Hamburg Veddel (2) – Und bitte keine Authentizität: never more, never more!

Ich empfand dieses Wort immer schon, seit den 80er Jahren, als ein Schimpfwort, als einen Begriff, der nichts auszeichnet, sondern der vielmehr auf die Kläglichkeit hinweist: und zwar meine ich den Begriff „authentisch“. Es ist dies sprachliche No-go-Area. Heute las ich in der „Zeit“ der letzten Woche – ich bin, wie mit so vielem im Leben und metaphysisch, sehr im Rückstand – in dem Interview/Gespräch mit René Pollesch und Harald Schmidt, daß es Pollesch ganz ähnlich ginge. Die schlimmste Beleidigung, die Pollesch kenne, sei „authentisch“. Früh bin ich mit Surrealismus, Sartre, Dada, Adorno, Hegel und der Klassischen Moderne in Berührung gekommen, und so ergab dieser Begriff keinen Sinn, er verweist auf ein Konstrukt, auf Schauspielerei, auf Ideologie, aber nicht auf irgend einen Wesenskern oder eine adäquate Form von Subjektivität. Ganz im Gegenteil, die Menschen, welche authentisch oder bei sich selbst sein wollten, kamen als alles mögliche herüber, nur waren sie nicht das, was sie gerne wären. Ich halte es hier mit Adornos Aphorismus aus den „Minima Moralia“: „Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.“

Und es fällt mir auf, daß heute ein besonders schönes Datum ist, im Sinne des Kabbalistischen Spiels – Ziffern als Buchstaben. 12.9.12. So ganz authentisch gesagt. Ein Datum für den Einschnitt, so wie ich mit meinem japanischen Küchenmesser den Fisch für das Sushi schneide, was mich angesichts der einschnitthaften Daten darauf bringt, langsam mal meine Lektüre auf Derridas Ausführungen zum Datum zu lenken.

Veddel ist ein Hamburger Stadtteil, der südlich der Elbe liegt; nein, das ist falsch: es ist ein Stadtteil, den die Norder- und Süderelbe umfließt. Die Wohnlage ist, wie ich beim Durchfahren registrierte, so, daß ich dort photographieren möchte. Arbeiterquartiere. Schlicht, karg, viel Gewerbegebiet, die Architektur des roten Backsteins. Aber ist nicht ganz Hamburg im Grunde Veddel? Ja, Hamburg-Veddel eignet sich gut zur Photographie der ausgesucht öden Orte und die Bilder zeigen meine liebste Jahreszeit: den Winter. Wenn die Bäume keine Blätter mehr tragen, und wenn das Licht fahl schimmert, entstehen die interessantesten Photos. Aufpassen muß ich, während ich in solchen Zuständen des Lichtes photographiere nur, daß es nicht eine inszenierte Melancholie der Kitschwelt wird. Im Grunde möchte ich eine Landschaft, die kalt, tot und abgestorben daliegt. Vielleicht in der Weise, wie Edward Burtynsky seine (Städte-)Landschaften, die Brachen, welche der Preis unserer Technik sind, ablichtete: Anmutig und ästhetisch ansprechend und zugleich doch tödlich-vergiftete Orte. (Zu sehen gab es diese Photographien kürzlich übrigens im c/o Berlin.)

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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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10 Antworten zu Hamburg Veddel (2) – Und bitte keine Authentizität: never more, never more!

  1. skalpell schreibt:

    Ja mit der Authentizität ist das so eine Sache. Oft ist die penetrante Suche nach oder Argumentation mit angeblicher Authentizität unerträglich, in der Vehemenz mit der das heute passiert sicherlich auch eine Reaktion auf eine materielle und ideologische Verunsicherung. Andererseits erscheinen mir Versuche wie die von Christa Wolf, gegen die gesellschaftliche Tendenz zur Entindividualisierung anzuschreiben, und das unter dem schönen, spannungsreichen Schlagwort „subjektive Authentizität“ schon sehr spannend.

    Das ist ein Projekt, dem dann schnell mit dem unsäglichen Verweis auf „weibliches Schreiben“ der kritische Stachel gezogen wurde, aber ganz erledigt ist das meiner Meinung nach noch nicht. Die dahinterliegende Grundfrage ist schon noch von ziemlicher Relevanz: Wie kann es gelingen (und jetzt bring ich auch mal Adorno), sich von der eigenen Ohnmacht nicht Dumm machen zu lassen, nicht vorgeprägten Pfaden zu folgen, gegen den Zwang zur Anpassung etwas eigenes, individuell einzigartiges zu setzen?

    Christa Wolf betont, Authentizität sei überhaupt erst möglich, wenn bestimmte gesellschaftliche Voraussetzungen geschaffen sind. Mangel an Authentizität und Entfremdung gehen bei ihr zusammen.

  2. Bersarin schreibt:

    Zunächst einmal: Danke, daß es hier im Blog wieder Beiträge zur Sache und nicht dieses Dahingeschreibe ins Irgendwo aus dem Tal der Ahnungslosen gibt.

    Christa Wolf, eine Schriftstellerin, die ich schätze, brachte das gut auf den Punkt: diese Vergegenwärtigung von Subjektivität einerseits, die Versuche samt dem Kreisen, und die Aporien insbesondere, wie sie das in „Kein Ort, Nirgends“ entfaltet – jener dystopische Ort, der Augenblick eines Scheiterns, da wo Sprache, Denken, Handeln aussetzten müssen, weil objektive Bedingungen gegen eine bestimmte Weise der Subjektivität stehen. Diese Literatur auf den Begriff des „weibliches Schreiben“ zu bringen, ist, wie der Terminus insgesamt, ideologisch motiviert. Es gibt kein weibliches oder männliches Schreiben. Allenfalls eines der Perspektivität. Das Subjekt ist ein Knoten- und Spaltungspunkt.

    Ja, es ist diese von Dir geschilderte Situation die Aporie in einer durch und durch auf Disziplin, Selbstkontrolle in den Funktionsrahmen und Kapitalvermehrung getrimmten Gesellschaft, in der sich dennoch ein Ort und eine Sprache finden lassen muß, und zugleich bleiben die Ideologie und das Trügerische, welche jeder Form von Sprechen und Schreiben innewohnen und sie kontaminieren. Kein Ort – nirgends. Grandhotel Abgrund.

    Christa Wolf bringt dieses Aporie in die Literatur. Sie beschreibt ihr Land, das es nicht mehr gibt und das sich dennoch unendlich perpetuiert. Ob die Ästhetik, die Kunst, die Philosophie gegen diese „Kontrollgesellschaften“ einen Raum bereitstellen können, weiß ich nicht. Allenfalls sind es ephemere Situationen, eben flüchtige Augenblicke, Momente, in denen sich das Potential und Widerstand bergen. Dein Hinweis auf Christa Wolf hat mich insofern und in diesem Rahmen gefreut. Denn es überlebt in jenem äußersten an Subjektivität, wie schon Adorno wußte, zugleich die Möglichkeit des Widerstands, und zwar als eine Weise von Erkenntnis (ohne dabei die Praxis im ganzen zu denunzieren): Der Aphorismus, der auf jenen Satz von der Unverschämtheit Ich zu sagen folgt, heißt bekanntlich. „Der Splitter in deinem Auge ist das beste Vergrößerungsglas.“

  3. hanneswurst schreibt:

    Sehr schöne Gegend, fast so schön wie unsere Urdenbacher Kempen:

    http://www.fotocommunity.de/pc/pc/display/4184184

    Ein sehr authentisches Bild übrigens. Bitte drauf klicken um noch ein paar Bilder zu sehen – es wird noch authentischer.

  4. Björn Eriksson schreibt:

    Gesetzt den Fall, es gebe Wissen, so sind die Wege zu Wissen so zahlreich wie die Anzahl an Menschen.

    Was dem Unbedarften ein „Dahingeschreibe ins Nirgendwo aus dem Tal der Ahnungslosen“, könnte dem Anderen durchaus auch ein Abschlagen und Hauen aus vorhandenem ungestalteten Block zur Erstellung einer Skulptur sein. Eine Methode, bei welcher die aus dem Block herauszuhauenden Stücke danach bestimmt werden, ob diese zu dem noch Vorhandenem konsistent sind, oder nicht.

    Bei solch Vorgehensweise kann die zu erstellende Skulptur zwar dummerweise nicht benannt werden, da bei jedem Prozessschritt nur das zu begutachtende Teil mit seiner unmittelbaren Umgebung verifiziert werden würde, allerdings dürfte auf diese Art und Weise die Skulptur – nach und nach durch solcherart Tun – für den Bildhauer von jenem Schleier, der sie umgibt, eines Tages befreit werden.

    Diese Methode hätte zudem den Charme, zielgerichtetes Tun zu erlauben, ohne das Ziel bestimmt haben zu müssen. Ein Charme, der sich bei Konstruktion einer Skulptur in die Leere hinein nicht ergibt. Ist doch dabei zu sachgerechtem Hinzufügen von Teilen zu bereits Hinzugefügtem eine Zielvorstellung erforderlich, wolle man Ort und Form des neu Hinzuzufügenden bestimmen. Und das neu Hinzuzufügende wäre determiniert durch jenes, was bereits hinzugefügt wurde.

    Damit möchte ich mich von Ihnen verabschieden. Vielen Dank, dass Sie meine Kommentare freigeschaltet haben. Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg mit Ihrem Blog.

  5. Bersarin schreibt:

    @ Hanneswurst
    Diese Art von Compositing schätze ich nicht, und ich halte solche Bilder im ganzen für eher mißlungen, weil das auf den bloßen Effekt setzt. In bezug auf konstruierte Bilder würde ich auf Jeff Wall verweisen, z. B. „Insomnia“. Ein Titel, der mir vielfältig gefällt.

    @ Björn Eriksson
    Weshalb sollte ich Ihren Text nicht freischalten, solange er nicht gegen bestehende Gesetze verstößt. Ich zensiere hier im Blog nicht.

    Ihr Text ist stellenweise ein wenig erratisch und dunkel, aber ich will versuchen, Ihnen kurz zu antworten: Was das Wissen betrifft, so sollte man sich vorher darüber verständigen, was darunter zu verstehen ist. Naturwissenschaftliches oder gesellschaftswissenschaftliches Wissen, das Metawissen der Philosophie – alle diese Formen existiert nicht beliebig und menschenzahlmäßig angebunden. Wenn es so viele Wege zum Wissen gibt, wie Menschen, dann wären Beweise in der Mathematik sehr schwierig durchzuführen.

    Was die Bildhauerei betrifft, so ist diese von Ihnen geschilderte Form der Produktion sicherlich eine interessante Weise des künstlerischen Umgangs mit dem Material.

    Aber kann man von jedem Schleier befreien? Als jemand, der von Hegel her kommt, fiele mir das absolute Wissen ein. Aber mit diesem Gang des Wissens im Sinne Hegels scheint mir doch etwas anderes gemeint zu sein.

  6. irisnebel schreibt:

    das ist eine interessante frage: ist es kitsch, wenn ich den verfall, die einoede, die brache waehrend eines sonnenauf- der untergangs oder waehrend schoenwetters fotografiere, weil dann die kontraste der farbe und des hell-dunkel hervorstechen? ist das haessliche, sproede, karge besonders schoen uebertrieben, wenn ich es vor dramatischem himmel ablichte und damit verschaerfe, was schon da ist?

    ich denke, man sollte es nicht verallgemeinern. august sander, der neutrale fotografie bei menschlichen portraits anstrebte, den abgelichteten das lachen verbot und die bechers mit ihren wassertuermen vor ihren grauen glatten himmelsflaechen blenden einfach teile von realitaet bewusst aus, damit man sich auf den den gegenstaenden innewohnenden gegebenheiten focusiert, lenken auch den blick… genauso wie der kontrastierer und der verstaerker. unterschiedliche handschriften, unterschiedliche ergebnisse, unterschiedliche wirkungen… und unterschiedliche adressaten.

  7. Bersarin schreibt:

    Ich würde sagen, es ist Kitsch auf der Grenze. Recht gebe ich Dir, es nicht zu verallgemeinern. Zugleich bin ich mit diesen Photographien nicht zufrieden. Ich habe sie gezeigt, weil ich ziggev versprach, Bilder aus Veddel zu zeigen. Wobei ich nicht einmal mehr weiß, ob diese Landschaften überhaupt noch zu Veddel gehören und nicht vielmehr zu ganz anderen Stadtteilen. Egal.

    Becher und Sander, ja interessante Verbindung, das gefällt mir gut. Aber blendet nicht jede Photographie die Realität in gewisser Weise aus? Die Bechers (ein Ehepaar in der Kunst, wie schön, wie das tolle Künstlerpaar Anna Blume, die ich ob ihres Witzes und der Komposition in ihren Bildern ebenfalls mag) wollten keine Kunstphotographie machen, sondern im Grunde so viel Realität wie irgend möglich einfangen: die untergehende Welt einer Industrie mit ihren Stahlwerken, Kühltürmen, Fördertürmen. Alles dezent Ton in Ton und ohne harte Kontraste abgelichtet, so daß jedes Detail im Bild sichtbar ist, und zugleich werden diese Photographien in den Ausstellungen nicht Gursky-mäßig und groß aufgeblasen.

    Am Ende geht es doch darum, die Texturen der Photographie in ihren Unterschieden, Widersprüchen und in den verschiedenen Weisen von Wahrnehmung auf Gemeinsames und auf Trennendes hin zu sichten. Was ist die Logik und die Sprache des Bildes? Und zugleich in dieser Frage den Eigensinn des Bildes als Bild zu belassen. Das ist die große Kunst der Bildbeschreibung. Eben Be-Schreibung: Bild und Text durchkreuzen sich.

  8. ziggev schreibt:

    in Hamburg heißt es übrigens, wenn eins z.B. in Willhelmsburg wohnt, „ich wohne auf der Veddel“. „Die Veddel“ – damit ist wohl die Elbbinneninsel gemeint. Auf der sich die verschiedenen Stadtteile befinden: Willhelmsburg, Kirchdorf-Nord, -Süd usw. Und eben Veddel, worunter ich weniger einen Stadtteil verstehe, sondern im engeren Sinne mehr die auf der Binneninsel, der „Veddel“, nördlich gelegenen Hafenanlagen, Schleusen, Deiche und so fort. Deshalb ist diese Veddel so interessant, weil eins dort so selten hinkommt: Dort gibt es keine Menschen, abgesehen von denen, die da auf den Hausbooten wohnen, der Mensch geht unter in dieser topographisch zuerst schwer überschaubaren Hafenlandschft. Schon beeindruckend. Keine 20 Minuten Fußweg weiter, und dann bist du inmitten dieser Marschlandschaften.

    Ich möchte mich unter allen Umständen dafür bedanken, dass Du meine Neugier, denn ich wollte wissen, wie Deine Bilder von der Veddel aussehen, befriedeigt hast. Zuerst hattest Du dich ja geweigert, sie zu zeigen. Wie es sich so ergab, war ich dann im Sommer dort selbst beruflich unterwegs, mit Gelegenheit zum Fotographieren. Mal sehen, ob mein Computer Morgen gute Laune hat, ich werde dann noch die letzten bei mir bringen. Es sind Sommerbilder. Deshalb ist verständlicherweise der Blick des anderen Ortsfremden, diesmal aus Berlin (und im Winter/Herbst), nicht aus Nordhamburg, für mich interessant.

    Zum Kitschvorwurf, vielleicht etwas hart gesagt, sage ich jetzt nichts. Mitten in Hamburg stehst du plötzlich in der Einsamkeit dieser typisch norddeutschen Landschaft, wozu sonst eine einige hundert kilometerlange Reise erforderlich ist. Und da hast du den Himmel, warum den also nicht fotografieren? Ob ins Kitschige abdrifen oder nicht, ich finde es interessant, wie jemand ästhetisch, viellicht ästhetisiered, Dinge sieht, entdeckt, wiedergibt, die ich einfach übersah, und an denen ich wahrscheinlich vorbeifotografierte. Also vom weniger high-end ästhetischen Anspruch her gedacht habe ich mich wirklich über diese Bilder gefreut!

  9. Björn Eriksson schreibt:

    @Bersarin
    Vielen Dank für ihre Antwort!

  10. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Ja, vielen Dank. Ich stellte, wie geschrieben, die Bilder zunächst nicht ein, weil ich sie nicht gelungen fand. Wenn ich ehrlich bin: ich mag keine Landschaftsphotographie, weil das schnell schmalzig,verklärend, verkitschend, anbiedernd an irgend ein Naturschönes wird. Und man hat sowieso alles schon gesehen. Interessant allenfalls: zerstörte Landschaften oder aber: den Schnee und nur den Schnee zu photographieren. Das absolute Weiß. Solche Bilder gehen aber nur analog und handabgezogen, entwickelt auf Papier.

    Eigentlich hätte ich die Veddel von einer anderen Seite zeigen wollen. Da ich aber mit dem Auto so umherfuhr und schaute und fuhr und fuhr, kamen dann jene Bilder zustande.

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