Warschau, Plac Zamkowy – „All die schönen Pferde …“

Um nicht ganz aus dem Rhythmus mit den Bildern von Warschau zu kommen, zeige ich auf Proteus Image eine kleine Serie von Photographien. Sie sind rund um den Platz Zamkowy entstanden, der sich in  jener nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebauten und nach alten Stichen und Gemälden rekonstruierten Altstadt befindet. Warschau entfaltet insbesondere im nachhinein, beim melancholischen Sinnieren und Rückblicken, während ich die Photographien bearbeite und betrachte, einen eigenartigen Reiz – obwohl Warschau alles andere als perfekt, rund oder schön sich präsentiert. Es ist dies der Reiz des Unfertigen und des nicht ganz Perfekten, und zugleich will die Stadt sich aufhübschen, sie möchte Metropole sein. Nein, Warschau schaut nicht aus wie Paris, Rom, Wien oder Prag, es ist nicht kuschelig-gemütlich, renaissancig oder mit antikem Ambiente versehen. Warschau ist ein Fragment aus Architekturen. Und gerade in den abseitigen Vierteln, die ich gerne auch noch zeige, fühle ich mich wie zu Hause und aufgehoben. So wie hier:

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Es können wahrscheinlich die wenigsten nachvollziehen, verstehen, glauben, aber ich liebe solche Orte und hätte dort sogar gerne für eine Zeit gewohnt. An diesen Plätzen ist nichts Unverstelltes und nichts an Lüge und Tünche. Sie sind wie sie sind. Sie sind einfach nur da und keiner fragt groß nach ihnen. Es mag dort, an diesen ausgewählt öden Orten keiner so recht verweilen, was den Aufenthalt angenehm gestaltet. Ich hingegen schon – ich bleibe da gerne. Es ist dies die Welt der Stücke Becketts und Heiner Müllers. Aber es könnte ebenso ein herübergewehter Fetzen aus einem jener wunderbaren Gedichte des Augenblicks von R. D. Brinkmann sein.

Und wenn ich meine Photographien ein wenig häufiger zeigte, so könnten daran auch Betrachterinnen und Betrachter Anteil nehmen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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9 Antworten zu Warschau, Plac Zamkowy – „All die schönen Pferde …“

  1. ziggev schreibt:

    ja, das sind schöne Fotos. auch den Hinweis auf Brinkmann fand ich passend. aber darf ich ungebührlich fragen, ob du hier etwas ‚geschummelt‘ hast ? (ich persönlich hätte da ja nicht die geringsten Hemmungen.) – irgendetwas mit Kontrasten/Konturen, oben etwas mit Farbfiltern, Richtung Rosa/Purple, unten dieses irendwie in der Luft liegende Türkis ? ich vermute, dass dieser Eindruck bei mir durch den Kontrast des blauen Fensters mit dem schmutzig-rosanem Balkon und durch die fast grünlich vor sich hinschimmernde der Gebäudemauer und durch das Licht – offenbar eines Sommertages – zustande kommt.

    und: ich glaube dein Sich-zuhause-fühlen in manchen Vierteln nachvollzihen zu können. in ein oder zwei Gegenden in Hamburg sieht es annäherd so aus, wie auf dem oberen Foto (wie da abgebildet ist es allerdings perfekt), und ich fühle da immer eine gewisse Nonchalance eines proletarischen Einander-Geltenlassens.

  2. ziggev schreibt:

    sorry, wenn schon wenn nicht bloß ein tyo wie in nachvollziehen‘ : mit dem schmutzig-rosanen Balkon …

  3. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank für die netten Worte. Ja, der Brinkmann.

    Nein, farbliche Veränderungen im Sinne des Manipulierens nehme ich nicht vor. Ich mache mit den Bildern im Grunde nur das, was ich auch im klassischen analogen Photolabor (s/w allerdings) gemacht habe. Im Himmel, das ist bei mir ein Grau, was einen Hang zum Violett in sich trägt. Die verschiedenen Farbwahrnehmungen liegen sicherlich an den unterschiedlich kalibrierten Monitoren.

    Vom Licht her: es war früher Vormittag, die Sonne versuchte immer wieder durch die Wolken zu brechen. Entsprechend fiel das Licht aus. Fürs Photographieren eine im Grunde ganz gute Lichtsituation.

  4. ziggev schreibt:

    jein, ich habe mir extra noch mal zuhasue die Bilder angeschaut, nicht nur auf dem alles verfälschendn Monitir auf der ‚Arbeit‘, bevor ich mich entschloss, was zu den Bildern zu schreiben, dass auf dem zweiten Bild Türkis vorherrschned ist, das kannt du mir nicht so schnell ausreden. Weil ich das einfach ganz wundervoll finde. Es ist die Komplementärfarbe, hervorgektzelt – wenn ich mirs im Internet ansehe – wahrscheinlich durch die farbigkeit der Aliassymbole vom Alea Torik und die Wunderfrau und durch die Farbe, die die gesamten Überschriften bei dir rechts haben. Das sind ie perfekten Komplementärfarben!

  5. Bersarin schreibt:

    Nun muß ich doch noch einmal nachfragen: Meintest Du die Bilder auf „Aisthesis“ oder bei „Proteus Image“? Da ist im zweiten Bild Türkis drinnen und rosa bzw lachsfarben (die Schloßmauer). Und natürlich habe ich da nichts umgefärbt. Wie gesagt: ich manipuliere Szenen und Farben nicht. Ein rotes Longsleeve bleibt bei mir rot, allenfalls an der Art des Rots kann sich etwas ändern, wenn ich die Kontraste, die Binnenkontraste oder die Schwarzwerte ändere. Und es kann sich in meinen Photos die Farbtemperatur ändern, da ich die Bilder möglichst kühl aufziehe. Das fällt mir bei meiner angeborenen Herzenskälte auch nicht weiter schwer.

    Ebensowenig montiere ich Dinge, Tiere, Menschen aus den Bildern heraus oder in sie hinein. So etwas geht bei dokumentarischen Bildern ohne Kennzeichnung gar nicht.

  6. ziggev schreibt:

    ich hätte nicht so vorsichtig nachgefragt, wenn ich nicht von deinen mir bekannten Äußerungen her geahnt hätte, dass Du da nicht herummanipulierst. da nehme ich jede Auskunft als Auskunft hin. keine (Nach)Frage.

    und darum geht es ja gar nicht. dadurch, dass ich selber etwas mit einem billigen Fotoapparat Anfang dieses Jahres und diesen frühen Sommer herumexperimentierte, ist mir eniges klar geworden. ich zeigte die Bilder im Vergleich einer Person meines Vertrauens. was ich ihr eigentlich hatte mitteilen wollen, schau her, hier siehst du den Unterschied zw. Erfahrung und nicht Erfahrung – ich hatte sogar überlegt, ob wir nicht eines deiner Fotos (von der Veddel) als CD-Cover für eine zukünftige CD nehmen sollten -, – da waren wir uns ohne Worte sofort einig.

    aber trotzdem: siehst Du denn nicht, dass aus Deinem zweiten Bild in diesem Blog, ja, ich meine das hier, ein wunderbar zartes Türkis hervorleuchtet? – die philosophischen Konsequenzen, was das bedeutet, wenn nicht, mal kurz außen vor ? ich habe nun mal meine Probleme mit Farben, wenn ich da etwas sehe, dann sind es zumeist die Komplementärfarben, auf die mich mein Kunstlehrer aufmerksam machte, schau, der Schatten ist lila, nur weil der Mais, den ich aquarellierte, gelb war!

    und, ach, wie selten leuchten die Farben so! dieses Türkis lasse ich mir nicht so schnell wegnehmen!

  7. Bersarin schreibt:

    Wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sind. Ein Türkis: ich duldete es in meinem Reich der Kälte und der Finsternis nicht eine Sekunde. ;-)
    Aber wo Du es so schreibst, da sehe ich es zumindest ein wenig schimmern. Doch scheint mir, daß es der Farbtemperatur geschuldet ist. Jedes Werk schießt über die Intentionen und das Subjekt weit hinaus.

    Hatte ich die Bilder von der Veddel denn schon gezeigt? Ich hole es dann und demnächst mal nach, denn vielleicht gefällt Euch ja davon etwas. Wäre mir eine Ehre, käme es auf ein Cover.

  8. ziggev schreibt:

    eine Frage der Farbtemperatur? Ja, gut, vielleicht eine Frage der Sprachregelung. vielleicht ist dir hier einfach das „Reich der Kälte und der Finsternis“ ganz gut gelungen, und für mich heißt das dann immer Türkis, Türkis. und, achnaja, das mit der „zukünftigen CD“ – am schönsten sind ja immer noch die Phantasma. die gedachten Projekte, die nie verwirklicht wurden. ich zeigte deine Fotos sogar mehr als nur einer Persdon meines Vertrauens. „mein“ Drummer ist gelernter Graphiker (nur nicht befähigt für die Leistungsgesellschaft), Ausbildung in den 80ern bei sonem uralten Lehrer, sowas mit Achtzig, der noch Bauhaus mitekriegt hat etc. … der zeigte sich zumindest interessiert aber auf jeden fall keinswegs beleidigt von meiner Idee. wenn ich mich recht entsinne, gefielen dir die meisten Fotos von der Veddel nicht, deshalb hättest du da nichts weiter veröffentlicht.

  9. Bersarin schreibt:

    „Farbtemperatur“ ist einfach nur ein Fachausdruck für die Kälte oder Wärme des Lichtes. Ich könnte mit meinem Programm auf einem Photo das Licht eines Sonnenunterganges simulieren. Solches mache ich nicht, aber zuweilen setze ich das Licht etwas kälter. Also nichts anderes, als man es in der analogen Photographie durch Filter am Objektiv oder am Farbmischkopf des Entwicklungsapparates machte. Martin Parr bspw. hat Photos von Menschen am Strand in England in einem extrem kalten Licht gemacht. Das wirkt gespenstisch. Einer der interessantesten Photographen, der mich nachhaltig inspirierte. Ach, ich müßte wieder etwas zur Photographie schreiben.

    Meine Bilder von der Veddel zeige ich dann demnächst doch. Vielleicht findest Du ja etwas, das für Dich paßt. Es sind Bilder, die an einem traurigen und zugleich wunderschönen Tag entstanden.

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