Acedia, luxuria, superbia

Ok, es ist ein bißchen Eitelkeit dabei, wenn ich mir das Ende herbeisimuliere und -phantasiere. Ja, ich neige zur Eitelkeit (superbia), tue aber immerzu bescheiden. Dies ist neben acedia und luxuria ein drittes Laster. Womöglich trug auch die Finsternis und der Trübsinn der letzten Nacht in der mehr als geräumigen Einzelzelle dazu bei, Entschlüsse zu fassen, die ich nicht umsetze, ich mache viel zu oft Entschlüsse, die sich nicht umsetzen lassen, die ich nicht zum Ende bringe. Vielleicht trübte auch die zweite Flasche schwerer Bordeaux-Rotwein das Gemüt – ich schrieb zuerst „Totwein“ – hach, wie symbolträchtig, ich liebe diesen Untergang, die Düsternis, die Götterdämmerung. Nacht der Perseiden mit den dazugehörigen Gesteinsbrocken, glühend wie der Leertext. Ich höre das Vorspiel aus „Tristan und Isolde“. Das ist die Tonspur meines Lebens – zugegeben, der Vergleich ist eher schief als eben, wie Tocotronic auf der großartigen Platte „Let there be Rock“ sangen.

Manchmal schaut die Welt am nächsten Tag schon wieder anders aus. Na ja: ma hat ma Glück, ma hat ma Pech, ma hat ma Ghandi. Und es mag etwas Wahres daran sein: Ja, es ist der fehlende Hunger – acedia. Ich muß diesen Hunger im Bereich der Photographie aktivieren. Da stecke ich fest.

Vielleicht ist man zuweilen in solchen Stimmungen und betreibt jenes Endspielhafte. Und dann denke ich mir: „Oh je, für so wenige Leserinnen und Leser schreibst Du.“ Und es stimmt nicht einmal. Zugriff heute, 22:45 Uhr: 256. Andererseits: es sind ja einige angenehme Leserinnen und Leser dabei. Ich weiß nicht, vielleicht ist es auch die Midlife Crisis. Es ist heute der zehnte August. Ein Datum. Zeit, die Parallellektüre zu beginnen. Ich lese in den Tagebüchern Kafkas:

„10. August [1912]. Nichts geschrieben. In der Fabrik gewesen und im Motorraum zwei Stunden lang Gas eingeatmet. Die Energie des Werkmeisters und des Heizers vor dem Motor, der aus einem unauffindbaren Grunde nicht zünden will. Jammervolle Fabrik.

11. August. Nichts, nichts. Um wieviel Zeit mich die Herausgabe des kleinen Buches bringt und wieviel schädliches, lächerliches Selbstbewußtsein beim Lesen alter Dinge im Hinblick auf das Veröffentlichen entsteht. Nur das hält mich vom Schreiben ab. Und doch habe ich in Wirklichkeit nichts erreicht, die Störung ist der beste Beweis dafür. Jedenfalls werde ich mich jetzt nach Herausgabe des Buches noch viel mehr mit Zeitschriften und Kritiken zurückhalten müssen, wenn ich mich nicht damit zufrieden geben will, nur mit den Fingerspitzen im Wahren zu stecken. Wie schwer beweglich ich auch geworden bin! Früher, wenn ich nur ein der augenblicklichen Richtung entgegengesetztes Wort sagte, flog ich auch schon nach der anderen Seite, jetzt schaue ich mich bloß an und bleibe wie ich bin.“
(Franz Kafka, Tagebücher)

Wie passend, und ich habe diese Zeilen erst gerade eben wiedergelesen. Zuletzt las ich diese Stellen während meines Studiums.

„Wir werden das System durchschauen.“

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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