Assoziatives Denken und Entspannung – Ökonomie der Zeit

Entspannung, in diesem hier entfalteten Zusammenhang, einmal nicht im Sinne der Freizeit und all der Unsäglichkeiten genommen, die bloß als Kompensationsleistung fürs überforderte Subjekt dienen, sondern vom Sinn des Begriffes her gelesen. Und zuweilen findet sich jene produktive Entspannung gerade in der äußersten Anspannung, indem eine oder einer sich auf die Sache einläßt und sich im selben Moment von ihrem Strom (auch dem darin sedimentierten kollektiven) treiben läßt. So erging es mir vielfach bei der Lektüre Hegels. Ich habe sicherlich nicht alles sofort verstanden, aber bereits in den jungen, wilden Jahren des Schülers las ich die „Phänomenologie“ auch als ein Stück Literatur, und zwar konzipierte sie sich mir im Sinne der klassischen literarische Moderne ebenfalls als ein Stück surrealistisch und auch montagehaft inspiriertes Traumbewußtsein, was sicherlich in gewissem Maße einer jugendlichen Unbedarftheit sich schuldete. Während andere noch wendezeitisch (auch im kohlschen Sinne: esoterisch-konservativ-asiatisch-wissenschaftlich) bei Fritjof Capra und dem New Age verharrten, trieb das Bewußtsein mit Hegel den Geist der Zeit auf die Spitze: Macht kaputt, was Euch kaputt macht! Die Energie des „destruktiven Charakters“ fruchtbar zu machen gälte es.

Und immer gab es zugleich die anderen: Es zog sie mittelamerikanisch mit Carlos Castaneda hin und mit Hesse asiatisch von Kathmandu bis nach Japan, um das westliche Denken zu transzendieren und sich selber und den Weg zu finden: Alles Vergeblichkeit: jede gotische Kathedrale und jedes Madonnenbild, jede Pietà, jeder Supermarkt und jedes Geschäft für Designersonnenbrillen sagt Euch mehr über Euch selbst als der Gang ins Om-Om-Nirvana. Sie (bedeutungsvoll): „Ich lasse mir mein Parfum in Asien selber herstellen und individuell zusammenkomponieren.“ Die andere sie: „Ach, das macht heute fast jede Frau. Bei einer interessanten Frau riecht auch der Parfümklassiker noch hinreißend gut, träufelt die Frau ihn nur angemessen auf die Haut.“ Individualität ist, wenn alle das gleich machen, tragen, hören und es nicht bemerken – die Eleganz des Pseudos durch selbstbemachtes Parfüm aus Südostasien. Andererseits: wenn zwei das Gleiche tun, ist es eben noch lange nicht das gleiche. Der Begriff des Scheins findet sich dann in Hegels Wesenslogik entfaltet und bestimmt wieder. Das Scheinen des Wesens ist Reflexion, so lautet eine der ersten Bestimmungen. Bei Hegel bedeutet dieses Verhältnis von Sein, dessen Wahrheit im Gang des Denkens das Wesen ist, zugleich einen Bezug zur Zeit. „Erst indem das Wissen sich aus dem unmittelbaren Sein erinnert, durch diese Vermittlung findet es das Wesen. – Die Sprache hat im Zeitwort sein das Wesen in der vergangenen Zeit, ‚gewesen‘, behalten; denn das Wesen ist das vergangene, aber zeitlos vergangene Sein.“ (WdL, II, S. 13)

Warum soll ich das, was ich mit eigenen Worten kaum besser sagen kann, nicht durch fremde Zunge aussprechen lassen? Nehmen wir also Adorno beim Wort und lesen wieder einmal den Hegel, Zeit dafür ist es immer. Und es wird sich in dieser Lektüre das Moment der Versenkung, des Meditativen, der Inversion, der Kompression auf jenen einen Punkt, die unendliche Ausdehnung und ebenfalls die notwendige Leichtigkeit und Verspieltheit des Daseins einstellen, gerade und insbesondere vermittels jener Kraft zur Negativität, der es ins Auge zu blicken gilt, wie es in einer sehr schönen Stelle in der Vorrede seiner „Phänomenologie des Geistes“ heißt. Aber nun zu Adorno:

Entspannung des Bewußtseins als Verhaltensweise heißt, Assoziationen nicht abwehren, sondern das Verständnis ihnen öffnen. Hegel kann nur assoziativ gelesen werden. Zu versuchen ist, an jeder Stelle so viele Möglichkeiten des Gemeinten, so viele Beziehungen zu anderem einzulassen, wie irgend sich aufdrängen. Die Leistung der produktiven Phantasie besteht nicht zum letzten darin. Zumindest ein Teil der Energie, ohne die so wenig gelesen werden kann wie ohne Entspannung, wird dazu gebraucht, jene automatisierte Disziplin abzuschütteln, welche die reine Konzentration auf den Gegenstand verlangt und welche dadurch ihn leicht verfehlt. Assoziatives Denken hat bei Hegel sein fundamentum in re. Seine Konzeption von der Wahrheit als einem Werdenden ebenso wie die Absorption der Empirie im Leben des Begriffs hat die Trennung der philosophischen Sparten des Systematischen und Historischen, trotz den entgegenlautenden Deklarationen der Rechtsphilosophie, überschritten. Das Substrat seiner Philosophie, der Geist, soll, wie man weiß, nicht abgespaltener subjektiver Gedanke sein sondern real, und damit seine Bewegung die reale Geschichte. Gleichwohl pressen selbst die späteren Kapitel der Phänomenologie, mit unvergleichlichem Takt, die Wissenschaft von der Erfahrung des Bewußtseins und die von der menschlichen Geschichte nicht brutal ineinander. Die beiden Sphären schweben in ihrer Berührung. In der Logik wird, ihrer Thematik gemäß, wohl auch unterm Druck der Versteifung des späteren Hegel, die auswendige Geschichte von der inneren Historizität der Kategorienlehre verschluckt.“
(Theodor W. Adorno: Skoteinos oder Wie zu lesen sei, S. 128 f., in: Drei Studien zu Hegel, Fft/M 1987)

Daran anknüpfend und in Zusammenhang mit seinem Hölderlin-Essay  „Parataxis “ schreibt Adorno, daß die Logik der Hegelschen Philosophie zur Geschichte werde (S. 474). Adorno ist in diesem, freilich inversen Sinne (sein immanenter Bezug zu Marx wird gerne unterschlagen) sehr nahe an Marx‘ „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“. Wieweit es unterschwellig auch eine Kritik daran ist, vermag ich auf Anhieb nicht zu sagen. In seiner Kritik an jenem § 270 der Rechtsphilosophie, der vom Zweck  des Staates sowie seinem Verhältnis zur Religion handelt, heißt es:

Das Wesen der staatlichen Bestimmungen ist nicht, daß sie staatliche Bestimmungen, sondern daß sie in ihrer abstraktesten Gestalt als logisch-metaphysische Bestimmungen betrachtet werden können. Nicht die Rechtsphilosophie, sondern die Logik ist das wahre Interesse. Nicht daß das Denken sich in politischen Bestimmungen verkörpert, sondern daß die vorhandenen politischen Bestimmungen in abstrakte Gedanken verflüchtigt werden, ist die philosophische Arbeit. Nicht die Logik der Sache, sondern die Sache der Logik ist das philosophische Moment. Die Logik dient nicht zum Beweis des Staats, sondern der Staat dient zum Beweis der Logik.“ (Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1, S. 216)

An dieser Stelle freilich gerät die Assoziation aus den Fugen, und es trägt die Assonanz nicht mehr. Ein Blogtext, der als eine Art Textwerkstatt, als Laboratorium, als Versuch und als Raum für Assoziatives sowie Komponiertes fungiert, reicht nicht mehr hin, um in diesen Kontexten logische Bestimmungen und Sichtungen zwischen Hegel, Marx und Adorno vorzunehmen. Es bedürfte hier eines austarierten Essays, und der ist keine asiatische Tathandlung, sondern erfordert Zeit. Man gibt die Zeit und den Rest der Zeit. Auch dies erfordert eine bestimmte Ökonomie, was wiederum auf Derridas Buch „Falschgeld. Zeit geben I“ verweist:

„‚Der König nimmt meine ganze Zeit; den Rest gebe ich Saint-Cry und wie gern wollte ich sie Saint-Cry doch ganz geben.‘“ So die einflußreiche Mätresse am Hofe des Sonnenkönigs, Françoise d’Aubigné, Marquise de Maintenon

Maintenon: welch bezeichnender Name.

Geben und nehmen im Verhältnis zum Ganzen. „Denn wenn man seine ganze Zeit gibt, gibt man alles, gibt man das Ganze, sofern alles, was man gibt, in der Zeit ist, und man seine ganze Zeit gibt.“ (Derrida, Falschgeld, S. 9) Hier wäre der Bezug zur Liebe und zu Lacan aufzuzeigen:

Geben, was man nicht hat.


Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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