Die Macht und das Leben der Bilder (1) – die Olympischen Spiele 2012

X

Quelle: Spiegel Online, AFP

X
Ikonographisch gesteigert, inszeniert und in den perfekten Moment gesetzt: Dieses Bild auf die Größe 5 m x 3,75 m abgezogen und in einer Ausstellung dargebracht: es wäre Hofkunst, wie von Diego Velázquez in Licht und Blickachsen gemalt als Manifest der Macht, und zugleich von der Anordnung der Personen (jene Königin exakt in der Mitte positioniert), von der Farbgebung und der Perspektive eine gelungene Photographie. Was können uns Bilder erzählen – diesseits der affirmativen Akklamation und der Anpassung ans Bestehende?

Interessant erscheint mir aber – vor allem anderen in dieser Photographie – jene Person unten rechts zu sein, die einen Tablet-PC oder einen i-Pad in die anpreisende Höhe ragen läßt. Und noch um einiges auffälliger gibt sich jene Frau in rot mit ihrer Knipse: Was mag auf diesem Foto, das sie macht, aus dieser unbrauchbaren Perspektive heraus zu sehen sein, und was werden die Betrachterinnen und Betrachter dieser Fotos, die später einmal in irgendeiner familiären Tee- oder Kaffeerunde dieses Abbild sich anschauen werden, sehen, sagen und denken? Während der üblichen und allgemeinen Akklamation fertigen Menschen ganz offensichtlich und ungehemmt Fotos, und es sind, schaut man genauer hin, vier weitere Personen zu sehen, die das Ereignis für die Ewigkeit des eigenen Lebens festhalten, nur eben nicht so schön wie jenes genial-affirmative Pressephoto und nicht so sichtbar wie jene zwei anderen. In vergangenen Jahrhunderten führte solch despektierliches Verhalten, welches den Körper des Königs, der Königin ins Bild transformieren möchte, anstatt ihm zu huldigen, unweigerlich zum Blutgerüst. Was sind das für Zeiten, wo der Griff zum i-Pad nur eine Nachlässigkeit bedeutet?

Einer allerdings bleibt sitzen, applaudiert nicht.

Panem et circenses.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Die Macht und das Leben der Bilder, Gesellschaft, Photographie abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Die Macht und das Leben der Bilder (1) – die Olympischen Spiele 2012

  1. Partystein schreibt:

    Ja, die Zeiten ändern sich… Wer hätte auch gedacht, dass bei den Feierlichkeiten ausgerechnet die Sex Pistols gespielt würden – zwar nicht mit „God save the queen“,
    aber immerhin die Sex Pistols!
    Schönes Foto.

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, mit der Photographie habe ich mir viel Mühe gegeben … ;-)

    Und die Nacht hinterher mit Kate war hinreißend.

    Daß die Pistols gespielt würden, wußte ich nicht und hätte ich nicht gedacht. Es ist unglaublich, zeigt aber auf alle Fälle, das am Ende jede Subversion (des Pop) und jeder Protest eingeholt und eingemeindet werden kann. „Mit Danone kriegen wir Euch alle!“ lautete ein Werbespot der 80er Jahre. Er ist der Slogan, welcher das kapitalistische System samt seiner Wirkungsweise hinreichend darstellt.

    _________________

    (Achtung Triggerwarnung: Folgende Sätze können bei Leserinnen oder Lesern zu nachhaltigen Verstörungen führen. Ich bitte diese vom Lesen abzusehen. Also: Halblustige Anekdote am Rande: In den späten 80ern an der Uni stand zuweilen an den Wänden zu lesen „Vergewaltiger wir kriegen Euch!“ Und irgendwer sprühte darunter: „Mit Danone …“ Gefiel mir gut, das ist meine Ebene von Humor und Ironisierung. Wobei Vergewaltigung natürlich nicht lustig oder als Scherz zu nehmen ist, um wieder das ernst-seriöse Gesicht aufzusetzen. Man muß in der heutigen Zeit ja beständig die moralinen Disclaimer anbringen. Gott, waren das in den 80ern Zeiten, als Titanic noch rotzfrech und in alle Richtungen hin austeilen konnte. Heutzutage müssen erst einmal ein Statement sowie Textpassagen von Foucault, Butler et al. vorangeschickt werden, um den Beweis anzutreten, daß man nicht sexistisch-kackscheißig rüberkommt. Alledings: Über die Mechanismen der Macht und über die Strategien, Diskurshoheiten zu erobern, läßt sich bei dem großartigen Foucault immer noch am meisten lernen.)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s