Reise, Reise – Warszawa

Seit fünf Uhr fünfundvierzig werden die Koffer gepackt. Dann wuchte ich dieselben ins Auto, kontrolliere zum dritten Mal die Photoausrüstung, damit nichts fehlt. Vorher will auch die Tür vom Gefrierfach noch überprüft werden, da bei einer offenen Tür das über eine Woche tauend-schmelzende, sich bakteriell zersetzende Fleisch zur Geruchsbildung neigt. Ich assoziiere den Begriff des Fleisches theologisch und substanzmetaphysisch, was für meine Fahrt ins katholische Polen sicherlich nicht die falsche Weise des Denkens ist. Ich werde während meiner verschiedenen Stationen viel des welken Fleisches vom Sohn sehen. Als Bild festgefroren, als räumliches Objekt gebannt: das gemarterte Fleisch: Corpus est. Diese angstneurotische Kontrolle der Tür zum Gefrierfach gründet sich darin, daß es mir während jeder Reise, die ich mache, plötzlich im Flugzeug oder auf der Autobahn durch den Kopf schließt: „Du hast, als du die Wurst, den Käse, die Brötchen, die Pizza, die zerteilte Exfreundin oder was auch immer einen Tag vor der Abreise in die Truhe schobst, die Tür nicht fest genug verschlossen, so daß jene saugende, flutschende Gummidichtung nicht hinreichend haftete, sondern leicht nur anbappte und sich dann unmerklich, für den flüchtigen Betrachter kaum zu registrieren, wieder löste! Und nun steht die Tür leicht offen.“ Das sich zersetzende, faulende Fleisch durch den Nachbarn samt dem gerufenen und die Tür aufhebelnden Hausmeister zu entdecken, besäße freilich weniger ernsthafte Konsequenzen, als fänden selbige die säuberlich geteilte, zunächst gefrorene, dann aber doch aufgetaute Exfreundin. Aber diesmal war die Tür zur Gefriertruhe geschlossen. Ich drückte prüfend gegen. Was aber, wenn dieser Druck …? Nein, ich mag das Grübeln nicht zu weit treiben.

Ich starte den Motor. Die Reise beginnt exakt um sieben Uhr – es darf vom Plan nicht abgewichen werden. Das Gaspedal des Wägelchens wird durchgedrückt: Schon geht es auf den Berliner Ring, in Richtung Frankfurt/Oder.

Nach einer Stunde Fahrt passiere ich die Grenze zu Polen, den Schlagbaum hoch, „Personal Jesus“ von Johnny Cash dringt aus dem CD-Spieler – wie schön und passend für Polen. Ich schalte das CD-Gerät aus und switche auf Radio Maryja, damit ich national- und kirchenideologisch gefestigt und mit dem nötigen Antisemitismus ins Land der Vorfahren reise. Aber wir Deutschen bringen diesbezüglich gute Anlagen mit, die sich mit denen der Polen trefflich ergänzen. Im Gegensatz zur polnischen Schluderigkeit machten wir Deutschen jedoch in der Bilanz keine halben Sachen. Die Autobahn in Polen ist leer, die in der BRD war voll, was mich verwundert, denn wer fährt oder transportiert etwas nach Frankfurt/Oder beziehungsweise in die noch viel tiefere östliche Provinz? Die Ödnis und die Leere polnischer Autobahnen findet ihren Grund daran, daß Maut erhoben wird, was vernünftig ist und in der BRD ebenfalls getan werden sollte – hohe Preise mindern die Nachfrage. So fahre ich in den Osten, immer ein Stück weiter, bis nach fünf Stunden die Skyline von Warschau sich abzeichnet. Warschau liegt vor mir in der Sonne,Warschau ist eine Stadt der Hochhäuser und Bürotürme, Frankfurt am Main nicht unähnlich. Die Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn beträgt 140 km/h. Abdrosseln und jetzt nur noch fünfzehn Kilometer bis zum Ziel.

Ein Navigationsgerät leistet in einer Stadt meist gute Dienste. Wenn aber die gesamte Warschauer Innenstadt rund um den Kulturpalast eine einzige Baustelle ist und aus zahlreichen Straßensperrungen besteht, hilft ein solches Gerät wenig. Die Stimme lotst mich in Straßen, welche es nicht mehr gibt oder die gesperrt sind, zudem besitzt das Zentrum von Warschau einen Schwung voll Einbahnstraßen. Daß ich am Ende trotzdem mein Hotel fand, schuldet sich meiner Kunst des Kartenlesens bzw. es grenzt an ein Wunder, denn polnische Autofahrer – die weibliche Endung benötige ich in diesem Falle nicht, weil es sich lediglich um Männer handelt – pflegen einen ausgesprochen robusten und rasanten Fahrstil. Wer eine kleine Lücke auf der linken Fahrspur nutzen will, um aufgrund eines in nächster Zeit stattfindenden Abbiegungsvorganges, die Spur wechseln möchte, der hat die Rechnung ohne den polnischen Wirt oder in diesem Falle: ohne den Autofahrers gemacht. Denn sobald der Fahrtrichtungsänderungsanzeiger aufblinkt oder nur den zaghaften Ansatz von Blinkung macht, setzt beim Polen jener erstaunliche Jagdinstinkt ein und er wittert Vorsprung. Denn genau in dem Moment, als ich ordnungsgemäß den Blinker setze, um den Wechsel anzuzeigen und während das Auto bereits sachte nach links schwenkt, beschleunigt der polnische Autofahrer mit einer solche Leidenschaft und Wucht, die an anderer Stelle womöglich fehlt. (Dazu nächstens mehr.) Steuerten die polnischen Männer zum Beginn des 2. Weltkrieges in dieser Weise ihre Panzer, flögen sie so ihre Abfangjäger, dann gelangte die Wehrmacht nicht bis Poznań, und Warschau hätte heute noch eine intakte und keine nachträglich rekonstruierte Altstadt. Was Hitler mit Polen gemacht hat, das tut der polnische Autofahrer mit den Verkehrsregeln.

Sie werden es gemerkt, gar intuitiv gewittert haben, werte Leserin und lieber Leser, daß hier im Text ein Polenbashing einsetzt: Ja es stimmt: ich bashe, Du basht, er/sie/es basht, wir bashen. Freilich existieren zahlreiche gute Gründe zum Bashen – zumindest nach dem zweiten Tag in Warschau. So haben es sich Warschauerin und Warschauer zur Aufgabe gemacht, bei einer Anrede auf Englisch in keinem Falle irgend eine Miene zum Lächeln oder auch nur zu einer Andeutung eines solche zu verziehen. Einzig die Warschauerinnen und Warschauer, welche kein Wort Englisch sprechen, lächeln höflich und herzlich, was mir freilich wenig nützt, weil ich kein Polnisch kann. Und auch die jungen Frauen bis Mitte vierzig verhalten sich ausgesprochen freundlich, lächeln ihr Literatinnen- oder Astrophysikerinnenlächeln.

Jedoch: Frauen zwischen fünfzig und sechzig Jahren stechen in Warschau durch eine ausgeprägte Unfreundlichkeit heraus. Sie zeigen keine Regung und kennen kein Erbarmen. Als ich in einer Bank nach den Modalitäten fragte, wie Euro in Zloty zu tauschen seien, erhielt ich als Antwort: „Ich habe keine Zeit, ich muß arbeiten!“ Vielleicht erhalte ich jedoch auf meine Frage, ob wir einen Kaffee trinken wollen, zur Antwort: „Am dritten Bankschalter links!“ Ich bin ziemlich der Schwiegermuttertyp und kann sehr gewinnbringend lächeln, aber in Warschau nützte es mir bei den Frauen jener Alterskohorte bisher wenig. Ob das nun an der Supermarktkasse oder in einer polnischen Garküche war, wo die Frauen mit ihren Kittelschürzen in der Küche die Wurzeln und die Kartoffeln schälten, das rustikale Essen zubereiteten und auf den Teller klatschten. Mit ihren Töchtern käme ich gut aus, mit den Müttern eher wenig. Die Kombination aus Eis und Katholizismus ist verhängnisvoll. Doch demnächst mehr. Insbesondere zu den Warschauer Frauen.

Nachtrag: Ich zeige in Photographien eigentlich keine Menschen, die um Geld betteln oder die am Rande und jenseits der Existenz stehen, weil durch eine solche Darstellung ein Bild erzeugt wird, das einen Menschen in eine Konstellation bringt, die würdelos ist. Allerdings: es ist nicht die Photographie entwürdigend, die das abbildet, sondern vielmehr eine Gesellschaft, die Bettlerinnen und Bettler zuläßt. (Zur massiven Polizeipräsenz in Warschau demnächst mehr.)

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Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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7 Antworten zu Reise, Reise – Warszawa

  1. studentek schreibt:

    Ein super Schnappschuss des polnisches Stadtlebens aus der Sicht eines Nicht-Eingeweihten! Freue mich drauf, mehr zu hören/ lesen!!!

  2. Bersarin schreibt:

    Das freut mich. Allerdings verhält es sich für einen Photographen mit dem Begriff „Schappschuß“ in etwa so, als wenn Du zu einem Komponisten sagst: „Da fiel Ihnen aber eine schöne Melodie ein!“

  3. ziggev schreibt:

    ‚bwbschebschjewtschenje, chtschongsbwnje bwschtschewtschenjne‘ – ganz schnell ausgesprochen, so, oder entfernt so ähnlich (wie ich es als Achtjähriger von diesen unglaublich sympathischen jungen Studenten auf einem Campingpletz in den Masuren lernte) klingt ein polnischer Zungenbrecher: „Es lauten die Käfer im Rohr vor der stadt“. Damit habe ich ein wissendes, nachlässig-cool-herablassendes Lächeln, wenn eins ganz genau hinsah, auf Gesichtern von polnischen Zeigenossen und -innnen fast jedesmal hervorzulocken vermocht. ich kann zwar etwas – verschindend geringes – Russisch, aber damit landet man in Polen auch keine großen Stiche.

    herrlich, „Ich habe keine Zeit, ich muß arbeiten!“ – ich dachte, das ist in Berlin Normalfall/Alltag!?

  4. ziggev schreibt:

    wenn ich Französisch könnte, würde ich es damit, jedenfalls in Warschau, versuchen.

  5. Bersarin schreibt:

    Das mag sein, daß die Übersetzung so lautet. Aber so recht mag ich mich darauf nicht verlassen. Was, wenn es etwas ganz anderes heiß?

    Nein, mit dem Russischen machst Du Dich hier sehr unbeliebt. Wenn ich sagte, ich käme aus Deutschland, waren die meisten richtig angetan und errfreut. Umgekehrt kaum denkbar in Berlin, wenn da jemand sagt, er reiste aus Polen für eine Woche in die BRD.

  6. che2001 schreibt:

    Hey Klasse – gerade ein Seminar gegeben zur Architekturgeschichte und bin da von einem polnischen teilnehmer über die Architektur warschaus informiert worden. Das passt ja ganz hervorragend.;-)

  7. Bersarin schreibt:

    Diese Architektur und die Mischung aus Verschiedenem, die Rekonstruktionen der Altstadt wegen der Stukas und der Zerstörung bilden einen in der Tat interessanten Aspekt. Ich selber komme jedoch nicht von der Architektur her, insofern sind diese von mir gezeigten Bilder und Texte lediglich vorläufig.

    Auf alle Fälle aber zeichnet Warschau eine spannende Architektur aus. Vor allem deshalb, weil Verschiedenes so unvermittelt nebeneinander steht. Und zugleich ist dieser Schrecken präsent.

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