In jener Nacht vom 22. auf den 23. September (Part 1)

im Jahre 1912 schrieb Franz Kafka eine Erzählung – manche sagen auch: eine Novelle, was von der Struktur her durchaus angemessen erscheint, wenn man die Novelle als Erzählung einer unerhörten Begebenheit begreift, die einen singulären Konflikt schildert –, welche die Literatur der Klassischen Moderne in eine andere Bahn brachte und eine Wendung ums ganze geben sollte. Es entstand eine der verstörendsten Erzählungen der Weltliteratur, und diese Novelle folgte einer eigengesetzlichen Logik und einer Struktur, die sich herkömmlicher Narration entzieht. Man kann diese Geschichte nacherzählen und man kann es im Grunde doch nicht, weil sich ein Teil dieser Novelle immer wieder verschließt und in die Absurdität des Sinns verschwimmt. Formal handelt es sich zwar um eine Geschichte, die von A. über B. nach C. verläuft, aber wie entstellt und wie die Tagesrest in einem Traum läuft es darin ab (dazu im zweiten Teil mehr). Es existiert in dieser Novelle, wenn man genau liest, keine zusammenhängende Bedeutung und ein irgendwie eruierbarer Sinn, sondern dieser Text schlüsselt sich eher dadurch auf, indem man die Beziehungsgeflechte und das Gleiten des Sinnes liest. In der Tat: eine unerhörte Begebenheit. Ein Vater verurteilt seinen Sohn zum Tod durch Ertrinken, dieser springt über das Geländer einer Brücke in den Fluß: „In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.“ Die sexuelle Konnotation dieser Passage dürfte nicht zu überlesen sein.

Bekanntlich sterben vor den Vätern die Söhne, wie es Thomas Brasch, jener Schriftsteller und Drogist im Geiste dieses Blogs, gut wußte: In der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912 schrieb der Prager Jude und Jurist Franz Kafka „Das Urteil“. Und im Untertitel „Eine Geschichte“ welche Kafka „Für F.“ dedizierte. F. wird diesen letzten Satz der Novelle auf ihre Weise gelesen haben.

Es gibt im Leben herausragende Daten, insbesondere in der Literatur, und dieser 13. August 1912 ist eine dieser Konstellationen. Es handelt sich um Augenblicke, für die der Begriff des Kairos, der geglückten Zeit zutrifft. Es bedarf solcher Momente des Zufalls, um Neues hervorzubringen. Am 13 August 1912 traf sich Kafka mit Max Brod in dessen Wohnung, um Texte zu sichten und deren Reihenfolge festzulegen, damit sie am nächsten Tag an den Verleger Rowohlt versendet werden sollten. Kafka kam zu diesem Treffen, wie von Brod schon gewohnt, eine ganze Stunde zu spät. Und es erwartete ihn bei den Brods eine Überraschung („Nur überraschen will ich sie nicht, es gibt keine guten Überraschungen“, so schrieb er an Max Brods Ehefrau Elsa Taussig gut einen Monat später am 18.9.1912). Denn am Tisch der Familie Brod saß eine weitere Besucherin:

„Als ich am 13. August zu Brod kam, saß sie bei Tische und kam mir doch wie ein Dienstmädchen vor. Ich war auch gar nicht neugierig darauf, wer sie war, sondern fand mich sofort mit ihr ab. Knochiges leeres Gesicht, das seine Leere offen trug. Freier Hals. Überworfene Bluse. Sah ganz häuslich angezogen aus, trotzdem sie es, wie sich später zeigte, gar nicht war. (Ich entfremde ihr ein wenig dadurch, dass ich ihr so nahe an den Leib gehe. Allerdings in was für einem Zustand bin ich jetzt, allem Guten in der Gesamtheit entfremdet, und glaube es überdies noch nicht. Wenn mich heute bei Max die literarischen Nachrichten nicht zu sehr zerstreuen, werde ich noch die Geschichte von dem Blenkelt zu schreiben versuchen. Sie muss nicht lang sein, aber treffen muss sie mich.) Fast zerbrochene Nase, blondes, etwas steifes, reizloses Haar, starkes Kinn. Während ich mich setzte, sah ich sie zum erstenmal genauer an, als ich saß, hatte ich schon ein unerschütterliches Urteil. Wie sich … [bricht ab]“ (Eintrag vom 20. August 2012)

Allein diese Bruchstelle, diese (performative) Leerstelle im Tagebuch ist ein Stück Literatur. Leben ist am Ende ein Text – mehr nicht. Was erzeugte diesen Abbruch mitten im Satz und in den Überlegungen eines Tagebuchs – diese Schrift im Fragment? Nicht anders als dann später in Kafkas „Prozess“, der als Literatur eine lose Anordnung von Versatzstücken liefert, und in seiner Zerstreuung dennoch eine Struktur besitzt wie nur wenige Werke der Weltliteratur. Das Urteil schrieb Kafka in einem Zuge, in einer einzigen Nacht, die durch nichts – und das war für Kafka selten – unterbrochen wurde. Und ohne nennenswerte Korrekturen ging diese Fassung des Textes im Frühjahr 1913 in den Druck.

Einen Tag nach dieser kühlen, analysierenden Beobachtung, am 21. August, begann das Tagebuch mit folgendem Satz: Unaufhörlich Lenz gelesen und mir aus ihm – so steht es mit mir – Besinnung geholt.“

Felice Bauer war eine entfernte Verwandte der Brods, und zwar eine Cousine von Brods Schwager Max Friedmann – eine Jüdin aus Berlin, die in Prag Zwischenstop machte, um zu einer verheirateten Schwester nach Budapest weiterzureisen. Eine lebenslustige und lebenskompetente Frau, die für ihre Zeit erstaunlich selbständig und emanzipiert war. Felice Bauer arbeitete in verantwortlicher Position bei der Firma Carl Lindström A.G., die Grammophone und Parlographen herstellte – die damals modernsten Diktiergeräte, die es auf dem Markt gab. (Was Kafka und die Medien betrifft, so sei hier auf Friedrich Kittlers Texte „Aufschreibesysteme“ sowie „Grammophon Film Typewriter“ verwiesen. Die Techniken der Reproduktion und der Wiedergabe gewinnen Gestalt.) Die Unterhaltung bei Tisch im Hause der Brods verlief durchaus angeregt. Felice Bauer und Kafka beschlossen im Verlaufe des Abends sogar, als das Gespräch auf den Zionismus kam und Felice Bauer schilderte, daß sie sich mit der hebräischen Sprache beschäftigte, was Kafka aufhorchen ließ, gemeinsam nach Palästina zu reisen. Sie besiegelten dieses Versprechen durch Handschlag. Wiederholt spielte Kafka an diesem Abend auf diese Reise an, um sie in Erinnerung zu behalten, und auch zum Abschied kam er darauf noch einmal zu sprechen. Kafkas Beharrlichkeit und Zähigkeit ist bekannt.

 

Sein Eintrag ins Tagebuch dagegen, knapp eine Woche später, kommt als ein Schlag mit der Faust ins Gesicht daher – in jenes leere, unbeschriebene Gesicht, das später zur Folie der Literatur werden sollte, in das sich die Texte gravieren. Diese Passage aus dem Tagebuch zeigt einen anderen, einen kalten Blick. Zuweilen wird dieser Blick als typisch männlich konnotiert, was freilich von Mangel an Reflexion zeugt, denn genauso gut, könnte diese Zeilen Else Lasker-Schüler geschrieben haben. Es hängen solche Eintragungen in ein Tagebuch nicht am Geschlecht oder an Personalisierungen, sondern es zeigt sich in diesen Stellen von Schreiben eine Struktur der Textualisierung (die allerdings etwas mit dem Blick der Geschlechter zu schaffen hat). In dieser Lektüre und in diesem Geflecht aus Briefen, Romanen und Erzählungen wäre das Gegenbild, der Gegenschuß aus der Perspektive von Felice Bauer interessant. Ihre Briefe und Tagebücher (insofern sie solche Tagebücher schrieb) sind jedoch nicht erhalten.

Es reicht nicht aus, bei einer Gesellschaft nebeneinander zu sitzen und zu parlieren oder daß auf einer Feier plötzlich ein Bein an einem anderen preßt. Kafka ist der kalte und kühle Beobachter der Moderne, er distanziert die Szenerie in die Schrift und er vermag es, die Ereignisse in die (nötige) Reflexion zu setzten. Knapp sechs Wochen später, am 20. September, wird er Felice Bauer einen ersten Brief schreiben:

„Sehr geehrtes Fräulein!
Für den leicht möglichen Fall, daß sie sich meiner auch im geringsten nicht mehr erinnern könnten, stelle ich mich noch einmal vor: Ich heiße Franz Kafka und bin der Mensch, der […] Ihnen (…) über den Tisch hin Photographien von einer Thaliareise, eine nach der anderen, reichte und der schließlich in dieser Hand, mit der er jetzt die Tasten schlägt, ihre Hand hielt, mit der Sie das Versprechen bekräftigten, im nächsten Jahr einen Palästinareise mit ihm machen zu wollen.

(…)

Eines muß ich nur eingestehen, so schlecht es an sich klingt und so schlecht es überdies zum Vorigen paßt: Ich bin ein unpünktlicher Briefschreiber. Ja es wäre noch ärger, als es ist, wenn ich nicht die Schreibmaschine hätte; denn wenn auch einmal meine Launen zu einem Brief nicht hinreichen sollten, so sind schließlich die Fingerspitzen zum Schreiben immer noch da. Zum Lohn dafür erwarte ich aber auch niemals, daß Briefe pünktlich kommen; selbst wenn ich einen Brief mit täglich neuer Spannung erwarte, bin ich niemals enttäuscht, wenn er nicht kommt und kommt er schließlich, erschrecke ich gern. Ich merke beim neuen Einlegen des Papiers, daß ich mich vielleicht viel schwieriger gemacht habe, als ich bin. Es würde mir ganz recht geschehn, wenn ich diesen Fehler gemacht haben sollte, denn warum schreibe ich auch diesen Brief nach der sechsten Bürostunde und auf einer Schreibmaschine, an die ich nicht sehr gewöhnt bin.

Aber trotzdem, trotzdem – es ist der einzige Nachteil des Schreibmaschinenschreibens, daß man sich so verläuft – wenn es auch dagegen Bedenken geben sollte, praktische Bedenken meine ich, mich auf eine Reise als Reisebegleiter, -führer, -Ballast, – Tyrann, und was sich noch aus mir entwickeln könnte, mitzunehmen, gegen mich als Korrespondenten – und darauf käme es ja vorläufig nur an – dürfte nichts Entscheidendes von vornherein einzuwenden sein und Sie könnten es wohl mit mir versuchen.

Ihr herzlich ergebener Dr. Franz Kafka
Prag, Pořič 7“

Eine Photographie nach der anderen, hingeschoben zu jenem leeren, knochigen Gesicht.

Es entwickelt sich zwischen Felice Bauer und Franz Kafka eine Maschinerie des Schreiben, eine Logik der Sendung, des Ankommens und des Verfehlens von Postalischem, die einer eigenwilligen Kontrolle unterliegen, ein Verkehr und eine Logik der Gespenster, wie Kafka es in einem anderen Zusammenhang, im Briefwechsel mit Milena Jesenská, schrieb, und diesen Verkehr von Geister und Gespenstern brachte erst 70 Jahre später Jacques Derrida im Sinne des Judentums und einer Theorie der Schrift sowie einer Logik der Dis-Identität in seinem Buch „Die Postkarte. 1. Lieferung“ auf den Begriff von Literatur und Philosophie in gleicher Weise.

Der 22. September ist Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag – das Versöhnungsfest. Kafka mußte mit der Familie und mit anderen feiern. Kafkas Geselligkeit bei solchen zwanghaften Anlässen ist wenig ausgeprägt, gegen zehn Uhr abends drängt es ihn in sein Zimmer an seinen Schreibtisch.

23. September 1912:
„Diese Geschichte ‚Das Urteil‘ habe ich in der Nacht vom 22. bis 23. von zehn Uhr abends bis sechs Uhr früh in einem Zug geschrieben. Die vom Sitzen steif gewordenen Beine konnte ich kaum unter dem Schreibtisch hervorziehen. Die fürchterliche Anstrengung und und Freude, wie sich die Geschichte vor mir entwickelte, wie ich in einem Gewässer vorwärtskam. Mehrmals in dieser Nacht trug ich mein Gewicht auf dem Rücken. Wie alles gesagt werden kann, wie für alle, für die fremdesten Einfälle ein großes Feuer bereitet ist, in dem sie vergehen und auferstehen. Wie es vor dem Fenster blau wurde. Wie ein Wagen fuhr. Zwei Männer über die Brücke gingen. Um zwei Uhr schaute ich zum letzten Male auf die Uhr. Wie das Dienstmädchen zum ersten Male durchs Vorzimmer ging, schrieb ich den letzten Satz nieder. Auslöschen der Lampe und Tageshelle.“ (Franz Kafka, Tagebücher, 23. September 1912)

Und zum Ende des ersten Teils: Literatur goes Pop:

Get hot, get too close to the flame
Wild, open space
Talk like an open book
Sign me up
Got no time to take a picture
I’ll remember someday all the chances we took
We’re so close to something better left unknown“
The Metric

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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20 Antworten zu In jener Nacht vom 22. auf den 23. September (Part 1)

  1. FrauWunder schreibt:

    binden und fern(halten) durch schrift, faszinierend und ungeheuerlich zu gleich. wie hielt die frau das aus und vor allem warum? verlieben, verloben, einen schritt vor drei zurück, forderungen, bitten, intensität…..die ganze aufmerksamkeit felices abgesaugt von einem besessenen schreiberling. fast vampierisch leergezogen, weggespuckt. brauchte er ihren heißen lebenssaft, weil er selber nur dünnes wässriges kaltblut besaß? und warum sind eigentlich nur seine briefe erhalten geblieben, ihre hätte man doch bei ihm finden müssen nach seinem tod? war sie ihm nichteinmal soviel wert, dass er diese korrespondenz aufbewahrte? oder ging es ihm beim schreiben immer nur um den kick, um den augenblick……

  2. Bersarin schreibt:

    Die Briefe von Felice Bauer hat Kafka wahrscheinlich vernichtet. Diese Beziehung war eine ausgesprochen schwierige. Zweimal wurde eine Verlobung gelöst. Dies Dinge sind bei Elias Canetti in seine Buch „Der andere Prozeß“ dargestellt. Es muß für beide ein Horror gewesen sein, der an die Nerven ging.Und dennoch waren beide auf ihre Weise voneinander angezogen. Bei Canetti wird der eine oder die ander zusammenzucken, weil sein Verhältnis zu Frauen, um es höflich zu sagen, sehr schlimm war. Aber da ich zwischen Texten und Menschen differenziere und mit Canetti nicht essen gehen mußte, berühren mich diese Dinge wenig. (Er mochte übrigens Adorno überhaupt nicht leiden, aber auch das ist nebensächlich.) Das Buch von Canetti ist nicht unbedingt gelungen zu nennen, aber es stellt die Dinge doch ganz gut dar, so daß man sich einen Überblick verschaffen kann. Anonsten empfehle ich zu diesem ganzen Komplex die Kafka-Biographie von Raimund Stach. Sehr gut geschrieben, sehr lesenswert. (Zumindest im großen und ganzen.)

    Ja, der Fall Kafka ist nicht einfach. Der Fall des Vampirs trifft es vielleicht nicht schlecht. Aber ich sage es einmal etwas polemisch: es kamen durch dieses Verhältnis zwei der besten Romane der Literatur und einige gelungene Erzählungen heraus.

    Worum es Kafka ging, das entzieht sich wohl allen. Wahrscheinlich ging es ihm darum, gute Literatur zu schreiben, so wie jedem Schriftsteller. Ich denke zudem, es greift dieses Moment des Aussaugens zu kurz. Wenn Sie es biographisch haben möchten: Kafka hatte wahrscheinlich große Bindungsschwierigkeiten. Nähe einerseits und dann doch wieder Distanz. Ich müßte diese Details zu Felice Bauer aber noch einmal nachlesen.

    Klaus Theweleit untersucht übrigens in seinem „Buch der Könige. Orpheus und Eurydike“ (das und ist durchgestrichen) dieses Verhältnis: wie Männer durch die Frauen zur Schrift und zum Text kommen.

    Ob alle diese biographischen Fragen aber wirklich weiterführen, bezweifele ich. Wir haben lediglich Briefe von Kafka, ich lese das als eine Poetik und als Text. Und wer Biographien und Texte trennt – nicht absolut, aber doch auseinanderliegend -, dem dürften diese Dinge keine Probleme bereiten. Und sollte es sich erweisen, daß Kafka nicht einwandfrei gehandelt habe (aber wer tut das schon?), so sind doch seine Romane in der ästhetischen Konstruktion überragend. Aber mit dieser Antwort werden Sie sich, so wie ich Sie kenne, nicht zufrieden geben.

    Was man über Kafka weiß, so kann man sagen, daß er sicherlich kein übler Schuft gewesen ist, sondern ein relativ feinfühliger sensibler Charakter. Vielleicht finde ich die Zeit, noch ein wenig zu seinem Verhältnis zu Felice Bauer zu recherchieren.

    Ihnen beste Grüße und ich hoffe, Ihnen mit dieser Antwort gedient zu haben.

  3. frauwunder schreibt:

    danke fuer ihre bemuehungen, nicht ganz zufriedenstellend, aber das liegt nicht an ihnen. scheinbar heiligt der zweck die mittel, jedenfalls bei maennlichen menschen oder aerschen ohne arsch in der hose. wieviele frauen fallen ihnen ein, die aehnlich verfuhren? tja du musst ein schwein sein in.dieser welt und vll nehmen wir uns doch die hegemann zum vorbild, die hat auch nur gesaugt von wem jetzt was genau will ich gar nicht wissen.

  4. Bersarin schreibt:

    Ihre Sicht geht an Kafka vorbei. Kafka hat sich nicht bei Felice Bauer bedient, weil Felice Bauer keine Schriftstellerin war. Er hat sie auch nicht für seine Literatur benutzt und ausgesaugt. Allenfalls tauchen in seinen beiden Romanen Frauengestalten auf, die durch Namens- oder Buchstabenähnlichkeiten an Felice Bauer gemahnen. Ob und inwieweit sich Kafka auf der menschlichen Ebene gut oder schlecht verhalten hat, dürfte sich sowohl Ihrer als auch meiner Kenntnis entziehen. Ich gehe mal davon aus, daß wir beide nicht dabeigewesen sind. Die von mir zitierten Dokumente sind auch keine hinreichenden Beweise für eine aussaugende Schäbigkeit Kafkas. Es wäre innerhalb dieser fünf Wochen bis zum ersten Brief an Felice Bauer ja durchaus ein Umschwung im Denken und Fühlen möglich. So etwas soll es geben.

    Ich müßte diese Dinge aber noch einmal genauer bei Theweleit und Canetti nachlesen. In Ihrem Urteil sind Sie definitiv zu schnell und vor allem: zu harsch. Und bitte, bitte nicht diese Mann-Frau-Perspektive. Wenn ich lange genug nachdenke, fallen mir auch genug Arschlochfrauen ein.

    Was diese Angelegenheit mit Helene Hegemann zu tun hat, kann ich gerade nicht ganz nachvollziehen. Hegemann zitierte wortwörtliche von anderen Texten, u.a. von einem Blogger, ohne das irgendwie zu kennzeichnen. Das ist keine Aussaugen, sondern eine Arbeitsweise, die – höflich gesprochen – als fragwürdig zu bezeichnen ist. Ich selber nenne so etwas Abschreiben. Wäre mir peinlich, und wenn es eine postmoderne Referenz gewesen sein sollte, so baute, ich da eine doppelten Boden ein, so daß der Leser merkt, wie gespielt wird. Das hat mit Kafkas Text nichts zu tun.

    Aber am Ende wissen wir ja seit Loriot: „Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur saugen kann.“ ;-)

  5. Bersarin schreibt:

    Ich will mir diese Aspekte aber gerne noch einmal im Detail anschauen, und ich lese ein wenig in die Briefe hinein.Schade ist es in der Tat, daß Felice Bauers Briefe von Kafka vernichtet wurden. Bedenkt man aber, daß er seinem Freund Max Brod den Auftrag gab, nach seinem Tode alles Unveröffentlichte von ihm dem Feuer zu übergeben, zeigt dies den Umgang Kafkas mit Texten.

    Einen Menschen für sein eigenes Schreiben zu mißbrauchen, so wie teils Brecht, aber auch Benn es taten, ist auf der Eben von Liebe und Zutrauen eine Weise des Verrats. Und auch diesen Verrat kann man natürlich in die Schrift, also in die Literatur umsetzen und ihn darstellen und sichtbar machen. Das halte auch ich für wichtig. Extremer Fall ist hier Ingeborg Bachmann, die sich von Max Frisch in der Tat ausgesaugt und mißbraucht fühlte. Es ändert dies zwar nichts an Max Frischs Literatur, die ich für sehr gut halte, aber es bleibt ein Verrat. Doch mit dieser Durchdringung von Biographie und Text haben einige Schriftsteller zu tun, was die Gerichtsprozesse um Maxim Biller und Alban Nicolai Herbst zeigen. Und auch wenn ich an einen bestimmten Literaturblog oder wie man dieses von jeglicher Reflexion befreite Teil nennen will, denke, fällt mir der Begriff Mißbrauch und Benutzung ein. Aber alle diese Dinge können nebenrangig werden, wenn ein guter Text dabei herauskommt. Wenngleich: ich blende diese Fragen auch nicht völlig aus, würde sie aber wiederum in Literatur einkleiden.

  6. summacumlaude schreibt:

    Nun, auch die Kunst, die Künstler saugen aus, schöpfen ab und sind damit dem Boulevardjournalismus, den Geheimdiensten nahe. Und nicht nur dem aus der Normannenstraße. Es ist eine reichlich „peinliche Verwandtschaft“ (abgeschöpft beim seinerseits großen Abschöpfer Th. Mann; so bezeichnete er das Verhältnis der Künstler zu A. Hitler), aber sie ist da und „will gesehen“ werden. Übrigens ist dieser Tatbestand der gegenseitigen Nähe die Ursache dafür, dass nach dem Ende der DDR doch wahrlich einige glaubten, die Spitzelberichte der IMs seien Literatur im artifiziellen Sinne.

    Das ist natürlich ein riesiges Mißverständnis, denn: Das Abgeschöpfte wird gestaltet und genau das tut der Bildzeitungsschreiberling oder der IM eben nicht. Ihm ist die abgeschöpfte, manchmal auch nur frei assoziierte Sensation „Gestaltung“ genug. Das Abgeschöpfte gibt ihm keinen Anlass für irgendetwas.

    Deswegen ist in der konsequenten Folge dieser Argumentation das Werk und nicht die Quelle zu betrachten. Die Quelle kann boulevardesk sein (war es häufig auch z.B. bei Th.Mann; Readers digest in der Tat! Oder auch bei Kafka, siehe hierzu die verdienstvolle Strafkolonie-Ausgabe bei Wagenbach). Das Werk muß leben und erweist sich selbst dann als Kunst.

    Persönlichkeitsrechte gibt es in der Kunst nicht. Vertritt man sie, so
    a. setzt man Werk und Wirklichkeit 1:1, verwechselt also literarisches und journalistisches Schreiben.
    b. und verbietet man, dass der Künstler auf die Welt reagiert, wass er allerdings muß, um zum Werk zu gelangen.

    Wer also Persönlichkeitsrechte gegen die Kunst ausspielt, muß wissen, dass er keine Kunst will. Denn noch bei fast jedem Werk sind Spuren in der erkennbaren Wirklichkeit nachzuweisen, die frecherweise vom Künstler „abgeschöpft“ worden sind. Bei Kafka (Frl. B., der Vater), bei Thomas Mann (zu viele zum Schildern), bei Joyce (interpunktionslose Diktion bei Ehefrau „geklaut“), Goethe (Margarete Brand/Kindsmörderin), ach was rede ich. Bei Proust offenbar doch auch (den Du Bersarin übrigens beim Lesefragebogen bei Hartmut „vergessen“ hast zu erwähnen).

    Der langen Rede kurzer Sinn:

    „Schon hielt er das Geländer fest, wie ein Hungriger die Nahrung. …
    Noch hielt er sich mit schwächer werdenden Händen fest, erspähte zwischen den Geländerstangen einen Autoomnibus, der mit Leichtigkeit seinen Fall übertönen würde, rief leise: „Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt“, und ließ sich hinabfallen.
    In diesem Moment ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.“

    Der Autoomnibus übertönt natürlich auch seine Worte, also die Literatur. Und der „Fall“ ist nicht nur physikalisch sondern auch juristisch zu verstehen.
    Tja, solche Sätze wird man niemals im Bildungsblatt oder im Stasi-Archiv finden. Da muß man schon dem Prager Juristen lauschen.

  7. Bersarin schreibt:

    Dank sei zunächst geschrieben für Deine ausführliche Darstellung, insbesondere in bezug auf das Abgeschöpfte: ja, wesentlich ist die ästhetische Gestaltung, die Auseinandersetzung des Künstlers mit seinem Material. Und das bedeutet am Ende, wesentlich ist das Kunstwerk und das, was sich darin zuträgt.

    Stimmt übrigens, ich vergaß drüben bei Hartmut Proust zu erwähnen, ich verlinke hier noch mal auf meine Antworten, weil meine Leserinnen und Leser nun einmal genau wissen wollen, wie ich denke. http://kritikundkunst.wordpress.com/2012/09/08/31-fragen-an-leserinnen/
    Und insbesondere bei Proust habe wir ja den Bezug zwischen Welt und Literatur. Er lebte in der Gesellschaft, die er seismograpisch beobachtete, registrierte und dann (be-)schrieb. Und eine Menge Menschen erkannte sich in seiner „Suche“ wieder.

    Interessant bei dieser Frage von Literatur und Leben: Die, welche den Textbegriff am heftigsten anfechten, sind dann merkwürdigerweise (oder vielleicht doch nicht so merkwürdig) genau die, welche am eifrigsten textualieren und Leben in Literatur umwandeln, vom Erlebten borgen. Ich selbst vertrete die These: Erlaubt ist, was gut, mithin ästhetisch gelungen ist.

    Allerdings ist die Frage nach Persönlichkeitsrechten nicht ganz vom Tisch zu wischen. Ich selber möchte nicht alles von mir plötzlich bei irgendwem in Literatur gebracht lesen, und zwar eins zu eins. Und wenn Personen eindeutig zu identifizieren sind oder gar der Lächerlichkeit oder zumindest der Peinlichkeit preisgegeben werden, gibt es ebenfalls eine juristische Grenze. Diese besteht zu recht. Es ist dies aber eine schwierige Frage, wieweit die Kategorie des Werkes und das Abschöpfen, das Aussaugen, das Benutzen legitim sind. Was geht und was geht nicht? Doch abstrakt lassen sich diese Dinge nicht beurteilen, sondern dazu bedarf es des Details und des konkreten Anlasses. Und wie in jeder Sache erfordert diese Beurteilung neben der Analyse ebenfalls eine Form des Taktes und des Gespürs für Situationen, sozusagen ein Sensorium. Die Fähigkeit zu Analyse, zur Reflexion bei gleichzeitiger Intuition für Situationen ist aber leider nicht jeder und jedem gegeben.

  8. summacumlaude schreibt:

    Die Frage der Persönlichkeitsrechte sind in der Tat bei der – Du schreibst es ja schon sehr richtig – 1:1-Literatur, bei der reinen Kolportage nicht vom Tisch zu wischen. Da fände ich mich auch sehr ungerne wieder. Nur die Kolportage mag einen Teil der Literatur darstellen, häufig wird sie einfach auch nur vorgeworfen. So ist es Thomas Mann mit den „Buddenbrooks“ geschehen. Seinerzeit geisterte ein wahrer Kolportageroman über das Leben und Treiben einer Garnison durch die Buchläden. Verfasser war ein Leutnant namens Bilse. Und Kritiker aus Lübeck meinten doch in der Tat auch in den „Buddenbrooks“ einen „Bilse-Roman“ erkannt zu haben. Reine Kolportage! Das ist natürlich Unfug, denn die Buddenbrooks leben als Kunstwerk weiter, von Bilse und seinem Kolportagemachwerk weiß man heute nur noch, weil – ach was rede ich! Thomas Mann selbst hat diese schöne Geschichte vor über 100 Jahren schon viel besser beschrieben in seinem Essay „Bilse und ich“. Und nur wegen dieses Essays weiß man heute noch von Bilse.

    Auch Th. Manns Sohn ist ja unter Kolportageverdacht geraten, pikanterweise mit einem Emigrationsroman. Der sich verunglimpft Fühlende war ein Daheimbleiber, der zunächst im Nazi-Reich Karriere machen durfte. (Hier gilt übrigens: Die Geschichte über „Mephisto“ ist mindestens eben so spannend wie der Roman selbst.) Ja, das Thema ist alt…

    Hat Proust auch ähnliche Vorwürfe erleben müssen?

  9. m schreibt:

    Was man bei der Thematik ‚Inspiration‘ und Abschöpfen leicht übersehen kann, wenn man das Werk betrachtet, sind nicht nur die psychologischen Dimensionen, sondern vor allem die wirtschaftliche und so ethisch-moralische Komponente. Die Quellen werden ausgebeutet ohne deren Zustimmung, vielleicht sogar trotz Protest. Wenn es dann die Frau als Muse trifft, ist das auch ein Bild der gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrer Verkommenheit. Die Bezeichnung als Muse, Inspiration, das Abschöpfen, das sind alles Begriflichkeiten welche die Ausbeutung, ja den Diebstahl, das Eindringen in private Sphären verklären, romantisieren, verharmlosen.

  10. summacumlaude schreibt:

    @ m: Alles nicht verkehrt, was Du sagst, vergiss aber nicht den exhibitionistischen Drive, der manche Musen reitet. Deine weitere Dimension bezüglich des Werkbegriffs ist aber richtig und wichtig. Klar, da geht es auch um Pfründe.

    Bei allem Pro und Con: Was das Werk angeht, muß ich hartnäckig bleibnen. Ohne das Bearbeiten der erlebten Wirklichkeit ist Kunst nicht zu haben. Das schließt Lebende und Tote nun einmal mit ein.

  11. m schreibt:

    @summacumlaude: Ein kurzer Rock und ein tiefer Ausschnitt berechtigen auch nicht zur Vergewaltigung. Das ist ein durchaus platter und polemischer Vergleich, verdeutlicht aber die Selbstbedienungsmentalität und die Verwerflichkeit. Ich stimme dir zu, dass ein Schaffen immer das bereits Erlebte verarbeitet. Das ist auch in der Wissenschaft nicht anders. Dort findet man immerhin Quellenangaben und Schmähungen wenn erstere nicht gemacht wurden. Mein Augenmerk liegt jedoch mehr auf dem wirtschaftlichen Aspekt der Ausbeutung. Ein Werk hat in der Vermarktungsmatrix ja auch immer eine finanzielle Seite.

  12. Bersarin schreibt:

    Mehrere Dinge sind hier zu differenzieren.

    Ja: ein Kunstwerk hat eine wirtschaftliche Seite. Wie der Arbeiter, der Angestellte, der Beamte will und muß auch der Künstler sein Geld verdienen. Worum, m, geht es Dir konkret, wenn Du auf das Wirtschaftliche abzielst? Das ist mir nicht ganz klar.

    Den Begriff „Frau als Muse“ halte ich in der Tat für Problematisch und dieses Verhalten kritisiere ich ebenfalls. Eine Bohème, die sich Frauen zur Inspiration hält, ist eine Scheißbohème. Ich zumindest will starke Frauen um mich. Ich selber schreibe als Mann, ich mache Texte, ich bin fast nur mit Frauen und kaum mit Männern befreundet. Es fiele mir jedoch nicht ein, eine der Freundinnen oder Partnerinnen als Muse zu gebrauchen. Im Studium steigerte ich mich mit mancher Frau an Texten auf, wir inspirierten uns gegenseitig. Das geht aber nur in einem gleichberechtigen Verhältnis (Auch wenn objektiv in der Gesellschaft keine Gleichberechtigung herrscht. Der Diskurs der Geschlechter ist jedoch zu komplex, um das hier abzuhandeln.)

    Wie andere, wie Künstler es in bezug auf die Muse machen, vermag ich nicht zu sagen. Mich interessieren die Werke und da ich zwischen Text und Biographie differenziere und da ich die meisten Künstler privat nicht kenne, habe ich nur Werke vor mit. Diese sind aus der Realität, aus der Wirklichkeit, die sehr verschieden strukturiert ist, geschöpft. Die Komplexionen und Verschränkungen des Begriffes von Wirklichkeit und die Möglichkeiten ihrer Dekonstruktion (Rashomon, von Akira Kurosawa sei das Stichwort) lasse ich mal außen vor. Nehmen wir Kafka. Keiner weiß recht zu sagen, ob er sich gegenüber Felice Bauer nun redlich oder unredlich verhalten hat. Als Muse gebrauchte er sie sicherlich nicht, und sie floß in das Werk auch niemals im Sinne von 1 zu 1 ein. Ich verstehe insofern, m, Deine Kritik nicht ganz. Daß Kafka bei Fischer oder bei Wolff veröffentlichte, wirst Du sicherlich nicht gemeint haben, denn in einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft kann ich meine Texte nun einmal nur an einen kapitalistisch orientieren Verlag verkaufen. Um auf ökonomische Bedingungen zu reflektieren, benötige ich aber keinen Blick auf die Kunst. Und in diesem Rahmen der Kunst geht es auch um eine ganz andere Ökonomie: die der Vernutzungen und der Verausgabungen.

    Politische Ökonomie muß andererseits auch das Verhältnis des Künstlers zum Markt im Blick haben, aber ich würde das nicht als individuellen Vorwurf streuen, sondern es sind Aspekte eines Systems.

    Quellen sollte man dann nennen, wenn einer etwas von woanders wortwörtlich abschreibt (siehe den Fall Helene Hegemann). In der Literatur ist dieses Spiel aber zugleich komplexer, denn sie ist nicht primär Wissenschaft.

    @ summacumlaude
    Vorwürfe zu Proust? Sicher bin ich mir nicht, aber ich meine mich dunkel zu erinnern, daß nicht alle von seiner „Recherche“ angetan waren. Aber ich kann es nicht konkret belegen. Was die Persönlichkeitsrechte betrifft, liegen wir wohl ähnlich, und man merkt ja doch sehr schnell an der Struktur eines Werkes, ob es ein bloßes Abpinseln oder ein Rachefeldzug gegen jemanden ist oder doch ein Stück gelungene Literatur, die von der Wirklichkeit borgte.

  13. m schreibt:

    Das Werk trenne ich auch von der Biographie. Mir ist es sowieso lieber nicht zu viel Kontext zu kennen, der unter Umständen den Blick verklärt. Ein Werk dessen Bedeutung mir erst herbeierklärt werden muss, hat für mich keine großartige. „There is no there there.“ Ist ein wenig wie bei Markenprodukten etc. Trotzdem finde ich die Biographie interessant. Vor allem bei Philosophen. Das Wirtschaftliche. „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“ Ist mir alles zu asymmetrisch. „Nicht die Freuden, nicht das Leben stellt den Wert des Menschen dar, immer nur wird das entscheiden, was der Mensch dem Menschen war.“ Es wird schon seinen Grund haben warum man sich dieses Sprüchlein für Beerdigungen aufhebt. Beschwipste Grüße, m

  14. ziggev schreibt:

    so ungefär zu Proust.

    als ich die damals neueste Surkamp-Ausgabe vor etwas mehr als 1 oder zwei Jahren las, die mit dem unsäglichen, zusammengestückelen Anmerkungsapparat, ist mir kein wirkliich erinnurungswerter Skandal aufgefallen oder in Erinnerung geblieben, der in den Anmerkungen Erwähnung gefunden hätte. Vielleicht an dieser Stelle ist zu erwähnen, dass die gesamte Recherche erst ziemlich spät veröffentlicht wurde, nach world war I. – jedenfalls wenn ich mich richtig erinnere. – Das Lob übrigens, das über das jetzt neue Buch der Italienrin über Prousts Mantel ausgesprochen wurde, ist berechtigt. Was sie da bringt, ist mehr als nur leere Faktenhuberei und der Recherche hinterherzurecherchieren. ein echter Tipp!

    Meine Proust-Bände liegen leider zwischen den verschiedenen Häufelungen unterschiedlichsten AKterials in meiner Wohnung verstreut, andernfalls hätte ich mir ja die Mühe gemacht, mal die Anmerkungen durchzublättern. Also sorry. Die Geschichten über die Real-Vorbilder bei Proust sind ja Legende. Ach, nunja – so ein paar Jahre vergehen so schnell, und wer bin ich, allen Ernstes mich heue noch zu Proust zuäußern. Ich zehre bis heute davon, diese Buch überhaut einmal gelesen zu haben, und da schließe ich, was ich erwähnen wollte, insbesondere die Erstlektüre vor über zehn Jahren mit ein.

    Zu Proust lässt sich nichts mehr sagen, vielleicht bei Adono, in „Minima Moralia“, noch einmal eine nennenwerte Anmerkung. Es steht alles bei Proust. Er verließ übgrigens machmal sein Kork-ausgekleidetes Zimmer und war noch selbst in dieser Zeit mit unterschiedlichen anderen Schriftstellen und Intellektuellen das damaligen Paris in Kontakt. Der Eindruck, meiner Erinnerung nach, welche bei mir nach der Beschäftigung mit Proust geblieben sind, intern wusste man schon bescheid, was der machte, er verließ manchmal sein korkausgekleidetes Zimmer mit seinem Mantel, es gab Diskussionen, aber keinen Skandal.

  15. Bersarin schreibt:

    @ Ziggev
    Danke für diese Hinweise. Meine Prouslektüre ist über zwanzig Jahre her, noch in der alten Übersetzung von Eva Rechel-Mertens – zerlesen, gefüllt mit Zetteln und mit Unterschreichungen versehen.

    @m
    Die Frage zu den Kontexten und dem Herbeierklären ist wohl nicht so einfach zu lösen. Es gibt Bezüge, die Verstehen sich nur im Bezug auf andere Texte oder Kontexte. Kein Werk ist immanent aus sich zu verstehen.

    Beschwipste Grüße sind immer gut. Rausch und Reflexion

  16. m schreibt:

    Die Sache mit der Intertextualität. Dennoch. Finde ich Zugang, Bedeutung über meine eigene Welt, mein Wissen. Letztlich geht es nur um mich. Reflexion, am Werk berauscht. Oder ernüchtert vor einer Kalkwand.

  17. Bersarin schreibt:

    Meine Welt, mein Wissen gibt es nicht. Ich kann den Solipsismus und die Ästhetik der eigenen Existenz, gleichsam das narßistische Moment des Denkens als radikalmasturbatorisches Moment der Reflexion auf sich selbst gut nachvollziehen. Denken bescheidet sich aber nicht dabei. Ich will nicht den Begriff des Intersubjektiven anbringen, der greift zu kurz. Aber den der Objektivität von Bezügen. Es gibt kein Ich.

  18. m schreibt:

    Wenn Sie meinen, Verehrtester. Wie kann Objektivität von Bezügen existieren ohne ‚Ichs‘ die sie attestieren.

  19. Bersarin schreibt:

    Das Ich ist lediglich eine abgeleitete Form im Diskurs des Wissens. Wieweit Subjektivität nötig ist, bleibt eine andere Frage. Ich möchte zudem auf die Unterscheidung zwischen transzendentalem und empirischem Ich verweisen.

    Daß 1 plus 1 = 2 hängt nicht am einzelnen Ich.

    Leider bleibt mir aber zu dieser Uhrzeit nichts, um diese Fragen abschließend zu klären.

  20. m schreibt:

    Ob Subjektivität nötig ist. Wenn Sie mich fragen, wäre sie unnötig. Aber sie ist. Solang es das wir nicht ins Bewusstsein schafft. Woran das liegt, führte zu weit, wegen der Uhrzeit allein, und trotz Wein.

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