Kassel – Hymne auf eine mittelwestdeutsche Stadt

Reisen als eine Art der Kunst betrachtet: Wenn einem nichts mehr bleibt, verklären sich die kläglichen Handlungen und die Lebensvollzüge in einem Akt der Ästhetik. Ich reise für ein Wochenende zur documenta. Der ICE fährt vom Berliner Hauptbahnhof bereits um 6 Uhr 30 ab. Ich unternehme diese Fahrt entgegen meiner geliebten und gehegten Gewohnheit nicht mit dem Auto. Nebel liegt über den Wiesen und Wäldern vor Berlin. Die Sonne durchbricht ihn. Ihr schlaftrunkener Blick, ihr sommerlanges blondes Haar. The boys and the girls. Wolfsburg, der Zug hält in Wolfsburg. Etwas Traurigeres kann es nicht geben. Die Imaginationen, die ein Ort hervorrufen kann, an den sich die Korrespondenzen knüpfen. „Du richtest Dich in einem grausigen Spukschloß ein!“, so sagte eine Freundin zu mir. Sie hat recht. Ich bin der Spezialist für Einrichtungsgegenstände, Abteilung Innendekor. Schlittschuhlaufen bei den Allerwiesen, verzaubert eingefroren, die Erlen- und Birkenwälder. Ich versuchte, es in die Vorstellung zu bringen. Das Naturschöne und das Subjekt. In Kassel wird es uns in der Karlsaue in Form von Kunstwerken begegnen. Das Naturschöne – vom Subjekt konstruiert, überformt, erzeugt. Und so schweifen die Erinnerungen ab.

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Wer aber meint, daß es im Zug – anders als beim Autofahren – ruhig und gemächlich zuginge, daß man sich während einer solchen Fahrt durch die Landschaft ungestört seinen Gedanken oder der FAZ hingeben könnte, der irrt. Es reicht ein einziger verblödeter, ewig quengelnder vierjähriger Junge mit einer furchtbaren Mutter aus, um sich auf gar nichts mehr konzentrieren zu können. Schreien, heulen, zetern, maulen, kichern, brabbeln – das ganze Repertoire eines Rotzblags, von der Mutter immer nur kurz eingeworfen: „Nun sei doch mal ruhig!“ Mit einer Stimme, einer Stimmlage, spandauerisch gehaucht, in der das Kind mitnichten still sein wird. Ich bin ein großer Anhänger von König Herodes I samt seiner Methodeneffizienz. Dann endlich, als es auch der Mutter reicht, wird energischer geschimpft. Und nun heult das Rotzblag erst richtig laut, ruft, daß es zu Papa wolle. Könnte man jetzt nicht einfach und ganz nonchalant dem Kind entgegnen: „Papa ist in Afghanistan für das Vaterland gefallen! Er kommt nicht mehr.“? Das Kind verfiele zumindest für Sekunden in eine Mucksmäuschenstille. Die Tricks der Phantasie und des Imaginären helfen jedoch wenig. Das Schreien des halslosen blonden Ungeheuers endet nicht: „Ich will zu Papaaaaa!“ Nach einer Weile stehe ich auf und setze mich um. Eine Frau, die eine Reihe hinter dem Kind tapfer harrt, lächelt mir zu, wir hatten beide den gleichen Gedanken, für Sekunden, und das legte sich als Lächeln auf unsere Lippen. Ich schaute in ihre Augen und auf ihren Mund, um zu sehen, ob da bei mir etwas funkte. Nichts.

Ich esse Himbeeren. Aber nicht so wie Gustav von Aschenbach in Viscontis „Der Tod in Venedig“ am Strand die legendäre Erdbeere verzehrt. Jedoch, auch ich trage eine beigefarbene Hose, allerdings eine Jeans von Levi’s, keinen hellen Anzug, und ein schwarzes Hemd von Joop. Nach drei Stunden Fahrt erreiche ich Kassel-Wilhelmshöhe.

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Werktätige hatten unter Anweisung Höhergestellter diesen Bahnhof weit von Kassels Zentrum entfernt gebaut, denn Kassel – das war vermutlich die Devise der modernen Sozialdemokratie-Technokraten – muß märchenhaft abseits liegen, unerreichbar für den gewöhnlichen Reisenden, der mit dieser Stadt nicht weiter behelligt werden soll, denn die Geheimnisse von Kassel ergründen sich nun einmal nicht im Vorbeifahren oder gar dem flüchtigen Blick des umsteigenden Reisenden, und um dieses Refugium namens Kassel zu bewahren und nicht den begierigen Blicken preiszugeben, errichteten die sozialdemokratisch wählenden Arbeiter einen Bahnhof – weit von der Stadt entfernt. Es ist für Kassel der Flaneur gefragt. Von Wilhelmshöhe schaukelt die Regionalbahn in die Stadt hinein.

Ja, Kassel ist eine Reise wert. Mehr als nur alle fünf Jahre. Ich steige aus dem Zug, sehe den Bahnhofsvorplatz, drehe mich um und da liegt der Hauptbahnhof in meinem Rücken. Jenes Gebäude mit dem aus der Zeit gefallenen Charme des Abgelebten. Vor mir bilden das „Spiel Casino Kassel“, die „Stern Apotheke“ samt der Fassade eines Hauses, auf dem als Hinweis oder als Werbung „Medicum“ mirakelt, eine Wand. Und in der Bahnhofshalle selber sieht es (fast) noch so aus, wie früher einmal die Bahnhofshallen waren, lediglich die zwei oder drei sich darin befindenden Geschäfte sind den heutigen Standards angepaßt. Es kann im Bahnhof sogar ein Café existieren und womöglich gedeihen, das nicht zu einer Kette gehört. Allerdings links daneben: Burger King. Und auch auf dem Weg zu meinem Hotel betrachte ich Gebäude, die mir in ihrer unprätentiösen Art und Bauweise gefallen. Ich bin sofort begeistert, und ich mag diese Stadt. Wer sich für die Architektur der 50er, 60er oder 70er Jahre interessiert, der ist in Kassel gut aufgehoben. Es prägen keine Fachwerkhäuser das Stadtbild, oder ein irgendwie kenntliches Zentrum hübscht als Angebot zur heimatlichen Identifikation die Funktionalität des angestellten Daseins auf. Nur wenig postmoderner Schnickschnack existiert. Lediglich die Passage am Königsplatz, welche den witzigen Namen „City Point Kassel“ trägt, zeigt die Anmutungen und baulichen Reize der Zweiten Moderne. Ansonsten gibt es eine Einkaufszeile namens „Obere Königsstaße“ mit den üblichen Geschäften, die sich in jeder Stadt befinden und einige Einkaufspassagen, die mir in die Jahre gekommen erscheinen. Die Menschen in Kassel agieren oder besser reagieren allesamt ausgesprochen träge und behäbig. Einkäufe und Bestellungen in Restaurants gestalten sich sehr mühsam und langwierig. Der Kasseler ist schnell überfordert, aber dabei doch freundlich. Der Bibelsatz aus dem Prediger Salomo wird in Kassel von den Eingeborenen ausgesprochen wörtlich genommen: Alles hat seine Zeit.

Wer abseits der üblichen Geschäfts-, Handels- und Verkehrswelt den Zauber von Kassel erfahren will, der muß ein wenig  schlendern und vom Weg abkommen. Dort erschöpft sich der Blick in der Fülle, verliert sich im Detail – eine Welt, die in sich ruht, von der keiner etwas will, die niemand mag, die einfach nur da ist, unabänderlich, unveränderlich. Für Kassel lohnt sich nicht einmal die monetäre Investition ins sagenhafte Betongold, um der klassischen Moderne sowie der aufs Funktionale reduzierten Bauweise zu entkommen. Hier ein postmodernes Erkerchen, da eine Glasfassade. Nichts dergleichen. Kassel ist eine metaphysische Stadt. Verlassene Orte, wie ich sie liebe. Was Turin für Giorgio de Chirico, das ist Kassel für mich, und so bringe ich – freilich mit leichten kunstgeschichtlichen Abwandlungen – in Kassel die Pittura metafisica als Photographien ins Bild. Ja, diese Stadt ist eine Lebenseinstellung. Und vor der Kunst(betrachtung) sowie der ästhetischen Kritik kommt die Umgebung, kommt die Phänomenologie des Urbanen. Leserinnen und Leser mögen voll Gier auf meinen Bericht zur documenta drängen, aber wie heißt es bereits bei Max Horkheimer: „Wer von Kassel nicht reden will, der möge auch von der documenta schweige!“ Im Laufe der Woche wird es dann aber eine erste Sichtung und Kritik dieser Großkunstschau geben. Zuerst jedoch muß ich die Ergebnisse eines Flaneurs in Kassel präsentieren. Es folgt morgen ein zweiter und letzter Teil. Die Bilder stehen in der Reihenfolge, in der sie aufgenommen wurden. Ich hätte die Anordnung ändern können. Aber ich denke, daß jenes Gelb der Zitrone zum Anfang und das Gelb des documenta-Aufstellschildes am Schluß der Serie eine dennoch lesbare Korrespondenz ergibt, auch ohne das eine Bild an das andere zu koppel, indem ich sie nebeneinander setzte. Es verhält sich bei diesen Photographien mit dem Zusammenhang der Verweisungen nicht anders als bei der documenta, wo zahlreiche Linien und Bezüge sich kreuzen und bestimmte Themen anspielen – um hier eine erste kleine Geste in die Richtung  jener Großausstellung hin zu unternehmen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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