Body Count

Es bewegen sich zur Dämmerung hin die verschwitzten Leiber mit erhöhter Geschwindigkeit rund um die Hamburger Außenalster. Es ist Samstagabend, es ist an ein friedliches Spazierengehen nicht zu denken, weil es im Zweisekundentakt an mir vorbeikeucht, röchelt, stöhnt und schwitzt. Humankapital stählt sich die Körper, fitnessisiert sich; die Selbstdisziplin, die Selbstkontrolle ist den Subjekten bzw. dem, was davon als kapitalisierter Körper im Hinblick auf die Arbeitswelt noch übrig blieb, so in Fleisch, Blut, Poren übergegangen, daß es keiner äußeren Disziplinarmacht mehr bedarf. Die Kontrollgesellschaften, so schreibt es Deleuze, lösten die Disziplinargesellschaften ab.

„In den Disziplinargesellschaften [über den Plural kann man streiten, ich halte ihn für unangemessen, Hinw. Bersarin] hört man nie auf anzufangen (von der Schule in die Kaserne, von der Kaserne in die Fabrik), während man in den Kontrollgesellschaften nie mit irgend etwas fertig wird: das Unternehmen, Weiterbildung, Dienstleistung sind metastabile und koexistierende Zustände ein und derselben Modulation, die einem universellen Verzehrer gleicht.

[…]

Viele junge Leute verlangen seltsamerweise, ‚motiviert‘ zu werden, sie verlangen nach neuen Ausbildungs-Workshops und nach permanenter Weiterbildung; an ihnen ist zu entdecken, wozu man sie einsetzt, wie ihre Vorgänger nicht ohne Mühe die Zweckbestimmungen der Disziplinierung entdeckt haben. Die Windungen einer Schlange sind noch viel komplizierter als die Gänge eines Maulwurfsbaus.“
(Gilles Deleuze, Postskriptum über die Kontrollgesellschaften)

Es wird gelaufen, der gute Körper ist kulturelles Kapital, er dient der Funktion. Funktion und Form des Körpers müssen, nicht anders als beim guten Design, einander bedingen. Priorität besitzt der gestählte, der trainierte Crossfitbootcamp-Körper, der jeder Anforderung gewachsen sich zeigt. Im gesunden Körper wohnte früher ein gesunder Geist. So sagte man. Für die heutige Zeit ziehe ich dies stark in Zweifel. Aber im Rahmen der puren Sinnlichkeit mag ich diesen Anblick durchaus: Die straffen, unter dem engen modischen Sportdress hervorwölbenden Brüste, den Hintern formschön, als joggten und trainierten sie ein Leben lang, die hauteng anliegende Jogginghose, schlanke Fesseln, trainierte Arme. Und es laufen fast nur blonde Frauen im Sekundentakt. Da vergesse ich sogar die Kritische Theorie Adornos und die Kritik von Deleuze. Auch Männer hecheln, aber auf die achte ich nicht. Sie fallen nicht in mein Beuteschema. Mein Altherrenblick auf die Ärsche und Brüste stimmt mich mit der Welt versöhnlich. Ich blicke auf die Körper, fixiere die sekundären Merkmale des Geschlechts, zähle ab, setzte Werte, stelle Hierarchien auf, vergleiche.

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Sport dient nur noch sekundär der Gesundheit sowie der Steigerung des Denkens, sondern er wird benutzt, um sich selbst in der Arbeitswelt doppelt zu optimieren: ähnlich wie asiatische Philosophie oder dergleichen Meditationstechniken. Es geht nicht mehr um die Sache oder darum, sich im Zen in etwas zu versenken, sondern um die Funktionsleistung. Sich zu versenken, bleibt allenfalls Nebeneffekt. Die Frage, wie in einer verdinglichten und zugerichteten Welt zu leben sei, ist kaum noch zu beantworten. Sich den Widersprüchen zu stellen und diese dann auch auszuhalten, vermag kaum einer. Insofern laufen die Menschen in Horden in geschmackvoller, enganliegender Sportkleidung um die Außenalster und verderben mir die Bildwelt. Es gibt auf „Proteus Image“ weitere Photographien von der Alster.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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14 Antworten zu Body Count

  1. summacumlaude schreibt:

    Sport als Erfüllung am Sport – Du sagst es ja – ist „megaout“. Fast muss man von der Kommodifizierung des Körpers reden, dessen Leistungsoptimierung einem „Wettbewerbsvorteile“ zur Verfügung stellt, die dann „gewinnbringend“ gegen lästige Dickbauchkonkurrenz anzuwenden sind. Das hat nichts mit Laufstegjobs zu tun. Man fittet sich um mitzuhalten, um den Konkurrenten nicht nur geschäftlich sondern nebenbei auch körperlich niederzuwalzen. 12 Stunden im Büro und dann läuft er/sie noch Marathon, während Du schon nach sechs-sieben Stunden nicht mehr mitkannst und nur noch des Ende des beschissenen Arbeitstages herbeisehnst. Wer kriegt da wohl die Beförderung – Salat und Vitaminpillen oder paniertes Schnitzel und Zigarette?
    Nun, kurzatmig fluchend wird der schlaffe Looser dieses Contests den Kopierer bedienen müssen, während der körperstraffe Winner im ledernen Chefsessel wippend den Bizeps so nebenbei mit der Kurzhantel stählt – so sieht es aus.

    Hierbei spielten und spielen Stimulanzien und andere Doping-Mittel übrigens eine überragende Rolle. Man glaube doch nicht, dass die Pharmaindustrie z.B. Wachstumshormone nur für die wenigen Minderwüchsigen oder die paar Leistungssportler produziert. In der Marktanalyse sind die Massen von Breitensportler, die das Zeugs auch nehmen, natürlich mit dabei. Selbiges gilt für das für ambitionierte Läufer so interessante Erythropoetin. Einigen Deiner Alsterläufern wird es nicht unbekannt sein. Handelsname EPO.
    Dazu eine Geschichte aus dem Leben: So ein Zeugs lag nämlich einstmals in Massen im Kühlschrank einer chirurgischen (sic!) Station. Was will denn eine chirurgische Station damit? So viele Nierenkranke hatten die doch gar nicht. Nun, das nicht; aber sie hatten eine ambitionierte Laufgruppe, die das Ziel einte, beim Marathon in Berlin auf sich „aufmerksam“ zu machen. Der Chef vons Ganze war seeeeehr sportbegeistert… und zwei und zwei ist immer noch vier.
    Nachdem ich als Stationsarzt auf den offenkundigen Unfug hingewiesen hatte, so viel EPO in der Chirurgie zu bunkern, verschwand das EPO-Depot so plötzlich wie es gekommen war. Der Dealer der Laufgruppe hatte ein anderes Lager gefunden.

    Übrigens: Während des zweiten Golf-Krieges (desert storm) mussten die amerikanischen Journalisten Fitnessbeweise liefern, bevor sie über den Krieg berichten durften. Nie wieder sollten dickbäuchige, untrainierte Thresenhänger den Krieg zu Hause tot schreiben und tot berichten, wie es in Vietnam passiert war.
    Grüße!

  2. FrauWunder schreibt:

    Sehr erheiternd für mein Gemüt, trotzdem mit leichter Wehmut gelesen, denn es ist und Sie haben es treffend beschrieben, allerbestes Laufwetter und da liegt der bewegungshungrige Körpermensch nicht gern im Bett und kuriert Virenangriffe. Ja der moderne Mensch knechtet sich selbst, er diszipliniert sich selbst, er optimiert bis zum verrecken. Aber es ist nicht nur dieser Kontrollwahn, der einhergeht mit dem Machbarkeitswahn, nach dem Motto; …wir müssen nur wollen. Nein es ging auch etwas verloren und dies schon vor langer Zeit. Und zwar der Glaube an den Menschen als Ganzes, als widersprüchliches Individuum mit Ecken und Kanten, Begierden und Ängsten, Talenten und Fehlern. Wir haben uns für die vermeintlich helle Seite entschieden und damit Gott abgewählt. Erst versuchten wir ihn durch Spaß zu ersetzen und huldigten ihm in Spaßbädern, Wellnessoasen und Clubdiscos und nun nannten wir ihn Körper. Ja wie ersetzten das Wort Gott, durch das Wort Körper und beten dieses nun an, dieses Wort dieses Mondkalb. Und dabei fühlen wir uns frisch und selbstbestimmt und eigensinnig, aber wir sind es nicht, denn wir haben die dunkle Seite vergessen. Die Faulheit und Trägheit von Körper und Geist, die Langweile (welch Pest in dieser Zeit) die Ineffizienz, das Alter, den Verfall, den Tod, die Angst und das Scheitern….mit all dem war man bei Gott gut aufgehoben, im Fitnessstudio eher weniger.
    Was ich sagen will; der Köper besetzt nur eine Leerstelle, die entstehen konnte, als wir uns gegen den Widerspruch, den Zweifel und in einigen Wahrnehmungen auch gegen Gott entschieden…
    Und dabei geht es nicht um Märkte, das ist sekundär; es geht um das Gefühl der Selbstbestimmtheit, wenn auch nur vermeintlich, in Abgrenzung zur Demut. Ich kenne neben dem Wort Gott, kein unpopuläreres als das Wort Demut….

  3. Bersarin schreibt:

    @ summacumlaude
    Ich danke sehr für die ergänzenden und vor allem: erhellenden Zeilen aus der medizinischen Sicht, aus der Praxis sozusagen. Dies sind in der Tat Bedingungen, die mit in die Reflexion zu nehmen sind. Insbesondere das Moment des Wettbewerbsvorteils. Der im Grunde auch wieder seichte Dokumentarfilm „Work hard, play hard“, der die Notizen aus der Arbeitswelt in der Kontrollgesellschaft lieferte, zeigt, wie sich die Individuen selber zurichten und wie sie manipulativ zugerichtet werden.

    Ich erinnere mich zudem an eine Bekannte aus der e-commerce-Branche, die ihren Körper stählen und trainieren ließ von ihrem eigenen Chef. Denn die Arbeit, die Arbeit, die hört nimmer auf … Und Chefchen schaute dann – so wie ich – auf das enge Sportdress jener Frau. Die Menschen sind sich für keinen Dreck zu schade und beklatschen auch noch ihre eigene Unterjochung und Demütigung. Das ist das schlimmste. Die Identifikation mit dem Aggressor. Wir alle bangen um unseren Arbeitsplatz. Und Scheinselbständigkeit heißt dann in der neudeutsch-postmodernen Parole: Sich selbst neu erfinden.

    Zum Glück wurde mein Text nicht so gelesen, als spräche ich mich gegen Sport aus. Es ist wichtig, ein Verhältnis zum Körper zu haben. Dies schreibt ein Mann, denn eine Frau einmal Herr Geist rief, während ich sie Frau Körper nannte. Und das war sie – zumindest von den Dingen her, die ich sehen durfe.

    Ich trainierte dieses Jahr ein wenig vor dem Kampfeinsatz am 1. Mai in Berlin, es hat aber nicht gereicht, da ich nicht das Erklimmen von Mauern und das Überspringen von Zäunen ins Programm mit aufnahm. Das ist mit ca. 10 kg Ausrüstung nicht ganz einfach.

    @ Frau Wunder
    Ja, es ist schönes Laufwetter, es naht der Herbst, das Wetter eignet sich zu langen Spaziergängen: nicht um in der Stadt zu flanieren, sondern ich streife durch die Wälder, verliere mich darin. Grenzgänger, Einzelgänger, Waldgänger. Ich bin der bewegungshungrige Geistesmensch. Wie passend und wie komplementär.

    Den Begriff von Gott verwende ich eher selten, ausgenommen in meinen theoretischen Ausführungen, da ich an der Theologie sehr interessiert bin – es ist schließlich die kleine Schwester der Philosophie. Wie Sie es ahnen, bin ich Agnostiker. Andererseits ist meine Devise: an Gott zu glauben [als Metapher für ein Wesen (auch im Hegelschen Sinne), das unsere Zugriffe übersteigt], kann nicht schaden: Gibt es ihn nicht, so habe ich nichts verloren, aber wenn es ihn gibt, habe ich unendlich viel gewonnen – die Pascalsche Wette eben, was mich erinnert, wieder einmal in seinen „Pensées“ zu lesen, um zur Ruhe und zum Frieden zu finden. Aber das wird einem Menschen wie mir schwierig möglich sein, dessen Antrieb das Feuer ist. Ja, wir leben in und von und mit den Widersprüchen, nein, nicht nur mit den, sondern: mit unseren Widersprüchen. Und das meine ich nicht nur im gesellschaftlichen Sinne. Es gibt Disparates, Bi-Polares, das sich nicht auflösen läßt. Hiersein und zugleich Nichthiersein. Jemanden für immer wegwünschen und das unendliche Sehnen nach dieser Person. Kennen Sie den Truffaut-Film „Schießen Sie auf den Pianisten“?

    Der Widerspruch ist zugleich aber der Motor von Entwicklung und Denken, der Widerspruch ist notwendig, und eine Theorie oder eine Praktik der Einheit, die den Widerspruch nicht denken kann, bedeutet meist, einen faulen Frieden oder einen Kompromiß, der nicht angemessen ist, einzugehen.

    Was Sie schreiben, hat mit dem Laufen zu tun und es hat zugleich nicht damit zu tun. Ich würde zwar einiges anders ausdrücken, weil ich durch mein Denken von einer anderen Begrifflichkeit herkomme. Aber von der Tendenz sehe ich manches ähnlich.

    Das Wort ‚Demut‘, ist, wenn es nicht in einem christlich-passiven Sinne gebraucht wird, um Bestehendes zu affirmieren, ein wichtiger Begriff. Ich selber übersetze es mit Innehalten in einer Bewegung. ohne aber in der Statik und in der Starre zu verharren. Demut ist auch in Rahmen der Reflexion von Bedeutung, und gerade aus Demut vor dem Text ist zuweilen das Wüten und das Kämpfen wichtig. Man braucht deshalb auch das Joggen.

    Bei einer Viruserkrankung ist jedoch in jeder Art der Anstrengung Vorsicht geboten, zumal sich der Herzmuskel entzünden kann. Und wer will schon, daß der sich samt dem Herzen entzündet?

    Ja, Demut ist ein interessanter, schillernder, vielfältiger Begriff.

  4. che2001 schreibt:

    Stimmt alles. Dennoch: Für mich ist es purer Genuss, zu laufen, Fitnesstraining zu betreiben, körperliche Grenzerfahrungen zu suchen. Und kein Widerspruch zu weinseligen Abenden. Übrigens auch ein Lebenselixier. Als mir nach einem Verrenkungsvierfachtrümmerbruch gesagt wurde, ich wäre jetzt behindert und würde nie wieder klettern können sagte ich mir „Euch Ärschen zeig ich´s!“ und habe trainiert wie ein Irrer, um nur 6 Monate nach meiner letzten OP einen schwierigen bis sehr schwierigen Klettersteig öffentlich erstzubegehen. Uns so komplett durchgeschwitzt nach dem Training zu ermatten finde ich fast so geil wie Sex.

  5. Bersarin schreibt:

    Diesen Aspekt des Sports sehe ich ebenso. Wenngleich unsere Sportlevel wohl erheblich differieren. Berge erklimme ich nicht, und Venushügel meide ich mittlerweile aus Altersklugheit. Schön sind die weinseligen Abende – in der Tat. Wir haben das im Februar ja gesehen, wenngleich ich nur mäßig trank wegen des Automobils. Leider aber, das muß ich bekennen, häufen diese weinseligen Abende sich bei mir seit einem Jahr etwas zu sehr. Hegel soll, so geht das Gerücht, jeden Abend eine Flasche Wein getrunken haben, was mich ein wenig in Ruhe bringt. Immerhin: er starb nicht an irgendeiner Herzscheißsache, durch schlechten Lebenswandel hervorgerufene Koronare Herzkrankheit, sondern bloß an der Cholera, vor der sein Antipode Schopenhauer aus Berlin nach Frankfurt floh.

    Ich würde es in bezug auf die Erregungszustände und die lebensnotwendigen Aufsteigerungen provokant so formuliereren: Die Lektüre Hegels ist Sex mit den eigenen und den fremden Gedanken. Die „Wissenschaft der Logik“ zu lesen, ist nicht bloß Theorie, sondern für den Ästhetiker im Grandhotel Abgrund paart sich das mit dem sinnlichen Moment: in den Sätzen zu versinken und zugleich eine Struktur in den Blick zu bekommen. Ohne Hegel gibt es keine adäquate Theorie! Und natürlich auch keinen guten Sex.

    Dennoch: der Aspekt des Körperlichen bleibt wichtig. Ich bin da ganz Phänomenologe.

  6. summacumlaude schreibt:

    @Che: Himmel, gegen den Sport schreibt niemals eine alte Kannone (Fußball, Leichtathletik); es ging mir nicht um den Sport „an sich“, der so unschuldig ist wie eine schmutzige Kinderwindel. Aber, was gibt es schon „an sich“?
    Ich meinte den Aspekt Sport als Karriererakete, den ich mehrfach registrieren musste. U. A. auch war das Fußballkönnen entscheidende Einstellungsvorraussetzung, da man ja gute Leute im Spiel gegen die Internisten brauchte (kein Witz!). Hierdurch wird das ludi, das Spielerische des Sports übrigens ad absurdum geführt und das Doping erreicht durch diesen Leistungsdruck den Breitensport. Denn da wird gedopt, dass die Sehnen reißen. Schon mehrfach auf dem OP-Tisch gesehen: Doping-Folgen (Gynäkomastie, Tumoren, Gefäßschäden). Und in der Rettungsstelle: Schlimme Elektrolytentgleisungen durch überehrgeiziges Marathonlaufen. Nunja, diese freiwilligst gesuchte Nähe zum Tod hat natürlich auch wieder etwas für sich und lässt einen durchaus über das sonstige Vollkaskoleben reflektieren. Aber das gehört woanders hin.
    Ein weiteres Thema wären die Fußball-Mütter….
    Man sieht also, man muß gar nicht politisch hoch ran, um dem Sport die behauptete Unschuld (alles nur Spiel) zu nehmen.

    Deswegen jongliere ich nur noch den Ball und hantel ein wenig herum. Hiermit bediene ich keine Traumprojektionen (die Internisten hauen wir inn Arsch!) fragwürdigster Herkunft. Fitnesstraining mit einem Expander hat am Anfang des 20 Jhd. übrigens schon ein gewisser Herr Müller propagiert. Man nannte das dann auch „müllern“, wenn man diese Form der Ertüchtigung wählte. Ich „müllere“, du „müllerst“, ersiees „müllert“ usw. Auf einem Portraitphote G. Grosz‘ sieht man so einen Expander.
    Und „Müllern“ tat auch ein Prager Jurist, geb. 1883 und Angestellter der Arbeiter-Unfall-Versicherung…..

    @FrauWunder Mich hat derselbe Virus abgemeiert, sodass ich nicht müllern oder laufen kann.

  7. tom schreibt:

    was stimmt ist, dass man an der alster wirklich nicht mehr spazieren gehen kann, weil man keine 2 sekunden ruhe hat.. von hinten, von vorne kommen ununterbrochen die gleichen menschen, joggend mit diesem pferdeblick, mit diesem selbstbewussten ich schaffs!-blick und unterbrechen mit den lauten des laufens jede unterhaltung oder selbstunterhaltung, auch das auf das wasser kucken oder in den himmel kucken ist nicht möglich..
    die zeiten ändern sich man geht wo anders spazieren ..

  8. summacumlaude schreibt:

    Selbstkommentar: Kanone natürlich, aber sprich auch: Kannohne. Und außerdem: AllesMülleroderwas.
    Seid alle gegrüßt!

  9. Bersarin schreibt:

    @summacumlaude
    Grüße zurück. Aber: ist es nun der selbe oder der gleiche Virus, den ihr teilt? Eine Differenz ums ganze, wie mir scheint. ;-) Insbesondere bei Viren.
    Bei mir im Januar war es übrigens Epstein-Barr.

  10. Bersarin schreibt:

    @ tom
    Ich lebe nicht in HH und kann es deshalb nicht gut beurteilen, wie es alltags dort ist, aber diesen Pferdeblick, den beschriebst Du gut. In Berlin gibt es Orte, da ist es ganz ähnlich. Krumme Lanke und Schlachtensee etwa.

  11. summacumlaude schreibt:

    Da Viren kein Eigenleben haben, sich lediglich als Klone infiltrativ verbreiten, darf es ruhig derselbe sein, ohne dass man sich je sah. Bei Viren gilt noch mehr, was auch bei Menschen gilt: Über sechs Ecken kennt jeder jeden. Und natürlich ist es das Virus, also dasselbe. Aber das ist ja fast dasgleiche.
    Da fällt mir noch etwas ein: Wie stabil ist eigentlich ein N2-Molekül? Zerfällt es, reagiert es (aber es ist sehr träge) oder kann es über Jahrhunderte „halten“? Im letzten Fall wäre es möglich, dass ich DASSELBE Molekül eingeatmet habe wie schon einmal Goethe, Kant, Newton oder wer auch immer. Schöne Vorstellung. Für O2 also Sauerstoff übrigens weniger wahrscheinlich, da O2 zwischen Tieren und Pflanzen pendelnd ständig umgewandelt, oxidiert wird.

  12. FrauWunder schreibt:

    Zur Demut; natürlich aktiv, im Sinne einer Haltung, den eigenen Narzissmus überwindend. Aktiv nicht im Sinne eines blinden Aktionismus sondern eher im Sinne Spinozas: der bei den Affekten unterscheidet in aktive und passive Affekte. „Wenn der Mensch aus einem aktiven Affekt heraus handelt, ist er frei, ist er Herr diese Affekts; handelt er dagegen aus einem passiven Affekt heraus, so ist er ein Getriebener, das Objekt von Motivationen, deren er sich selber nicht bewusst ist. „ (Spinoza, Ethik, Teil IV,8. Begriffsbestimmung)
    Übrigens auch schön auf die Liebe zu übertragen, meint Fromm;
    „… denn auch Liebe ist actio, sie ist etwas, was man in sich selbst entwickelt, nicht etwas, dem man verfällt. „(Erich Fromm, Die Kunst des Liebens)
    Und zu Gott bleibt noch zu sagen; da wo das Denken sich tot läuft, setzt der Glaube an. Und wenn man Gott als „die Verneinung des Verneinens und ein Verleugnen des Verleugnens“ als das „absolute Nichts“ oder „Endlose“ (Meister Eckhart), sprich den Widerspruch an sich begreift; dann kann man sich als Mensch entscheiden ob man bei der Entschlüsselung und Dechiffrierung all der Doppelbödigkeiten durch das Denken dem Wahnsinn anheimfallen möchte. Oder aber diese Wirklichkeit mit all ihren Widersprüchen und Paradoxien annehmen und in Demut ertragen kann.

    Die paradoxen Logiker sprechen davon;
    „….der Mensch könne die Wirklichkeit nur in ihren Widersprüchen wahrnehmen, und er könne die letzte Einheit der Wirklichkeit, das ALL- EINE selbst niemals verstandesmäßig erfassen. Das hat zu Folge, dass man das letzte Ziel nicht mehr auf denkerischem Wege zu finden suchte. Das Denken kann uns nur zur Erkenntnis führen, dass es selbst uns die letzte Antwort nicht geben kann. Die einzige Möglichkeit die Welt letztendlich zu erfassen, liegt nicht im Denken, sondern im Akt im Erleben vom Einssein.“

    Im Akt, welch genialer Einfall; das ist so geil, das hätte von mir sein können, nein es ist nicht von mir es ist von Fromm „Die Kunst des Liebens“ aus seinem Abschnitt über die Gottesliebe. Und wieder verbindet sich alles mit allem und alles hängt irgendwie zusammen, die Demut, die aktive innere Haltung, der Glaube, die Hoffnung und die Liebe…

  13. Bersarin schreibt:

    „Und wieder verbindet sich alles mit allem und alles hängt irgendwie zusammen, die Demut, die aktive innere Haltung, der Glaube, die Hoffnung und die Liebe…“ Ja. Wie wahr. Und Sie wissen ja: ich liebe die Korrespondenzen. Und gerade dann, wenn alles mit allem zusammenhängt. Es ist dieses Spiel, dieser Zusammenhang wie in der Poetik Baudelaires. Und es steht in den „Blumen des Bösen“ ja auch ein Gedicht, das heißt: „Korrespondenzen“. Auch Metaphern sind solche Korrespondenzen.

    Mit dem, was Sie schreiben, versuchen Sie mich auf meinem eigenen Feld mit meinen eigenen Waffen zu schlagen! Aber vergessen Sie nicht: ich bin nur ein armer Erkenntnistheoretiker, ein Metaphysiker der Liebe, ein Mensch der ästhetischen Theorie in meinem komfortablen Grandhotel, keine Wesen der Handlungstheorie. Obwohl ich ja manchmal gerne Ausflüge unternehme und die Praxis auch wieder schätze. ;-) Dennoch: was Fromm zur Liebe als actio schreibt, ist zu bedenken, und vielleicht auch zu praktizieren. Aber Kennen und Können sind oft zwei Paar Schuhe. Und zugleich bin ich mit allen Hegelschen Dialektischen Wendungen bestens vertraut. Mein Zweitname ist Odysseus.

    Es ist lange her, daß ich das Buch von Fromm las. Er gehört, wie Sie wissen, in den Umkreis der Kritischen Theorie.

    „Und zu Gott bleibt noch zu sagen; da wo das Denken sich tot läuft, setzt der Glaube an.“ Das Wissen einzuschränken, um zum Glauben Platz zu bekommen, so formulierte Kant sein Programm einer Kritik der reinen Vernunft. Es ging ihm um die Grenzen und um ein wenig Sicherheit bei der Fahrt über den Ozean. Aber eine Grenze zu setzen, heißt bereits, sie zu überschreiten. Und diese Transgression ist richtig so. Es geht darum, Grenzen zu überschreiten. Auch im Exzeß und in der Ekstase, manchmal auch im Zorn. Sie und ich wissen es am besten: Küsse und Bisse, das reimt sich!

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