Faltungen der Zeit – Juli Zehs „Schilf“ (1)

So beginnt vom Plot her und vom Stoff ein gut gebauter Roman und erzeugt jenen Lesesog: Ein (melancholischer) Rückblick des Erzählers/der Erzählerin auf zwei in der Studienzeit innig verbundene, unzertrennliche Freunde, geniale Ausnahmestudenten der Physik, gekleidet und mit dem Habitus des Dandys, deren Welt und deren Möglichkeiten noch vor ihnen liegen, doch die Zeit bringt Menschen auseinander und erzeugt Brüche und Dellen, die Freundschaft bleibt bestehen, doch die Intensität jener wilden physikalischen Studienjahre, die leidet. Dann gehört zum anfänglichen Personenensemble eine Frau, ein Kind, und ein physikalisches Problem zur Kausalität stiftet den Auftakt sowie eine (wohl nobelpreisverdächtige) Monotheorie der Physik, welche zwei Sichtweisen auf das Universum zu einer holistischen Theorie zusammenbringt, so daß Quantentheorie und allgemeine Relativitätstheorie sich vereinigen lassen, so der Physiker Oskar: die Welt sei ein Feingespinst aus Kausalitäten. Während der verheiratete mit Frau und Kind versehene Nanotechnologieforscher Sebastian eine Mehrweltentheorie verteidigt, in der zudem die Zeit nicht chronologische, sondern in einer synchronen Faltung existiert: es müsse mehrere Universen geben.

Aber es handelt sich bei den Ereignissen in diesem Buch wohl kaum bloß um ein Spiel der Physik oder um einen Exkurs zum Zeitsinn; der Krimi deutet sich an, bereits in dem Satz, der folgt, als Sebastian seinen Freund Oskar in seiner Freiburger Familienwohnung zu sich einlädt – wie jeden ersten Freitag im Monat, als Ritual:

„‚In vier Tagen bringe ich einen Menschen um‘, sagte Sebastian. ‚Aber ich weiß noch nichts davon.‘
Das jedenfalls hätte er sagen können, ohne zu lügen. Stattdessen behauptete er:
‚Der Freiburger Sommer ist so schön wie die Menschen, die ihn genießen.‘“

Ein verlogener und verlegener Satz, Sebastian wußte das, aber er war angesichts des Freundes sowie des bevorstehenden Disputes zu den Fragen der Physik nervös.

Und etwas später folgt dann die Theorie jenes wirren Zeitmaschinenmörders: „Nach der Tötung von fünf Menschen hatte der junge Mann ausgesagt, es habe sich keineswegs um Mord, sondern um ein wissenschaftliches Experiment gehandelt. Er sei aus dem Jahre 2015 angereist, u m die Viele-Welten-Interpretation zu beweisen. Diese betrachte die Zeit nicht als fortlaufende Linie, sondern als einen ungeheuren Stapel von Universen, der sich mit jedem Augenblick vergrößere, als eine Art Zeit-Schaum aus unendlich vielen Blasen, weshalb eine Reise in die Vergangenheit keine Rückkehr in ein früheres Stadium der Menschheitsgeschichte darstelle, sondern einen Wechsel zwischen den Welten. Folglich sei es problemlos möglich in die Vergangenheit einzugreifen, ohne dadurch die Gegenwart zu ändern.“

Eine feine und interessante These. Von einem Wahnsinnigen zwar ausgesprochen, aber deshalb, so Sebastian, müsse diese These selber nicht wahnsinnig sein. Solche Konstellationen regen an, und die extremen Probleme und Fragen von Physik und Philosophie erfreuen den regen lesenden Geist. Worum es in diesem Buch geht: ich weiß es noch nicht. Aber die Spannung steigt und wenn unwahrscheinliches sich verschachtelt, so erzeugt dies meist eine Dimension, die auf Dinge pointiert und fokussiert, die den Alltag um ein winziges überschreiten.

Ein Buch läßt sich schlecht besprechen, wenn der Leser gerade am Anfang sich befindet. Und insofern werden diese und mögliche folgenden Text auch keine Bücherbesprechung, keine Rezension oder ein Essay sein, sondern ein Vorlauf hin zu einer umfassenden Juli Zeh-Lektüre, die, so ich den langen Atem des Long-distance- runners besitze und durchhalte, auf einen Besprechungs-Text zu ihrem neuesten Roman „Nullzeit“ hinausläuft. Um diesen neuesten Roman lesen zu können, muß man, so meine These, auch die anderen Romane von Juli Zeh kennen. Denn Texte verweisen auf Texte und sind miteinander verbunden. Ich fange mit „Schilf“ an und gehe dann zu „Spieltrieb“ über, was mir vom Titel sehr gut gefällt. Vielleicht noch ein oder zwei Essaybände und ihr Erstlingswerk, den darin liegen meistens alle Aspekte eines umfassenden Textes gesammelt und in Anspielung und Anklang vor – gleichsam an sich. Von diesem Punkt her entfaltet sich ein Text und so wirkt die Literatur fort.

Zuletzt sei noch ein wunderbares Zitat jenes Physikdandys Oskar gegeben, als er den Trauzeugen bei Sebastians Hochzeit macht:

„Die Hochzeitsgesellschaft sprach hinter vorgehaltener Hand über den Trauzeugen, der an den Wänden des Festsaals entlangschlich und mit seiner dunklen Gestalt persönlich für die Schatten in den Ecken verantwortlich schien. Seine Miene behauptete, sich niemals im Leben so köstlich amüsiert zu haben. Statt eines Schleiers, erzählte er den peinlich berührten Gästen, hätte Sebastian seiner Braut eine grüne Lampe aufsetzten sollen. Bei Notausgängen gehöre sich das so.“

Schöne schwarze Romantik und der bittere Biß des Zynikers, so wie es in der gebotenen Schonungslosigkeit sein muß, weil es der Blick auf die Welt ist, der paßt: Die Dinge in ihrer Bedürftigkeit zu sehen. Ein fast messianischer Blick. Der Zyniker ist der Utopist des 21. Jahrhunderts.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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10 Antworten zu Faltungen der Zeit – Juli Zehs „Schilf“ (1)

  1. frauwunder schreibt:

    Nein! jetzt weiß ich auch in welcher zeitschleife sie sich verfangen haben. da kann ich ja lange warten. und ich hatte heute besuch aus der vergangenheit. da haett ich mir fast unterstuetzung gewuenscht. mal so vorwaerts in die vergangenheit und eins zwei weichen umgestellt.

  2. Bersarin schreibt:

    Ich befinde mich in keiner Zeitschleife.

    Besuch aus der Vergangenheit ist doch eine feine Sache. Da öffne man eine gute Flasche Riesling oder wenn dazu für den Besuch ein Wildgericht serviert wird, wie es für den Herbst angemessen ist, einen Spätburgunder. Gar einen Bordeaux? Ich selber habe im Moment einige Flaschen italienischen schweren Weines in meinem Regal. Und ist der Besuch nur virtuell, dann gibt es dazu sicherlich ebenfalls die passenden Getränke. SIe schrieben ja von Asti Spumante. Es ist also genug Unterstützung da.

    Und am Ende ist das empirische Ich doch immer nur es selbst. Beim Umstellen der Weichen sollte Sie gut auf den Zugfahrplan achten, daß da nichts kollidiert.

  3. ziggev schreibt:

    aber wirklich, im Ernst, Du willst doch nicht im ernst Juli usw. oder wie sie noch hieß besprechern. mit solcher Respeklosigkiet über die geschriebene Science-Fiction-Literatur im Wusch-Wusch drüberzuschreiben, sowas bekommt mir im Momoent gar nicht gut. mach aber bitte gerne weiter, ich werde meine Fähigkeit zur Demut testen, mit Pussy Riots Verhaftung ist noch nicht das letzte Wort gesprochen.

  4. Bersarin schreibt:

    Demut gefällt mir gut, wenn ich sie an anderen beobachten kann.

    Eigentlich geht es mir lediglich um eine Rezension von „Nullzeit“. Was „Schilf“ nun mit Science Fiction zu tun hat, erschließt sich mir allerdings nicht ganz. Allerdings bin ich in den Fragen der theoretischen Physik nicht so gut bewandert, daß ich hier den Unterschied ausmachen könnte.

  5. ziggev schreibt:

    ök., um auf Dein sachliches Argument zurückzukommen, – mal sehen, wie weit ich in meinen Übungen in Demut Fortschritte mache. Schließlich werde ich mir das dann alles nochmal durchgelesen haben müssen, bei J. Z. bisher bloß der Reißausreflex. ich wollte auch gar keine Diskussion über Science-Fiction aufzwingen, aber da ist bisher (siehe auch Lem) immerhin einiges geleistet worden.

    Weil Definitionen sein müssen: Demut=was ich empfinde, wenn ich an Pussy Riots denke.

  6. che2001 schreibt:

    Ich muss gerade Schmunzeln, weil Bersarin und ich nun beide Frau Nullzeitgenerator kennen;-)

  7. Bersarin schreibt:

    Ja, und das war ein sehr schöner Abend und vor allem: Wiederholungswürdig. Nächte in Neukölln.

  8. Pingback: Internet ist voll – Wortanfälle, Monologe, Selbstgespräche « wortanfall

  9. summacumlaude schreibt:

    @Allerdings bin ich in den Fragen der theoretischen Physik nicht so gut bewandert, daß ich hier den Unterschied ausmachen könnte.

    Nun Bersarin, auch Frau Zeh dürfte wie Du selbst in theoretischer Physik eher ambitioniertes Laienwissen besitzen. Nichts dagegen, wenn es die Erzählung vorantreibt. Ich hoffe nur, dass kein Fachfehler für die flotte Dramaturgie verantwortlich zeichnet.

    In „Corpus delicti“, einem sonst sehr schönen Werk, unterlief Frau Zeh ein molekularbiologischer Lapsus: Die genetische Übereinstimmung des Verdächtigen mit dem Täter hat als Ursache ja eine Knochenmarktransplantation. Hierdurch soll sich die genetische Spur verändert haben, hierdurch der falsche Verdacht.
    Das trifft dann aber nur auf eine Blutuntersuchung beim Empfänger (der im Buch der Verdächtige ist) zu, denn die übrigen Körperzellen eines Knochenmarkempfängers behalten selbstredend ihre alten Zellkerne, mithin ihre alten Gene. Da die Forensik meistens mit Schleimhautabstrichen arbeitet, ist eine Verwechslung aufgrund des transplantierten Knochenmarks eigentlich nicht möglich. Noch einmal: Nur die Blutzellen „haben“ die neuen, übertragenen Gene.

    Ich hoffe wie oben bereits gesagt, dass nicht auch „Schilf“ von solch vermeintlicher Plausibiität lebt. Da wird das Werk dann schnell unernst, zumal Frau Zeh bei der Integration wissenschaftlicher Themen und Thesen eben wie ein ambitionierter Amateur also ernst und humorlos vorgeht.

  10. Bersarin schreibt:

    Na ja, auch ich bin ein ambitionierter Amateur der theoretischen Physik, und da ich von der Sternwarte des hohen Rosses herabschaue, habe ich einen guten Ausblick. Aber es stimmt natürlich, was Du schreibst. Wer sich an Fakten entlangschreibt, sollte zumindest das Grundgerüst der Theorien und auch die Details richtig wiedergeben können. In der theoretischen Physik ist die kritische Lektüre schwer, weil kaum überprüfbar für den Laien und auch die Experten wissen im Grunde nicht weiter. Man kann da nur Kant lesen, auf den Zeh in ihrem Buch auch rekurriert. Die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis und deren Rahmungen, ohne das auf einen billigen Konstruktivismus hinauslaufen zu lassen. Den ganzen Hegel der WdL lasse ich mal aus. Da wären wir dann schnell bei der Mehrere-Welten-Theorie. Am Ende deckt sich die komplexe theoretische Physik sehr mit der spekulativen Philosophie, denn es bewegt sich in diesen Bereichen nichts mehr in dem Feld, das von irgend einer Erfahrung noch gedeckt wäre.

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