16. Juni. Belinda Project(s) – Datumsgrenzen (Präludium 2)

Bloomsday – mal wieder. Leopold Blooms Streifzug durch Dublin, das Gewirr der Stimmen im Kopf und die Vielzahl der Bilder vor Augen. Sich selbst kontinuierlich zu beobachten, einen Tag lang. Das Auge müßte ein Photoapparat sein, der jede Sekunde ein Bild fertigte. 24 Stunden lang. Oder ein Jahr lang. Ich selber wünschte mir dies bereits als Jugendlicher, während ich im Besitz der ersten Spiegelreflex war – eine sowjetische „Zenit“. Eine Kamera, die ins Auge eingepflanzt würde. Das hängt auch mit jenem Schnitt des Rasiermessers durch das Auge (einer Frau) zusammen, wie es in „Der andalusische Hund“ gezeigt wurde. Und es hätte seinerzeit, neben dem Bewußtsein, ein Medium geben müssen, das eine hohe Zahl von Bildern zu speichern fähig wäre. Damals war das Material zur Bannung eines Bildes relativ teuer: Negativmaterial. Entweder billige Orwo-Filme oder, falls mal Geld da war, dann Ilfords FP4, HP5, und war noch mehr Geld vorhanden, besorgte ich mir den Kodak TRI-X. Selten verhaute ich mich bei der Laborentwicklung der Filme. Meine Schwachstelle: ich schüttelte die Entwicklerdose nicht regelmäßig, sondern war bereits im Kopf mit anderen Dingen beschäftigt, stellte sie ab, vergaß sie; solche Nachlässigkeit ergab dann merkwürdige Schattierungen auf dem Negativ oder es entwickelten sich Stellen des Films nicht richtig aus. Ein Assistent des Kriegsphotographen Robert Capa, der in England die Bilder von der Landung in der Normandie entwickeln mußte, versaute eine stattliche Anzahl an Capa-Filmen.

Heute sind die Speichermedien relativ günstig zu kaufen, und insofern ist es möglich, jede Sekunde eine Photographie zu machen, diese auf Papier abzuziehen und auf diese Weise 24 Stunden eines Tages in einer Anzahl von 86.400 Photographien irgendwo auszustellen – einen Strom von Bildern zu erzeugen, die sich einzig an der Abfolge in der Zeit orientieren.

„Irgendwo im Osten: früher Morgen: Aufbruch bei Dämmerung, dann rundum immer vor der Sonne herreisen, damit stiehlt man ihr einen ganzen Tag ab. Hielte mans ewig durch, würde man nie einen Tag älter, rein technisch. An einem Strand dahinwandern, fremdes Land, an ein Stadttor kommen, Schildwache davor, auch so ein alter Piken-Diener, des alten Tweedy großer Schnurrbart, lehnt auf einer langen Art von Speer. Wandern durch Gassen, von Sonnensegeln überzeltet. Beturbante Gesichter gehn vorbei. Dunkle Höhlen von Teppichläden, ein großer Mann, Turko der Schreckliche, kreuzbeinig dasitzend, den Ringschlauch einer Wasserpfeife im Mund. Händlerschreie auf den Straßen. Trinkt Wasser, duftend nach Fenchel, Scherbett. Den ganzen Tag so wandern, immer weiter.“

(…)

Wahrscheinlich ja kein bißchen so in Wirklichkeit. Irgend so ein Zeug bloß, was du mal gelesen hast: Auf den Spuren der Sonne. Der Sunburst auf dem Titelblatt: Aufgang des Glanzes. Er lächelte selbstzufrieden
(James Joyce, Ulysses)

Mit 19 hielt sie sich noch für unsterblich, so schrieb sie. „Bresson war wundervoll, kontrastreich, berückend arrangiert, und hat mich wieder wohltuend geerdet (nachdem mich kurz zuvor Chalayans 12minütige futuristische Reise mit der Hochgeschwindigkeitskapsel durch eine menschenleere, beunruhigend monotone Landschaft seltsam berührt hat) – ein Meister der alten Schule.“ Wir montieren die Zeiten ineinander, im Laufe der Zeit sozusagen und in den Bewegungen. Mit Mach 1 oder anders – jener eine aufgehobene Tag. Und das, was Joyce als ein ungeheures Spiel, als ausgedehnten Spaß schrieb, bleibt als Text eine Herausforderung: die Heterogenität der Stile, die Zitate, Verweise und auch dieses Moment von der Lust am Text. Teils quälte der „Ulysses“, aber dann wieder trieb diese Sprache voran, denn ich befinde mich als Leser selber im Strom dieses Bewußtseins und dieses reißt einen fort. „Zufall. Werden uns nie wieder begegnen. Aber es war schön. Machs gut Schatz. Danke. Hab mich richtig jung gefühlt.“

„Der chronos ist das, in dem es kairós gibt, und der kairós ist das, in dem es wenig chronos gibt“

Diese Bewegung einer Reise, diese 24 Stunden, in der sich Antike, Mythos, Entäußerung, Heimkunft, Ekstase (mit Heidegger müßte man schreiben: Exstase) und Schlaftrunkenheit, erzählte Geschichten, Momente, Assonanzen, Töne, Stimmen und Farben mischen, läßt sich ebenfalls in einer Form extremer Verlangsamung und Ausdehnung fahren. Und zwar in der Weise, wie es Douglas Gordon in seiner Videoinstallation „24 Hour Psycho“ vorführte: Hitchcocks „Psycho“ wird dort auf eine Spiellänge von genau 24 Stunden verlangsamt, Szene für Szene dehnt sich. Die Zeit, die bleibt, und ihr Rest als die Ausdehnung auf genau 24 Stunden, innerhalb einer Projektion, in der die Betrachterinnen und Betrachter im Sog des ausgedehnten Bildes verschwinden. „Die kleinste Kamerabewegung stellte eine einschneidende Verschiebung in Raum und Zeit dar, … Zu sehen, was da war, endlich hinzuschauen und zu wissen, dass man es tat, das Vergehen der Zeit zu spüren, wach zu sein für das, was in den kleinsten Einheiten der Bewegung geschieht.“

Wie werde ich heute den Bloomsday begehen? Über den Markt schlenderte ich bereits. Ich fahre heute einen Tisch von Kreuzberg in den Prenzlauer Berg. Werde ich mich über den Modus der Blind Copy streiten?

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu 16. Juni. Belinda Project(s) – Datumsgrenzen (Präludium 2)

  1. ziggev schreibt:

    hey, bersarin! ich lese dein blog in letzter Zeit mit zunehmendem Genuss. Das ist toll, entschuldige bitte dieses pauschale und nichtssagende Lob, ich habe das Gefühl, als schwenke da jemand zunehmend in meine Perspektive ein und könne auch noch angemessen darüber schreiben, jedenfalls in eine Perspektive, die ich auch hätte einnehmen können, und, ja, Joyce habe ich auch gelesen.

    insofern habe ich alles gesagt. Ich finde jedenfalls, du machst es z.z. genau richtig, gerade heute wieder gern gelesen, Texte, vor denen ich sprachlos verharre, geht das wirklich immer so weiter?, und herrlich konkret, 24 Stunden.

    All diese Bilder werden wieder reaktualisiert, „geupdated“, um digital der Ewigkeit anheimgegeben zu werden, sicher, du musst ein vollkommen anderer gewesen sein, aber irgendwie weiß ich, das war alles nicht umsonst, anstelle sich nen Job zu suchen, oder wenigstens ne neue Wohnung, wo willst du eigentlich dann wohnen mit leerem Kühlschrank und keinen Pfennig in der Tasche, stattdessen lag ich auf dem Sofa, die schweren, dunklen Vorhänge waren zugezogen (nur die zwischen Vorhängen und Fensterscheiben herumbrummenden Fliegen, die (bei Proust) dazugehören, fehlten), sommerlicher Lärm draußen, Autos, Vogelrufe, Bosnien, aber ich hatte ja, für den Anfang, Joyce.

  2. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank. Ob es immer so weitergeht? Wer kann das schon wissen?

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