Auferstehung (2) – „To Leave, with Love“ (Erika M. Anderson)

Das Gesetz der Zeit zu brechen …

Es schrieb der emeritierte Professor für Geschichte und Literatur des frühen Christentums in Göttingen, Gerd Lüdemann, in der der Berliner Zeitung vom 6.4.2012:

„Die in Jerusalem auf den Namen Jesu erfolgende Taufe, die dem Schutz vor bösen Mächten diente, wurde in Damaskus zu einem mystischen Akt in das göttliche Wesen Christus Jesus hinein. Die dabei ausgesprochene programmatische Formel – ‚Hier ist weder Jude noch Heide, weder Sklave noch Freier, weder männlich noch weiblich; denn ihr alle seid eins in Christus Jesus‘ – spiegelt antike Utopien von der einen Menschheit wider.

Die Aussagen zu den drei Gruppen von Menschen, welche die Taufe empfangen, sind im damaligen gesellschaftlichen Kontext revolutionär. Sie proklamieren das Ende der Sklaverei, reißen Schranken zwischen Juden und Nichtjuden nieder und heben die sozialen, gesellschaftlich bedingten Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf. Wahrscheinlich haben die Christen in Damaskus ihre große Vision sogar in die Tat umgesetzt.

Aufbegehrende Frauen musste in Gottesdiensten Schleier tragen

Indes ergaben sich für Paulus daraus, dass ‚in Christus Jesus‘ die Unterschiede zwischen Mann und Frau, Sklave und Freier aufgehoben sind, keine Konsequenzen für die Stellung von Frauen oder Sklaven in Gemeinde und Gesellschaft. Unter Hinweis auf den Konsens mit den anderen Gemeinden Gottes zwang Paulus später in Korinth aufbegehrende Frauen, im Gottesdienst einen Schleier zu tragen; die Sklaven wies er an, die Freiheit auch dann nicht zu suchen, wenn sich dazu eine Möglichkeit ergebe. Einzig die Gleichstellung von Juden und Heiden setzte Paulus in seinen Gemeinden durch.

So gab Paulus, der ehemalige Verfolger und berühmteste Schüler der Gemeinde von Damaskus, deren emanzipatorischen Ideale preis; er machte langfristig nicht nur Frauenunterdrückung, sondern auch Sklaverei in Christentum und Gesellschaft hoffähig. Die große Vision der Christen von Damaskus aber ist geblieben.“

Die Figur des Paulus, seine Gesetzeslehre sowie die Paulinische Gnadentheologie sind umstritten. War Paulus der, welcher Jesus am ehesten verstand und in die Schriftform brachte oder handelte es sich um einen Scharlatan, der die praktizierte und gesprochen dargebrachte „Lehre“ Jesu als Herrschaftsinstrument verfälscht in die Auslegung transformierte? Der Anfang des 1. Römerbriefes lautet in der lateinischen Übersetzung des Hieronymus: „Paulus servus Jesu Christi, vocatus apostolus, segregatus evangelium Dei“ (Röm 1,1) „Paulus Sklave des Jesus Messias, berufen zum Apostel, ausgesondert für das Evangelium Gottes.“ (Vgl. G. Agamben, Die Zeit die bleibt, S. 17)

Am Jesus, der zum Messias wurde, ist insbesondere die Figur des Opfers, jenes bedingungslosen Opfers interessant. Daß kein anderer Mensch mehr, daß kein Tier mehr und kein Nichts geopfert werden müssen, weil ein Wesen seine Entäußerung zum letzten Opfer brachte, um künftig auf jedes weitere Opfer zu verzichten. Dies ist die zentrale christliche Lesart, welche allerdings in der Folge bloßes Bekenntnis blieb und als gestanzte Phrase ihren Nachhall fand. Es ist diese Bewegung von Einheit und Differenz zugleich eine der vielfach variierten Figuren europäischer Philosophie: nämlich die Entäußerung als Entzweiung und Differenzbildung, was zugleich bedeuten kann, daß jener als unteilbar angenommene Ursprung eben doch einer gleichsam „ursprünglichen“ Differenzstruktur unterliegt, so daß sich im Sinne Derridas von einer ursprünglichen Spaltung sprechen läßt. Urbild ist nicht die Einheit. Und noch der Begriff des Urbilds trägt dieses Moment der Einheit in sich und müßte im Grunde anders heißen. Mit Derrida gedacht, erscheint das Urbild als eine Spur. Sinnbildlich stellt sich diese Figur der Entäußerung sowie der vermittelten Rückkehr zum Ursprung am Odysseus dar, der als ein anderer in Ithaka wieder ankam und der dann in seinen Transformationen im Grunde die Gestalt für jenen klassischen Bildungsroman etwa im Sinne  „Wilhelm Meisters“  abgab. Die etwas andere Perspektivierung dieser Entäußerung lesen wir in jenem genialen exalktiert-sexuellen Monolog der Molly Bloom am Ende des „Ulysses“

Diese Perspektive, daß kein Opfer mehr sei, gibt auch jenen Impuls der Philosophie Adornos: Der Verzicht auf das Opfer, indem die Logik und die Spirale der Gewalt gebrochen wird. Das Verstömen in Natur, wie es in seinem Essay zu Goethes  „Iphigenie“  heißt. Vor ihm formulierte dies in anderer Weise Nietzsche im „Zarathustra“: den Geist der Rache zu überwinden.

„Daß die Zeit nicht zurückläuft, das ist sein Ingrimm; ‚das, was war‘ – so heißt der Stein, den er nicht wälzen kann.

Und so wälzt er Steine aus Ingrimm und Unmut und übt Rache an dem, was nicht gleich ihm Grimm und Unmut fühlt.

Also wurde der Wille, der Befreier, ein Wehetäter: und an allem, was leiden kann, nimmt er Rache dafür, daß er nicht zurück kann.

Dies, ja dies allein ist Rache selber: des Willens Widerwille gegen die Zeit und ihr ‚Es war‘.

Wahrlich, eine große Narrheit wohnt in unserm Willen; und zum Fluche wurde es allem Menschlichen, daß diese Narrheit Geist lernte!

Der Geist der Rache: meine Freunde, das war bisher der Menschen bestes Nachdenken; und wo Leid war, da sollte immer Strafe sein.

‚Strafe‘ nämlich, so heißt sich die Rache selber: mit einem Lügenwort heuchelt sie sich ein gutes Gewissen.

Und weil im Wollenden selber Leid ist, darob, daß er nicht zurück wollen kann – also sollte Wollen selber und alles Leben – Strafe sein!“
(F. Nietzsche, Von der Erlösung, in: Also sprach Zarathustra)

Dieses Statement impliziert eine (andere) Philosophie der (anderen) Zeit, und insofern geschieht bereits an dieser Stelle im „Zarathustra“, von seiner Erzählstruktur her, die Ankündigung jenes Motivs von der Wiederkehr des Immergleichen – jenes schwersten Gedankens. Es gilt, das Gesetz der Zeit zu brechen.

Dies wäre die soteriologische Perspektive, die beiden Texten innewohnt – auch im Text des Pfarrerssohnes Nietzsche, wobei über den Perspektivismus, welcher seinen Text trägt, zugleich bei jedem Dreh und bei jeder Wendung eine andere Sicht sich ergibt. Alles könnte auch ganz anders sein. Nimmt man jedoch den „Zarathustra“ als solchen, so deutet dieser Text auf ein explizit theologisches Moment: die Verkündung des Todes Gottes erzeugt eine neue Religion der Diesseitigkeit, und Zarathustra tritt eben doch als ein Religionsstifter auf. Der Text selbst zeigt dies auf performative Weise, indem er die Sprache Luthers einerseits fast mimetisch einkreist und sie zugleich als hohen Ton parodiert.

Das Messianische Ereignis, es ist dies zum einen die Auferstehung, aber zum anderen, in der Perspektive des Judentums, daß der Messias erst kommt. Dies setzt, so steht zu vermuten, eine andere Ordnung und eine andere Zeit voraus. Wird die Gerechtigkeit oder aber das Recht in jener eschatologischen Perspektive außer kraft gesetzt? Es bestünde ebenso die Möglichkeit, daß lediglich eine falsch verstandene Gerechtigkeit durch dieses Ereignis suspendiert wird.

„Ermöglicht die Dekonstruktion Gerechtigkeit, ermöglicht sie einen Diskurs über die Gerechtigkeit und über die Möglichkeitsbedingungen von Gerechtigkeit?“ (J. Derrida, Gesetzeskraft) Derrida setzt sich in diesem Text unter anderem mit Benjamins legendärem Aufsatz „Zur Kritik der Gewalt“ auseinander, der zugleich mit Carl Schmitt korrespondiert. Der Antisemit Carl Schmitt führte in einem perversen Akt der Reinwaschung ausgerechnet Walter Benjamin zu seiner Rechtfertigung nach 1945 an. Aber dies ergibt ein anderes Thema. Derrida führt in seinem Text „Gesetzeskraft“ jenes Gleiten zwischen Recht und Gerechtigkeit vor und zeigt das Moment der Unbestimmtheit auf, das konstitutiv im Begriff der Gerechtigkeit steckt:

„‚Vielleicht‘ – wenn es um (die) Gerechtigkeit geht, muß man immer ‚vielleicht‘ sagen. Die Gerechtigkeit ist der Zukunft geweiht, es gibt Gerechtigkeit nur dann, wenn sich etwas ereignen kann, was als Ereignis die Berechnungen, die Regeln, die Programme, die Vorwegnahmen usw. übersteigt. Als Erfahrung der absoluten Andersheit ist die Gerechtigkeit undarstellbar, doch darin liegt die Chance des Ereignisses und die Bedingung der Geschichte.“
(J. Derrida, Gesetzeskraft, S. 57)

Das Kontinuum der Geschichte aufzusprengen, jene Dialektik im Stillstand, die Einhalt gebietet, inmitten der Katastrophe.

„Freilich fällt erst der erlösten Menschheit ihre Vergangenheit vollauf zu. Das will sagen: erst der erlösten Menschheit ist ihre Vergangenheit in jedem ihrer Momente zitierbar geworden. Jeder ihrer gelebten Augenblicke wird zu einer citation à l‘ordre du jour – welcher Tag eben der jüngste ist.“
(W. Benjamin, Über den Begriff der Geschichte)

Die Römerbriefe des Paulus scheinen mir, andererseits, nicht ganz uninteressant. Ich lese dazu gerade ein wenig in Giorgio Agambens „Die Zeit, die bleibt“. Er liefert eine gleichsam dekonstruktive Lesart des ersten Satzes des Römerbriefes, rehabilitiert Paulus gewissermaßen, wie auch Alain Badiou in seinem Buch zu Paulus, indem er gerade die in der Christologie aus dem Römerbrief getilgte Lesart des Messianischen in den Blick nimmt und das jüdisch-griechische Denken des Damszeners Paulus darstellt. Was mich an Agambens Text fasziniert: diese Fülle an Assoziationen und die entfalteten Bezüge.

Was im Paulinischen Text, und zwar in der sozusagen dekonstruktiven-rekonstruierenden Lesart eines Alain Badiou und Giorgio Agamben, wirkt, ist eine neue Form der Subjektivität, die als Lektüre einen Blick auf den Text erlaubt, welche eine andere Dimension desselben freilegt.

Es ist nicht die Ununterscheidbarkeit zwischen Literatur, Philosophie und Theologie, sondern das Gleiten zwischen diesen Sphären, was am Ende eine ästhetisch inspirierte Lektüre ausmacht, die Bezüge ausgräbt, welche in einer orthodoxen Lesart womöglich verborgen bleiben müßte. Jene Zeit, die bleibt und die wir geben, wenn wir lesen, um uns von jenem ganz Anderen als Flüchtigkeit des Augenblicks, als Konstellation des Denkens, als Spiel eines Kaleidoskopes affizieren zu lassen.

Adornos „Mimima Moralia“ schließen mit jener Reflexion auf das beschädigte Leben und auf welche Weise ein Modus von Erkenntnis zu gewinnen sei. Was bleibt, ist die Kraft zur Negativität:

Zum Ende. – Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint: alles andere erschöpft sich in der Nachkonstruktion und bleibt ein Stück Technik. Perspektiven müßten hergestellt werden, in denen die Welt ähnlich sich versetzt, verfremdet, ihre Risse und Schründe offenbart, wie sie einmal als bedürftig und entstellt im Messianischen Lichte daliegen wird. Ohne Willkür und Gewalt, ganz aus der Fühlung mit den Gegenständen heraus solche Perspektiven zu gewinnen, darauf allein kommt es dem Denken an. Es ist das Allereinfachste, weil der Zustand unabweisbar nach solcher Erkenntnis ruft, ja weil die vollendete Negativität, einmal ganz ins Auge gefaßt, zur Spiegelschrift ihres Gegenteils zusammenschießt. Aber es ist auch das ganz Unmögliche, weil es einen Standort voraussetzt, der dem Bannkreis des Daseins, wäre es auch nur um ein Winziges, entrückt ist, während doch jede mögliche Erkenntnis nicht bloß dem was ist erst abgetrotzt werden muß, um verbindlich zu geraten, sondern eben darum selber auch mit der gleichen Entstelltheit und Bedürftigkeit geschlagen ist, der sie zu entrinnen vorhat. Je leidenschaftlicher der Gedanke gegen sein Bedingtsein sich abdichtet um des Unbedingten willen, um so bewußtloser, und damit verhängnisvoller, fällt er der Welt zu. Selbst seine eigene Unmöglichkeit muß er noch begreifen um der Möglichkeit willen. Gegenüber der Forderung, die damit an ihn ergeht, ist aber die Frage nach der Wirklichkeit oder Unwirklichkeit der Erlösung selber fast gleichgültig.“
(Th.W. Adorno, Minima Moralia, in: GS 4, S. 283)

10 Gedanken zu „Auferstehung (2) – „To Leave, with Love“ (Erika M. Anderson)

  1. Es soll einen apokryphen Text geben, in dem Jesus Maria zurückstößt und sagt „Nichts habe ich mit Dir gemein, Weib!“, und mystisch gedeutet soll dies keine Frauenfeindlichkeit andeuten, sondern damit zu tun haben, dass geistige Erleuchtung Männern und Frauen in unterschiedlicher Form zuteil werde, die geistige Widergeburt als Christos nur möglich sei, wenn man in einem männlichen Körper lebe, und diese Wiedergeburt sei wiederum das eigentlich Ziel des christentums, keine Befreiung oder Erlösung im Diesseits. In solcher gnostischen Logik ist es auch völlig in Ordnung, wenn Sklaven ins Christentum aufgenommen werden und Sklaven bleiben – das, was in der leiblichen Welt geschieht steht nicht zur Disposition und spielt auch keine Rolle. Das Erlösungsversprechen ist ein rein geistiges. Das „Gott geben was des Gottes ist und dem Kaiser geben was des Kaisers ist“ meint genau das. Mystiker bezeichnen jede Art politischer´Freiheit zuweilen als „Gespenst der Freheit“, weil ihnen zufolge Freiheit sich nur als Freiheit im Geiste finden lässt, nicht als Freiheit IN der materiellen Welt, sondern als Freiheit VON ihr.

  2. Aufgrund solcher Gedankenfiguren einer reinen Transzendenz und der ins Unerreichbare erhobenen Sphäre resultiert meine Abneigung gegen jede Form und jede Weise von Religion – auch gegen die, welche ohne einen Gottesbegriff auskommen. Ich halte es in bezug darauf mit Hegel, wobei ich auch für solche wie von Dir genannten Texte etwas übrig habe, wenn man sie etwa in eine dekonstruktive Lektüre holt. Dennoch: Die Transzendenz in die Immanenz zu bringen: daß hier auf Erden bereits ein Himmel sei. Und Marx stellte, aber da sage Dir nichts Neues, bekanntlich Hegel dann vom Kopf auf die Füße. Weiterhin gilt der Satz Kants: „Nur der kritische Weg ist noch offen!“

    Diese kurze Betrachtung soll mit einem meiner Liebingsdichter ausklingen, viel zu wenig gelesen, viel zu wenig im Gespräch: Heinrich Heine, an dessen Grab auf dem Friedhof am Montmartre ich einst ein Blume niederlegt.

    „Ein kleines Harfenmädchen sang.
    Sie sang mit wahrem Gefühle
    Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
    Gerühret von ihrem Spiele.

    Sie sang von Liebe und Liebesgram,
    Aufopfrung und Wiederfinden
    Dort oben, in jener besseren Welt,
    Wo alle Leiden schwinden.

    Sie sang vom irdischen Jammerthal,
    Von Freuden, die bald zerronnen,
    Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
    Verklärt in ew’gen Wonnen.

    Sie sang das alte Entsagungslied,
    Das Eyapopeya vom Himmel,
    Womit man einlullt, wenn es greint,
    Das Volk, den großen Lümmel.

    Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
    Ich kenn’ auch die Herren Verfasser;
    Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
    Und predigten öffentlich Wasser.

    Ein neues Lied, ein besseres Lied,
    O Freunde, will ich Euch dichten!
    Wir wollen hier auf Erden schon
    Das Himmelreich errichten.

    Wir wollen auf Erden glücklich seyn,
    Und wollen nicht mehr darben;
    Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
    Was fleißige Hände erwarben.

    Es wächst hienieden Brod genug
    Für alle Menschenkinder,
    Auch Rosen und Myrthen, Schönheit und Lust,
    Und Zuckererbsen nicht minder.

    Ja, Zuckererbsen für Jedermann,
    Sobald die Schooten platzen!
    Den Himmel überlassen wir
    Den Engeln und den Spatzen.

    Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
    So wollen wir Euch besuchen
    Dort oben, und wir wir essen mit Euch
    Die seligsten Torten und Kuchen.

    Ein neues Lied, ein besseres Lied,
    Es klingt wie Flöten und Geigen!
    Das Miserere ist vorbey,“
    Die Sterbeglocken schweigen.

    _____________

    Die Misere – die Deutsche Misere. Am letzten Vers hege ich allerdings meine Zweifel.

    Obwohl ich den Optimismus nicht teile und ichʼs politische Lied nur bedingt schätze, wenn es mit dem Holzhammer kommt: aber es ist dies eines der gelungensten Gedichte des 19. Jhds. Aus: „Deutschland. Ein Wintermärchen“. (Es kann sein, daß ich aus diesem Kommentar noch einen eigenen Textbeitrag mache, weil dieses Gedicht eigentlich nicht in der Kommentarsektion verschwinden sehen möchte.

  3. Eines meiner Lieblingsgedichte, aber das ist wohl keine Überraschung.
    Während ich von den typischen deutschen Romantikern kaum jemand schätze (Eichendorff, Novalis usw. können mir gestohlen bleiben, diese Tonträger der Biedermeier-Regression), so sind diejenigen aus dem Vormärz, die mich prägten Heinrich Heine, Georg Büchner, E.T.A. Hoffmann und Ferdinand Freiligrath.

  4. Wobei die Romantik von der Ästhetik und ihren Grundlagen her im Grunde das erste Konzept ist, was an die klassische Moderne anschlußfähig ist. Es heißt, mit der Romantik fängt die Moderne an. Zu Eichendorffs Lyrik hat Adorno etwas geschrieben. Der „Heinrich von Ofterdingen“ ist von seiner Erzählstruktur her unglaublich vielfältig und Novalis auch als Philosoph in Bezug auf Fichte, Kant und eben die Transzendentalphilosphie bedeutsam: Stichwort auch: das unendliche Poetisieren. Soviel nur kurz angerissen. Das sind Felder, da könnte ich eine Vorlesung drüber halten. Novalis Fichtestudien, die Blüthenstaubfragmente usw.

  5. „Der Kurzsichtige ist selbstsüchtig, der Weitsichtige wird in der Regel bald einsehen, dass im Gedeihen des Ganzen der eigene Nutz am besten verankert ist.“

    Silvio Gesell (Vorwort zur 3. Auflage der NWO, 1918)

    Nur ein außergewöhnliches Genie wie Silvio Gesell (1862 – 1930) konnte die ideale Makroökonomie, in der es prinzipiell das Beste für alle bedeutet, wenn jeder Einzelne nur das Beste für sich anstrebt, vollständig und widerspruchsfrei beschreiben, ohne die Religion (Rückbindung auf den künstlichen Archetyp Jahwe) verstanden zu haben, die es der halbwegs zivilisierten Menschheit seit jeher unmöglich macht, das Grundprinzip der absoluten Gerechtigkeit zu verstehen oder auch nur verstehen zu wollen.

    Die Beendigung der „Finanzkrise“ (korrekt: beginnende globale Liquiditätsfalle nach J. M. Keynes, klassisch: Armageddon) durch den eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation, die Natürliche Wirtschaftsordnung (echte Soziale Marktwirtschaft), setzt die Überwindung der Religion (Erkenntnisprozess der Auferstehung) voraus.

    http://www.juengstes-gericht.net

  6. So: das erste Mal habe ich nichts geschrieben, weil ich mir dachte: „Ach, Bersarin, der Spuk geht von selbst vorbei!“ Ich täuschte mich.

    Entweder, Stefan Wehmeier, Du gehst auf das ein, was hier im Blog geschrieben wird: ansonsten: Wehe Dir: Ich werde da nämlich schnell sehr ungnädig. Du magst ein ausgewiesener Experte für Arma- und Beinageddonisches Flachzangentum mit der Nebenabteilung Apokalyptische Epiklese sein. Aber stelle doch Dein Wissen zukünftig woanders unter Beweis und verschone mich zudem mit außergewöhnlichen Genies! Ich selber muß jeden Tag einem solchen morgens im Spiegel ins Gesicht sehen, und insofern weiß ich, wie schwierig da das Leben sein kann.

    Also: Hier herrscht mit finsterer Geste der Rudolph Giuliani der Blogwelt: Three strikes and you are out! Gefährdungsansprache verstanden?

    Von Wolfgang Neuss gab es in den 60er ein prima Kabarettprogramm, welches hieß: „Das jüngste Gerücht“. Hat die Homepage von Stefan Wehmirmeier womöglich damit zu tun?

  7. Silvio Gesell, der Geselle nationalrevolutionärer, pseudoanarchosyndikalistischer und naivökonomischer Alternativmodelle zum unverstandenen Kapitalismus, von „Libertären“, die gar nicht merkten, dass sie im Umfeld der Neuen Rechten umherirrten gerne kolportiert, ist ja nun echt Müllhalde der Erkenntnisgeschichte. Was kommt demnächst? Dühring? Bastiat? Lanz von Liebenfels?

  8. Wieder einmal zeigt sich, wie wichtig die Recherche ist. Andererseits fehlt mir im Moment die Zeit, mich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen.

  9. was will uns Derrida bloß sagen?

    Wenn Dekontruktion Gerechtigkeit ermöglicht, ermöglicht sie die Bedingungen, die wir voraussetzen dürfen, nein, falsch: sogar müssen, ist Gerechtigkeit einmal eingetreten, sprich die Möglichkeitsbedingungen, sowie das, worauf wir schließen dürfen, wenn Gerechtigkeit als hinreichende Bedingung eingetreten ist: den Diskurs über Gerechtigkeit. Oder nocheinmal:

    Wenn Gerechtigkeit ermöglicht ist, sind die notwendigen Bedingungen für Gerechtigkeit „ermöglicht“, was punktgenau rein gar nichts besagt, es sei denn, es ist ihm auf eine logische Wahrheit angekommen. Diskutieren ließe sich ja, ob der Diskurs über Gerechtigkeit eine „Möglichkeitbedingung“ für Gerechtigkeit ist, eine notwendige Bedingung, aber warum hat er dann hier differenziert? Das wird er also nicht gemeint haben. Außerdem wäre es dieselbe Tautologie wie vorher. Nun, wenn er den Diskurs über Gerechtigkeit als hinreichende Bedingung für Gerechtigkeit ansieht, würde dies besagen, dass, wenn Dekontruktion Gerechtigkeit ermöglicht, sie zugleich auch anderes sie Ermöglichende ermöglicht. Das müsste aber noch einmal gesondert ausgewiesen werden. Denn schließlich wäre Gerechtigkeit auch ohne Diskurs über Gerechtigkeit denkbar. Plausibel ist es jedoch, dass Gerechitgkeit einen Diskurs über Gerechitgkeit ermöglicht, mithin hinreichende Bedingung für denselben ist.

    Was also Gerechitgkeit ermöglicht, ermöglicht das, was ohnehin gegeben sein muss, damit Gerechtigkeit sei, was trivial ist, sowie das, was durch Gerechitgkeit ermöglich wird, hier der Diskurs über Gerechtigkeit.

    Was also Gerechitgkeit ermöglicht, ermöglicht das, was durch Gerechtigkeit ermöglicht wird.

    Wollte er das uns wirklich damit sagen?

  10. Was will uns der Dichter sagen?

    Ich werde es ein andermal erklären, da im im Moment mit anderen Dingen beschäftigt bin. Soviel nur: Derrida stellt hier eine rhetorische Frage, er sagt bzw. erklärt nicht. Dekonstruktion hat zur Aufgabe, den Begriff zu dezentrieren und verborgen im Begriff enthaltene Figuren und Momente aufzuzeigen. Derrida dekonstruiert den Gerechtigkeitsbegriff, indem er das Gleiten zwischen Recht und Gerechtigkeit hervorhebt.

    Zum Rest ein andermal mehr.

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