Das Versenken in die Sache – diesseits ästhetischer Kontemplation

Subjekt und Objekt, Denken und Sein: diese Spaltung bleibt in mannigfaltiger Weise grundlegend und gibt das Movens aller Philosophie ab. Philosophie in ihren verschiedenen Ausprägungen dreht sich insgesamt um diesen Spalt, diese Kluft, jene paradoxale Struktur, die als mise en abyme fungiert und damit zugleich den Abgrund spiegelt, sobald sich das Subjekt absolut setzt.

Diese Differenz trägt sich immer im Denken selbst und – damit verbunden – in der Sprache aus, und sie ist doch zugleich eine objektive: sei das nun auf dem Wege der (Erkenntnis-)Theorie oder in den verschiedenen Künsten – oder anders gesagt: in den „Sprachen der Kunst“. Innerhalb der Philosophie manifestiert sich diese Bewegung des Denkens, des Begriffes als Dialektik, was leicht dazu verführt, Dialektik im Sinne einer Methode zu handhaben, mit der sich der Sache, den Dingen, dem Objekt oder dem Seienden in seiner mannigfaltigen Weise genähert wird. Zugleich aber bleibt als unauflöslicher Rest jenes Objekt. Die Anordnung, die Konstellation beider auszumachen, ist lediglich in einer zweiten Reflexion möglich. Diese Dialektik von Wissen und Wahrheit als Arbeit des Begriffs eröffnet Hegel in seiner „Phänomenologie des Geistes“, und es taucht dort ein Weise von Erfahrung auf, die sich nicht am Überschwang der Subjektivität orientiert, sondern sein Maß an der Sache hat:

„Diese dialektische Bewegung, welche das Bewußtsein an ihm selbst, sowohl an seinem Wissen als an seinem Gegenstande ausübt, insofern ihm der neue wahre Gegenstand daraus entspringt, ist eigentlich dasjenige, was Erfahrung genannt wird.“ (Hegel, Phänomenologie des Geistes, S. 78, Fft/M 1986)

Adorno greift diese Figur auf, aber im Zeichen einer Veränderung von Gesellschaft, welche nicht mehr die frühkapitalistische Hegels ist, strukturieren sich das Verhältnis anders als in der Hegelschen Dialektik. Denn aus dem Kelche dieses Geisterreiches schäumt dem „absoluten Geist“ nicht mehr seine Unendlichkeit. Der Topos, sich in die Sache zu versenken, welcher im Text Adornos zuweilen auftaucht, ist zunächst etwas, das aus der Husserlschen Phänomenologie herkommt: „Zu den Sachen selbst!“ so lautete deren „Slogan“. Adorno greift das auf, bringt diese Möglichkeit des Philosophierens jedoch in eine ganz andere Wendung, die weder im Fahrwasser der Hermeneutik (als Verstehen von Kunstwerken) noch in das der Phänomenologie als bloßer Metatheorie der Erkenntnis treibt. Und aufgrund dieser Überschreitung stellte Adornos Philosophie nicht nur eine Erkenntnistheorie bereit, sondern bedeutet zugleich Erkenntniskritik, die sich mit der Kritik von Gesellschaft verbindet. Formen des Wissen hängen zugleich (aber eben nicht ausschließlich) am Machtpool, um es ein wenig grobschlächtig zu formulieren. Eine Möglichkeit, wie in dieser Weise Philosophie zu betreiben sei, (auch angesichts einer aporetischen Situation der Philosophie im Zeichen instrumenteller Vernunft) entfaltet Adorno in seiner Einleitung zur „Negativen Dialektik“. Es entsteht durch dieses Sich-der-Sache-überlassen ein Modell von Denken, für das Adorno jene Wendung von der Freiheit zum Objekt prägte.

Diese Freiheit zum Objekt nun konkret auf die Ästhetik bzw. die Literatur bezogen, bedeutet, nicht so zu lesen als sei das Buch lediglich für mich selber geschrieben worden und als müsse es mit meinem Erfahrungsraum auf Teufel-komm-heraus korrespondieren. Hölderlins „Hyperion“ hat mit den Lebensbedingungen eines Menschen der Gegenwart (in der Regel) nicht sehr viel zu tun – zumindest nicht auf den ersten Blick und beim ersten Lesen. Das Konzept von Liebe, welches Hyperion zu Diotima hegt, verfiele heute der Lächerlichkeit, ist unmittelbar und ohne eine Form von Wissen heute kaum verständlich zu machen. Aber insbesondere diese dunklen, sperrigen, schwarzen oder wie Benjamin es in seinem Kafka-Essay schreibt: die wolkigen Stellen nötigen zur Philosophie, eben um die Sache, um deren Gehalt zu erfahren und in der ästhetischen Kritik zu entfalten. Dieses Sich-versenken hat nun aber weniger mit einer Art von Meditation oder von Einfühlung zu tun, sondern vielmehr geht es darum, sich diesem Fremden oder sogar Unheimlichen eines Kunstwerkes auszusetzen. Dies mochte sich zu Adornos Zeiten einfach gestalten, weil der Schock angesichts des Neuen als Movens von Kunst in jener Zeit der Klassischen Moderne noch nicht eingemeindet wurde und zum leerlaufenden Prinzip verkam.

Gleichzeitig aber bleibt in solchem Denken, das sich auf das Objekt zubewegt, die subjektive Regung nicht draußen. Sie ist in Text Adornos eben nicht der unvermittelte und statische Gegenpol zur Objektivität. Gerade die verstörenden Momente, die Irritationen, die Idiosynkrasien geben sehr viel mehr Aufschluß über das Allgemeine als die vermeintlich objektive Aussage. Kein Objekt ohne Subjekt und in dieser Bezüglichkeit muß zugleich die Kraft des eigenen Denkens aufgebracht werden. Es ist eine Polung von Subjektivität und Objektivität, die sich im Grunde nur als Text wird entfalten können und sich als Text erst zeigen läßt. Programmatisch schreibt Adorno in der „Negativen Dialektik“:

„Bewußtlos gleichsam müßte Bewußtsein sich versenken in die Phänomene, zu denen es Stellung bezieht. Damit freilich veränderte Dialektik sich qualitativ. Systematische Einstimmigkeit zerfiele. Das Phänomen bliebe nicht länger, was es bei Hegel trotz aller Gegenerklärungen doch bleibt, Exempel seines Begriffs. Dem Gedanken bürdet das mehr an Arbeit und Anstrengung auf, als was Hegel so nennt, weil bei ihm der Gedanke immer nur das aus seinen Gegenständen herausholt, was an sich schon Gedanke ist. Er befriedigt sich, trotz des Programms der Entäußerung, in sich selbst, schnurrt ab, so oft er auch das Gegenteil fordert. Entäußerte wirklich der Gedanke sich an die Sache, gälte er dieser, nicht ihrer Kategorie, so begänne das Objekt unter dem verweilenden Blick des Gedankens selber zu reden.“ (Adorno, ND, S. 38)

„Die philosophische Forderung, ins Detail sich zu versenken, die durch keine Philosophie von oben her, durch keine ihr infiltrierten Intentionen sich steuern läßt, war bereits die eine Seite Hegels. Nur verfing ihre Durchführung bei ihm sich tautologisch: seine Art Versenkung ins Detail fördert wie auf Verabredung jenen Geist zutage, der als Totales und Absolutes von Anbeginn gesetzt war. Dieser Tautologie opponierte die Absicht des Metaphysikers Benjamin, entwickelt in der Vorrede zum ‚Ursprung des deutschen Trauerspiels‘, die Induktion zu erretten.“ (Ebd. S. 298)

Geht die Phänomenologie in der Weise vor, wie von Adorno konstatiert, so besteht eben die Gefahr, jener Referenzrahmenbestätigung anheimzufallen. Das Denken ist dagegen nie ganz gefeit, und insofern kommt hier als Korrektiv eine an Nietzsche orientierte Philosophie der Perspektivität ins Spiel. Den Gegenstand aufzufächern und von einer Vielzahl seiner Seiten in den Blick zu bekommen, die Stile zu variieren, den Gegenstand durchzuspielen, in Anordnungen zu bringen, wird zur Aufgabe ästhetischer Kritik. Eine Form der Darstellung, die dies leistet ist der Essay, so wie Adorno oder Benjamin diese Weise des Schreibens an verschiedenen Kunstwerken entfalten. Im Detail führt Adorno solches Schreiben etwa in seiner Lektüre von Becketts Endspiel durch: „Versuch, das Endspiel zu verstehen“. Dabei werden einem Begriff von hermeneutischen Verstehen jedoch enge Grenzen gezogen:

„Das deutende Wort bleibt deshalb unvermeidlich hinter Beckett zurück, während doch seine Dramatik gerade vermöge ihrer Beschränkung auf abgesprengte Faktizität über diese hinauszuckt, durch ihr Rätselwesen auf Interpretation verweist. Fast könnte man es zum Kriterium einer fälligen Philosophie machen, ob sie dem gewachsen sich zeigt.“ (Adorno: Noten zur Literatur, S. 284)

Verstehen transformiert sich zum Versuch, zu einer kreisenden Bewegung, die sich nicht sicher sein kann. Was bleibt, ist die Interpretation bzw. der Blick auf das Formgesetz des ästhetischen Gebildes. Einerseits. Andererseits geht es Adorno im Akt der Kritik darum, sich dem Gebilde anzuschmiegen und eine Weise der Mimesis walten zu lassen, welche sich dem Kunstwerk angleicht. Im Akt des Lesens vollzieht sich der Text noch einmal, indem er wiederholt wird. Sache und Methode sind nicht voneinander zu trennen.

Wer den Gehalt eines Stückes wie „Endspiel“ begreifen will, muß sich seiner Struktur aussetzen, wenn ein Text mehr sein soll als bloß erbauliche Lektüre, welche um die eigenen Empfindungen sich dreht oder von Fragestellungen getragen wird, die von außen an das Buch angepappt werden. Es gibt nun Leserinnen und Leser, die lesen so wie sie Schrankwände, Schuhe oder Kleider kaufen: Paßt dieses Buch zu mir und meiner Welt, meiner Weiblichkeit samt dem Schreiben als Frau, als Mann, als So-und-so-Subjekt. Sicherlich: es kann jeder ein Buch fortlegen oder ein Kunstwerk nicht betrachten, solange sie/er sich über dieses Werk kein Urteil erlauben, das weiter reicht als das, freilich beliebige, Empfindungsurteil, mithin das subjektiv gefärbte Geschmacksurteil.

Allerdings: in dieser Sicht der Empfindungslektüre kommt ein Kunstwerk über die Funktion nicht hinaus, bloße Erbauung zu stiften. In dieser Wahrnehmungsweise manifestiert sich die herabgesunkene Kunstreligion einer spätmodernen Gesellschaft als Wellness und Entspannungsform oder als Folie für die eigenen Referenzen – einer Kunstreligion, welche als letztes Residuum ins Säkulare abgewandert ist. Kunst verzückt das Dasein, nicht anders als Gemälde die Deutsche Bank schmücken. Kunst aber, die aufs ganze geht, will mehr als das. Sie vertritt einen Wahrheits- und Erkenntnisanspruch, nicht anders als ein Satz der Mathematik oder der Physik auf Wahrheit aus ist – freilich mit anderen Mitteln.

Wer sich einem Kunstwerk aussetzt, sollte davon absehen, sich und seine Lebenswelt wiederfinden zu wollen. In jener seit einiger Zeit wieder in Mode gekommenen Rezeptionsästhetik ist es seit einigen Jahren Schick, daß ein Werk Räume der Erfahrung öffnet – im Grunde eine Säkularisierung jener Redewendung bei Heidegger in seinem Kunstwerkaufsatz, daß sich in der Kunst die Wahrheit ins Werk setzt.

„Im Werk ist, wenn hier eine Eröffnung des Seienden geschieht in das, was und wie es ist, ein Geschehen der Wahrheit am Werk. (…) So wäre denn das Wesen der Kunst dieses: das Sich-ins-Werk-Setzen der Wahrheit des Seienden. (M. Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerkes, in: Holzwege, S. 21, Fft/M 1980)

Dieser Heideggerscher Begriff von Kunst und Wahrheit freilich ist – teils – ein entleerter, der im bloßen Seinsgestammel als formal gesetzte Unmittelbarkeit irgend eines Vorgängigen sich hypostasiert. Daß diese Wahrheit sich zugleich als eine gemachte und an ein gesellschaftliches Moment gebunden ist, unterschlägt Heideggers Text. In der ontisch-ontologischen Differenz rückt ihm Geschichtlichkeit derart in die Sphäre des Ontologischen, daß sie nicht mehr von dieser Welt zu sein scheint.

Vertreter einer solchen Ästhetik der Erfahrung, die von Adorno einerseits zwar herkommt, aber wesentliche Aspekte seiner Philosophie – nämlich die Momente von Wahrheitsgehalt und gesellschaftlichem Gehalt des Werkes – andererseits abschneidet, ist Martin Seel, der sich neuerdings den Tugenden und Lastern widmet. Diesen Bogen hin zur Ästhetik des Frankfurter Philosophen Martin Seel und zu Adornos Text „Der Essay als Form“ muß ich jedoch ein andermal schlagen.

Über Bersarin

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26 Antworten zu Das Versenken in die Sache – diesseits ästhetischer Kontemplation

  1. Iris schreibt:

    Lieber Bersarin,
    mit Interesse verfolge ich die Beiträge zu diesem Thema, sowohl hier im Blog als auch woanders, ebenso die Diskussionen und Streitigkeiten, die seit einiger Zeit mal mehr, mal weniger sachlich ausgetragen werden.
    Es mangelt mir an Bildung und an Kenntnis diverser Denker und deren Schriften, um auf gleicher Ebene mitstreiten zu können. Dennoch reizt es mich und stößt mich an, was wiederum genau das ist, was ich im Lesen suche: Ich will lernen, in erster Linie, suche Futter für meinen hungrigen Geist.
    Darin finde ich mich nun einerseits bestätigt, zugleich aber auch diskriminiert. Nicht missverstehen! Ich wünsche kein „Herablassen“ auf mein Niveau, um gleichgestellt mitreden zu können, im Gegenteil, ich will ja weiterkommen und kann auch gut eine ganze Weile nur hören und aufnehmen und in Gedanken bewegen, muss gar nicht selbst immer meinen Senf dazu abgeben. Ich kann auch Grenzen akzeptieren.
    Worin aber sehe ich das Diskriminierende? Ganz einfach: Was nur mit komplizierten Worten und unter Berufung auf Studium und Lehrmeinungen erklärt und begründet werden kann (scheinbar), suggeriert mir, ich bräuchte genau diese Voraussetzungen, wollte ich einen Text „richtig“ lesen, ein Kunstwerk „richtig“ betrachten. Ja, es suggeriert überhaupt erst, dass es eine „richtige“ Art des Umgangs mit Kunst gebe. Eine Art allerdings, die erst durch höhere Bildung zu erwerben sei und damit weniger Gebildeten nicht zur Verfügung stehe.
    Das ist diskriminierend. Und es verletzt mich (auch wenn ich persönlich ja gar nicht angegriffen werde).
    Es verletzt mich, da ich mich ja kenne (soweit dies mir wie jedem anderen möglich ist) und weiß, dass ich im Lesen weder „Wellness“ noch „Entzücken“, Selbstbestätigung, „Erbauung“ oder Glück suche. Letztere beiden vielleicht doch, denn ich finde erbaulich, was mich herausfordert und Glück in dem, was mir fremd ist und Neues eröffnet.
    (Und davon abgesehen gestehe ich jeder und jedem das Recht zu, selbst über ihre/seine Art des Umgangs mit Kunst zu entscheiden, aber das wäre nochmal ein anderer Aspekt des Themas.)
    Ich wehre mich hiermit also ganz allgemein gegen einen Ausschluss aus dem Kreis der Berechtigten (und bin mir durchaus bewusst, dass dieses Empfinden, ausgeschlossen zu sein, ein ganz subjektives und/oder auf Missverstehen beruhendes sein kann) und stelle gleichzeitig die (nicht rhetorische!) Frage, ob sich das in Deinem Text Ausgeführte vereinfacht so ausdrücken ließe: Voraussetzung für einen gelingenden Umgang mit einem Text/ Bild/ Musikstück etc. (wie im Übrigen auch für das Gelingen eines Gesprächs) ist eine echte, von sich selbst absehende Neugier (die nicht sich selbst ausklammert, aber eben interessiert ist an allem darüber hinaus, ohne sich zwingend damit zu vermischen).
    Gemein, dass für Dich das Erfassen meines Kommentars vermutlich viel weniger anstrengend ist als für mich das Erfassen Deiner Texte.
    Gruß, Iris

  2. Bersarin schreibt:

    Liebe Iris, es mag sein, daß die Lektüre meines Textes anstrengend für Dich ausfällt, aber als Ausgleich bemühe ich mich, Dir eine Antwort zu geben, die ich nicht irgendwie hingeschrieben habe. An der Länge derselben wirst Du insofern bemerken, daß ich mich mit Deinem Kommentar auseinandersetze.

    Die Fragen, welche Du stellst, sind nicht von der Hand zu weisen. Allergisch und mit hinreichender Bösartigkeit reagiere ich übrigens nicht auf solche Fragen und Hinweise wie die Deinen. Aber wenn mir eine Schmalspureisenbahn in den Text fällt oder basale Weisen philosophischer Argumentation ignoriert werden, wenn ich Sätze höre wie „Hegel langweilt mich“ oder mir jemand mit dem immergleichen Gewäsch sowie den Stereotypen kommt, wie sie seit gefühlter Ewigkeit unendlich reproduziert werden, (ich nenne jetzt mal keine Namen), dann werde ich ungemütlich und bringe auf den Punkt, was hinter solchem Denken steckt: nämlich Ressentiment und ein eingeschränkter Blick. Der Deine ist es übrigens nicht, er ist, so wie ich hier Deinen Kommentar lese, offen.

    Der Umgang mit Kunst hat in der Tat auch etwas mit Distinktion und auch mit Ausschlüssen zu tun, weil Kunstwerke sich nicht voraussetzungslos betrachten lassen – zumindest dann nicht, wenn eine Rezipientin oder ein Rezipient mehr wollen als das rein sinnliche Moment oder den Genuß, die Freude, den Reiz am Werk. Ich will gegen diese Weise des Umganges gar nicht viel sagen, das muß jede(r) sehen, wie sie das für sich einrichten. Ich rede damit jedoch nicht der Beliebigkeit das Wort: dieses „Jeder nach seinem Gusto“ ist eine Form der repressiven Toleranz. Jedoch verfehlt man den Gehalt und damit das Kunstwerk selbst, wenn Rezipientin/Rezipient es lediglich auf einer sozusagen kulinarischen Ebene oder im Sinne eines subjektiven Geschmacks wahrnehmen.

    Um es auf einen Slogan zu bringen (ich glaube, es war dies einmal eine Werbephrase des du Mont-Verlages): Wer mehr weiß, sieht mehr. Und ich möchte in der Umkehrung auch noch hinzufügen: Wer mehr sieht, weiß am Ende auch mehr. Das bedeutet nicht, nun irgend eine Ästhetik, Kunsttheorie oder eine Lehrmeinung, derer es durchaus viele gibt (das reicht von der Analytischen Kunsttheorie bis zu ihrem Gegenpol, der dialektischen), nachzubeten oder auswendig zu lernen. Diese Theorien ersetzen das Verhältnis zur Sache nicht. In gewisser Weise gehört, wie in gesellschaftlichen oder persönlichen Verhältnissen auch, so etwas wie Takt und Gespür in der Lektüre eines Werkes zum Umgang mit Kunst dazu. Ebenfalls die Phantasie, die nur sehr schwierig zu lernen ist und bei der Grundsteine wahrscheinlich bereits in der Kindheit gelegt werden. Was dabei wesentlich ist: alle diese Aspekte sind nicht vereinzelt zu nehmen, sondern entwickeln sich erst in ihrem Zusammenspiel zu einer gelungenen ästhetischen Kritik oder zu einer Weise von Wahrnehmung, die dem Kunstwerk gegenüber adäquat sich erweist.

    Ja, es stimmt: der Umgang mit Kunst erfordert Theorie und Praxis und vor allem: Zeit. Es ist, um einmal ein Beispiel aus dem Bereich der Geschmacksbildung zu nehmen, im ästhetischen Urteil nicht anders als beim Trinken von Weinen. Je mehr und je vielseitiger ich trinke, desto ausgeprägter gerät mein Sensorium und desto schärfer werden die Begrifflichkeiten innerhalb der ästhetischen Kritik. Wenn Du das oft genug machst, so wirst Du einen schlechten von einem guten Wein eindeutig unterscheiden können. Theorie allein reicht dazu nicht aus. (Schwieriger wird es beim Wein im Grenzbereich von gut/sehr gut.) Um ein simples Beispiel zu nehmen: Wenn Du häufig gute Weine trinkst, dann wirst Du den Bordeaux von Aldi nicht mehr mögen. Daß es Gründe gibt, diesen zu kaufen, weil jemandem das nötige Geld fehlt, das weiß ich. Es geht mir in diesen Dingen auch nicht um ästhetischen Snobismus oder um eine soziale Abgrenzung qua Kunst oder Markenartikeln.

    „Worin aber sehe ich das Diskriminierende? Ganz einfach: Was nur mit komplizierten Worten und unter Berufung auf Studium und Lehrmeinungen erklärt und begründet werden kann (scheinbar), suggeriert mir, ich bräuchte genau diese Voraussetzungen, wollte ich einen Text “richtig” lesen, ein Kunstwerk “richtig” betrachten. Ja, es suggeriert überhaupt erst, dass es eine “richtige” Art des Umgangs mit Kunst gebe.“

    Nein, es gibt nicht die eine richtige Art des Umganges mit Kunstwerken. Eine dialektische Herangehensweise, die zur Methode sich aufspielt und die dann zu einem klappernden Mechanismus sich verwandelt, ist eben aus genau diesem Grunde keine dialektische Herangehensweise. Ich verhehle nicht, aus welcher Tradition ich komme, und ich kann mich mit Bloggern oder Kommentatoren auch über Dinge streiten: Eben weil es nicht die die eine Weise der Sicht gibt. Wenn mir Blogger wie Hartmut oder teils auch ziggev mit Argumenten aus der Analytischen Philosophie kommen oder wenn summacumlaude, Nörgler, Alter Bolschewik, fk und andere hier schreiben und opponieren, dann kann es zwar passieren, daß ich ein wenig im Überschwang der Sprache witzele, aber ich nehme das doch ernst, was sie schreiben, weil es kein dumpfes Gefasel ist vom Schlage „Wer bitte braucht denn heute noch Hegel?“ Wer eine solche Aussage trifft, muß sich dann einige Fragen gefallen lassen. Ich bin da streng und arbeite wie ein Auftragskiller bis die Sache erledigt ist. („I hired a Contract killer“, Aki Kaurismäki, das war sozusagen ein textuelles Augenzwinkern, um nicht dieses Punkt-Punkt-Komma-Strich-Gesicht zu schreiben.) Einen solchen Satz würde ich nicht einmal von der Analytischen Philosophie aussprechen, derer ich eher wenig denn viel gewogen bin. Und wenn Du diese Fragen stellst, und dann noch auf eine derart angenehme Weise, dann bin ich der letzte, der das als Anlaß nimmt, polemisch zuzuschlagen.

    Ja, es ist die von sich selbst absehende Neugier, die nicht in Vorgestanztem an ein Werk herangeht. Freilich ist niemand von seinen eigenen Strukturierungen und Präformierungen frei, und je mehr einer in der Theorie ist, desto eher kann sich diese von mir kritisierte Referenzrahmenbestätigung einstellen. Und insofern versuche ich zugleich Gegenpositionen zu finden, die ich mit der Theorie konfrontiere. Sicherlich werden Leserin und Leser bemerkt haben, daß ich von Hegel und der Kritischen Theorie Adornos herkommen, aber wer meinen Blog liest, wird auch feststellen, daß ich diese Autoren zugleich immanent kritisiere. (Auf diese immanente Kritik: also innerhalb ihres eigenen Denkens kommt es mir wesentlich an und auf diese Weise nehme ich auch Kunstwerke wahr. Dieser Modus der Bewegung hin zur Kunst ist ein komplizierter Prozeß, er ist tentiv, man kann sich darin irren, man revidiert sein Urteil, bringt eine neue Sicht ein. Ästhetisch Kritik ist wesentlich prozeßhaft und es dauert lange bis ein Text entsteht, der hält – Blogs sind in diesem Sinne meist Arbeitsjournale oder Skizzenbücher, die dann aber leider beiseite gelegt und vergessen werden. In der Fülle des Matierals. Um den Umgang mit Kunst mit einem Beispiel zu untermalen: Wer an einem Gehirn oder am offenen Herzen operiert, hat in der Regel eine sehr lange Ausbildung genossen, um diese Tätigkeit adäquat ausführen zu können. Und da fange ich mich dann jedesmal an zu ärgern, wenn irgend eine Heißluftpumpe, in der Kunst mit Vehemenz Unmittelbarkeit oder Selberdenken einfordert, wo doch beides nicht oder nur mit viel Mühe zu haben ist. Die Kategorie des Selbst und des Subjekts ist höchst problematisch. Als ob das Denken aus dem heiteren Himmel käme. Die, welche Philosophie, Kunstgeschichte oder welche Geisteswissenschaft auch immer studiert haben, gehen allesamt mit Voraussetzungen an ein Kunstwerk heran, und teils ist diese Wissen auch nötig – was nicht bedeutet, daß es auch notwendig ist, um das Werk wahrzunehmen, aber es macht den Umgang damit spannender: Wer Becketts Endspiel liest und daneben die Poetik des Aristoteles, der sieht mit einem Male, was für Großartiges Becketts „Endspiel“ mit der Konzeption der Tragödie zelebriert. Wer neben Proust sich die Bilder des Impressionismus betrachtet und die (Zeit-)Philosophie Henri Bergsons liest, der blickt anders auf den Text von Proust. Das alles ist kein Muß, eröffnet aber Perspektiven und Blicke, die das Werk erweitern. Ich hoffe, ich konnte Dir ein wenig Erläuterung liefern. Beste Grüße Bersarin

  3. Frau wunder schreibt:

    …tja und wer hölderlin mag und kleist, die gründerode und die brentanos der wird allemal eine andere form von liebe leben als bukowski, miller und jellinek leserInnen. oder wird die sache erst andersherum rund, ich lese so gern bukowski weil ich immer schon auf perverse zärtlichkeiten stand?

    das beispiel mit dem wein verdeutlicht es sehr gut, desto mehr ich mich damit auseinandersetze, um so vielfälltiger wird mein geschmackliches empfinden, desto ausdifferenzierter mein geschmack. meinen genuss werde ich höchstwahrscheinlich aus dem bewusstsein ziehen etwas ganz besonderes zu konsumieren und dies auch zu erkennen. dieser genuss unterscheidet sich allerdings in keinster weise von dem, den eine horde schwachsinniger beim stürmen meines weinkellers und rauschhaftem verzehr aller flaschen empfinden würde. weil in deren welt wahrscheinlicher eher quantität vor qualität kommt. am ende aber ist die daraus resultierende befriedigung die gleiche.

    das ist sie im übriegen auch, wenn ich verkopfungen brauche, um lieben zu können. da hätten wir sie wieder die alte frage nach sein und bewusstsein und wer hier was bestimmen darf….

    am ende führt diese frage, ähnlich wie alle warum frage aber nirgendwo hin. und besser als sich zu fragen ob das sein das bewusstsein oder andersherum bestimmt ist vielleicht das erleben von bewussten und unbewussten momenten.

    übriegens mag ich ihre kommentare lieber als ihre posts. in denen kommt wenigstens soetwas wie eine eigenmeinung zum vorschein….

  4. ziggev schreibt:

    Bersarin, nur jetzt mal danke, dass Du so ausführlich auf mein Nachfragen aus dem vorletzten Blog eingegangen bist. Offensichtlich kannst Du ja schon eher etwas mit Adornos Dialektik anfangen als dieser und dieser Rezensent seiner Einführung in die Dialektik, Berlin 2010 (Vorlesungen aus dem Jahre 1958).

  5. Noergler schreibt:

    Das hier ist gänzlich verfehlt:
    „dieser genuss unterscheidet sich allerdings in keinster weise von dem, den eine horde schwachsinniger beim stürmen meines weinkellers und rauschhaftem verzehr aller flaschen empfinden würde. weil in deren welt wahrscheinlicher eher quantität vor qualität kommt. am ende aber ist die daraus resultierende befriedigung die gleiche.“

    Verfehlt darum, weil Frau wunder Genuß- und Wirkungstrinken nicht unterscheidet. Die Horde ist nur an der Wirkung des Alk interessiert. Dem Wirkungstrinker ist die Qualität einerlei. Daher greift er zu Getränken wie Jägermeister oder Jack Daniel’s, zumal die Wirkung hier kostengünstig herbeigeführt wird.

    Die Befriedigungen des Wirkungs- und des Genußtrinkers sind radikal geschieden.

  6. @noergler: na und; befriedigung ist befriedigung(punkt)

    Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall.

  7. Noergler schreibt:

    Der eine hat Spaß am Tischtennis, der andere am Frauenzerstückeln.
    Na und? Spaß ist Spaß.

  8. Bersarin schreibt:

    @FrauWunder
    Um es sehr zart zu formulieren: mit Ihrem Begriff von Meinung bin ich nicht recht glücklich.

    Wenn Befriedigung nur Befriedigung ist, dann gibt es keinen Unterschied. Weder zwischen gutem und schlechtem Essen, gelungenem und schlechtem Sex.

    „Perverse Zärtlichkeiten“ gefallen mir dennoch sehr gut. Und in diesem Sinne verbleibe ich Ihr werter Bersarin.

  9. warum ist das eigentlich so schwer zu verstehen; befriedigung = befriedigung. aber schlechter sex ist sicherlich ausgesprochen unbefriedigend, genauso wie schlechtes essen. WAS allerdings den guten sex, das gute essen ausmacht, das variiert von mensch zu mensch. der eine steht halt mehr auf hausmannskost, kräftig, deftig, üppig handfest und für einen anderen ist das feingeistige versenken tiefschürfender weisheiten im kopf des gegenübers, dem versenken anderer körperteile vorzuziehen.

    und ja der eine hat spaß am tischtennis und der andere am frauenzerstückeln. denn der spaß scheist auf die moral, klingt komisch ist aber so….

    allerdings scheiße ich nicht auf moral, das wollt ich dann doch noch bemerkt haben.

  10. David schreibt:

    „Warum ist das eigentlich so schwer zu verstehen,“ schrie ihr neuer Pflegevater die kleine Marlies mit hochrotem Kopf an. „Papa = Papa!“

  11. Bersarin schreibt:

    Allein aufgrund dieses Satzes katapultiere ich Dich in die Blogroll, sofern es Dir recht ist, auch wenn wir von den Ansätzen der Philosophie mannigfaltige Differenzen haben.

  12. David schreibt:

    Tue dies. Als bekennender Wirkungstrinker habe ich gänzlich andere Sorgen.

    Disclaimer: ;-)

  13. Iris schreibt:

    @Bersarin:
    Danke für Deine ausführliche Antwort (die mir allerdings noch besser gefallen hätte, wären die Schlenker zu den verschiedenen Streitbeteiligten ausgeblieben. Ich will mich nämlich weder auf eine Seite schlagen, noch von einer anderen vereinnahmen lassen. Es geht mir schlicht ums Thema.)
    Zur Sache: „Wer mehr weiß, sieht mehr.“ Ja und nein. Wenn man sich den Blick mit dem erworbenen Wissen nicht zustellt, sondern erweitert, ja. Wenn man aus dem angeeigneten Wissen keine Raster formt, sondern es zum Rahmensprengen nutzt, ja. Und um welche Art Wissen geht es denn überhaupt?
    Der Vergleich mit den Weinen passt. Dies ist meine Art, mir etwas anzueignen: Indem ich es probiere, möglichst viele Sinne beteilige, mir Zeit nehme, es wirken zu lassen, bevor ich es ausspucke oder schlucke, Vergleiche anstelle, meinen Geschmack daran schule und/oder überhaupt erst entdecke. Genau so lese ich. Von Kindheit an, bewusst erst später und immer schon viel und in großer Bandbreite, als Buchhändlerin sowieso.
    Ich halte nichts von Buchkritiken, nicht zuletzt deshalb, weil ihr Lesen Zeit benötigt, die sich besser in das Lesen des besprochenen Buches und des nächsten gleich hinterher investieren ließe. (Natürlich lese ich dennoch Kritiken, manche zugegebener Maßen auch mit Gewinn, der aber z.T. auch im Amüsieren über die Selbstdarstellungskünste der Kritiker besteht.)
    Ich persönlich möchte Bücher aber nicht kritisieren, ich möchte sie empfehlen und ans Herz legen, und ich wünschte mir mehr mündige Kunden, die Bücher nicht wegen guter Kritiken kaufen, sondern die ein Gespür dafür entwickelt haben, welche Lektüre ihnen dienlich ist, die sich selbst im Ausprobieren, im Kosten die nötige Erfahrung aneignen, um sagen zu können: Diese Art Lektüre dient mir zur Entspannung, jene muntert mich auf, lässt mich gar befreit lachen, eine andere beflügelt meinen Geist, regt meine Phantasie an, erweitert meinen Horizont oder fördert meine verborgenen Seiten oder lässt mich staunen (was mir persönlich eine der liebsten Erfahrungen ist) oder oder oder …
    Drücke ich mich verständlich aus? Geht es noch um dieselbe Sache?
    Werde ich einem Buch (oder einem anderen Kunstwerk) durch meine Herangehensweise gerecht?
    Ich weiß es nicht sicher. Aber ich möchte einen Vergleich zur Naturbetrachtung ziehen: Es gibt dort vieles, das mich schlicht staunen lässt, und dieses Staunen lässt nicht nach, wenn ich Zusammenhänge und Funktionsweisen kennenlerne und manches sogar begreife. Wissenschaft und Forschung können mit Respekt und im Wissen um die eigenen Grenzen betrieben werden, sie können das Staunen über die Komplexität bewahren. In sofern stimme ich Dir zu, dass das Befassen mit Theorien und Sekundärliteratur für zusätzlichen Gewinn sorgen können. Sie können aber auch missbräuchlich, überheblich und zum Zweck des Kontrollgewinns und der eigenen Erhebung betrieben werden. Nicht anders ist es meiner Meinung nach im Umgang mit Kunst (und letztlich im Umgang miteinander, aber ich will nicht ausufern).
    Es sind dies lose Gedankenfäden mit weit zurückliegenden Anfängen und nicht absehbaren Enden. Deshalb komme ich auch zu keinem Punkt. Wir sind sowieso noch längst nicht fertig, allesamt. Komma

  14. ziggev schreibt:

    der Subjektivitätsfanatiker – oder die Subjektivitätsfanatikerin – sie sollen mir einen Grund nennen, warum der subjektive Impetus der Frage nach der Objektivität (in der Kunst) vorzuziehen ist, er oder sie nenne mir also einen objektiven Grund. Dann, ja dann lasse ich fürderhin alle objektiven Gründe fallen und glaube alleinig nur noch an die pure Subjektivität.

  15. ziggev schreibt:

    PS, sorry, „objektiver Grund“ besagt jetzt wieder nichts. Ein Grund, der sich dem objektiven Zugang erschlösse. Und aus welchem sich nachvollziehend etwas ergeben könnte, das sich einer Sache annäherte, die manchmal in vorsichtig ‚Wahrheit‘ genannt wird.

  16. Bersarin schreibt:

    @ Iris
    Ich antworte Dir noch, bin aber im Moment sehr mit Urlaubsvorbereitungen und anderem beschäftigt. Es wird womöglich wieder eine etwas ausführlichere Antwort. Ein Teil der Antwort steckt bereits in den Ergänzungen zu ziggevs Ausführung.

    Gesondert wäre der Aspekt des Herrschafts- und Machtdiskurses zu betrachten. Generell gilt wohl: in einer (unter anderem) auf dem Konkurrenzprinzip organisierten Gesellschaft existiert kein Bereich, der nicht frei wäre von diesem Macht- und Herrschaftsbezügen. Ob es sich dabei nun um das Wissen des Chirurgen oder das des ästhetischen Theoretikers handelt, so bleibt der Aspekt von Wissen als Machtpraktik immer Bestandteil.

    @ziggev
    So ist es. Und vor allem steckt in der vorgeblichen Subjektivität zugleich ein objektives oder objektivierendes Moment. Es stellt sich die Frage, wie es dazu kommt, daß sich das Subjekt in seinen Regungen und Empfindungen gegenüber dem Kunstwerk derart stark macht. Was zudem in der Rezeptionsästhetik mir schöner Regelmäßigkeit vergessen wird: Kein Subjekt, keine Regung desselben ohne den objektiven Grund – mithin das Kunstwerk samt seiner Strukturierung. Es läßt sich in keiner Wirkungsästhetik dem dem, was das eigentlich wirkt absehen – zumal sich die Betrachter im reinen Rekurs auf’s Subjekt und seine Empfindungen um das beste bringen.

  17. Iris schreibt:

    @ziggev
    Ich weiß nicht, ob ich es (Subjektivität – Objektivität) richtig verstanden habe und ob überhaupt (auch) ich mit „Subjektivitätsfanatikerin gemeint bin. Trotzdem der Versuch einer Erklärung:
    Aus welchem Grund lese ich denn überhaupt, besuche ich Ausstellungen und Konzerte? Auch der/diejenige, der/die sich angeblich objektiv damit befasst, hat doch Gründe, warum er/sie sich ausgerechnet damit (mit Kunst allgemein und dem ausgewählten Stück im besonderen). befasst. Egal, w i e ich ein Kunstwerk betrachte, es hat einen Grund, d a s s ich es tue, und der mag mehr oder weniger bewusst sein. Er steht aber in jedem Fall frei, es gibt nicht den einen richtigen Grund, sowie es nicht die eine richtige Betrachtungsweise gibt. Oder? Hierin (wie in meinem zweiten Kommentar) geht es mir um den mündigen Leser/Betrachter, der gelernt hat und sich zutraut, selbst hinzusehen und zu entscheiden, was er sehen und wie er dieses dann betrachten will. Dass er sich dann, wenn er sich vor allem von subjektiven Empfindungen leiten lässt, möglicherweise „um das Beste bringt“, wie Bersarin sagt, sehe ich (eingeschränkt) auch so. Aber dass es einen persönlichen Gewinn gibt, steht ja außer Frage (sonst könnte man sich nicht darum bringen).
    Ich habe in meinem ersten Kommentar von der Neugier gesprochen, einer Neugier, die soweit geht, dass ich in ihr von mir selbst absehe und dem, was ich schon weiß und glaube, und die nach dem Fremden, dem Höheren, dem Schwierigen etc sucht in dem Wissen um den eigenen beschränkten Horizont und dem Wunsch um dessen Erweiterung und Durchbrechung (warum sonst sollte ich Bersarins Texte lesen, die sich mir teils schwer bis gar nicht erschließen). Das Subjektive daran ist der Wunsch zu lernen, das Objektive liegt in der trotz möglichst tiefen Einstiegs bewahrten Distanz und Integrität. Sehe ich das falsch?
    Und ja, ich glaube auch, dass es die Möglichkeit einer objektiven Bewertung gibt, dass es z.B. – vereinfacht gesagt – gute und schlechte Literatur gibt, dass aber die Maßstäbe für eine solche Bewertung schwer festzulegen sind und im gesellschaftlichen Wandel auch Veränderungen unterliegen. Und bevor ich mich mit der Frage befasse, ob ein Buch objektiv betrachtet gute oder schlechte Literatur ist, entscheide ich dies für mich (nicht für den Kunden, der ein Buch sucht!) spontan aus meiner persönlichen umfangreichen Leseerfahrung heraus und schere mich nicht darum, ob ich damit vielleicht Buch und Autor Unrecht tue.
    Nochmal: Ich bin mir nicht sicher, ob ich richtig verstehe und auch nicht, ob ich mich verständlich ausdrücke. Wenn ich hier mitrede, dann nicht in erster Linie, um feste Überzeugungen hinzustellen und etwas entgegenzuhalten, sondern weil ich Fragen habe (auch wenn ich nur spärlich Fragezeichen streue) und weiterkommen will, weg von meiner Beschränkung. Das einzige, was ich vehement behaupte, ist mein Recht, Schritte in (Denk)Heiligtümer zu tun, dort mit meinen (ungebildeten?) Fragen und Zweifeln möglicherweise zu stören, aber dies um des Lerngewinns willen auszuhalten. Deshalb das Komma am Ende meines zweiten Kommentars, Komma wie „Ich weiß, da kommt noch mehr“.
    @Bersarin
    Ich weiß Deine ausführlichen Antworten zu schätzen, danke, nehme es aber auch nicht übel, wenn mal die Zeit (oder auch die Lust) fehlt auf eine Erwiderung.

  18. ziggev schreibt:

    @ nein, Iris, ausgerechnet Du warst es nicht die, mit Subjektivitätsfanatiker oder Sujektivitätsfanatikerin gemeint war.

  19. ziggev schreibt:

    @ bersarin, falls ich nicht mehr kommentiere, wünsche ich Dir jetzt schon mal einen schönen Urlaub; und hoffentlich schreibst Du ja noch vorher etwas.

    @ Iris
    Versuch (jetzt wirds hart, ziggevs „Selberdenken“ – ich kann sonst nur aus sog. „subjetiver“ Erfahrung davon berichten, warum ich überzeugt bin, dass Kunst notwendig ein objektives Moment innewohnt, ohne welches sich überhaupt gar kein künstlerischer Genuss einstellen würde).

    zuerst:

    1. kein Objekt ohne Subjekt; was ließt es, das Subjekt, was sieht es?. das, was es aufgrund seines Wissens zu sehen oder (heraus)zulesen vermag, das, was es wegen seiner Erfahrungen, denen es sich hoffentlich öffnet, vermittles bestimmter Schlüsse, ich vermute, oftmals Analogieschlüsse, zu sehen vermag. es „erschafft“ gewissermaßen erst das Objekt. (jetzt setzt – hoffentlich – der Prozess ein, durch (Lese)Erfahrung immer differenziertere Objekte zu „erschaffen“, einer Buchhändlerin brauche ich das ja nicht zu erzählen.) an dieser Stelle nur der Hinweis auf Husserls Phänomenologie und dort die Intentionalität. die Frage nach der Intentionalität, also des Gerichtetseins des Bewuissteseins, mal außen vor: wie kann mein Bewusstsein gerichtet sein, wenn es nicht schon vorher „wusste“, worauf; wie kommen die Dinge in meinen Kopf – was unter dem Titel der Intentionalität bereits im Mittelalter heiß diskutiert wurde. es stellt sich hier jedoch ebenfalls nicht die Frage nach dem Solipsismus; denn:

    2. „Kein Subjekt, keine Regung desselben ohne den objektiven Grund – …“ (bersarin); hier darf die Frage nach dem Existieren der wahrgenommenen Dinge oder Qualitäten getrost ausgeklammert werden (Husserls Epoche) . Darum geht es in der Ästhetik ja nicht. es reicht hier der Verweis auf 1.: (für das Subjekt) kein Objekt ohne das Subjekt. zum Glück können wir ja reflektieren. die Faktizität des Bewusstseins kann ebensogut Objekt des Bewusstseins sein wie alles andere. es ist unerheblich, ob etwas in Wirklichkeit „grün“ ist oder ob es sich lediglich um Wahrnehmungsdaten handelt; dass die Bilder der Blauen Phase Picassos tatsächlich viele blaue Farbtöne enthalten, für meine Subjetivität, ist eine objektive Tatsache. klingt gewagt, ich glaube, dies scheint nur so. es ist dies eine banale Tasache: die Stelle habe ich in Adornos Minima Moralia nicht mehr gefunden, weiß daher nicht, ob ich mich jetzt nicht irre. Adorno verweist auf eine Stelle bei Nietzsche, der bemerkte (und jetzt noch gleich hinzu meine Ausdeutung), es sei doch seltsam: objektiv nennen wir Erkenntnisse Gestirne – die allerfernsten Dinge – betreffend, die Galileo beobachtete, subjektiv die unmittelbaren – die nächsten Dinge betreffende – Gewissheiten, – auf denen alle Wissenschaft aufbaut. Galileo stellte seine Fernrohre selber her und konnte sich also vergewissern, dass es sich bei ihnen nicht um Täuschungsaspparaturen handelte – oder magische Maschinen, die uns Einblicke gewährten in irgendwelche exotischen Träume oder so. Wen interessiert es, dass die Bilder der Blauen Phase für mich ziemlich blau aussehen?

    —————-

    nur weil nicht nicht weiß, ob „grün“ für Dich genauso aussieht wie für mich, ist dies noch lange kein Grund, Dein ästhetisches Urteil anzuzweifeln oder mich in eine „Subjektivität-ohne-Objekt“ zu stürzen. dazu müsste ich (eine heftige Dosis) LSD nehmen (nicht zu empfehlen) oder meditieren (empfehlenswert, klart das Bewusstsein auf, in Meditation selbst ergeben sich aber keine ästhetischen Urteile).

    Es gibt also ganz und gar keinen Grund, an der Subjetivität (die, die nicht ohne Objekt auszukommen vermeint oder sucht) als „reine Empfindung“ o. Ä., in der Ästhetik ein Ding der unmöglichkeit, zu zweifeln.

    —————-

    3. Kunst ist ein Kunstwerk, das zu faszinieren vermag, also um seiner selbst willen Interesse weckt. wobei Faszination eine Vorstufe ist. qua Reflexion entsteht interesse: warum ist das so? … (ich glaube eh nicht an Empfindungen, das sind andere Affekte auslösende Affekte; und sollte es sich um „Empfindungen“ handeln, sind es Gedanken, nicht zuende gedacht, weil irgendein Affekt, Schmerz, Trauer … im Wege steht.) dies zu erkennen, dass es also um seiner selbst Willen Interesse zu wecken vermag, das ist eben die Kunst. ansonsten, ich stand neulich vor einem Bacon und es juckte mich im Knie – wolltest das wirklich jemand wissen ?

    Und: ich habe ebenfalls mindestens genausoviele Frage wie Du, etwa die nach dem Status eines Ausdrucks wie ‚Wahrheit‘ in der Ästhetik. ich habe übrigens selber mal in einer Buchhandlung ein Praktikum gemacht und freue mich über Dein Engagement und Deine Neugier.

  20. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Danke für Deine guten Wünsche.

    @Iris und ziggev
    Ich kann leider auf Eure Kommentare im Moment nicht eingehen, weil mir die Zeit fehlt. Vielleicht aber, wenn die Entspannung sich morgen einstellt, schreibe ich dennoch etwas. Aber ein Blog ist kein Zwangsinstrument.

  21. Iris schreibt:

    @ziggev
    Puh, zum Glück hab ich gute Zähne, ich werde sie mir also nicht ausbeißen, obwohl ich theoretisch nun genug Stoff dafür habe. ;-)
    Ich muss nachdenken, über mein gerichtetes Bewusstsein (wie ist es, wenn es mal einen Einschnitt gab, und man Grundlegendes verworfen und sich völlig neu ausgerichtet hat?), über meine Lieblingsfarbe Grün in jeder Schattierung, auch noch in der, die von den meisten schon als blau bezeichnet wird, über Faszination und Interesse und welchen Stellenwert in diesem Zusammenhang pure Aufmerksamkeit besitzt, über …
    Vorerst danke für die Gedanken!

    @Bersarin
    Macht nix. Und ja, frei soll es sein. Schönen Urlaub!

  22. ziggev schreibt:

    Iris! bitte jetzt nicht ausflippen, das ist alles „ins Unreine gedacht“, wie ich es liebe. ich hab derartig schlechte Zähne – und würde niemandem raten, sich irgendwo festzubneißen! es gibt Einschnitte im Leben, Mist, ist mir auch schon passiert. shit happens. aber bei dem Gerichtetsein des Bewusstseins, wie es Husserl beschrieben hat, geht es nicht um solche existentielle Fragen. hier, diese Tasse Kaffee, hier, auf meinem Schreibtisch, fünf Zigaretten. mein Bewusstsein muss „gerichtet“ sein, sonst könnte ich das ja gar nicht erfassen. darum, soweit ich das verstanden habe, geht es in der Phänomenologie.

    es ist zwar richtig, dass Existenzialisten, eben Sartre, ihre Philosophie unter anderem aus der Phänomenologie Hussers entwickelten (Sartre studierte eine Zeit lang – vor dem Krieg – in Deutschland u. A. in Sachen Phänomeneologie), in „Das Sein und das Nichts“ das Beispiel mit den vier oder fünf Zigaretten auf dem Schreibtisch, aber für die Phänomenologen – vor Sartre – spielten existenzielle Fragen umgekehrt keine Rolle.

    und müssen muss, glaube ich, weder Du noch ich irgendetwas.

  23. Iris schreibt:

    ziggev! Keine Sorge, ich betrachte es vorrangig als Spiel, ganz im Ernst. ;-)

  24. momorulez schreibt:

    Ich muss kurz ergänzend einwerfen, dass es Heidegger war, der Phänomenologie und Existenzphilosophie in „Sein und Zeit“ zusammen führte und dass Sartre mittels „produktiver Missverständnisse“, die sich auch einer kuriosen Übersetzung Heideggers ins Französische verdankten, Heidegger dann weiter entwickelte. Und das vor allem mit Mitteln der Kojévschen Hegel-Interpretation und einer Subjekt-Objekt-Dialektik, die Heidegger hinter sich lassen wollte. Nur um der historischen Richtigkeit willen. An sich ging es den Phänomenologen aber tatsächlich um Erkenntnis und nicht ums Sein.

  25. ziggev schreibt:

    @ momorurez
    ja, wenn wir Edith Stein ausklammern …

  26. Pingback: Hegel, Herder, Schopenhauer, Reflexion « Kritik und Kunst

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