Melancholia (1) – sowie astronomische Aspekte: Der Venustransit am 6. Juni 2012

Im Hinblick auf den Status des Daseins, um ein wenig zu heideggern und damit zugleich zu kalauern, weil es (teils) so sehr Jargon ist und klingt, daß es fast weh tut, soll in diesem Blog nun auch noch und in Korrespondenz zu anderem Seriellen eine Textreihe mit dem schönen Wort „Melancholie“ im Titel geliefert werden. Nichts Systematisches entsteht hier freilich, und womöglich endet die Serie schnell oder sogar nach bereits einer Folge wieder, wenn ich die Lust verliere, wie ich im Grunde an allem die Lust verliere, weil die Dinge und die Menschen mich so unendlich langweilen, während ich mich in immer andere Bereiche verirre, ich mache hier im Blog nur noch Unsystematisches, und alles Versprechen breche ich. Der ästhetische Theoretiker ist notorisch unzuverlässig, wenn es nicht gerade um die Liebe in ihrer emphatischen Ausprägung sowie als narzißtische Wunschmaschine geht.

Melancholie, griechisch μελαγχολία, Schwarzgalligkeit, etymologische Herleitung aus der Naturwissenschaft der Antike, die Lehre von den Temperamenten; im etymologischen Wörterbuch von Kluge steht: „Täterbezeichnung: Melancholiker“ Dieses Kombination lese ich als oxymoronisch geniale Wesensbeschreibung, wenngleich es mit dem postulierten Wesen eine eher zwiespältige Angelegenheit ist. Mich erinnert der Begriff der Melancholie an jene schwarze Stelle auf der Haut: Melanom, und ebenso schön als Begriff: Melatonin, wenn ich denn schon in den Wortfeldern stöbere: für den Nachtrhythmus des Körpers zuständig; die wunderbare, blonde Kirsten Dunst, im Halbdunkel, hingestreckt, nackt auf dem Felsen, angestrahlt vom Licht und vom Abglanz jenes Sterns: die von jenem todbringenden Stern reflektierte Sonne flimmert fahl auf ihrer Haut, ein Bild, das niemals vergeht, schöner kann die Erde nicht verglühen, schöner eine Frau nicht illuminiert werden als in dieser Weise. Und allein dieses Filmbild inspiriert meine Serie „Belinda Projekt(s) – Datumsgrenzen“, weil es mir die Assoziationsräume jener Septembertage des Jahres 2011 öffnete, als „Melancholia“ ins deutsche Kino kam, und den versäumten Augenblick eines Oktobertages auf dem Ohlsdorfer Friedhof in der Freien und Hansestadt Hamburg.

„Das Wort ‚Melancholie‘ bezeichnet im modernen Sprachgebrauch recht unterschiedliche Dinge. Es ist der Ausdruck für eine Geisteskrankheit, die durch Angstzustände, tiefe Depression und Lebensüberdruß gekennzeichnet ist – wenngleich freilich in neuerer Zeit ihr medizinischer Begriff eine weitgehende Zersetzung erfahren hat. Es ist ferner der Ausdruck für eine auch im physischen Habitus kenntlich werdende Charakterveranlagung, die zusammen mit der sanguinischen, cholerischen, phlegmatischen das System der ‚vier Temperamente‘ (der alte Ausdruck ist: ‚vier Komplexionen‘) bildet. Es ist schließlich der Ausdruck für einen vorübergehenden Seelenzustand, der bald quälend, deprimieren, bald aber auch nur sanft-träge oder nostalgisch sein kann. In diesem Falle ist es eine rein subjektive Stimmung, die dann auf die Welt der objektiven Dinge übertragen werden kann, so daß man sinnvoll von der ‚Melancholie des Abends‘ der ‚Melancholie des Herbstes‘ oder, wie Shakespeares Prinz Heinz, von der Melancholie von ‚Moorditch‘, des nach einer Sumpfgegend benannten Londoner Stadtteils, sprechen kann.

[…]

Erst auf dem Boden der Aristotelischen Naturphilosophie vollzog sich die Vereinigung zwischen dem ursprünglich rein medizinischen Begriff der Melancholie und der Platonischen Konzeption der Mania. Ihren Ausdruck fand diese Vereinigung in der für das griechische Denken paradoxen These, daß nicht nur die tragischen Heroen wie Ajax, Herakles, und Bellerophon, sondern überhaupt alle Männer von überragender Bedeutung, sei es auf dem Gebiet der Künste, der Dichtung, der Philosophie oder der Staatskunst, ja sogar Sokrates und Platon Melancholiker gewesen seien.“
(R. Klibansky/E. Panowsky/F. Saxl, Saturn und Melancholie, S. 37 u. S. 57 f., Fft/M 1990)

Die Frauen fallen dort dann eher nicht mit hinein.

Die Melancholie hängt ebenfalls mit den Sternen zusammen: In jenem Film Lars von Triers trägt der Planet, welcher auf die Erde zutreibt, den Namen „Melancholia“, und auf Dürers rätselhaftem Stich „Melencolia I“ sieht die Betrachterin im Hintergrund einen strahlenden Kometen. Es ist ein so gleißendes sich strahlenförmig ausbreitendes Licht, daß es Betrachterin und Betrachter fast erscheint, als rase der Stern auf die Erde zu. Zu fragen bleibt, ob es sich um einen unbekannten, unheilvollen Kometen oder aber um Saturn selbst handelt: Jenen Planeten, der in der mittelalterlichen Astrologie für Unglück (und eben damit verbunden der Melancholie) steht, im Englischen etwa besitzt der Begriff „saturnine“ die Bedeutung „düster“ bzw. „finster“. Dürers Stich bildet ein Rätsel und die Produktion von Sinnzusammenhängen zerbricht in der Lektüre des Bildes.

Das Bild sprengt alle Eindeutigkeiten auf:

„… daß die Besonderheit der ‚Melencolia‘ darin besteht, daß die feste, in Theologie und Philosophie verankerte Beziehung zwischen Zeichen und Bedeutung aufgegeben ist. Damit sind Schaffender wie Betrachter gleichartig dem Problem der Erzeugung sinnvermittelnder, verstehbarer Zeichen ausgesetzt. Die Auslegungsgeschichte der ‚Melencolia‘ ist zu sehen als eine Kette von Sinnentwürfen, die in ihrer scheiternden Anstrengung, ein Sinnganzes zu erfassen, selbst Züge des melancholischen Syndroms trägt, das Dürer hier ins Bild setzt. Man muß – wie die geflügelte Frau – diesen Prozeß der rastlosen Sinnproduktion unterbrechen: das ist der Moment der Selbstreflexion, die nicht schon auf den nächsten Sinn aus ist, sondern fragt, was eigentlich in dieser Kette der Sinnzuweisungen geschah und geschieht.“
(Hartmut Böhme, Albrecht Dürer Melencolia I., S. 9, Fft/M 1989)

Und es ist dies zugleich der Moment reflektierender Kontemplation, welche sich auf eine Sache zusammenzieht: ein Subjekt, welches, in sich gekehrt, betrachtet und visualisiert; annähernd so wie jenes Wesen auf Dürers Stich, das, trotz der Flügel, eben keinen Engel darstellt, sondern die Melancholie personifiziert. Ganz anders hingegen Justine in von Triers Film, die hellwach und agil wird als der Stern sich auf die Erde bewegt. Sie weiß von Anbeginn an – seit der Hochzeitsfeier als sie jenen so hell strahlenden Stern erblickt –, daß alles verloren ist, und sie wird in dieser Sicht auf das, was unweigerlich geschieht, immer klarer.

Überhaupt der Verweis von Bild zu Bild, wenn die Betrachter an den Strom der Bilder andocken und sich von diesem Fluß tragen lassen: „Melancholias“ Bezug zu „Solaris“ und der rätselhafte Verweis auf das Breughel-Bild „Jäger im Schnee“, die Materialisation der toten Haris‘ auf Solaris aus jenem Ozean heraus– jener Geliebten von Kelvin, die sich ums Leben brachte. Schuld und Sühne, die Bilder des Gedächtnisses, Andenken: sehr russisch stellt sich dieser Film dar.

Melancholie ist das Leiden an der Zeit. Daß sie linear fließt und nicht anders.

Der Melancholiker reflektiert auf den einen Moment – jenen versäumten Moment, der unwiederbringlich entschwunden ist und der sich im Fluß der Zeit nicht mehr zurückholen läßt. Freud bezeichnet dies in seinem Aufsatz zu Trauer und Melancholie als den Objektverlust und bringt diese Dinge in ein Modell psychoanalytischer Rahmenhandlung.

„Jezt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf,
Sieh! und das Schattenbild unserer Erde, der Mond,
Kommet geheim nun auch; die Schwärmerische, die Nacht kommt,
Voll mit Sternen und wohl wenig bekümmert um uns,
Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlinging unter den Menschen
Über die Gebirgshöhn traurig und prächtig herauf.“
(F. Hölderlin, Brod und Wein, Erste Fassung)

In der zweiten Fassung heißt der Mond bei Hölderlin interessanterweise nicht das Schatten-, sondern das Ebenbild unserer Erde.

Eine vollkommen andere, für den naturwissenschafltichen, astro-physikalischen Blick antimelancholische Bedeutung besitzt jenes Ereignis, das unter dem Namen „Venustransit“  firmiert: Wenn am 5./6. Juni 2012 die Bahn der Venus genau zwischen Erde und Sonne hindurchführt und sie als dunkler Punkt an der Sonnenscheibe vorbeizieht. Eine solche Konstellation ereignet sich relativ selten: man kann es als ein großes Glück bezeichnen, daß diese Passage bereits 2004 stattfand. Das vorletzte Mal geschah das Schauspiel am 6. Dezember 1882. Im 18. und 19. Jahrhundert diente dieses seltene Ereignis den Astronomen dazu, um die Entfernung zwischen Sonne und Erde zu bestimmen. „Edmond Halley kam 1716 auf die Idee, durch Messung der exakten Dauer einer Venuspassage an möglichst weit voneinander entfernten Orten auf der Erde den Abstand zwischen Sonne und Erde zu bestimmen. Mit Hilfe des dritten Keplerschen Gesetzes ließen sich dann die Abstände aller anderen Planeten im Sonnensystem berechnen.“ (Wikipedia) Halley selbst kam nicht in den Genuß, den Venus-Transit beobachten und Vermessungen anstellen zu können, weil zwischen den Jahren 1656 und 1741 der Planet nicht passierte. So kann‘s gehen im Leben.

Ohne beim Blick in die Sonne geeignete Sonnenfilter einzusetzen, erblindet der Sternenbetrachter: Der bestirnte Himmel über mir: er übt vielerlei Funktionen aus, und das reicht von der Kontemplation, welche an die Kantische Konzeption des Erhabenen anknüpft und die zugleich mit dem Zustand der Erregung und Gemütsaufwallung gepaart ist, bis hin zu den Beobachtungen der Astrophysik. Die unterschiedlichen Formen der Wahrnehmung folgen dabei verschiedenen Mustern. In einem Ganzen sind die differenten Aspekte nicht mehr zu haben, nicht einmal mehr bei Kant, wenngleich man seine „Kritik der Urteilskraft“ als einen letzten Versuch lesen kann, das Auseinanderdividierte der Vernunft in einen Zusammenhang zu bringen.

Der nächste Transit wird dann am 11. Dezember 2117 stattfinden. Es gilt auch dann wieder: Nicht vergessen, das Schutzbrillchen aufzusetzen, und rechnen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, auch dann wieder mit einem qualifizierten Bericht auf „Aisthesis“. Vielleicht aber haben wir jedoch Glück und befinden uns zu dieser Zeit woanders.

Anläßlich dieser Betrachtungen reichen wir heute Abend eine Flasche Riesling vom Weingut Clemens Busch an der Mosel.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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24 Antworten zu Melancholia (1) – sowie astronomische Aspekte: Der Venustransit am 6. Juni 2012

  1. FrauWunder schreibt:

    bevor ich mich hier durcharbeite durch das schwarz gallische extrakt, erst mal dieser hier weil so schööööööön und auch melancholisch und von ganz zeitlosem zauber;

  2. muetzenfalterin schreibt:

    „Täterbezeichnung: Melancholiker“ , das gefällt mir sehr, wie überhaupt diese kleine Geschichte zur Melancholie.

  3. FrauWunder schreibt:

    die melancholie und die liebe, die liebe und die melancholie. beide miteinander verknüpft, bedingen sich, umkreisen sich, überschneiden sich und berauschen sich aneinander…

    jawohl; der ästhetische auf dem stein hocker ist notorisch unzuverlässig, träge und von mangelnder entschlußkraft und dies auch wenn es um die liebe geht….man fragt sich oft ist die liebe die ursache für die melancholie oder die melancholie ein hindernis für die liebe….wir wissen es nicht, wir sind im gegensatz zum grübelndem tatkraftvermeider, weniger in verharrend , starren positionen anzutreffen…..wir nehmen uns keine zeit; für das ausbreiten unserer befindlichkeiten in liebesangelegenheiten; wir sind immer unterwegs, schnell, strahlend und kühn, wir handeln mehr als wir denken, wir sind das feuer , wir brennen……manchmal verbrennen wir uns dabei die finger und den arsch, aber dies spielt keine rolle für uns. man kann ein leben reflektieren, abstrahieren, durchphilosophieren, sich immer wieder fragen „sein oder nichtsein; sich waffnend gegen eine see von plagen,durch widerstand sie enden? sterben – schlafen –“ ausharren vermeiden….ja schlafen im wachtraum oder wachkoma, aus einer perspektive der handlungslosigkeit aber in vollster informiertheit und orientiertheit…..ja schlafen, träumen all das geht gut vom stein aus, vom wegesrand.

    „Daß wir die Übel, die wir haben, lieber
    Ertragen als zu unbekannten fliehn.
    So macht Bewußtsein Feige aus uns allen;
    Der angebornen Farbe der Entschließung
    Wird des Gedankens Blässe angekränkelt;“

    Und Unternehmen, hochgezielt und wertvoll,
    Durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt,
    Verlieren so der Handlung Namen. „………so lähmt die schwarze galle, alles für was es sich zu denken lohnt……könnte man meinen. so könnte es der gelbe jogger sehen, welcher unweigerlich am steinehocker vorbei kommen muß immer wieder in der westkurve des lebens…..

    nein, er sieht es so, weil leben und lieben für ihn handlungen sind und keine theoriekunstrukte für das gehirnjogging….trotzdem, es schafft eine gewissen vetrautheit an bestimmten momenten, immer wiederhkehrenden momenten , an immer der selben ecke auf den denker zu treffen, der da auf dem schwarzen stein hockt und dem treiben nur aus der beobachterperspektive beiwohnt…..

    die Liebe in ihrer emphatischen Ausprägung sowie als narzißtische Wunschmaschine???
    wie ist denn das gemeint?

  4. FrauWunder schreibt:

    …ich vergaß zu erwähnen, das dies hamlet ist, den ich zitierte…..

  5. Bersarin schreibt:

    @ Mützenfalterin
    Naturgemäß freut ein Lob selbst den Melancholiker, der dann aber daran denkt, um wieviel besser er in der Vergangenheit war und sich in anderes imaginiert. Am Ende ins Nichts hinein. Kein Ort nirgends.

    @ FrauWunder
    Den Hamlet erkannte ich natürlich sofort. Ich bin der Hamlet des Sex: „Kommen oder nicht kommen, das ist hier die Frage.“

    „jawohl; der ästhetische auf dem stein hocker ist notorisch unzuverlässig, träge und von mangelnder entschlußkraft und dies auch wenn es um die liebe geht“

    So ist es. Wie schrieb es Brecht in anderem Zusammenhang: Rechnet nicht mit mir!

    Nur noch Theorie, nichts sonst. Liebe ist Theorie. Ich werde, vielleicht, ich verspreche nichts, eine Luhmann-Lektüre hier geben.

    Ich möchte der Welt beim Untergang zusehen und mich daran berauschen. Ich begreife jeden Tag besser Ernst Jünger, der bei der Bombardierung von Paris auf einem Dach saß und roséfarbenen Champagner trank. Jünger ist zwiespältig. Aber diesen Ästhetizismus teile ich.

    Wer klug ist, der oder die verbrennt sich kein zweites Mal.

    Like a rolling stone!

  6. Bernd Kasseler schreibt:

    Sehr schön und geistreich. Jeder Satz ein Erdbeer-Sahnehupferl auf den Schwingen meiner ichsuchenden Identität.
    Frage: Wann kommst Du nach Kassel? – Die großartigste documenta aller Zeiten wartet auf Dich und alle anderen Liebhaber geistiger Genüsse.Und ich warte darauf, Euch als „wordly companien“ die geistigen Urheber der anti-anthropozentrischen Manifestationen näher zu bringen und danach ein (oder mehr) Glas Wein zu leeren.

  7. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank für das Lob und Angebot, auf das ich leider nicht eingehen kann, weil ich zum einen in Kassel bereits vollständig in Beschlag und terminlich dicht bin.

    Von der Documenta erwarte ich mir im Grunde gar nicht so viel und vermute, daß ich einen Verriß schreiben werden. Aber es wird sicherlich mindestens ein Werk geben, an dem ich mich festhalte und das dann zum Anlaß einer Kritik wird. Sei es im guten, sei’s im schlechten.

  8. Bernd Kasseler schreibt:

    Das ist sehr bedauerlich, da gerade diese documenta weder zu theoretisch ist, noch zu spielerisch oder gar weltfremd, sondern in einer großartigen Art und Weise sowohl das Narrative, als auch als auch das Wissenswerte, das Bildungsgut in eine gelungene Symbiose verschiedener Wissenschaften bringt, die sich wichtiger, aktueller Probleme der Gesellschaft und der Natur annimmt. Die Philosophie spielt dabei ebenfalls eine bedeutende Rolle, da nun mal Kunst ohne Philosophie kaum denkbar ist, aber auch um Horizonte für neue Denkweisen zu öffnen. Bei der kritischen Betrachtung eines Werkes sollte man sich jedenfalls der Unterstützung eines „wordly companions“ bedienen. Denn nur dann hat man die Gelegenheit, quasi die Stimme des Künstlers, seine Intentionen in Verbindung zur Gesamtheit des Werkes zu bringen. Aber wie auch immer: Viel Spaß im zur Zeit kalten und regnerischen Kassel!

  9. Nörgler schreibt:

    Das ist PR im Stil der neuen Zeit: Die Anjatanjas, vormals damit beschäftigt, die Geldverbrennungsöfen der Dotcom-Ära zwischen Koks und Caipi als „neue Ökonomie“ zu hypen, grasen nun die Blogs und sonstige Soschlmedia themenbezogen ab, um für ihre Auftraggeber Stimmung zu machen.
    Damals wie heute erkennt man das Anjatantentum am Ton. Sie können nunmal nur den Reklameduktus.

  10. T. Albert schreibt:

    @da nun mal Kunst ohne Philosophie kaum denkbar ist…usw.

    „Die Kunst braucht keine Philosophie, sie liefert der Philosophie die Themen.“(Bruno Zevi)

    @Bei der kritischen Betrachtung eines Werkes sollte man sich jedenfalls der Unterstützung eines “wordly companions” bedienen.

    O Gott, sollte man das? Ich?

  11. Bernd Kasseler schreibt:

    Mein lieber T. Albert! Genau, gerade das solltest Du! – Warum meinst Du haben sich kunstbegeisterte Menschen ein halbes Jahr lang aus ihrem normalen Lebensumfeld gelost, haben sich in ihnen sonst fremde Gefilde gewagt, haben die Mauer ihrer Beschränktheit zerbrochen und über nebelhafte Pfade letztlich das orgiastische Vergnügen einer tieferen Einsicht in sich selbst und die Welt um das Ich erkämpft? – Meinst Du wirklich, wir wären Hohlköpfe, die ihre eigene Beschränktheit den vielen so intelligenten Besuchern überstülpen und sie mit hohlen Erklärungsversuchen über den Parcour schleppen wollen?
    _Nein, und nochmals Nein!!! – Hier sind enthusiastische menschen, die einen Schritt aus sich selbst gewagt und danach neuen Grund, neue Wege, neue Erkenntnisse und Kontakte zum Künstler gefunden haben.
    Diese Woche findet ein Marathon der Präsentationen statt, während dem die Kunstwelt jeden Tag durch 20. 30 oder mehr Künstler, die vor ihren Werken stehend alles erklären und Fragen beantworten, Jeden Tag morgens um 09 zur documenta. Abends 21.30 zurück, im Kopf und Herzen die neuen Eindrücke aus intensiven Künstlergesprächen und einer engen, fast freundschaftlichen Konversationen mit den Ikonen der modernen Kunstwelt.
    Okay, ich bin ein wenig zu euphorisiert,vielleicht, doch als Zeitzeuge aller bisherigen Ausstellungen seit 1992 muss ich einfach leidenschaftlich herausbrüllen: „Diese documenta ist die großartigste, die die Welt je sah (falls sie überhaupt eine sah).
    WQer sollte das besser wissen und beurteilen können, als der Rentner, der sich rückhaltlos der dovumenta verschrieben hat.

  12. T. Albert schreibt:

    Ich habe grossartige Documentae gesehen, das ist lange her. Ansonsten bin ich der Meinung Jonathan Meeses zu der Sache.
    Künstlerpräsentationen am laufenden Band beweisen, dass die Sache intellektuell weder eine Herausforderung ist, noch eine sein soll, wie fast alles, was ich sehe, wenn ich durch die „moderne Kunstwelt“ zu flanieren versuche, die alles andere als modern ist, sondern die Designerziehungsanstalt der Finanzfuzzies ist, in der ansonsten nicht und nichts mehr diskutiert wird ausser designte Sozialalbernheiten, zu denen sich selbst erklärende Künstler als Kuratorenkonzept auch gehören. Inszenierter Kunst-Diskurs als Show ist ziemlich angesagt, seit Kunst sich schon an den Hochschulen diskussionslos zu vermainstreamisieren hat. (Was zB eine „Ikone der modernen Kunstwelt“ wie Jeff Koons in seinen Interviews explizit fordert. Der Faschismus in der „modernen“ Kunstwelt sieht nur anders aus als früher, aber „eng, fast freundschaftlich“ war er immer, auf Indifferenz und ästhetisches Verschleifen des Subjekt-Objekt-Verhältnisses aus, auf Distanzlosigkeit und regressive Auflösung meiner poetischen Aggressionen.)
    Ich lebe in fremden Gefilden, hier möchte ich auch bleiben.

  13. T. Albert schreibt:

    Ojeh, nicht, dass ich hier für einen falschen Ausdruck sorge: Meese-Fan bin ich auch nur sehr begrenzt, zumindest, was sein vorgetragenes Verhältnis zum „Ich“ angeht, aber wie die Sarrazin-Fans sich immer ausdrücken: Wo er Recht hat, hat er Recht.

  14. Bersarin schreibt:

    Der Blogbetreiber war zu einem Vortrag in Weimar über F. Hölderlin. Insofern gibt es morgen – womöglich – mehr von mir.

  15. Bersarin schreibt:

    „Ich lebe in fremden Gefilden, hier möchte ich auch bleiben.“

    Schöner und besser, T. Albert, hätte ich es auch nicht sagen können. Genau so ist es.

    __________

    “Die Kunst braucht keine Philosophie, sie liefert der Philosophie die Themen.”(Bruno Zevi)

    Das ist von Zeit zu Zeit so, aber es wendet sich dieses Verhältnis manchmal. Ich würde etwas überspitzt behaupten, daß Barnett Newmans Bilder ohne die Philosophie kaum denkbar wären.

  16. T. Albert schreibt:

    – daß Barnett Newmans Bilder ohne die Philosophie kaum denkbar wären.

    Das stimmt allerdings wiederum sehr.

  17. lily schreibt:

    apropos documenta, da hab ich her noch einen kl. musikalischen paralelluniversalveranstaltungshinweis

    http://pixelschnipsel.blogspot.de/2012/06/documenta-13-und-die-panzerknackerinnen.html

  18. Bersarin schreibt:

    Ich danke für den Hinweis. Ja, wenn die Zeit unendlich wäre, um all das zu realisieren, was gemacht, getan, gedacht, gesehen werden müßte.

  19. lily schreibt:

    man reicht auch einfach nur das wesentliche.

  20. Bersarin schreibt:

    Dann hätte ich von Dir gerne eine Kiste Riesling aus der Pfalz, eine AK-47 und eine gut kommentierte Hegelausgabe.

  21. lily schreibt:

    hihi, das man da oben sollte eigentlich manchmal heissen. ich lach mich schlapp. also gut, ich reich dir das jetzt alles in aufglöster, vergeistigter form hinüber, ganz still u. heimlich wie ein dieb in der nacht, erst die kise riesling, dann die ak 47 und dann kommentier ich dir schweigend den hegel. cheers!

  22. berndkasseler schreibt:

    Bitte entschuldigt den Missbrauch. Aber ich empfinde Melancholie bei der Verweigerungshaltung der documenta gegenüber. Hier ein Link zu einem der Teilnehmer: http://www.youtube.com/watch?v=57PWqFowq-4 ; http://www.youtube.com/watch?v=uak8TG6Z9-w ; das hat auch etwas mit Philosophie zu tun. Und noch ein Link zu einem „wordly companien“: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1659078/Kunst-der-Schmetterlinge#/beitrag/video/1658892/Der-Polizist-als-Kunst-Vermittler # und http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1659078/Kunst-der-Schmetterlinge#/beitrag/video/1662164/aspekte-zur-documenta–das-Making-of
    Okay. Daswars. Bitte entschuldigt die Belästigung. Als mensch aus der Arbeiterklasse kann ich eben leider nicht den anspruchsvollen geistigen Ergüssen der Bildungselite folgen – aber ichbewundere sie umso mehr! Ehrlich! Gute Nacht (04.01 nach 2 trockenen Flaschen Riesling von meinem Weingut am Rhein).

  23. Bersarin schreibt:

    @ Lily
    Oh, sehr vielen Dank. Da ich – ausgestattet mit den Gaben eines Kierkegaardschen Ästhetikers – zu unendlicher Imagination fähig bin, weiß ich Deine Darbringungen wohl zu schätzen.

    @berndkasseler
    Nein, der Documenta gegenüber verweigert sich hier wahrscheinlich keiner. Womöglich aber gegen eine bestimmte Konzeption von Kunst. Da liegen wohl Differenzen ums ganze gegründet. Aber ich besuche natürlich und dennoch die Documenta.

  24. T. Albert schreibt:

    „Mein Weingut am Rhein“ ist doch eine ganz andere Gesprächsgrundlage! Wo ist das denn?

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