Von Text zu Text: Babylonisch, westwärts und vom Erfahrungshunger: Worstward ho!

Mit dem Begriff des Subjekts und mit der Vielfalt an Erfahrungen sind viele schnell zur Hand, wenn es um Literatur und Philosophie – oder generell: wenn es um Texte geht. Ein Text muß erfahrungsgesättigt sein, er soll mit Leserin und Leser gar in Kommunikation treten und Bezug zu ihnen aufweisen, und das alles möglichst originell konzipiert – ganz aus dem eigenen Ich genommen, das da mit seinen Erfahrungen brilliert, fest geerdet und die Form aus Lehm gebrannt, lebensgeschwängert mit den beiden Beinen verwurzelt in der Fülle. („Das Buch muß mit mir zu tun haben“, „da kann ich mich gut einfühlen“, „dieses Buch habe ich nie ausstehen könne“ so drei von vielen Wendungen und bloßen Geschmacksurteilen aus dem Schatzkästlein der Phrasologie – es könnte das auch dem Flaubertschen „Wörterbuch der Gemeinplätze“ entnommen sein oder von Eckhard Henscheid aufgespießt, der solches Gewäsch als dummdeutsch entlarve.)

Es gibt Menschen, die lesen literarische oder philosophische Texte, und ihnen kommt im Zug ihres Lesens nichts anderes in den Sinn, als diese Texte unmittelbar auf sich selber, auf ihren lebensweltlichen Bezugsraum zu applizieren oder biographisch auszudeuten. Solches Verfahren nennt sich Referenzrahmenbestätigung oder biographischer Reduktionismus. Zuweilen äußert sich das auch in verzückt-deklamatorischen Ausrufungen: „Das beste Buch auf dem Markt seit …!“ Gab es schon immer, ist nicht weiter schlimm, wenn es lautlos unter der wohlfühligen Lese-Bettdecke im gehüteten Heim geschieht. Schlecht gerät diese Angelegenheit jedoch, wenn sich ein solcher Umgang mit Literatur (bzw. mit Kunst überhaupt) in einen allgemeinen Diskurs transformiert. Dies mag sich nun beim Geschwätz auf den Vernissagen, dem Herumreden in den Seminaren oder beim Plaudern nach einer Ausstellung ereignen: immer wieder geben die subjektiven Reaktionsweisen den Maßstab ab, und es wird mit Regelmäßigkeit von der Sache selbst abgesehen.

In den 70er Jahren potenzierte sich dieses Schreiben, welches das Ich zum Maßstab nahm, wurde öffentlich, es gab einen Boom und damit auch: einen breiten Markt für solche Literatur der Empfindungs-, Gefühls und Erfahrungsseligkeit. Es hieß dieses Segment Verständigungstexte, und in der Literaturkritik firmierte solches Schreiben unter dem Slogan „Neue Subjektivität“. Das nahm schreckliche Ausprägungen an – von Karin Struck über Fritz Zorn bis hin zum „Tod eines Märchenprinzen“. Leerlaufendes Gefasel, die Grenze literarischer Aphasie mühelos überschreitend: ich, ich ich. Literarische Egozentrik, die sich mal politisch spreizte, dann wieder ganz im Ich ruhend wandelt: om om, sei sei! Eine vermeintliche Unmittelbarkeit des So-Seins wurde als Grund von Erfahrung und kommunikativem Austausch genommen: „Objektlose Innerlichkeit“ und Zustandsbeschreibungen. Und kaum einer vermochte es, einen Schritt zurückzutreten und vom Ich einmal abzusehen. Aber es gab auch Rausreißer innerhalb dieser Literatur, die das Ich so sehr kultivierte: so wie Peter Handke, Christa Wolf, Sarah Kirsch, R. D. Brinkmann oder Max Frischs „Montauk“, das in seiner fast abartigen männlichen Selbstbespiegelung gesellschaftliche Objektivität freisetzte: Ein gelungenes Werk, freilich ex negativo. (Die Reihe läßt sich fortsetzen, die Namen sind bloße Beispiele.) Diese Schriftstellerinnen und Schriftsteller waren zwar ebensolche Exzentriker, aber deren Schreiben immerhin glückte, und so ließen sich deren Texte als gelungene bezeichnen. Es war ja an dieser Epoche der wilden 70er (kleine serielle Referenz für die Fernseh- und Seriengucker) nicht alles Schreiben schlecht.

Schreiben von den eigenen Erfahrungen und die Korrespondenzen zwischen dem Text sowie dem Horizont meiner eigenen Erfahrung: Das reicht von den Fragen eines lesenden Arbeiters bis hin zur akademischen Selbstbespiegelung. Eine Selbstbefragung, ein Beicht- und Bekenntniszwang ohnegleichen setzte ein. Von der Lust, ein Ich zu sein, wandelte sich das Schreiben zum allesdurchdringenden Geschwätz, zum „Fütter-mein-Ego“.

Wie schreibe ich als Arbeiter, als Angestellter? Wie als Frau? Wie als Migrant? Wie als nicht-weißer Nicht-Europäer? Was sind die Rahmen des Textes? Das sind Fragen, die nicht vom Tisch zu wischen sind, die bedeutsam bleiben, aber zugleich stellen sie sich falsch und vor allem: sie entäußern sich als Text falsch, wenn das in einer direkten unmittelbaren Weise des Zugriffes auf die Wirklichkeit geschieht. Während das Ich unermüdlich bearbeitet und in Gesprächen befragt wird: Der Westdeutsche Bitterfelder Weg der Literatur. Diese Fragen, nach dem Status von Literatur, die zu recht gestellt werden müssen, handeln von Identität und von den Formen der Differenz- und Oppositionsbildungen: Wie erzeugen sich Differenzen und auf welche Weise bestimmt sich eine Identität, was konstituiert ein Subjekt (im Text)? Einen Teil der Antworten auf solche Fragen mag das dokumentarische Schreiben liefern, einen anderen die Literatur bzw. die Kunst, einen anderen die Philosophie – hier sei insbesondere auf Foucault und Derrida verwiesen.

In der Literatur der frühen 70er Jahre betrieb dieses Sich-über-sich-Hinausschreiben Ingeborg Bachmann in ihrem Todesarten-Zyklus, der stellen- und satzweise zwar in den Kitsch ragt, aber im Zusammenhang mit „Malina“ gelesen, ein Konzept von Schreiben als (weibliches) Subjekt abgibt, das eben nicht nur aus dem Horizont von biographischer Erfahrung heraus gedeutet werden kann, wie sie Ingeborg Bachmann als Frau machen mußte. Am Ende verschwindet ein Wesen in der Wand und spricht dennoch als Stimme. Das war Ende der 60er Jahre, Anfang der 70er. Und dann ihre Gedichte:

„Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!

Es kommen härtere Tage.“

Abschiede werden das Thema und jene Zeit, die vergeht. Die Frage, die sich stellt: spricht das lyrische Ich noch sich selber oder bereits jenes männliche Subjekt an?

Einen Spezialfall dieser Form der Literatur, die sich selber befragt, liefert weiterhin Thomas Bernhards fünfteilige Autobiographie: Furios in der Schrift herausgeschlagen und das Medium autobiographischen Schreibens umkrempelnd. Das hatte nichts mehr mit dem (krank-kränkelnd-todgeweihten) Autor-Subjekt zu schaffen, sondern es eröffnete sich da die Krankheit zum Tode als eine condition humaine, die keine solche sein will, Biographisches weit hinter sich zurück lassend, und gleichzeitig wurde ein Zorn gesunken, so wie eben das abendländische Epos begann: „Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus, …“ (Wie auch R. D. Brinkmann.) Das maskuline Schlachtfeld. Und nie betrieb eine Literatur schöner das Granteln und keilte – vom Rhythmus her musikalisch – um sich. Der Beginn der Erzählung „Gehen“, wo Denken, Schreiben, Empfinden und Dasein sich in eben dieser Tätigkeit ineinander verschränken, präsentierte und vereinigte diese Momente deutlich: das Musikalische in der Sprache, den Furor und das Moment des selbstbezüglichen Kreisens als Gehen und Denken in einem. Und dies alles ereignet sich als Text, im Text. Die Wörter kreisen, umkreisen und stoßen wieder zurück innerhalb der Selbstbezüglichkeit der Reflexionsschleifen, und es hat insofern gute Gründe, daß sich der Protagonist im „Kalkwerk“ ausgiebig mit Novalis befaßt: Das Ich der Fichte-Studien und hinab geht der Weg.

Doch dies sind die Glanzstücke, in den Niederungen träuflt‘s und dümpelt‘s.

Höhepunkt solcher Ausschweifungen geballter Subjektivität, herabgesunken in den studentischen Alltag, präsentierten sich mir in den 80ern in einem Literaturwissenschaftlichen Seminar zu den Romanen und Erzählungen Franz Kafkas, wo es seminarteilnehmende Frauen gab, die über die „Strafkolonie“ von Kafka sprechen wollten, um in diesem Gespräch ihre Gefühle zum Thema zu machen, die sie beim Lesen dieser grausamen Passagen plagten. Es waren – leider muß ich sagen – fast ausschließlich Frauen und nur wenige Männner, die dieses abenteuerliche Begehr vortrugen, um ihre traumatischen Leseerfahrungen der Allgemeinheit aufzudrängen. Allerdings: meine Lieblingskommilitonin der 80er Jahre und ich schauten uns vielsagend an: und da sie hegelianisch-impulsiv war, während ich doch eher dem kurzsätzigen Sarkasmus zuneigte, legte sie gleich los und fuhr die Frau an, daß sie diese Dinge besser zu Hause und im Freundeskreis erledigte als hier in der Öffentlichkeit. Und genau so ist es: Ich möchte von den Empfindungen und Gefühlen mir fremder Menschen nichts wissen. Schon gar nicht dann, wenn eine Äußerung der anderen gleicht und das Ach-so-Individuelle bloß die Widerspiegelung eines kollektiven Bewußtseinsstromes immergleicher Ödnis und des tausendmal Vernommenen bedeutet.

In den 90ern und darauf folgend nannte es sich Pop-Literatur: Besser als der Zusammenhang des Textes war das Ironisieren jedes Zusammenhanges und besser als dieses Ironie erwies es sich, Texte in unwillkürliche, dem Zufall geschuldete Assonanzen und Anordnungen zu transponieren und kleinteilig zu zerlegen. Assoziieren mit Adorno, Kafka auf dem Klo, dadaisieren mit Derrida: Das ist eine Zeit lang spaßig, langweilt aber – ähnlich wie das Zufallsprinzip der Lomographie und wie heutige Handyphotos, die ästhetisch gehaltvoll aufgeplustert werden – weil dieses Verfahren beliebig ausfällt und einer gewisse Ritualisierung nicht entbehrt. Es hat sich der Schock aber seit Dada totgelaufen. Das „épater le bourgeois!“ funktionierte nicht einmal mehr beim Punk, sondern wurde schnell eingemeindet: „Prunk mit Punk beim Kaufhof“ wie in den mittleren 80ern eine Werbebotschaft ging. Der Struktur und der Form des Textes wurde dieses Verfahren postmoderner Seicht-Dekonstruktion nicht gereicht. Es war dies die Postmoderne für Kinder, in ihrer Sucht nach Originalität, die nur leider immer gleich klang: Eine aphoristische Sentenz wie die andere.

Und obwohl ich selber aus dem Feld des Poststrukturalismus komme, muß ich – leider – bekennen, daß diese Philosophie eine Menge Unheil anrichtete, weil sie zum hemmungslosen Schwadronieren verführte, ohne daß sich da in den Äußerungen ein Gewinn an Erkenntnis ergab. Ein wenig mutet dieses Prozedere an wie die Lenor-Weichspülwäsche-Wohlfühlaktion: „What a feeling!“: der Nullpunkt des Sinns: stop making sense! Bitte nicht denken, bitte nicht auf Strukturen und Bezüge achten, bitte schauen sie nicht auf den Text. Ich nenne das Scheuklappenlektüre. Bezugspunkt war ein omnipräsent-narzißtisches Ego, das sich im gleichen Zuge jedoch selber durchstreichen und als Subjekt dekonstruieren wollte, sich dabei zunehmend in die eigene Imago verstrickend: der Erfahrungsraum. Die existentiell-daseinsmäßigen Subjekt-Fragmente, die den großen Theorien mittlerweile mißtrauten, fielen doch arg ganzheitlich aus. This happens, if postmodernism goes pop.

Worum geht es in diesem meinem Essay eigentlich? Ich nahm einen Umweg und schrieb über Dinge, die mit dem Folgenden nur mittelbar zu tun haben. Denn ich kommentierte auf dem Blog Gleisbauarbeiten ein wenig und lieferte mir einige Dispute zum Textbegriff und zu den Weisen des Lesens: daß der gelungene Text eine Wahrheit besitzt, die in der ästhetischen Kritik zur Entfaltung gelangt, daß dieser Text nicht bloß der Leseerfahrung und hermeneutisch inspirierte Kommunikation (oder dort so genannt: Gespräch mit dem Text) dient, sondern es existiert vielmehr ein Überschuß. Die Blogbetreiberin Melusine Barby hat darauf einen Text zu Texten geschrieben. Auch ein Literaturratespiel gibt es da. Eine interessante Diskussion zur subjektiven Intention (seien es Produzenten oder Rezipienten) und dem objektiven Gehalt eines Textes kann man an diesen Stellen nachlesen. (Am Ende jeder Lektüre jedoch erlischt und verglüht die subjektive Intention im objektiven Gehalt des Textes, indem jene Lektüre diesen Gehalt darstellt und einen weiteren, nämlich den eigenen Text in die Schrift bringt.)

Kurzer Hinweis nur zum Nachlesen: Der Ausgangspunkt findet sich hier, wo ich mich auf ein Zitat von Jörg Fauser bezog.

Zum Phänomen des Textbegriffes und der Lektüre folgt womöglich, demnächst und wenn mich das Thema dann noch fesselt, hier im Blog mehr. Dies wäre dann ein willkommener Anlaß endlich mit der Lektüre von Adornos „Der Essay als Form“ zu beginnen.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
Dieser Beitrag wurde unter Ästhetische Theorie, Literatur abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

16 Antworten zu Von Text zu Text: Babylonisch, westwärts und vom Erfahrungshunger: Worstward ho!

  1. Gerhard Battmer schreibt:

    Eine Ergänzung aus der Sicht der Lehrerausbildung: Die von Ihnen so treffend charakterisierten Tendenzen der Literaturproduktion und -rezeption (der privaten wie der akademisch-öffentlichen) sind – verstärkt durch Kerncurricula mit verkürztem Kompetenzbezug, verkürzt rezipierte und verkürzt umgesetzte, scheinbar schülerorientierte literaturdidaktische Konzepte im Verein mit einer Neigung zur Verkinderung der Schülerinnen und Schüler in dem, was im G8 von der Gymnasialen Oberstufe noch übrig geblieben ist, längst in der Schule angekommen, so dass der allgemeine Diskurs der Referenzrahmenbestätigung von unten weiter gefüttert wird. So mag dafür gesorgt sein, dass die nächsten Generationen in bornierter Subjektivität (Jürgen Kreft) befangen bleiben …Im Deutschunterricht sieht das dann häufig so aus, dass Briefe an Werther geschrieben werden oder Albertine einen Tagebucheintrag zu verfassen hat: Ist sie nun versöhnt mit Fridolin oder doch noch ein wenig eifersüchtig?
    (Ich habe Angst davor, eines Tages erleben zu müssen, dass Schüler aufgefordert werden Brechts jüdische Frau anzurufen, um sie zu trösten!)
    Abgesehen davon, dass so der Überschuss, das was der Text mehr weiß als Erzähler und Figuren, nicht in den Horizont der Wahrnehmung geraten kann, und abgesehen davon, dass literarischen Figuren eh nicht zu helfen ist, wird so dem Schüler keine Möglichkeit eröffnet, den Egozentrismus der Adoleszenz durch Dezentrierung zu überschreiten, wenn er immer wieder auf identifikatorisches Lesen verpflichtet wird.
    Adorno über Goethe: „Der lange, kontemplative Blick jedoch, dem Menschen und Dinge erst sich entfalten, ist immer der, in dem der Drang zum Objekt gebrochen, reflektiert ist. Gewaltlose Betrachtung, von der alles Glück der Wahrheit kommt, ist gebunden daran, dass der Betrachtende nicht das Objekt sich einverleibt: Nähe an Distanz.“
    Ich fürchte, für den langen kontemplativen Blick bleibt in G8 und BaMa-Modulen keine Zeit und gewaltlose Wahrnehmung als Bildungsziel wird als potentiell subversiv erkannt und verworfen …

  2. Bersarin schreibt:

    So ist es, und dies ist der Grund, weshalb ich es vorgezogen habe, kein Lehrer zu werden. Ich brächte sicherlich den pädagogischen Impetus mit, hätte aber auf jedem Elternabend und in jeder Lehrerkonferenz dauernden Streit mit der akademischen sogenannten Mittelschicht, die es seicht und unterhaltsam möchte. Und weil ich von bestimmten Positionen nicht abrücke, gibt’s dann Krach. Das auf die Dauer auszuhalten ist meine Sache nicht.

    Pädagogik sollte nicht mit einem Literaturkanon daherkommen, und es ist kein Text heilig, denn Literatur ist keine Veranstaltung der Religion. Aber es gibt eine Form der Auseinandersetzung, die ihr Maß eben an der Sache und nicht an den eigenen Regungen und Befindlichkeiten hat: Ich und mein Text

    Allerdings: Ich wußte nicht, daß es an Schulen derart absurd zugeht, wie Sie es schildern. Textverständnis durch Einfühlung. Es geht nicht schlimmer, um an jedem Text kilometerweit vorbeizurauschen.

    Nähe an Distanz: Dieses Verhältnis ist es, was erst die Sache zur Entfaltung bringt.

  3. GBlog schreibt:

    Vielleicht sollten Sie sich das doch nochmal überlegen: Man kann das aushalten und es lohnt sich. Ich versuche jetzt seit 35 Jahren, die Sache zur Entfaltung zu bringen und es gibt nicht nur Ent-Täuschungen! Meine Beobachtungen (ich sehe halt viele Unterrichtsstunden „von hinten“) beziehen sich auf neuerdings verschärft wahrnehmbare Tendenzen, die denn doch Anlass zu schwerer Sorge sind, weil – wie dargelegt – mehrere negative Entwicklungen sich treffen und potenzieren … Das scheint mir aber primär ein bildungspolitisches Problem zu sein. Hoffnungsschimmer sehe ich da auch nicht.

  4. Bersarin schreibt:

    Mit 47 noch Lehrer werden? Ein ziemlicher Kraftakt.

    Aber es lohnt sich womöglich insofern, weil es in der Tat wenige gute Lehrerinnen und Lehrer gibt. Was ich mir in den Seminaren zur Literaturwissenschaft an Empfindungs- und Subjektivitätsscheiße von angehenden Lehrerinnen und Lehrern anhören mußte: da dachte ich mir nur: wie gut, daß ich keine Kinder habe, die irgendwann in die Hände dieser Menschen fallen. Es waren in Germanistischen Seminar die Lehramtsstudentinnen und -studenten die schlimmsten der Studentinnen und Studenten. Darüber ließen sich ganze Glossen voll von Verachtung schreiben. Wie hieß eine Kolumne von Maxim Biller noch gleich? „100 Zeilen Hass“ (Diese Serie sollte ich als ein neues Blogprojekt einführen.)

  5. Noergler schreibt:

    Hochinteressanter Kommentar, G. Battner, erhellend, danke! Dass Sie mit solchen Ansichten im schulischen Umfeld ein Sonderling sind, und einer, dem zu mißtrauen ist, ist klar.
    _____________________________

    Da gegenwärtig mit Geistlosem intensiv mich zu befassen ich gezwungen bin, habe ich erst soeben diesen Blogeintrag gelesen und mir auch die Verlinkungen angeschaut.
    Dieser aus dem Schlick hervorgekrochene Lemur hatte es mir sogleich angetan, doch auch Melusine machte mich zucken, sodass ich nicht umhin konnte, in den beiden Threads drei kleine Sticheleien zu hinterlassen.

  6. Noergler schreibt:

    Melusine, da Sie hier mitlesen: Kann es sein, dass Sie mich seit heute als Kommentator Ihres Blogs gesperrt haben?

  7. ziggev schreibt:

    Sich selbst zum Phänomen sein und „Referenzrahmenbestätigung“

    im tagesspiegel war neulich ein Artikel über Vorlesungen Adornos in denen er Sommer ´60 seinen Studenten eingebimst habe, was der „Sinn“ von Dialektik sei: nämlich „dass Sie mit aller Erfahrung und aller Energie, die Ihnen überhaupt verfügbar ist, in die Phänomene selber sich versenken“ und „dass Sie dabei ebenso sehr sich von den Phänomenen lenken lassen, wie Sie umgekehrt die Phänomene an jenem theoretischen Material messen, das Ihnen bereits gegeben ist“.

    Wo liegt hier der Unterschied zur Referenzrahmenbestätigung? (Mir ist natürlich klar, bei Adorno geht es in diametral entgegengesetzter Richtung jedweder Bestätigung und bei ihm ist solches Unterfangen als Prozess zu denken.)

    mit anderen Worten, es stellt sich die Frage, ob sich (bei den Armen in ihrer Subjektivität gefangenen jugendlichen Schülern und Schülerinnen) allein durch diese „Methode“ für sie neue Phänomene erschließen lassen. Theoretische Fehlleistungen, also meist logische Denkfehler, lassen sich ja korrigieren; aber der Erfahrungsraum, in welchem sich die Phänomene darbieten, ist ja noch eher unstrukturiert, und letzterem ist allein durch zusätliches theoretisches Material kaum abgeholfen. Es müsste neues, anderes Material her, jedoch an dieser Stelle besteht ja in dem Alter der Mangel. Mein Tip wäre konsequente, systematische (also ohne System) Überforderung plus „Referenzrahmenbestätigung“ i. o. Sinne; so suchte ich jedenfalls irgendann Zuflucht vorm ewig sich selbst ein Phänomen zu sein.

    – Wenn ich allerdings als Schüler eine Tagebuchseite von Albertine hätte verfassen müssen, hätte ich sicherlich aus Protest gegen so eine Zumutung einen Text über Verdauungsprobleme oder übermäßiges Schwitzen im Sommer verfasst.

  8. Bersarin schreibt:

    @ Nörgler
    Wenn es sich so verhalten sollte, daß Du auf „Gleisbauarbeiten“ zensiert wirst, so kannst Du Dein Posting hier einstellen.

    Es ist immer wieder erstaunlich, wie Menschen, die den Wahrheitsbegriff zugunsten ihrer Empfindungsseligkeit und eines unreflektierten Perspektivismus suspendieren, immer dann, wenn es zur Sache geht, die andere Stimme abschneiden. Dabei ist diesen Herren oder in diesem Falle FrauInnen des Diskures in ihrem Relativismus samt der Absenz von Wahrheit, die in ihrer Sicht wahrscheinlich nur maskulines Instrument der Herrschaft darstellt, doch eine Meinung so gut wie die andere – da dürften im Grunde die vielen Stimmen, welche vielfältig wispern, gar nicht stören. Am Ende aber ist immer dann Schluß mit lustig, wenn Argumente statt Gefühlsdusseligkeit gebracht werden, und die eigene Position setzt sich dezisionistisch absolut, schiebt autoritär den Riegel vor. Bei der Diskussion mit jener merkwürdigen Petra beim Literaturratespiel, die sehr gut in diesen Reigen der Empfindungsvollen paßt, zeigte es sich ebenfalls sehr schön.

    @ziggev
    Ich antworte Dir später, ich muß mich erst einmal ein wenig ausruhen und ein wenig die Augen schließen, dann etwas essen.

  9. David schreibt:

    Melusine Barby nimmt dem Nörgler wohl mehr den oben stehenden „Lemur“ übel als seine Position, wie aus ihrem letzten Kommentar bei sich zuhaus hervorgeht.

    Meine Anmerkung, daß ich mir unter einer gänzlich theoriefrei hergestellten Wurst nur roadkill vorstellen könne, überlebte jedoch auch nicht lange.

  10. Bersarin schreibt:

    @David
    Ja, es ist ein wenig schade, wenn der Blick der literaturreligiös Verzückten so einseitig ausfällt und lediglich die Gemeinde der eigenen Gläubigen zugelassen wird. Aber wer transzendental und transzendent nicht einmal auseinanderhalten kann: Nun, was erwarten wir da im Diskurs der Philosophie und der Theorie? Wo nichts ist, da kann man auch nichts holen.

    Nörgler hat es doch sehr höflich formuliert. Ich weiß nicht, was Melusine hat. Lemuren sind possierliche Tier, sie entbehren nicht eines gewissen Reizes. Nur können sie halt nicht sprechen und denken. Zudem: Nörgler verfuhr lediglich mimetisch. Er paßte sich dem Ton des Norbert W. Schlinkert an und machte genau das, was Schlinkert tat. Erstaunlicher als diese Aufregung über Nebensächliches finde ich vielmehr, wie manche und mancher zum Doktortitel gelangt. Aber auch dies gibt einige Auskunft über den Zustand der Universitäten.

    @ ziggev
    Ich schreibe Dir eine gesonderte Antwort als Textbeitrag. Der kommt heute abend oder morgen. Eigentlich wollte ich die liegengebliebenen Zeitungen endlich lesen, heute mal einen Tag keinen Wein trinken und mich schonen. Aber beim Schreiben keine Drogen: das mag ich nicht. Und Du ziggev bist schuld..

  11. David schreibt:

    Als Bedingung der Möglichkeit der Begutachtung von Ärschen ist mir das Auge das liebste transzendentale Organ. Während ich darüber grüble, welches von beiden mir denn das allerliebste ist, rumort schon in meinem Hinterkopf ein Jesuswort, das mich anweist, es herauszureißen, und nimmer geht mir dabei der Satz vom ausgeschlossenen Vierten aus dem Hirn, darinnen die zwei verbliebenen Zellen sich streiten, wem von beiden die letzte Synapse gehöre:

    „Liebes, gutes kleines Schwein,
    lass mich doch zu dir hinein.“

    Dieser Text ist wie folgt gemeint:

  12. Bersarin schreibt:

    Ja, das Auge: Mit Foucault gesprochen ist es eine transzendental-empirische Doublette. Aber wir wollen den Schabernack nicht zu weit treiben.

    Kann es sein, daß Dein Text am Ende ins Nichts hineinbricht, ins Leere verläuft? Dies wäre poststrukturalistisch genommen sehr passend.

    Oder ist es so, wie Ernst Bloch es in dem Gespräch mit Adorno über Utopie formulierte: „Etwas fehlt!“?

  13. GBlog schreibt:

    Der Sonderling, werter Nörgler, hat Verbündete! Vgl. z.B. Andreas Gruschka – Strategien zur Vermeidung des Lehrens und Lernens: Der neue Methodenwahn
    http://bildung-wissen.eu/fachbeitraege/strategien-zur-vermeidung-des-lehrens-und-lernens-der-neue-methodenwahn.html
    Lesenswert in diesem Zudammenhang!

  14. David schreibt:

    @Bersarin:

    Mein Text hat Leeraufträge an mehreren Unikneipen und rehabilitiert sich nach kurzer Liebäugelei mit der Nichtexistenz gerade als Pfarrvikar im Westmünsterland. Ihm irgendwas mit Poststrukturalismus – und gar etwas passendes – anzudichten, ist also gänzlich unangebracht.

  15. Bersarin schreibt:

    Ja, die rehabilitierten Leeraufträge gefielen mir gut. Ausnehmend. Wie auch das übrige. So gut sogar, daß ich meinen Einwurf vom Poststrukturalismus revidiere und mich für einen Tag der Gedankendichtung enthalte.

  16. Pingback: Die literarische Haltung zum Anderen als Modus der Emphatie (auch mit sich selbst) « Metalust & Subdiskurse Reloaded

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s