das, was die Romantik eines Novalis das Poetisieren nannte: dem Endlichen den Schein eines Unendlichen verpassen. Hier allerdings geschieht dies einzig ex negativo.

„Nach und nach aber erkannte ich Details aus ihrem Geplapper in der Außenwelt wieder, und mir wurde klar, dass Jessie alles, was sie sah und erlebte, ein Stück weit verwandelte, um es einzufügen in ihre eigene, märchenhafte Welt. Sie dachte sich nie etwas aus. Vielleicht bin ich hier, um noch die letzten Bestandteile aufzuspüren, aus denen sie ihre inneren Landschaften zusammensetzte, vielleicht werde ich mich dann komplett fühlen. Endlich bereit zu gehen.“

Dieses Begehren nach einer Erklärung sowie die Todessehnsucht Maxens durchziehen den Text, und diese letzten beiden Sätze sind zwar einerseits schön gesagt, aber andererseits klingt es eine Spur zu pathetisch. Doch ist Kritisieren bekanntlich leichter als Selber- oder Bessermachen, und es ist „Adler und Engel“ immerhin das Erstlingswerk eines noch jungen Menschen. Manch gute Sentenz oder metaphorisch-pointierte Beobachtung liegt in Zehs Prosa vor dem Leser, aber es zerstreuen sich diese gelungenen Momente; sie kommen über die bloße aphoristische Sentenz nicht hinaus, die genauso in einem ganz anderen Zusammenhang, im Kontext einer völlig anderen Story, eines anderen Plots formuliert werden könnte, ohne daß diese Sentenz mit der Geschichte selber etwas zu tun hätte und ihr den nötigen Halt gäbe. Wie dem auch sei: Jessies Tod bleibt sinnlos und er klärt sich nicht, es ist dieser Tod, dieser Schuß in den Kopf und das verspritzende Hirn die Leerstelle, um die der Text kreist und die er doch niemals auszufüllen vermag, weil der Tod als Leerstelle unausgefüllt bleiben muß. Dieses Moment abstrakter Negativität führt der Text richtig vor, indem er sich über jeglichen Grund ausschweigt. Was bleibt, ist die reine Sinnlosigkeit eines jeden Todes.Ein wenig hätte ich mir freilich gewünscht, daß der Text diesen Strang ausformulierte und in eine ästhetische Gestalt brächte, insbesondere im Hinblick auf die von allen Seiten begangenen Morde in den Jugoslawienkriege in den 90er Jahren, die das Buch ebenfalls zum Thema erhebt. Wenn der Roman zu seinem Ende kommt, hinterläßt er Leserin und Leser ratlos.

Wie soll man die verzweigte Geschichte zusammenfassen? Wer es ganz genau will, der lese hier. Ich mag diese ausführlichen Inhaltsangaben nicht. Die Story ist von Zeh durchaus flott erzählt und treibt rasant voran, es gibt zahlreiche Momente der Spannung, es verquicken sich die Ebenen, vom Drogenschmuggel auf dem Balkan über die Gemetzel der Serben an den Bosniern, den Albanern, den Moslems und in bezug darauf die Aspekte des Völkerrechts. Flüchtlinge, die als Drogenkuriere mißbraucht werden, und mit den Drogengeldern werden Waffen für die Serben finanziert. Brutale Szenen von Massaker und Vergewaltigung schneidet der Roman kurz an. Aber all diese Dinge bleiben undurchsichtig. Es knüpfen in Zehs Duktus sich an diese Ereignisse juristische Fragen zum Völkerrecht. Wann ist der Punkt erreicht, an dem interveniert werden darf? Wieweit kann der Grundsatz der territorialen Integrität und der Staatensouveränität getrieben werden? Doch diese rechtstheoretischen Fragen bleiben dem Plot im Grunde äußerlich. Und auch die Figur des Max bleibt in gewissem Sinne blaß. Allerdings: Max ist Teil des (Drogen-)Systems, selbst wenn er nur als Anwalt arbeitet, ist er über seinen Arbeitgeber verstrickt. Ein Rädchen, das erst durch Jessies Tod aus dem Ruder läuft. 

Alle diese juristischen Aspekte geben aber bloß die Folie für ein komplexes Geschehen ab, das sich im Grunde zersplittert und ausfasert wie ein Rauschzustand. Nicht Koks, sondern Gras bzw. THC scheint mir allerdings für den Drive des Textes die probatere Drogen, denn wie hinter Nebeln und Schwaden liegt das Geschehen. Koks hingegen ist klar und strukturiert wie ein Riesling, sozusagen mineralisch und ohne Trübung. Undurchsichtig präsentieren sich die verschiedenen miteinander verwobenen Stränge, nicht anders als die Zusammenhänge der Politik. (Wieweit diese Unschärfe ästhetisches Prinzip in der Konstruktion ist, bleibt eine andere Frage) Es sind die auf Tonband gesprochenen Rückblicke von Max, die für eine wissenschaftliche Untersuchung zur Pathologie von (Kriegs-)Verbrechern dienen, denn Jessie und Max standen solchen auf dem Balkan und in Italien in Bari gegenüber. Dieses Buch koppelt zwei Welten: die des Politischen und die des Privaten.

Insbesondere der Aspekt des Völkerrechts bleibt der Geschichte im Grunde äußerlich und dient lediglich dazu, einen Rahmen zu schaffen, der den Fluß der Erzählung in der nötigen Spannung hält und der Kriminalstory eine gewisse Fallhöhe verleiht. Es wird ins Buch ein wenig die Rechtstheorie in den Stoff hineingepreßt: „und Völkerrecht ist kein richtiges Recht. Mehr eine Religion.“ „Die Beschäftigung mit dem Recht hat immer eine beruhigende Wirkung. Alles findet darin seinen Platz.“ Reflexionsphilosophie der Romanfiguren. Aber ich würde diese Art der Konstruktion Zeh nicht unbedingt zum Vorwurf machen, es ist dies eine sehr europäische Art zu schreiben – Marcel Prousts „Recherche“ und insbesondere Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ wären durch diese Art des Essayistischen als Texte kaum denkbar. Was den Roman stellenweise scheitern läßt, ist, daß diese Dinge am Ende äußerlich bleiben. Der Text will vieles bringen und vermag am Ende nichts richtig und im Detail zu entfalten. Das ist schade, weil sowohl im Stoff als auch in Juli Zehs profundem Wissen ein Potential steckt.

Zeh schreibt, nicht anders als in „Schilf“, bilderreich und zahlreich sind die Wie-Vergleiche. Schon zu Anfang als Clara vor der Haustür von Max auftaucht: „Ich nähere ein Auge dem Türspion und sehe direkt in einen übergroßen, weitwinklig verbogenen Augapfel, als läge im Treppenhaus ein Walfisch vor meiner Tür …“ oder beim Arbeitsantritt in der neuen Kanzlei als Max von Wien nach Leipzig versetzt wird: „Ich sah alles klar und deutlich wie durch eine Taucherbrille unter Wasser, ich war der neue Zierfisch im Karpfenbecken.“ Es gibt bei Zeh Metaphern und Bilder, die pointiert und genau gesetzt werden. Diese Bilder treiben die Geschichte weiter, aber es sind am Ende zu viele und der Text verliert sich, weil diese Vergleiche zum Selbstzweck geraten und eine gewisse Sucht nach dem ornamentalen Spiel die Überhand behält.Weniger wäre mehr gewesen, das war bereits bei „Schilf“ so und es läßt nicht gut hoffen, wenn es an „Spieltrieb“ herangeht. Manches freilich trifft es auf den Punkt, selbst wenn als Ton zuweilen ein sehr hoher angestimmt wird – etwa in jenem Gedanken von Clara: „Das Leben ist merkwürdig, flüsterte sie, es besteht eigentlich nur aus Griffen und Schritten. Ein paar wenige davon und schon ist alles anders.“ Oder wie Max es feststellen muß: „Es paßt zu Gottes bekanntermaßen seltsamer Art von Humor, dass er den Menschen nicht mal im Schlaf Ruhe gönnt vor dem eigenen Hirn.“ Die Protagonisten Jessie (und auch Max bei ihrer Reise nach Bari) haben Schreckliches erlebt. Aber es wird alles nur angespielt.

Und da mag man zum Schluß als Jurist ausrufen: „Vitia, quae ex ipsa re oriuntur“! (Mängel, welche an der Sache selbst auftreten.) Leider. Allerdings: einem solchen Totalverriß wie es die FAZ und Deutschlandradio seinerzeit lieferten, kann ich nicht zustimmen. Juli Zeh schrieb einen interessanten Debüt-Roman, der sich flott liest.

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