Eine Stadt, im fahlen Licht. Daily Diary (43)

„Die Beziehungen zu einer Frau, die man liebt (das aber kann genau so gut für die Liebe zu einem jungen Mann gelten), können auch noch aus einem anderen Grunde platonisch bleiben (…). Dieser Grund kann darin bestehen, daß der Liebende, gerade aus dem Übermaß seiner Liebe heraus allzu ungeduldig, nicht genügend Gleichgültigkeit beim Abwarten des Augenblicks zu heucheln imstande ist, in dem er erlangen wird, was er sich wünscht.“ (Marcel Proust, Die wiedergefundene Zeit)

„Hitler hat Crystal genommen“, so sagte sie, als wir an den „Höfen am Brühl“ vorbeiflanierten – jener Passagen-Verschandlung der Stadt durch die immergleiche Welt der Waren –, ich wollte es zunächst nicht glauben, weil Hitler Vegetarier sowie Nicht-Raucher war. „Quatsch“, entgegnete ich, „Hitler sicherlich nicht!“ „Doch, hat er! Und Crystal war eine Droge, die im Zweiten Weltkrieg sehr begehrt war. Sie hieß damals bloß anders.“ Leipzig, so sagte sie, sei momentan die Stadt des Crystal, während in Berlin die Einnahme von Heroin überwiege. „Methamphetamin halt.“

Und wie kann man den langen Weg bis zum Endsieg ohne Drogen durchstehen? Die Innenstadt von Leipzig ist voll von Menschen.

Wir bewegen uns zum „Museum der bildenden Künste“, um uns die Grafiken der Pop-Art sowie die Fotografien des Rock‘n‘Roll von Elvis bis heute anzusehen. Vorher betreten wir den Museumsshop. Ich möchte, das ist bei mir jedesmal so, bevor ich eine Ausstellung besuche, erst in den Kunstbuchkaufladen. Dann erst gehen wir die Treppe zum Kellergeschoß hinunter, wo sich die Ausstellung befindet. Wir betrachten Fotografien und Grafiken, ohne sie im Detail zu sehen. Wir lassen alles auf uns zukommen, und der Tag liegt noch vor uns. Es ist dieses unendliche Sprechen vor den Bildern, assoziativ, wild, wirr, schön und sich treiben lassend, alles kommt zusammen und es ist eine Weise von nicht-kontemplativer und dennoch produktiver Rezeption. Gut getroffene Fotos von „Franz Ferdinand“, Ausschnitte und dem Zufall oder dem analytischen Blick geschuldete Komposition, und von den „White Stripes“ sehen wir das großartige Plattencover ihrer ersten LP.

Was zählt, ist der Moment, jeder Moment in dieser Stadt, denn es gibt für uns nicht sehr viele von solchen Augenblicken. Das Photographieren ist im Museum zu Leipzig streng, sehr streng sogar verboten. Ich mache schnell und heimlich ein Foto, das laute Auslösen der Nikon ist durch den gesamten Saal zu hören, und sofort erscheint hinter einer Stellwand hervor die Aufseherin, blickt strafend, aber da ich die Nikon bereits wieder unschuldig an der Seite hängen habe, bleibt ihr nur das stumm-streng-strafende Schauen übrig. Nun behält sie uns skeptisch im Blick. Eines von Ed Ruschas Bilder habe ich erwischt. Ich kritisierte seine Bilder: zu grafisch, zu affirmativ, während die Frau die Grafiken lobt – insbesondere das Hollywoodbild. Ich habe es nicht photographiert, nun bleibt dieses Bild der Bewußtseinsindustrie und der Welt des schönen Scheins als Erinnerung hängen und durch diesen einen Tag brannte sich Ed Ruscha in mein Gedächtnis. Einen Künstler, dessen Bilder ich ansonsten wieder vergessen hätte.

„E io a lui: ‚Iʼ mi son un che, quando
Amor mi spira, noto, e a quel modo
chʼeʼ ditta dentro vo significando.‘“
(Dante, Divina Commedia, Purgatorio XXIV,)

(„Und ich zum ihm: ‚Ich bin ein solcher, der wenn/Amor es mir eingibt, aufzeichnet, und so,/wie er innen diktiert, zeige ich es an.‘“

„Amor mi spira“. Inspirationen und der Anlaß dazu eröffnen eine Form von Schrift, die läutert. Eine der vier Platonischen Tugenden ist das Maß.

Der Aufzug fuhr uns um halb zwei Uhr nachts in die dritte Etage des Hotels. An den Wänden hängen Druckgrafiken von Künstlern der Leipziger Schule bzw. von Künstlern, die in Leipzig studierten oder lehrten. Vorher spazierten wir in ein spanischen Restaurant irgendwo in Connewitz. Eine junge Serviererin mit roten Haaren fragte uns alle viertel Stunde: „Bei ihnen alles in Ordnung?“ Man kann sich so etwas gar nicht ausdenken: eine solch absurde Frage, die in einer Permanenz und penetrant wiederholt wurde. Die Frau dachte sich nichts Böses dabei.

Das Taxi brachte uns nach Reudnitz. Kurz vor halb zwei.

Stimmungen. Träume. Situationen, Momente, ein und ein halber Tag. Alles dies sind Ereignisse, die im Körper für einen Augenblick nachwirken und hängenbleiben, am Tag danach verdichten sie sich, anschließend verflüchtigen sie sich, irgendwann, und es ist, als sei niemals irgend etwas geschehen und gewesen. Phantasmen. Und es entschwindet der eine Mensch. Der Versuch über den geglückten Tag läßt sich in keine Prosa oder Poesie der Welt in eine Schrift oder gar in Gestalt bringen; er manifestiert sich nirgendwo sonst als in der Erinnerung, die mit der Zeit verblassen wird. Es konserviert sich nichts. Nicht einmal bleibt dieser eine Tag in einer Photographie aufbewahrt: aufgenommen vor Auerbachs Keller, an dem wir nach dem Besuch im Museum durch Zufall vorbeischlenderten, schon zum frühen Abend hin ging die Zeit, es dämmert, wir gehen gleich etwas essen, während ich die Nikon auslöse und sie sich mit ihrem so schönen Gesicht und dem Körper halb lachend und zugleich verlegen abwandte, so daß die Photographie komplett mißlang. Ich werde diese Photographie trotzdem aufheben, ich werde sie nicht löschen.

Es wird uns beide in diesem Leben niemals mehr geben. Es bleiben nur diese Tage übrig. Was ich gestern während der letzten Stunde im Café noch in die Ironie tauchte, ist heute die bittere, unaufhebbare Wahrheit.

Am Ende, wenn zwei Menschen sich in einem Parkhaus verabschieden, weiß keiner vom anderen, was er denkt, was sie gerade denkt. Und es fahren zwei Autos in ganz unterschiedliche Richtungen davon und verlassen die Stadt. Was bleibt, sind im Rückblick die roten Lichter.

Keine Photographie, keine Erinnerung, kein Satz vermag diesen Moment zu bannen. Am Kassenautomaten bezahlte sie ihre Parkgebühren und zog das Ticket. Es bleibt nicht mehr viel Zeit für irgendein Wort. Mein Wagen steht noch beim Hotel. Jedes Wort, jeder Satz scheint gleichbedeutend sinnlos. Leer. Triste. Die letzten Minuten, die letzten Schritte, die wir gehen, bis sie ihr Auto erreicht hat, sind ein Nichts und weniger als dies. Es vergeht in Sekunden – dieser eine Moment. Inmitten einer kalten Warenwelt, in den unwirtlichen Gängen eines Parkhauses, im zweiten Obergeschoß, dunkel und ins fahl gedimmte Neonlicht getaucht. Draußen das Licht der Stadt scheint trübe. Matt inmitten der grauen Wolken. Es regnet nicht einmal. Wir suchen ihr Auto, wir gehen zum Auto, das gleich abfahren wird ins Anderswo.

Auf Orte reimt sich Worte. Abschiedsorte – Abschiedsworte, „Machs gut!“, während die Arme sich kurz umeinander um die Schultern legen, die Oberkörper sich umhalten, umschlingen für die kurzen Sekunden und die Wangen sich leicht streifen. Ein kurzer Druck, während die Körper sich aneinander pressen, flüchtig wie sich Freunde verabschieden. Dann fuhr der Wagen aus der viel zu engen Parklücke eines Parkhauses am Leipziger Hauptbahnhof heraus. Die Rücklichter und eine japanische Automarke bleiben als letzter Blick. „Mach‘s gut, schöne Frau!“

Leipzig ist eine Stadt der Melancholie, des Wiederaufbaus, der Zerstörung, der Fragmente und sie ist, zumindest in manchen Stadtteilen, einer jener ausgewählt öden Ort. Weitere Photographien von Leipzig gibt es auf Proteus Image.

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„Die kleinsten innerweltlichen Züge hätten Relevanz fürs Absolute, denn der mikrologische Blick zertrümmert die Schalen des nach dem Maß des subsumierenden Oberbegriffs hilflos Vereinzelten und sprengt seine Identität, den Trug, es wäre bloß Exemplar. Solches Denken ist solidarisch mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes.“
(Theoder W. Adorno, Negative Dialektik)

„Das wahre Leben, das endlich entdeckte und aufgehellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben, ist die Literatur: jenes Leben, das in gewissem Sinne bei allen Menschen so gut wie bei dem Künstler in jedem Augenblicke wohnt“
(Marcel Proust, Die wiedergefundene Zeit)

Unvergeßlich bleibt der Geruch eines Menschen, wenn zwei Menschen morgens nebeneinander erwachen und jene Frau die verschlafenen Augen öffnet, während sich der Kopf des Mannes an ihrem Körper vergräbt.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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33 Antworten zu Eine Stadt, im fahlen Licht. Daily Diary (43)

  1. Iris schreibt:

    Lakonisch-melancholisch. Die beste Mischung!

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, es geht nichts über die Lakonie. Was am Anfang noch melancholisch war transformiert sich, gerät lakonisch und es wird ein Stück Literatur daraus. Menschen sind Anlaß und Katalysatoren für Texte. Sie verschwinden und es kommen neue.

    Ich selber bin ein Bewunderer der Schneekönigin, die alles in den Spiegel des (kalten) Verstandes taucht. Erst so wirkt die Leidenschaft, indem sie rein konstruiert sich zeigt. Ein schwieriges Projekt, fürwahr. Doch muß ich es nicht durchführen, da ich kein Schriftsteller bin.

  3. m schreibt:

    Bei dieser Geschichte traue ich mich gar nicht zu kommentieren, oder doch. Ungeduld. Ich weiß nicht ob ich Ungeduld verantwortlich machen würde, wie Proust. Scheint sie mir doch eher Resultat einer Nichterwiderung zu sein, das nur zustande kommt wenn man auf Erwiderung aus ist. Nun, die Liebe.

    Als ich von der fürsorglichen Bedienung las, musste ich sogleich an eine Dame in einer Bar in der Südvorstadt denken. Die fragte auch ständig ob alles in Ordnung sei. War es nicht, man teilte mit. Aber anstelle des Bestecks, dem Getränk, und es muss noch mehr gewesen sein, sonst wäre es mir nicht in Erinnerung geblieben; servierte sie einfach immer wieder die Frage. In totalem Automatismus.

    Leipzig hat ganz schöne Ecken. Wasserwege und alte Industriegebäude in Plagwitz und Lindenau. Teils saniert, teils runtergerockt. Auch Leutzsch hatte die eine oder andere interessante Straße. Wobei dort der Hund begraben zu sein schien. Ich weiß allerdings nicht wie es da heute aussieht. Ist zu lange her.

    Übrigens witzig dass Sie nun auch noch Meth erwähnen, wunderte ich mich doch vor ein, zwei Wochen oder so – wie jedes Mal wenn in den Medien davon die Rede ist und das gnaze dann mit Neuigkeitswert 9,0 und Schockfaktor 8,5 versehen wird. Das hatte mich zwischenzeitlich sogar dazu veranlasst zu ergründen ob es sich tatsächlich um etwas neues handelte. Obwohl sicher keiner weiß was genau in dem Zeug drin ist, nein. Abgesehen vom Kriegseinsatz, erinnere ich mich sehr dunkel daran dass sich Mitte/Ende der Neunziger Leute unter dem Partydeckmäntelchen das Leben damit ruinierten. Hach, die Medien.

  4. Bersarin schreibt:

    Die Ungeduld. Gute Frage. Die Ungeduld auf den Augenblick.

    Dazu sei eine feine Stelle aus dem Faust genannt:

    „Fluch sei dem Balsamsaft der Trauben!
    Fluch jener höchsten Liebeshuld!
    Fluch sei der Hoffnung! Fluch dem Glauben,
    und vor allem der Geduld!“

    Bei den Drogen ist das wichtigste die Kontrolle. Aber die entgleitet eben schnell, und einer meint, er besäße sie, aber er weiß noch nicht, daß er sie bereits lange abgegeben hat.

    Ich selber halte mich von diesen Drogen fern. Auch aus der Furcht heraus, daß sie mir womöglich allzugut gefallen könnten. Beim Koks kann ich es mir gut vorstellen.

  5. irisnebel schreibt:

    haha… viele dieser fotos zeigen soviel zweisamkeit:
    2 autos, die sich gleich kuessen, ein wolkenpaerchen, 2 schriftzeilen untereinander, 2 weisse haeuser bauch an bauch, 2 fenster kurz uebereinander (nagut, voruebergehend getrennt durch einem kleinen gesims), 2 bilder nebeneinander erroetend, im kennenlern-noch-abstand, ein jogl-angelnder fisch mit sternchenaugen und die verewigte leidenschaft – was will berliner mann denn mehr? ;)
    das anderswo ist in wahrheit nebenan, immer.
    und heisst es nicht, man sieht sich im leben immer zweimal? vllt heisst die schoene uerreichbare „ungeduld“?

  6. irisnebel schreibt:

    un-erreichbare

  7. Bersarin schreibt:

    Hey, Irisnebel, cool und gut gesehen! Das habe ich überhaupt nicht mitgedacht, geschweige denn irgendwie intendiert. Eigentlich wollte ich sogar alles vermeiden, was irgendwie nach zwei ausschaut. Aber da zeigt es sich wieder einmal, wie Adorno in bezug auf Kafka zu recht schrieb: Der Künstler ist nicht gehalten sein eigenes Werk zu verstehen.

    Übrigens: mich erinnert diese Weise des Sehens an den Film von Krzysztof Kieślowski: „Drei Farben: rot“, den ich für gut halte: die Figur des Richters: großartig gezeichnet und vor allem gespielt vom herrlichen, anbetungswürdigen Jean-Louis Trintignant. Wenn man einen Film identifikatorisch sähe, so ist dieser Richter eine Figur, die mir sehr sehr nahe kommt. Aber darauf wollte ich gar nicht hinaus. Ich habe mich erst in diesem Film über die allzudeftige Symbolisierung geärgert: Daß da überall rot auftaucht und ich dachte mir: Wie aufgesetzt. Als ich dann mit irgendeiner Kommilitonin damals aus dem Kino kam, und mich umschaute, sah auch ich auf einmal und überall symbolträchtig: rot, rot, rot. Daß es soviel rot in der Draußenwelt gibt: ich hätte es nicht geglaubt.

    (Einzig das Moment der Rettung am Schluß des Filmes hielt ich für unangemessen und war etwas zu dick aufgetragen.)

    Ja, man sieht sich im Leben zweimal. Aber eben nicht immer. Es ist schwierig.

    Ungeduld: es mag sein. Geduld war nie meine Stärke. Ich konnte als Kind schon nicht warten. Beim Versteckspielen lief ich aus dem Versteck heraus, wenn man mich nach einer gewissen Zeit nicht fand.

  8. detroit music schreibt:

    „Insbesondere während der so genannten Blitzkriege gegen Polen und Frankreich 1939/40 fand Methamphetamin millionenfache Verwendung.“ Da muss man doch drüber lachen.
    Pervitin, Fliegerspeed, Panzerschokolade, Herrmann-Göring-Pillen, das war ja auch nach dem Krieg noch populär. Angeblich hat die ganze Mannschaft des „Wunders von Bern“ unter dem Einfluss von Meth gestanden. Das ist eine Geschichte, die ich immer geliebt habe und eben deshalb hoffe, sie stimmt.

    Als jemand, der zur Zeit auch unter einem Kellnerjob leidet, muss ich jedoch meine Kollegen in Schutz nehmen: Gerade wenn man sehr durcheinander und gehetzt ist, etwa weil man so schlecht in diesem Beruf ist, wie ich das bin, und dann auch noch der Chef im Hintergrund herumläuft, weil man die Teller von der falschen Seite anreicht, hat solch ein mechanisch-übertriebenes Bemühen die Funktion Nervösität abzubauen. Mal abgesehen davon, dass man dazu angehalten wird. Aber irgendwo muss das Geld ja herkommen. Natürlich will man oft mit der RAF sagen: „Der Typ in der Schürze ist ein Schwein, kein Mensch.“ Aber bitte, etwas Solidarität mit den bedienenden Massen. Nichts tut besser als die augenzwinkernden Momente des unausgesprochenen Einverständnisses: Natürlich ist es uns beiden egal, wenn die Servietten nicht gerade gefaltet sind…

  9. Bersarin schreibt:

    Das ist schon richtig, was den Kellnerjob betrifft. Ich kellnerte auch einmal, es war ein Verhängnis. Ich habe der jungen Frau auch nichts gesagt und bin freundlich geblieben, habe gelächelt und zum gefühlten 130 Mal „Alles in Ordnung“ gesagt. Eigentlich ist es meine Art zu entgegnen: „Sie können ein gutes und gewaltiges Trinkgeld bekommen, wenn sie mich nur noch dann fragen, wenn ich nach ihnen leicht mit dem Finger gewedelt habe und sie elfengleich herbeischweben und mir unseren Getränkewunsch ablesen!“ Da ich aber nur in der Blogwelt ein Arschloch bin und Schwachmaten sage, daß sie Schwachmaten sind – im realen Leben verpacke ich das höflicher, so daß es Angesprochene(r) erst im zweiten Moment merkt – können die Kellner dieser Welt sich glücklich schätzen. Wäre die Servierkraft ein Profi und arrogant dazu, reagierte ich anders. Aber die junge Frau tat mir leid, ich wollte ihr keinen Ärger oder Kummer machen. Außerdem: nach unten treten und nach oben Buckel machen, ist scheiße. Also: Solidarität mit der arbeitenden Klasse, insbesondere wenn es schöne Frauen sind.

    Diese Wunder-von-Bern-Sache gefällt auch mir. Danke dafür, ich wußte das nicht.

  10. m schreibt:

    @Bersarin: „So fluch ich allem was die Seele mit Lock- und Gaukelwerk umspannt, und sie in diese Trauerhöle mit Blend- und Schmeichelkräften bannt! Verflucht voraus die hohe Meinung, womit der Geist sich selbst umfängt! Verflucht das Blenden der Erscheinung, die sich an unsre Sinne drängt!“

    „Du hast mich mächtig angezogen, an meiner Sphäre lang gesogen, und nun — Weh! ich ertrag dich nicht!“ So kann’s enden. Un-/Geduld hebt man sich wohl besser für andere Gelegenheiten auf.

    Kontrolle. Ja, sicher eine Illusion im Umgang mit solchen Drogen. Davon halte ich mich auch fern. Ist mir zu selbstzerstörerisch. Physisch und psychisch. Koks wäre gar nicht so mein Ding. Ich glaube da wird man auf Dauer zum Fatzke der sich über schief gefaltete Servietten echauffiert. Nur um sich dann nach dem Runterkommen in Embryonalstellung in ’ne Ecke zu kauern wenn’s keiner sieht.

    @detroit music: Die besagte Dame hatte keinen übermäßigen Stress. Zumindest war es nicht voll. Wer weiß. Unsympathisch war sie nicht. Hatte was von ner Performance. Wann bekommt man sowas schon geboten.

  11. Bersarin schreibt:

    @ M
    Am Ende ist es immer das Maß, auf welches es ankommt. Dies erkannte auch Penthesilea. Aber zu spät. Und wozu auch? Küsse und Bisse müssen sich durchdringen, es ist beides.

    Wozu die Geduld?

  12. m schreibt:

    Penthesilea erkannte es zu spät. So wie Achilles, der sich komischerweise erst in die Besiegte verliebte. Küsse und Bisse machen sich am besten beim Liebesspiel. Von sonstigen Kämpfen und Geduldsproben halte ich nicht viel. Scheinen sie doch nur Sublimierung zu sein. Aber genug der Intellektualisierung.

  13. Bersarin schreibt:

    Literarisierungen

    „Verflucht das Herz, das sich nicht mäß‘gen kann“, so sagt es Kleists Penthesilea. Es ist alles Literatur. Mich interessieren (in einer bestimmten Konstellation) Frauen nur als Text und mich begeistern sie, um diese Frauen mit meinen kalten Augen zu taxieren. Damit wir uns dabei nicht mißverstehen: ich lasse diesen Blick auch umgekehrt auf mich zu. Ich bin Objekt und ich behandle andere als Objekt. Subjektivität ist durchzustreichen. Daß sich Achilles erst in die Besiegte verliebt, scheint mir vom Text her nicht gesichert. Penthesilea liebt den Achilles bereits vorher, dies wird klar ausgesprochen. Und auch bei Achilles scheint sich im Herzen etwas zu regen, und doch liegt in beider Augen eine Trübung vor.

    All diese Verwandlungen des Faktischen in die Literatur bedeuten natürlich nicht, auf die Küsse und die Bisse als empirisches Wesen gänzlich zu verzichten. Zuweilen sind dieses Küssen und Beißen aber in eine Struktur der Unmöglichkeit eingeschrieben.

    Und wie heißt es weiter in der Penthesilea? Es sagt dort der listige Odysseus: „Soviel ich weiß, gibt es in der Natur Kraft bloß und ihren Widerstand, nichts Drittes“

    (Der Begriff der Kraft ist zudem eine ästhetische Kategorie, die lange Zeit und eigentlich bis heute in die Vergessenheit geraten ist.)

    Penthesilea: „Staub lieber, als ein Weib sein, das nicht reizt.“ Zustimmung aus dem kalten Grandhotel Abgrund vom Ästhetiker.

    Ach, es sind diese Stücke und Texte von Kleist Wunderwerke der Liebeskunst, der Unmöglichkeit derselben: all die schönen Verstrickungen und die Aporien.

  14. m schreibt:

    Männer, die Frauen Worte in den Mund legten und sie formten mit ihrem Blick, auf dass das einfältige Weib so sich selbst begreift. Noch heute geht das vonstatten. Staub lieber als ein Weib das einfältig reizt.

  15. Bersarin schreibt:

    Tja, dazu gehören dann immer zwei: Ein Mann der tut, und ein Weib, das da mittut. Mich reizen einfältige Weiber nicht ein Stück.

    Wir formen uns übrigens immer – gegenseitig -: mit unseren Blicken, mit unseren Worten. Es handelt sich hier um (Hegelsche) Anerkennungsverhältnisse und um Subjektkonstitutionen, die unter dem Blick des anderen geschehen. Sartre greift das dann in einer ganz interessanten Weise in „Das Sein und das Nichts“ wieder auf. Wobei ich bei diesen Modellen von Intersubjektivität zugleich meine Zweifel hege, weil hier ein viel zu mächtiger Begrif von Subjekt aufgebaut wird. (Weites Feld, ja)

    Durchaus, der Reiz einer Frau – das gilt übrigens auch hier wieder umgekehrt – darf nicht einfältig ausfallen.

    Bei Theaterstücken und bei Prosa soll es übrigens vorkommen, daß Männer Frauen Worte in den Mund legen, sofern es sich um einen Schriftsteller handelt. Und umgekehrt legen Frauen Männern Worte in den Mund, wenn es sich um eine Schriftstellerin handelt. Ansonsten müßten in der Prosa, die von Männern geschrieben wird, nur Männer und in der, die von Frauen verfaßt wird, nur Frauen vorkommen. Eine, wie ich zunächst antizipiere, etwas langweilige Literatur. Nicht wahr?!

    Wenn Sie übrigens auf Kleist Frauenbild hinnauswollen: das ist einerseits katastrophal, andererseits auch wieder ambivalent. Siehe die Figur der Penthesilea oder das eigentümliche Käthchen. Die gleiche Ambivalenz herrscht gegenüber seiner Verlobten.

  16. ziggev schreibt:

    Das proustsche Rezept habe ich auch einmal ausprobiert, doch eine (gefühlte) Ewigkeit später:

    „Das Meer, das ich neben dem Tal im Rahmen des Fensters liegen sah, die hochgewölben Brüste der ersten Falaisen von Maineville, der Himmel, an dem der Mond erst aufsieg, alles schien federleicht für meine zwischen den Liedern geweiteten Augäpfel, die bereit und imstande schienen, ganz andere Lasten, alle Berge der Welt auf ihrer zarten Oberfläche zu tragen. Ihre Wölbung fühlte sich nicht einmal vom Rund des Horizonts genügend ausgefüllt. Was immer jedoch der Natur mir an Leben hätte anbieten können, schien mir merkwürdig dünn, der Atem des Meeres wäre mir kurz vorgekommen im Vergleich zu dem ungeheuren Atemstrom, der meine Brust hob. Ich neigte mich über Alberine, um sie zu küssen. Hätte der Tod mich jetzt ereilt, er wäre mir gleichgültig oder vielmehr unmöglich erschienen, denn das Leben war nicht außerhalb von mir, es war in mir; mit einem Lächeln des Mitleids nur hätte ich einen Philosophen den Gedanken äußern hören, ich werde eines wenn auch noch fernen Tages sterben, die ewigen Kräfte der Natur jedoch würden mich überleben, die Kräfte jener Natur, unter deren göttlichem Schritt ich nur ein Sandkorn sei; noch nach mir werde es diese rund sich wölbenden Falaisen geben, das Meer, den Mondschein und den Himmel! Wie sollte das möglich sein, wie könnte die Welt länger dauern als ich, da ja nicht ich verloren in ihr schwebte, sondern vielmehr sie in mich eingeschlossen war, in mich, den sie bei weitem nicht ausfüllte, in mich, der ich angesichts des für die Anhäufung so vieler anderer Schätze ausreichenden Raumes in mir Himmel, Meer und Falaisen verächtlich in die Ecke warf. ‚Hören Sie sofort auf, oder ich schelle‘, rief Albertine, als ich mich auf sie stürzen und sie küssen wollte.“ (Im Schatten junger Mädchenblüte. II. Teil. Namen und Orte: Orte)

    Ich las ihr die Stelle dann irgendwann einmal vor, doch sie rief lediglich aus: „Oochch, der arme!“

  17. m schreibt:

    Lieber Bersarin, zwei gehören wohl dazu, aber diese mikroskopische Einheit ist ja nicht isoliert in der Welt. Und zum Einordnen des Einfluss‘ den der männliche Blick in seiner Dominanz ausgeübt hat, und heute noch bewirkt, bevorzuge ich Lacan und Mulvey. Da wundert es mich auch kein Stück wenn Frauen aussprechen was sie glauben dass Männer hören wollten. SIch so verhalten, dass sie gefallen. Und so weiter. Die Frau betrachtet sich durch die Augen des Mannes. Entweder merkt sie es nicht, oder ist sich dessen bewusst und spielt Spielchen, Hauptsache nicht aus der Rolle fallen – damit lässt sich so ziemlich alles nervige und dümmliche, aber auch hinterhältige an weiblichem Verhalten erklären, das mir jemals untergekommen ist. Männliches nicht zu vergessen, auch das wird so geprägt. Befruchtet sich alles munter gegenseitig. Psychologische Effekte, die nicht nur auf die Geschlechterrollen anwendbar sind. Lässt sich – wie immer – auch in anderen Rollenverhältnissen beobachten, der Wirtschaft zum Beispiel. Kapitalismus. Ein paar Pimps, der Rest Prostituierte, um es mal auf das Wesentliche zu verkürzen. Solche Strukturen helfen nicht der Gleichberechtigung, aber auch das ist ja bekannt.

    Sicher, langweilig wäre die Welt – nicht nur die Literatur – ohne das andere Geschlecht. Übrigens meinte ich oben den Mythos, nicht Kleists Text, als ich von Achilles schrieb.

  18. FrauWunder schreibt:

    Ein Disput, wie aus den unendlichen Weiten des Weltraums, Lichtjahre von der Erde entfernt. Eine Auseinandersetzung, wie sie Lieutenant Commander Data und Major Tom nicht besser hätten führen können am anderen Ender der Galaxis mit dem absoluten Meta- Blick auf die Erde und das Treiben der winzig, schmutzigen undurchschaubaren Erdlinge.

    Wir schreiben das Jahr 2012. Dies sind die neuen Abenteuer des Raumschiff Enterprice. Völlig losgelöst von der Erde schwebt das Raumschiff deutungsschweren Betrachtungen entgegen. Diese wiegen so schwer das kein Erdling sie zu stemmen, geschweige denn tragen vermag…
    Dabei sieht dies von hier unten betrachtet überhaupt nicht so schwierig aus.
    Ich Mensch, beschreibe es mal mit den Worten Frankie goes to Hollywood`s:

    The power of love
    A force from above
    Cleaning my soul
    Flame on burnt desire
    Love with tongues of fire
    Purge the soul
    Make love your goal…

    Oder eben: Kraft durch Freude.

  19. Bersarin schreibt:

    @ziggev
    Schöne Stelle und auf den Punkt gebracht. Ja, diese Recherche: hernach konnte man im Grunde, unter dem Begriff der Form betrachtet, keine Romane mehr schreiben. Es war alles gesagt. Was gäbe es nach Flaubert, Proust, Joyce, Woolf und Kafka noch groß zu schreiben? Etwas überspitzt vielleicht. Aber in der Übertreibung liegt ja zugleich das Moment der Wahrheit.

    Der arme Protagonist Marcel wurde nun leider fortgestoßen, weil er das kalte, das kühle Herz des Ästhetikers beim Küssen noch nicht besaß. (Aber wie kann man dieses gefrorene Herz auch in so jungen Jahren haben? Es ist das Privileg der Jugend ungestüm vorzugehen. Ich besaß ein solches Herz aus Stein ja auch nicht. Dazu auch hier: http://www.youtube.com/watch?v=Wl0YmqR-8Bw
    Wer eiskalt wie der Kierkegaardsche Verführer beobachtet und registriert, Empfindungen vorspielt, ohne sie doch ganz wahrhaft zu empfinden, der kommt meist sehr schnell zum Ziel.

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    Werte(r) m, hier möchte ich aber doch mit dem Sänger Fred Bertelmann kontern: „Der Dumme im Leben ist immer der Mann“ (im Duett mit Chris Howland, Schlager aus den 50ern)

    Aber im erst: sicher haben Sie nicht ganz unrecht. Das gesellschaftliche Moment ist im Verhältnis der Geschlechter als auch in der Kunst und der Ästhetik von Bedeutung und muß mitgedacht werden. Wobei ich nicht zu solchen Generalisierungen neige: „Die Frau betrachtet sich durch die Augen des Mannes.“ Das würde ich schon differenzierter sehen. Wenngleich die Tendenz stimmen mag.

    Ansonsten auch hier mit Musik geantwortet:

    Ja: männlich/weiblich. Sehr sehr treffend, wunderbar. Kennen Sie den Truffaut-Film „Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola“

    Sehen Sie nur hier:

    Ich glaube, ich habe den Film hier bei mir im Blog vor zwei Jahren im Rahmen meiner Godard-Texte angesprochen. Da müßten Sie mal unter dem Stichwort Godard suchen, wenn Sie denn lesen wollen.

  20. Bersarin schreibt:

    @ Frau Wunder
    Auf Ihre gelungene Musikauswahl sowie Ihren sehr zutreffenden Text möchte ich Ihnen mit diesem Stück antworten:

    Es trifft und beschreibt all mein Sehnen und Trachten. Und sieht dieses Schlußbild, als der Stern Melancholia auf die Erde trifft, nicht aus wie eine weibliche Brust?

  21. Bersarin schreibt:

    Aber im Grunde haben Sie recht, Frau Wunder, Frankie goes to Hollywood paßt besser als meine trübsinnige Anfangssequenz. In vielfacher Hinsicht und es erinnert mich an Ed Ruscha, vor genau einer Woche auf die Minute genau.

    Oder es sei auch aus einem Brief von Kafka an Oskar Baum zitiert:

    „Ich bin vielleicht froh, daß Du weggefahren bist, so froh wie die Menschen sein müßten, wenn
    jemand auf den Mond kletterte, um sie von dort aus anzusehen, denn dieses Bewußtsein, von einer
    solchen Höhe und Ferne aus betrachtet zu werden, gäbe den Menschen eine wenn auch winzige
    Sicherheit dafür, daß ihre Bewegungen und Worte und Wünsche nicht allzu komisch und sinnlos
    wären, solange man auf den Sternwarten kein Lachen vom Monde her hört.“

    In diesen Sätzen steckt in bezug auf die Blicke aufeinander und die Perspektiven einiges an Wahrheit.

  22. Bersarin schreibt:

    Die Absurdität dieser Sprachwendungen bei Kafka gelte es noch einmal gesondert in den Blick zu nehmen. Weshalb das Frohsein, daß einer wegfährt? Es gibt nichts Schlimmeres.

  23. ziggev schreibt:

    danke für den kleinen Schreck, mit dem dieser großartige Lärm schockartig in meine vier Wände krachte (darauf war ich nicht vorbereitet gewesen)! der Satz vom Ausgeschlossenen Dritten ist hiermit widerlegt.

  24. Bersarin schreibt:

    Es sollte kein Überfall werden. Aber der Schock und die Plötzlichkeit bilden nun einmal Kategorien, die für die Ästhetik von Bedeutung sind.

    Ja, F.S.K. ist eine sehr gute Band.

  25. m schreibt:

    Werter Bersarin, ich neige hier dann doch zur radikalen Generalisierung. Es betrachtet sich die Frau in dieser Gesellschaft durch die Augen des Mannes, ob sie will oder nicht, egal wie sie sexuell gepolt sein mag, mit unterschiedlicher Konsequenz. Ich könnte das jetzt ausführen und herbeiargumentieren. Aber das ist doch unnötig, da von meinem Standpunkt gesehen ganz offensichtlich und von Ihrem eben nicht so ganz. Der Dumme ist immer der Mann? Nö, nicht immer. Ich würde das sogar schon fast ins Gegenteil verkehren wollen. Wobei man sich noch auf die Definition von der/die Dumme sein einigen müsste. Anyway. Let’s agree to disagree, falls Sie wollen.

    Den Film habe ich nicht gesehen. Finde ich eher uninteressant. Godard oder nicht. Aber ich werde mal schauen was Sie dazu geschrieben haben, vielleicht kommt er mir dann doch noch sehenswert vor.

    Kafka. Er war vielleicht ein wenig verunsichert in seiner Person. … Und schreibt weiter wie verlassen jeder mit, und gefangen in, sich ist. Und trotzdem fühlt er sich dem Freund näher als anderen. Aber was schreibe ich davon, Sie kennen den Brief.

    Ein Lied, das mir zwischenzeitlich über den Weg gelaufen ist. Wenn es schon um die Schrecklichkeit des Verlassens geht, dann wenigstens schrecklich niedlich und mit einer gewissen Naivität vertont, von einer Frau. Immerhin mit adäquatem Titel für diesen Blog http://youtu.be/EkrY98EGQGs

    Ein Gespräch über’s Warten http://videos.arte.tv/de/videos/philosophie–6979648.html (von heute bzw. Juni, bei Arte+7), falls das interessiert. Proust wird auch erwähnt, wie sollte es anders sein.

  26. Bersarin schreibt:

    Sie scheinen nicht leicht empfänglich für die zarte Pflanze Ironie und für die Subtilitäten zu sein. Den Fred Bertelmann meinte ich natürlich ironisch. Schön wäre es wenn die Dinge immer so einfach wären, wie es in diesem Schlager im Titel heißt – egal in welche Richtung hin. (Nee, eigentlich wäre es langweilig. Ich liebe die Schwierigkeiten.)

    Aber wie gesagt: ich leugne die Mechanismen des Blickes, die Ordnung des Blickes nicht, würde mich aber nicht aufs Pauschalisieren verlegen wollen, was die Position der Frau betrifft. Aber da ich keine Frau bin, ist es schwierig für oder als Frau zu schreiben. Ich lese aus einer solchen Konditionierung von Frauen durch den männlichen Blick, wie Sie das ansetzten, jedoch eine ziemliche De-autonomisierung der Frau, des Körpers der Frau. Es verhält sich mit solchen Positionen, wie Sie das vertreten, ähnlich wie mit Adornos Satz aus den „Minima Moralia“: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Solche Sätze sind in ihrer Verschlungenheit zu lesen und nicht eindimensional. Eine Lektüre, die solche Sätze eins zu eins nimmt, ist unangemessen, und es taugen solche Sätze auch nicht zu Thesen, die man an Uni-Wände schreibt. Der Satz Adornos ist richtig und falsch zugleich. Und Bewegung kommt schon ins Spiel, wenn man anfängt, über diesen Satz nachzudenken.

    Ihre Lesart legt es zudem nahe zu sagen, daß auch der Mann sich durch den Blick der Frau gesehen fühlt. Aber sowieso stehen wir (egal ob masculin/feminin) im Blick des anderen. Darin gebe ich Ihnen recht, es handelt sich um Hegelsche Anerkennungsverhältnisse – diese Dinge finden sich allesamt in seiner „Phänomenologie des Geistes“.

    Bei Kafka interessieren mich nur die Texte, weniger die biographischen Bezüge: oder: diese Bezüge stehen mittlerweile nur als Text, weil keiner von uns Herrn Kafka kennt.

    Die Frage der Frau. Ich positioniere dies schon und auch in den ökonomischen Strukturen. Aber es ist zugleich diese These der Triple Oppression anzusetzten. Ich würde nicht so weit gehen und die Frage des Geschlechts als einen Nebenwiderspruch interpretieren. Aber das Denken erschöpft sich in diesen Fragen auch nicht.

    Da Sie vermutlich nicht aus der Abteilung Kino im speziellen und von der Ästhetik her im allgemeinen kommen, ist es dann auch egal, ob Sie Godard nun sehen oder nicht. Man lernt darin allerdings etwas über das Sehen und den Blick, auch den männlichen Blick. Nehmen Sie nur die Auftaktszene mit Brigitte Bardot und Michel Piccoli in „Die Verachtung“

    Die Theorie des Wartens. Sehr interessant: Ich darf Maurice Blanchot zitieren, den ich auch in anderem Rahmen, ich weiß nicht, ob hier oder im privaten Schriftwechsel zitierte. Und auch lovely Linda kam mir mit diesem schönen Blanchot-Satz, freilich ohne das Buch gelesen zu haben. Sie hatte den Satz aus einem philosophischen Ratgeberbuch.

    „Wartet man auf etwas Bestimmtes, so wartet man schon weniger.“

    Und weiter:

    „‚Geschieht es?‘ ‚Nein, es geschieht nicht.‘ – Und doch ist etwas im Kommen.‘ ‚Im Warten das jegliche Ankunft verhält und beläßt.‘ – Etwas kommt, aber außerhalb des Wartens.‘ – Warten ist die belassene Stille, die alles, was kommt, in seiner Zukunft beläßt.‘“
    (Maurice Blanchot, Warten Vergessen

    Den Sound von Heidegger hört man aus diesen Passagen freilich gut heraus.

    Wer übrigens auf nichts mehr wartet, der kann auch nicht mehr verlassen werden. Dies ist dann gleichsam die Kunst des Vergessens. Aber kann man Vergessen aktiv lernen? Die Struktur des Vergessens ist paradox, es läßt sich nicht intentional herbeiführen.

  27. Bersarin schreibt:

    Noch ein Nachtrag: Denken und Argumentation lassen sich nicht in Standpunkte oder in Relativismus auflösen. Der eine hat diese und die andere eben jene Meinung. In einem bestimmten Rahmen geht es nicht mehr um Meinungen (doxa), sondern um die epistemé.

    Blicke lösen sich allerdings schon in die Standpunkte und in die Orte auf: Sie hängen von der Positionierung ab.

  28. m schreibt:

    Vergessen entsteht wohl immer dann, wenn etwas nicht mehr als des Erinnerns wert erachtet wird. Mit gerichteter Intention kann das freilich schlecht klappen. Denken Sie bitte nicht an den rosa Elefanten. Durch anderes Bestreben schon eher. Ablenkung zum Beispiel. Und wenn auch das Vergessen so nicht gleich eintritt, wird zumindest relativiert, werden neue Kontexte geschaffen, alles kann anders beleuchtet werden, verfremdet erscheinen und so Distanz ermöglichen.
    Abgesehen von Einzelpersonen mit eigener Motivation (intrinsisch, reaktiv, whatever), ist diese Vorgehensweise ubiquitär, eignet sie sich doch hervorragend um Verwirrung zu stiften, nur um dann mit vermeintlich guten Lösungen um die Ecke zu kommen.

  29. Bersarin schreibt:

    Ja, es wird vergessen, wenn etwas entschwindet, ohne daß ich da ein Zutun habe.

    Um auf das ursprüngliche Thema dieses Textes zurückzukommen: Man(n) sollte sich treiben lassen und mit möglichst wenig Emotion an die Dinge herangehen. Entscheidend ist, ob ein Text dabei entsteht, der sich mit den Momenten zusammenschließt, welche zuweilen Leben genannt werden.

  30. m schreibt:

    Möglichst wenig Emotion – halte ich nicht für erstrebenswert im Leben, und irgendwie auch für unmöglich. Sie richtig zu verarbeiten hingegen, für wichtig. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

  31. Bersarin schreibt:

    Wir können ja zum Schluß noch einen Adorno-Zitate-Wettbewerb machen, sofern Sie sich überhaupt mit Philosophie beschäftigen.

    Diese ganze Emotionen-und-sich-damit-beschäftige-Kiste halte ich für nicht weiter diskutierenswert, weil das lediglich auf eine Phrasenproduktionsnummer hinausläuft. Mir sind Empfindungsdiskurse zuwider: sei es in der Kunst oder in der Philosophie. Hier wird nicht empfunden und hier gibt es auch keine Standpunkte.

  32. m schreibt:

    Sehen Sie, so wie Sie sollte man es nicht machen, mit dem Verarbeiten der Emotion. Das steigert nur den Blutdruck und man kommt auch noch unsympathisch rüber.
    Ich halte übrigens nichts davon mit Geschwurbel Intellektualität vorzutäuschen – Form mit Inhalt zu verwechseln ist doch sehr an der Oberfläche entlanggeschrammt, und da sollte sich das Denken nun wirklich nicht erschöpfen. NB, wie soll schon Einstein gesagt haben – ich glaube das hab ich aus einem Ratgeberbuch ( : Wer es nicht mit einfachen Worten erklären kann, hat es selbst nicht gut genug verstanden. In diesem Sinne sage ich, auch weil ich klare Worte bevorzuge: hier empfinden Sie. Sich gekränkt wenn jemand Ihren Standpunkt nicht teilt, und versuchen dann dem Gegner die Kompetenz abzusprechen und zu verdrehen wie es beliebt. Ihnen sei nur noch gesagt, dass das Dritten natürlich auch nicht entgeht.

  33. Bersarin schreibt:

    Das ist schon sehr eigenartig: Sobald sich jemand vom Standpunktdenken, dem Perspektivismus und dem Relativismus entfernt und eine Weise von Objektivität bzw. eine Form von episteme ins Spiel bringt, die diese Weisen des Meinens und Glaubens hinter sich lassen will, werden die Subjekte auf eine eigenartige Weise bösartig oder aggressiv oder glauben, das Gegenüber sei gekränkt. Ist der Satz 2 x 2 = 4 nur Standpunktdenken? Und der Mathematiker ist natürlich gekränkt, wenn man seinen Standpunkt, daß 2 und zwei vier sind, nicht teilt. Sehe ich das richtig? Selbst ein Philosoph wie Foucault würde sich nicht auf einen radikal-nietzschianisch gefaßten Perspektivismus reduziert sehen wollen – ich komplexiere mal Ihren Begriff vom Standpunkt ein wenig. Seine „Die Ordnung der Dinge“ beansprucht natürlich Wahrheit. Wenngleich sich über die Details des Buches in der Interpretation streiten läßt, dies unterscheidet Sätze der Philosophie von den Sätzen der Mathematik.

    Kommen wir aber zum logischen Aspekt: Der Satz alle Frauen sind x oder alle Männer sind x ist schon von der Struktur her falsch. Er gilt allenfalls, wenn Sie für x sehr allgemeine Prädikate wie sterblich, Mensch, Lebewesen einsetzen. Insofern ist ganz einfach darauf zu schauen, in welcher Weise der Allquantor benutzt wird. Allerdings formallogisch ist dieser Satz wahr: Alle Frauen stehen unter dem Blick der Männer, A. ist eine Frau, also steht A. unter dem Blick der Männer. Hier bedarf es also eines inhaltlichen Aspektes, der hinzutritt.

    Worum es mir hier geht: Ihre Pauschalisierungen als Pauschalisierungen aufzuzeigen. Nicht zweifle ich daran, daß dies eine von Männern bestimmte Welt ist – oder besser: eine von einem männlichen Prinzip bestimmte. (Wobei männlich nur eine Metapher ist.) Im übrigen gehen Sie überhaupt nicht auf die von mir dargebrachten Argumente ein, was mich an einen anderen Menschen erinnert, der hier im Blog mal kommentierte und welcher sich El_Willy nannte.

    Und es stimmt: ich kann da sehr ungemütlich werden, wenn jemand herumschwurbelt, und es ist mir da auch ziemlich egal, wie ich in meinem oder in anderen Blogs rüberkommen. Dieser Blog ist keine Kuschelveranstaltung und auch nicht dafür da, mich als besonders sympathisch zu zeigen. Das mache ich dann im Privaten. Da bin ich umgänglich, sofern man mir keinen Schwachsinn auftischt und mir erzählen will, im Himmel sei Jahrmarkt.

    So, und dann erklären Sie mir mal die Probleme und Verstrickungen der Weltwirtschaft in einfachen Worten. Oder noch besser: Erklären Sie, werte(r) m, die Werttheorie von Marx in einfachen Worten. Und zwar, und jetzt kommt der Haken, ohne dabei reduktionistisch zu verfahren und Schwundstufen des Denkens zu produzieren. Sie haben dazu drei Sätze mit nicht mehr als 20 Wörtern pro Satz. Wenn Sie dies schaffen, denke ich mir einen Preis für Sie aus.

    Als externen Schiedsrichter eines solchen Beitrages würde ich mir den Kommentator Nörgler wünschen, der diese Dinge weitaus besser im Blick hat als ich: Also: auf geht‘s, m, mit der Vereinfachung.

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