Daily Diary (42) – Die Vielfalt des deutschen Waldes (2)

Ich will keine Politik, ich will kein Gesülze, ich will keine Literatur, die Befindlichkeiten hochschraubt, ich will keine Empfindungen, keine Identitäten, keine Subjekte, kein Ich, keine Spuren, die in der Welt bleiben, ich will keine Wärme, sondern die Kälte, ich will keine Geselligkeit, sondern die kalten Sterne, das frostige Verglühen, die Sprache des Eises. Ich liebte das bereits in den 80er Jahren: und diese Musik, welche zum Danse Macabre gespielt wurde, kam einer ungeheuren Erweckung gleich, fast wie die erste Erektion, nein besser noch als diese Aufrichtung: die „Einstürzenden Neubauten“ (ab Ende der 80er wurden sie uninteressant): „Es ist Krieg in den Städten und das ist gut so!“ Ich schätze die Weltverdüsterung, ich möchte deren Photograph sein. Ich möchte die Welt in einer Photographie einfrieren, wo alles still steht. Jeder Satz ist überflüssig, jedes Gesicht – na ja: fast jedes. Aber ein kaltes Herz des Ästhetikers läßt sich nicht erweichen, ebensowenig wie das eines Lagerkommandanten, und das Lager ist, nach Giorgio Agamben, der „Nomos der Erde“ (Carl Schmitt): Machen wir uns den Schlachtruf der spanischen Faschisten zu eigen, und polen ihn auf die Weise, wie es der Surrealist Fernando Arabal in seinem legendären Film tat: „Viva la muerte“!

Erst unter der schwersten und härtesten Folter offenbarte der mühsam in die Gefangenschaft Gebrachte jene Weisheit, die dem Menschen als Wissen und Praxis eigentlich nicht zukommen sollte. König Midas preßte sie unter der Qual des Körpers aus ihm heraus: jenem Waldgott und Lehrer des Dioniyos, der zugleich als Quell der Weisheit galt: der Satyr Silenos.

Nietzsche tilgt an dieser Stelle in seiner „Geburt der Tragödie“ aus dem Mythos die Grausamkeit bzw. er formuliert es euphemistisch, gleitet über das Wundmal hinweg, und noch in der Figur des Apollon verschweigt Nietzsche den Marsyas und das, was jener diesem antat. Es klafft in der Antwort des Silenos eine Leerstelle, nämlich die Ausformulierung der Folter, und diese Lücke im Diskurs des Abendlandes samt seiner Metaphysik bleibt dem Denker der Tragödie verborgen oder ist ihm lediglich eine Randbemerkung wert:

„Es geht die alte Sage, daß König Midas lange Zeit nach dem weisen Silen, dem Begleiter des Dionysus, im Walde gejagt habe, ohne ihn zu fangen. Als er ihm endlich in die Hände gefallen ist, fragt der König, was für den Menschen das Allerbeste und Allervorzüglichste sei. Starr und unbeweglich schweigt der Dämon; bis er, durch den König gezwungen, endlich unter gellem Lachen in diese Worte ausbricht: ‚Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Ersprießlichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben.‘“(F. Nietzsche, Die Geburt der Tragödie …“. S. 35, in KSA 1, München 1988)

Eine gute und kluge Antwort. Die Frage, die ich mir jedoch stelle: Weshalb schwieg Silenos unter der Folter? Es gibt eigentlich keinen Grund, diese Wahrheit des Subjekts zu verschweigen. Und weshalb gerät die Tragödie bei Nietzsche, daß nämlich die Griechen das Entsetzlichste und den Schrecken des Daseins erkannten und empfanden, zu einer anthropologischen Konstante und zum Daseinsgeraune, während im gleichen Moment das Geschichtsphilosophische, das Faktische ausgespart wird?: Die Folter und das Lager. Nur kurz spricht Nietzsche einige Sätze weiter von der „entzückungsreiche[n] Vision des gefolterten Märtyrers“ und nennt das, was geschah, beim Namen.

Um aber nicht nur dem ubiquitären Schrecken, sondern auch dem deutschen Idyll, insbesondere diesem besonders schönen Tag morgen, zu huldigen, an dem die BRD sich vor 23 Jahren anschickte, 17 Millionen Wirtschaftsflüchtlinge aufzunehmen, während diesem Land ansonsten bereits eine Schiffsladung Menschen auf dem Mittelmeer Probleme bei der Unterbringung bereitet, sofern nicht ganz einfach das Schiff schon vorher versenkt wird, gibt ihr Serviceblog Aisthesis die Photographien zum deutschen Wald.

X

X

X

X

X

X

X

X

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Bundesrepublik Deutschland, Daily Diary, Gesellschaft, Gewaltdiskurse, Nietzsche, Photographie abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

14 Antworten zu Daily Diary (42) – Die Vielfalt des deutschen Waldes (2)

  1. irisnebel schreibt:

    wow! du hast sogar rotkaeppchen dort gefunden! ;)

    was schaetzt du an der kaelte, am vergluehen und untergehen? die ungeschminktheit, das auf sich selbst zurueckgeworfene, das platzmachen fuer neues, auch das ende allen boesen, kranken, schmerzvollen, die damit aufkommende ruhe und wunschlosigkeit? die offenheit, die dem sterben innewohnt? die totale befreiung von den zwaengen eines ichs (des subjektiven an sich) und das aufgehen im anderswo?

  2. Bersarin schreibt:

    Sehr schön! Es freut mich, daß Du den kleinen Rotkäppchenscherz gefunden hast.

    Es ist dieses Moment von Destruktion, was ich schätze. Benjamin beschreibt es in seinem kurzen Text zum destruktiven Charakter.

    Vorsicht ist allerdings dort geboten, wo die Destruktion derart ins Politische kippt, daß es um reale Eliminierungen geht. Ästhetizismus und l’art pour l’art kann als eine heikle Angelegenheit und als Ideologie sich erweisen undzugleich sind beide unbedingt und notwendig.

    Es ist in der Reflexion, die ich betreibe, in den Momenten des Textes ein Changieren. Am Ende vielleicht eine Dialektik des Todes, die den Tod selber noch in der Reflexion aufhebt und zugleich verharrt der Text vor dem reinen Schwarz eines Tafelbildes, wie es Ad Reinhardt malte, versinkt darin.

    Womöglich auch nur eine jener Hans Castorp-Figuren. schwankend zwischen dem Lindenbaum, und dem Willen zum Leben, der Krankheit zum Tode und Clawdia Chauchat. die in meinem Falle sehr blond ist.

    Theorien, die zwischen Hegel, Marx, Adorno, Schopenhauer und Nietzsche changieren. Todestrieb, eben das Moment des Thanatos, und Eros.

    Im Grunde also Aspekte, um die dieser Blog in einer permanenten Reflexion kreist. Wobei der Begriff der Reflexion (als Reflexionsphilosophie) bei Hegel durchaus pejorativ gebraucht wird. Auch dieses Moment einer schlechten Unendlichkeit und des Abbruches im Fragment ist mitzudenken.

    Und den kleinen Krieg, die kleine Schlacht erlebe ich zumindest bei Demos, die in Gewalt enden. Ich kann meine Faszination und zugleich die Angst dabei nicht verhehlen. Es ist wie eine Sucht. Und es ist Lust, Angst, Politik, Haß, der Wunsch nach Photographien, wenn bei einer Demo die Helme aufgesetzt werden, wenn Bullen ihre Tonfas hervorziehen, wenn Steine fliegen, Parolen geschrieben werden: „Wir haben euch was mitgebracht: Haß, Haß, Haß“ Wenn die Gruppe Zivilbullen plötzlich Schlagstöcke aus den Jacken hervorholen und sich grüne Westen überstreifen, auf denen hinten Polizei steht. Und dann beginnt die verwegene wilde Jagd. Auch das ist für mich Destruktion und ich liebe diese Augenblicke, ich will sie mit der Kamera festhalten. Und die Angst und die Lust wechseln sich ab.

  3. ziggev schreibt:

    „Es ist wie eine Sucht. Und es ist Lust, (Angst, Politik, Haß, der Wunsch nach …)“

    ist Dir eigentlich aufgefallen, dass das, so hingeschrieben, rhytmisch recht reizvoll ist? Normalerweise liegt die Betonung im Deutschen Satz ja auf dem letzten Wort, hier „Sucht“. Das u aus „Sucht“ wird im nächsten Satz gleich aufgegriffen, weiterbenutzt im „Und“, großgeschrieben, die S-T-Assonanz bereitet weitere Freude. Es verschiebt sich die Betonung im Satz nach vorne, wodurch das „es“ rhetorisch neues Potenzial erlangt. Das „ist“ mal vergessen, hat nun jedes Wort dieses zugegebener Maßen kurzen Satzes die volle Betonung, welche Möglichkeiten bietet jetzt aber nicht die folgende Aufzählung: „Angst, Politik, Haß, …“? Und das folgende „und“ fristet unversehens nicht mehr das unscheinbare Dasein, welches ihm sonst nach dem Komma für gewöhnlich lediglich zugebilligt wird. Und – in diesem Satz jedenfalls – immer so weiter …

    auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich Deine Todeshymnen richtig auffasse, hat aber groove, und ich glaube Dir von nun an jedes Wort!

  4. ziggev schreibt:

    oh je, das „folgende und“ steht gar nicht da, es hätte ihm aber, so glaube ich, auch nicht viel ausgemacht, wenn.

  5. Bersarin schreibt:

    Freilich geht es in meinem Blog planvoll zu und die Sätze sind konstruiert, natürlich achte ich, an Thomas Bernhard geschult, auf den Rhythmus des Satzes. Danke aber für das Lob und fein, daß es Dir auffällt. Das geht nicht jeder, nicht jedem so.

  6. m schreibt:

    „Ich will keine Politik, ich will kein Gesülze, ich will keine Literatur, die Befindlichkeiten hochschraubt, ich will keine Empfindungen, keine Identitäten, keine Subjekte, kein Ich, keine Spuren, die in der Welt bleiben, ich will keine Wärme, sondern die Kälte, ich will keine Geselligkeit, sondern die kalten Sterne, das frostige Verglühen, die Sprache des Eises.“

    Der Wunsch nach Wahrheit, Wahrhaftigkeit, die doch nicht unter den schön oder auch hässlich gefärbten Oberflächlichkeiten steckt denen man nicht entkommen kann, sie nicht durchdringen kann, weil sie sich scheinbar selbst reproduzieren und doch auf nichts verweisen.

    „‚Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben.'“

    Wenig überraschend, mag ich das Bild der Taube. Das einzig Wahrhaftige ist der Tod. Alles andere scheint nur sinnentleertes Theater zu sein. Die Taube erinnert mich an American Beauty.

  7. Bersarin schreibt:

    Ich kenne „American Beauty“ nicht. Allerdings soilte man das Viva la muerte so hoch denn auch nicht hängen, da es wichtigeres als den Tod gibt. Z.B. eine Flasche Wein.

    Die Verweisungen auf ein Nichts. Interessant. Ein Fall für Hegel. Ganz klar. Vielleicht auch ein Fall für zwei. Aber diesen Fall des Nichts werden wir heute abend sicherlich nicht lösen können.

  8. irisnebel schreibt:

    ja, eigentlich makaber “ Angst und die Lust wechseln sich ab“… das empfand ich in frankfurter august auch. aber ersteres war staerker und zum glueck hatte ich den fotoapparat nicht mit. es ging mir genauso, wie frau auge das hier so treffend beschrieb/ zitierte:
    http://frauauge.blogspot.de/2012/09/am-schwarzen-donnerstag.html

  9. Bersarin schreibt:

    Diese Angst ist allerdings nur ein Moment. Ich bin auf Bilder gepolt. Diese Angst zu überwinden, ist lediglich Training, Man muß halt immer sehen, was geht, was geht nicht. Risiken einschätzen. Sich steigern. Mich interessiert die Staatsmacht als Macht nicht, sondern das gelungene Bild.

  10. m schreibt:

    @Bersarin: Ein Fall für Hegel, Korzybski, Baudrillard und andere. Nach meinem Empfinden kann man das nahende Ende nicht hoch genug hängen. Wein vermag die Wartezeit zu versüßen und das Warten vergessen machen. Nicht die schlechteste Wahl.

  11. Bersarin schreibt:

    Sie bringen da sehr viel zusammen. Warum auch nicht? Allerdings skeptiziere ich grundsätzlich, wenn irgend etwas, egal um was es sich handeln mag, in Positivität umschlägt. Versüßen und Vergessen sind des verneinenden Geistes Dinge nicht.

    Interessant auch, daß Sie ihre IP-Adresse anonymisieren. Das bringt mich auf Hackergedanken. Kennen Sie den Film „23“?

  12. m schreibt:

    Da bin ich ganz bei Ihnen. Doch warum sollte der verneinende Geist nicht auch von Zeit zu Zeit das Negative ablehnen anstatt es permanent zu bejahen wie andere das Süße und Vergessene im vermeintlich Positiven.

    Hackergedanken. Mich bringt es auf den Eingangssatz. Den Film kenne ich. August Diehl, wenn ich recht erinnere.

  13. Bersarin schreibt:

    Die Welt ist aus Erinnerungen gemacht. Wie schön das doch ist. Sweet child in time!

  14. Bersarin schreibt:

    Liebe Irisnebel, ich kann Frau Auges Eindrücke nachvollziehen, wenngleich sie mir mittlerweile fremd geworden sind, weil ich diese Szenerien seit 32 Jahren kenne. Meine erste Demo war 1980 und da kam gleich mal ein Demonstrant zu Tode, wurde von der Polizei vor die Bahn getrieben.

    Es hat die Ausrüstung der Polizei in der Tat etwas Martialisches, und wer da ungeübt ist, bei dem oder bei der erzeugt es Furcht und Aggression in gleicher Weise. Mich fasziniert dieses Geschehen, ich bin dann ganz Linse und Photoapparat. Ich bin zudem auf Demos gepolt, die gewalttätig verlaufen. Auf Latschdemos werden meine Photos langweilig.

    Ich positioniere mich bei einer Demo zudem nicht zu einer Seite hin: Wenn man gute Bilder haben möchte, verderbe ich es mir als Photograph mit keiner Seite. Weder mit den Bullen noch mit den Leuten auf der Demo. Einziges No Go sind Demos von Faschisten, undzwar aus mehreren Gründen. Wer dort im Block mitgeht, muß selber einer sein, ansonsten gibt es Prügel. Photos sollten nur gemacht werden, wenn Polizeisicherung in der Nähe ist, ich selber bekam schon einmal ins Gesicht geschlagen.

    Ansonsten gilt: Jede(r) muß wissen, wo seine Grenzen sind. Es gibt, wie in Stuttgart 21, extreme Polizeigewalt, die völlig unverhältnismäßig ist. Selten berichten die Medien darüber. Und dort liegt ein großes Problem. Es muß erst jemandem ein Auge mittels Wasserwerfer entfernt werden oder Kinder verprügelt werden, dann kommt etwas.

    Viele der Bullen sind einfach bloß Dummköpfe. Die tun, was man ihnen sagt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s