Daily Diary (40) – Wittenberg

Es gibt einige dieser Tage („Some of these Days“), da bleibt einem nur eine süße Melancholie übrig oder ein bitter-süßer Schmerz. Es ist ein schöner Schmerz, der sich nach einem vollkommen geglückten Tag einstellt – einem Tag, der sich in keiner Form und in keiner modifizierten Weise wiederholen wird, der einmalig ist, weil man diesen Menschen niemals mehr wiedersehen wird und kann. Zumindest dann, wenn man der kalte Analytiker im Grandhotel Abgrund bleiben möchte.

Peter Handke unternahm es, in allerdings solipsistischer Manier, einen „Versuch über den geglückten Tag“ zu schreiben – orientiert an Hogarths Schönheitsline. Handke schreibt gegen die rein zurückgewandte Erinnerung an und damit vor allem gegen Proust, dessen evozierter Moment einer ist, der bereits in der Vergangenheit liegt. Handke geht es um eine erfüllte Gegenwart. Aber dieser Versuch muß im Akt des Erzählens ebenfalls zurückgreifen. Am Ende fallen wir immer wieder auf Proust zurück. Die Struktur eines jeden Textes ist es, ein Moment des Vergeblichen zu bannen, und im Bann selber steckt der Aspekt des Fetischismus. Es hängen diese Dinge zugleich mit dem magischen Denken zusammen, so wie es Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ darstellten: „Auf der magischen Stufe galten Traum und Bild nicht als bloße Zeichen der Sache, sondern als mit dieser durch Ähnlichkeit oder durch den Namen verbunden. Die Beziehung ist nicht die der Intention sonder der Verwandtschaft. Die Zauberei ist wie die Wissenschaft auf Zwecke aus, aber sie verfolgt sie durch Mimesis, nicht in fortschreitender Distanz zum Objekt.“ (Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, S. 27, in: GA 3)

Erzählen heißt immer den Imperfekt zu beschwören, es muß nicht gleich raunend sein, aber es ist doch jener Versuch, etwas in die Schrift zu bringen, was im Grunde nicht Text und Schrift ist und sich niemals dieser Ordnung von Text und Schrift beugt.

X

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Lutherstadt, vollmundig beworben. Hamletstudiermaschine, fast zehn Jahre. Der Grübler, welcher als Leiche nicht im Fluß trieb, sondern durch Gift umkam und es bleiben nichts als Gespenster:

„Man müßte also die Geister lernen. Sogar und vor allem dann, wenn das da, das Gespenstige, nicht ist. Sogar und vor allem dann, wenn das da, das Gespenstige, weder Substanz noch Essenz, noch Existenz, niemals als solche präsent ist. Die Zeit des ‚lernen zu leben‘, eine Zeit ohne bevormundendes Präsenz, käme auf das zurück, wohin der Auftakt und führt: Lernen mit den Gespenstern zu leben, in der Unterhaltung, der Gesellschaft oder der Kumpanei, im ungeselligen Verkehr mit den Gespenstern. Es würde heißen anders zu leben und besser.“ (Jacques Derrida, Marx‘ Gespenster, S. 10 f. Fft/M 1995)

Briefwechsel sei der Verkehr mit Gespenstern, so schrieb es Franz Kafka an Milena Jesenská.

„Alles Unglück meines Lebens (…) kommt, wenn man will, von Briefen oder von der Möglichkeit des Briefeschreibens her. Menschen haben mich kaum jemals betrogen, aber Briefe immer und zwar auch hier nicht fremde, sondern meine eigenen. Es ist in meinem Fall ein besonderes Unglück, von dem ich nicht weiter reden will, aber gleichzeitig auch ein allgemeines. Die leichte Möglichkeit des Briefeschreibens muß (…) eine schreckliche Zerrüttung der Seelen in die Welt gebracht haben. Es ist ja ein Verkehr mit Gespenstern und zwar nicht nur mit dem Gespenst des Adressaten, sondern auch mit dem eigenen Gespenst, das sich einem unter der Hand in den Brief, den man schreibt, entwickelt oder gar in einer Folge von Briefen, wo ein Brief den anderen erhärtet und sich auf ihn als Zeugen berufen kann. Wie kam man nur auf den Gedanken, daß Menschen durch Briefe mit einander verkehren können! Man kann an einen fernen Menschen denken und man kann einen nahen Menschen fassen, alles andere geht über Menschenkraft. Briefe schreiben aber heißt, sich vor den Gespenstern entblößen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken. Durch diese reichliche Nahrung vermehren sie sich ja so unerhört. Die Menschheit fühlt das und kämpft dagegen, sie hat, um möglichst das Gespenstische zwischen den Menschen auszuschalten, und den natürlichen Verkehr, den Frieden der Seelen zu erreichen, die Eisenbahn, das Auto, den Aeroplan erfunden, aber es hilft nichts mehr, es sind offenbar Erfindungen, die schon im Absturz gemacht werden, die Gegenseite ist soviel ruhiger und stärker, sie hat nach der Post den Telegraphen erfunden, das Telephon, die Funktelegraphie. Die Geister werden nicht verhungern, aber wir werden zugrundegehn.“

Die neuen technischen Medien wie der Funktelegraph und die Formen des Schreibens stehen in einer Verbindung. Nein, die Geister werden nicht verhungern, und wir werden zugrunde gehen. Irgendwann. Denn zum Glück sind wir endlich: d.h: sterblich. Die letzte Nacht des August war eine Vollmondnacht. Es gibt dazu einen sehr passenden Text,  der demnächst in einer Lektüre gesondert besprochen werden müßte. Es ist formal wie inhaltlich eines der besten Gedichte moderner Lyrik des letzten, späten, im Grunde bereits austrudelnden 20. Jahrhunderts. Rolf Dieter Brinkmann schrieb:

Mondlicht in einem Baugerüst

am Ende des 20. Jahrhunderts, einfach wie
Mondlicht in einer übriggebliebenen
Allee, schön wie ein langes Klaviersolo Lennie Tristanos,
ein Bücherregal mit noch nicht gelesenen

Büchern, kräftig wie ein Güterzug, flache Schatten,
Entzückungen: voller Mond im September über der.
Seitenstraße in der Innenstadt abends 9 Uhr. Das Wort
Mondlicht erinnert mich u. a. an Mondlicht und

nachts im leeren Gang eines Schnellzuges am Fenster
zu stehen und hinauszublicken auf eine Landschaft,
über der das Mondlicht ausgebreitet ist, offen,
gewöhnlich und unsentimental wie eine dunkle

Tankstelle in der sonst menschenleeren Weite,
oder wie Sonntagnachmittags drei Uhr ,,hang on,
sloopy“ zu hören und auf einen leeren Park
Platz zu schauen, wo ein umgekippter emaillierter

Elektroherd liegt. Mondlicht erinnert mich an Kühe,
die im hochgewachsenen Gras liegen und
friedlich wiederkauen, Mondlicht erinnert mich an
Zimmer, die man betritt und, ehe man das Zimmerlicht

anknipst, sieht man am Fenster eine Heizung mit darauf
Mondlicht, durch das man auf einem Weg mit vereisten
Wagenspuren im Winter geht, Eisflächen unter dem
Mondlicht mit Sternbildern darüber, aufblitzende weiße

Kristalle: Mondlicht hoch über der Neonbeleuchtung
der Straße, Mondlicht wiedergespiegelt in den breiten
Schaufensterflächen in der Innenstadt, menschen
leer, unverständlich, kulissenhaft. Mondlicht erinnert

mich nicht an Schlaftabletten, Mondlicht erinnert mich
nicht an Dialektik, Mondlicht fällt auf einen leeren
Tisch, Mondlicht fällt auf Buchstaben
und Schallplatten. Auf dem Kühlschrank steht weißes

Geschirr, zusammengestellt in der dunklen Küche, in
die Mondlicht fällt, direkt, genau, ohne Vorhänge.
Hinter den Fenstern ist ein Lichtschacht mit Mondlicht,
das mich an einen Spaziergang ohne zu reden

erinnert, das Gehen, friedlich und einverstanden,
nebeneinander. Das Sonnenlicht kocht die Zusammenhänge
auf, die Tage sind klar, Arbeit, das Durcheinander der Dinge,
die verwirrt machen, wüst und den Ausblick

verstellen, Tageslicht schafft den Umsatz, die Sonne
wandert, die Schatten verschieben sich, schieben
sich ineinander, werden flacher und lösen sich auf.
Elektrische Lichter werden angeschaltet. Im ersten

Mondlicht stehen neue Hochhäuser im Niemandsland am
Ende des 20. Jahrhunderts. Als ich aus der Haustür trete,
erinnert mich ein dunkles Fenster an 1946er Mondlicht,
Eisblumen früh abends am Fenster, das Glitzern der

kräftigen Armut, noch nicht von den Bedeutungen erschöpft,
Mondlicht ist Mondlicht, verteilt in dem weißen Farn auf
dem Fensterglas. Mondlicht ist keine Entschuldigung für
irgendwas. Im Mondlicht, bei offenem Fenster, höre ich

eine Straßenbahn unter dem Mondlicht und Stimmen
auf der Straße, Mondlicht und weiße leere Sommerstühle
im Dunkeln, Mondlicht und ,,wahnsinnig, wie viele Bäume
hier ab gestorben sind,“ sagte ich heute abend, als wir

mit dem Fahrrad die Universitätsstr. entlangfuhren,
Mondlicht und Fahrräder, das mag chinesisch klingen.
Es war volles Mondlicht und überhaupt nicht wie die zwei
krummen alten Männer, in Betrachtung des Mondes versunken,

obwohl ich mich manchmal gefragt habe, was sie einander
erzählen, wie C. D. Friedrich sie dort auf dem Schotterweg
gemalt hat, gebückt, vorgebeugt, auf ihren Krücken, in weite
Umhänge gehüllt. Die Baumwurzeln tanzten, aus dem Boden

gerissen, in einem fantastischen Schrecken. Wir fuhren
an Betonflächen entlang, wir starrten die Häuserfronten.
an: da sind Fenster, die keine Fenster mehr sind, da sind
Straßen, die keine Straßen mehr sind, da sind Häuser

und Zimmer, die keine Häuser und Zimmer mehr sind.
Hinter den Betonwänden schliefen Menschen. Haben sie
nur geschaut? Entzi4t über Mondlicht und was sie versäumten?
Kaltes Mondlicht auf der Straße, vergangenes Mondlicht und

das Mondlicht in hundertdreißig Jahren, windbewegte
weiße Helle nachts über das Gras, eine weite
Fläche hin. Das Mondlicht gibt keine Auskunft. Siebzehn Jahre
und Mondlicht in einem aufgebrochenen Eisenbahnwaggon

ist eine deutliche Situation wie Mondlicht und eine
Haltestelle im Vorort, Mondlicht auf die Kanten
und Ecken der Zimmer. Büromöbel, Aktenschränke, Schreibtische
im Mondlicht sind häßlich, und eine weiße Wand mit einem

Feuerlöscher in einem langen Flur mit Mondlicht ist ein
Feuerlöscher an einer weißen Wand wie meinetwegen Mondlicht
auf dem Mond, Mondlicht und ein Stapel Formulare, Mondlicht
und Putzfrauen, Mondlicht und zerrissener Maschendraht

und eine Sonnenblume. Ah, ich sah noch nie vorher eine
Sonnenblume im Mondlicht. Die Sonnenblume wirft einen sanften
großen Schatten im Mondlicht, erstaunlich wie Mondlicht
auf meinen Schuhen und ein dunkler, abgeschlossener

Gemüseladen im Mondlicht, Artischocken und Apfelsinen
Kisten mondlichtweiß, Auberginen im Mondlicht, Zitronen.
Und mir ist egal, ob das Mondlicht paßt oder nicht,
das Mondlicht fällt in den Supermarkt, es macht

die Dinge einfach mehr weniger, und zu fragen,
nach wieviel Stößen kommst du unterm Mondlicht ist Schwachsinn
unterm Mondlicht, und es macht gar keinen Sinn, das Mondlicht
anders zu beschreiben als mit Mondlicht. Und wenn ich sage,

das Mondlicht ist eine Türklinke im Mondlicht, heißt das,
das Mondlicht ist schön wie Mondlicht, und es ist Zeit,
mit den Vorschriften aufzuhören.

7 Gedanken zu „Daily Diary (40) – Wittenberg

  1. „Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken.“… was fuer ein geiler satz und wie schrecklich… wenn das stimmte. wenn dem so waere, was bliebe denn fuer den empfaenger uebrig, der sich dennoch geherzt fuehlt? ich denke, die illusion eines abdrucks ist mehr als das nichts.

  2. Für den Empfänger bleibt nichts. Für den Sender am Ende auch nicht. Jede Zeile von Kafka (aus seinen Briefen) trifft einen Ton, der sich zugleich in seinen Texten finde: als Literatur. Als Text. Ja, dieser Satz ist verdammt gut. Franz Kafka ist der Ausnahmeschriftsteller des 20 Jahrhunderts und ich bin nach wie vor der Meinung, daß alles was danach kam, bloß eine Fußnote zur Literatur ist. Briefe und Literatur bilden bei Kafka einen komplexen Gesamttext. Die Briefe am Milena, die an Felice Bauer sind keine Briefe, sondern Texte, Umschriften, Verflechtungen, rhizomartige Gewebe. Texte ins Nichts, und endlich von all diesem unsinnigen Subjektscheiß freigeschrieben. Keine Empfindungen, keine memoire involontaire, sondern eine Struktur aus Eiskristallen, die zugleich, und darin ist Kafka Beckett so ähnlich, mit viel Humor daher kommt. Es sind allesamt Endspiele. Betonung auf dem Spiel. Die Utopie bleibt eine unendliche Wiederholung, und das bedeutet: Wiedergängertum und damit eben Gespenster, die in Europa umgehen.

  3. ich protestiere. ;)
    man kann nicht nicht kommunizieren.
    ich spuere auch den umriss um eine leere kusshuelle, das verrauschende bild eines etwas.
    das ist mehr als nichts.

  4. „Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken.“

    – meint auch, es geht viel auf den wegen dazwischen verloren. und es waere umgekehrt so, dass selbiges im direkten kontakt nicht geschehen wuerde.

    bezogen auf den sinnlichen kuss oder eine beruehrung von haut zu haut ginge also nix an die gespenster verloren. dem stehe ich nicht gegenueber, das sehe ich aehnlich.

    dennoch gibt es auch ein verbal nachempfundenes erlebnis, dem ein direkter kontakt vorausging, dennoch gibt es verbalisierte vorfreude und nachlese, die emotionen beschert, oder eben illusion, von denen manch einer eine gewisse zeitlang zehrt.

  5. Ja, es gibt Illusionen. Wer gut ist, macht Texte und/oder Bilder daraus.

    Dennoch: ich kann Deinen Protest gut verstehen. Nur: mich erreichen diese Dinge nicht mehr: es gibt von Tocotronic sehr schöne Textzeilen, vom romantischen Fragment Schlegelscher Ästhetik in den Pop transformiert – die Bezüge sind nicht so weit auseinander, schließlich ist die Romantik die erste Denk- und Reflexionsstufe der Moderne.

    „Sei mir willkommen
    Mein Verlangen
    Und ein flammendes
    Inferno grüßen dich
    Auf das Allerherzlichste
    Was einst Farce war, wird Geschichte
    In diesem Sinne
    lass mich singen:
    Das Spiel möge beginnen“

    Ein wunderbares Stück. Und gestern beim viel zu schnellen Autofahren über ostdeutsche Landstraßen und Autobahnen hörte ich es laut:

    „In mir
    Brennt das ewige Feuer
    In mir
    Kalt, modern und teuer
    In mir
    strahlt das ewige Licht
    In mir
    Doch dahinter gibt es nichts“

  6. ein wundervoller grauer grauer tag; das dritte bild gefällt mir am besten.

    passend zum tag noch einen grau- melancholischen gisbert song;

  7. Ja, es war ein schöner, ein grauer und doch ein farbiger Tag. Ausklang des Sommers oder Beginn des wunderbaren Herbstes? Und es werden auch Schiffe kommen. Mehr als dieses eine, was an jenem Nachmittag da auf der Elbe fuhr. Es war genau die richtige Anzahl an Photographien, eine mehr hätte ich jedoch noch gerne gemacht. Die eine.

    Mir gefällt das mittlere Bild am besten, weil es noch diesen Rest an Farbe trägt. Ja, das Lied enthält einige Wahrheit.

    Im Zweifel für das Staunen ;-)

    ___________

    Edit: ich habe erst „stauen“ geschrieben.“ Im Zweifel für das Stauen“, Was für eine merkwürdige Fehlleistung, Ich habe den Satz oben nun korrigiert. Manchmal zweifelt man an seinem gewohnten philosophischen Konzept. Bröckeliges Grandhotel! Aber ich höre, da kommen schon die Maurer ;-) Eine Flasche Rioja in der Hand, wie schön, da hol ich mal schnell das Glas für mich.

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