Hamburger Hafengeburtstag oder Niklas Luhmanns „Liebe als Passion“ – „Belinda Project(s) – Datumsgrenzen“ (Präludium 1)

Es steht da oben ein ziemlich langer Titel diesmal. Aber es lassen sich hier um Blog nun einmal – typographisch fein abgesetzt – keine Untertitel bilden.

Hamburg kann für den Besuchenden eine „Schatzstadt“ sein – „Du altes Hamburg/unsere Schatzstadt/wo am Hafen/die Schiffe und die Fische schlafen“ (Lassie Singers). Sie vermag es jedoch auch, mich depressiv zu machen und die Verstimmungen zu erzeugen – je nachdem, was einer gerade mit einer Stadt verbindet und verknüpft und welchen Eindrücken man erliegt.

Hafengeburtstag und großer Rummel lief da in Hamburg ab, eine Stadt inszeniert sich als Mega-Event, Touristen strömen die Hafenpontons entlang, Menschen verfolgen gebannt das Feuerwerksschauspiel, und ein Schiff wird unter großer Anteilnahme getauft. Nachts dann lief die „Aidamar“ aus und schipperte auf ihre Jungfernfahrt. Die „Einschiffung nach Kythera“ fiel mir ein. Ob es wohl ebenfalls zu jener Liebesinsel ins Mittelmeer ging – die Kultstädte der Göttin Aphrodite? Heute hingegen heißt es „Liebe ist, wenn es Landliebe ist“. Ja, mit Danone kriegen wir sie alle, das kollektive Unterbewußte schaufelt die absurdesten Dinge frei. Wir müssen uns den modernen von Werbung, Kauf und E-Commerce zerfressenen Menschen als einen glücklichen vorstellen – schlendernd in den immergleichen Einkaufspassagen, und ringend um das Tüpfelchen einer eigenen unverwechselbaren Existenz, um wenigstens in der Inszenierung und dem Scheine nach diese Existenz  im radikalen Konsum und im Kaufrausch aufrechtzuerhalten, sie dort erst gar bestätigt zu wissen.

„Ladendiebstahl als Umkehrung des Werbegeschenks auf eigene Faust“, wie eine wie ich finde sehr gelungene Überschrift in Wolfgang Fritz Haugs Buch „Kritik der Warenästhetik“ heißt.

Ja, das Mittelmeer. Wie ging noch das Brechtgedicht über die Bäume?

(Quelle: Wikipedia. Watteau malte drei dieser Bilder. Dieses hängt in Berlin, die erste Variante in Frankfurt und die zweite im Louvre. Bei diesem Bild handelt es sich um die letzte Fassung.)

So schifften sich also die Menschen auf den Aida-Dampfern ins Kythera der Postmoderne ein – ihre Rollkoffer hinter sich herziehend, die Gangway passierend, hasteten sie bepackt an Bord. Aphrodite oder Venus? Ganz egal. Es existiert keine Zeit mehr für die galanten Feste. Aber Liebe stellt kein autonomes, für sich seiendes Gefühl dar, das es immer schon gegeben hat, sondern es ein historisch entfaltetes, sich ausdifferenzierendes Kommunikationsmedium – zumindest dann, wenn man nicht gleichsam im Geschehen sich blind verhakt, sondern auf die Formen schaut, in denen sich Liebe entäußert oder zeigt: das reicht von den unmittelbaren Praktiken bis hin zu den theoretischen und künstlerischen Werken, die die Diskurse der Liebe zum Inhalt haben. Betrachten wir also auch die Liebe als „symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium. Entsprechend wird Liebe hier nicht, oder nur abglanzweise, als Gefühl behandelt, sondern als symbolischer Code, der darüber informiert, wie man in Fällen, wo dies eher unwahrscheinlich ist, dennoch erfolgreich kommunizieren kann. Der Code ermutigt, entsprechende Gefühle zu bilden. Ohne ihn würden die meisten, meine La Rochefaucauld, gar nicht zu solchen Gefühlen finden.“ (N. Luhmann, Liebe als Passion, S. 9)

Was Luhmann nicht in den Blick bekommt: daß auch die Liebe selbst von den Formen der Warenwirtschaft, also durch die Ökonomie, überformt ist. Diese durchdringt noch den hintersten Winkel der Welt. Dieser blinde Fleck bei Luhmann entsteht, weil er die sich ausdifferenzierte Gesellschaft nicht als Totalität denken kann, in der ein Zusammenhang in den anderen wirkt. Geschuldet ist dies dem starren, von Talcott Parsons übernommenen Systemfunktionalismus: und so muß Luhmann zwangsläufig schreiben:

„Wer die Gesellschaft primär in ökonomischen Kategorien begreift, wer sie also von ihrem Wirtschaftssystem her auffaßt, kommt zwangsläufig zur Vorstellung einer Vorherrschaft unpersönlicher Beziehungen, denn für das Wirtschaftssystem gilt dies in der Tat. Aber die Wirtschaft ist nur ein Moment des gesellschaftlichen Lebens neben anderen.“ (S. 13)

Darin eben täuscht sich Luhmann empfindlich. Trotzdem bleibt Luhmanns Buch interessant und bedeutsam, wenn er zeigt, wie ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium entsteht, dem die Aufgabe zugewiesen wird, die kommunikative Behandlung einer bestimmten Form von Individualität zu ermöglichen. Der kalte Blick des Analytikers läßt nichts ungeschoren, er schneidet selbst in das vermeintlich Unmittelbarste und zeigt seine Vermittlung auf.

„In diesem Sinne ist das Medium Liebe selbst kein Gefühl, sondern ein Kommunikationscode, nach dessen Regeln man Gefühle ausdrücken, bilden, simulieren, anderen unterstellen, leugnen und sich mit all dem auf die Konsequenzen einstellen kann, die es hat, wenn entsprechende Kommunikation realisiert wird. Schon im 17. Jahrhundert ist (…) bei aller Betonung der Liebe als Passion völlig bewußt, daß es um ein Verhaltensmodell geht, das gespielt werden kann, das einem vor Augen steht, bevor man sich einschifft, um Liebe zu suchen; das also als Orientierung und als Wissen um die Tragweite verfügbar ist, bevor man den Partner findet, und das auch das Fehlen eines Partners spürbar macht, ja zum Schicksal werden läßt. Die Liebe mag dann zunächst gewissermaßen sich im Leergang bewegen und auf ein generalisiertes Suchmuster gerichtet werden, das die Selektion erleichtert, das einer gefühlsmäßig vertieften Erfüllung aber auch in die Quere kommen kann. Es ist die im Code verankerte Bedeutungssteigerung, die das Lernen des Liebens, die Interpretation der Anzeichen und die Mitteilung kleiner Zeichen für große Gefühle ermöglicht; und es ist der Code, der Differenz erfahrbar werden läßt und die Nichterfüllung mitexaltiert.“ (Luhmann, S. 23 f.)

„Das eben, Lieber! ist das Traurige, daß unser Geist so gerne die Gestalt des irren Herzens annimmt, so gerne die vorüberfliehende Trauer festhält, daß der Gedanke, der die Schmerzen heilen sollte, selber krank wird, daß der Gärtner an den Rosensträuchen, die er pflanzen sollte, sich die Hand so oft zerreißt, o! das hat manchen zum Thoren gemacht vor andern, die er sonst, wie ein Orpheus, hätte beherrscht, das hat so oft die edelste Natur zum Spott gemacht vor Menschen, wie man sie auf jeder Straße findet, das ist die Klippe für die Lieblinge des Himmels, daß ihre Liebe mächtig ist und zart, wie ihr Geist, daß ihres Herzens Woogen stärker oft und schneller sich regen, wie der Trident, womit der Meergott sie beherrscht, und darum, Lieber! überhebe ja sich keiner.“ (Friedrich Hölderlin, Hyperion, S. 644, in: Sämtliche Werke, Bd. 1, München 1992)

Im Rahmen Hölderlins gelingt die zweite Reflexion nur noch bedingt, und die Wunde, die der Speer schlug, konnte durch diesen nicht geheilt werden. Am Ende bleibt nur das, was der Dichter stiftete. Es gibt die Überlegung, hier im Blog eine Reihe über die Diskurse der Liebe zu eröffnen – vielleicht auch als Literaturprojekt, inspiriert durch Melusine Barbys Blog „Gleisbauarbeiten“. Es wird heißen „Belinda Project(s) – Datumsgrenzen“

(Wir verlinken uns hier in einer Tour gegenseitig, daß es schon verdächtig ist. Hoffen wir, daß ihr Mastermind keinen Verdacht schöpft.)

Einige Photographien aus Hamburg vom Hafengeburtstag zeige ich auf meinem Blog „Proteus Image“.
Wie immer: viel Vergnügen beim Betrachten. Die Diashow startet, ebenfalls wie immer, indem Betrachterin/Betrachter mit dem Cursor auf das erste Bild tippt und den Klick tätigt.

Die Rubrik „Der Blogtrinker“ muß wegen Krankheit wieder einmal verschoben werden, und wieder einmal darf ich den freundlichen Riesling mir nicht zuführen. Und dabei wollte ich, im Überschwange, noch einmal vorm Vergängnis glühn.

„Zersprengtes Ich – o aufgetrunkene Schwäre –
Verwehte Fieber – süß zerborstene Wehr –:
Verströme, o verströme Du – gebäre
Blutbäuchig das Entformte her.“
(G. Benn)

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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22 Antworten zu Hamburger Hafengeburtstag oder Niklas Luhmanns „Liebe als Passion“ – „Belinda Project(s) – Datumsgrenzen“ (Präludium 1)

  1. FrauWunder schreibt:

    oh mein gott!!! gut,
    das ist mal was anderes als die biochemische varinate von einer liebeserklärung, im sinne von erklärung natürlich. versteh ich richtig: liebe ist ein konstrukt oder deutungsmuster im kopf ein „code“ welcher gefühle, die den berreich einer liebesskala passieren als solche erkennt, entschlüsselt und einordnet in weniger und mehr. ohna skala oder code keine gefühle ( ehm oder keine einordnung in die richtige schublade), ist das richtig? klingt in etwas so als gäbe es ohne termometer keine temperatur.

    schon möglich das herr luhmann und andere solcherlei gedanken äußerten nur ist es ziemlich schwierig selbst mit hilfe längerer zitate, dies aus dem kontext heraus zu lesen und mit deinem konstrukt von liebe (welches wäre das eigentlich) in beziehung zu setzen. darin liegt halt die schwierigkeit bei einem diskurs, mit unterschiedlichen quellenkenntnissen. sicherlich hätten marx, fromm, schütz und freud auch noch was nettes zum thema beizutragen genau wie dieter bohlen oder loriot. aber wo fängt das an wo hört das auf? was ist ihre werte meinung zum thema liebe herr geist?

    als antwort bieten sich unter anderem auch die lassies an “ liebe wird einfach überbewertet…“ oder etwa nicht?

  2. FrauWunder schreibt:

    na gut die temperaturen gäbe es auch ohne messinstrumente aber wie könnten sie nicht einordnen, nicht skalieren soweit hat er vll recht. die frage allerdings braucht es eine einordnung? braucht es uhren und termometer wirklich?

  3. che2001 schreibt:

    Gottfried Benn, ja muss I denn?
    Was ist das Liebe, lieben Kinder Schokolade, liebt die Hausfrau ihren Herd wie der Weihnachtsmann den Schnee? Mir hat schon lange niemand mehr mit Liebe gedroht, geschweige denn, sie mir erklären zu wollen. Zu erklären gibt es da ja auch gar nichts. In einer von Prinzessinnen und Prinzen befreiten Welt des ungehemmt-einvernehmlichen Sexus kommen wir vielleicht auch ohne romantische Gefühle aus, aber mit freien Trieben, wie ein immer wachsender Baum.

  4. Bersarin schreibt:

    Die biochemische Variante der Liebe ist uninteressant, ausgenommen für Mediziner und eben Biologen. Vor allem erklärt sie die gesellschaftlichen und strukturalen Bedingungen für die Formen von Liebe nicht, in denen diese praktiziert werden kann. Diese Funktionsmechanismen aufzuzeigen, unternimmt Luhmann: Wäre es reine Biochemie so schriebe kein Mensch einem anderen Liebesgedichte oder machte Liebeserklärungen, es fielen dann zwei Menschen einfach übereinander her und begatteten sich – ein biologischer Akt, der mit Lust gepaart ist. Aber auch dies erfordert bereits symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien, sobald ein Wesen fähig ist zu denken und in Sprache zu operieren.

    Der Liebesbegriff ist keine Invariante, besitzt keinen ontologisch unwandelbaren Status, der sich von der Antike bis ins Jetzt durchhält, so nach dem Motto: Liebe hat es doch schon immer gegeben. Auch Geld hat es in zahlreichen Varianten schon immer gegeben, aber es hängen an diesem Tauschmittel ganz verschiedene Konzepte von Ökonomie.

    Um eine Liebesskala oder Formen von Meßbarkeit geht es Luhmann gerade nicht, er quantifiziert nichts. Und schon gar nicht sind es Schubladen, die aufgetan werden sollen und in die jemand hineingesteckt wird. Was er untersucht, sind die Bedingungen der Möglichkeit von Liebe und wie diese in einer nicht mehr stratifikatorisch, sondern funktional organisierten Gesellschaft überhaupt kommuniziert und durchgeführt werden kann. Grob gesprochen: wie kann Liebe sich ausdrücken? Es müssen für sie mediale Formen bereitgestellt werden. An einem einfachen Beispiel illustriert: Wenn ich mich auf einer Party oder an einem anderen Ort in eine Frau verliebe, kommt es (in der Regel – nicht immer) schlecht an, wenn mein erster Satz lautete: „Ich möchte ihre Scheide küssen!“ Meist wird man anders einen Auftakt wählen und dieser ist nicht vollständig beliebig und ins Ermessen gestellt, sondern er muß angenommen und erkannt werden.

    Systemfunktional gedacht: Wir können nur so kommunizieren, wie wir kommunizieren können. Alles andere bleibt Rauschen.

    Diese Mechanismen im Rahmen der Luhmannschen Systemtheorie zu erklären, ist in einem kurzen Kommentar nicht möglich, weil ich dazu einige Prämissen und Begriffe der Systemtheorie darstellen und diese dann auf den Liebesbegriff anwenden müßte. Dieser Liebesbegriff reicht von einer romantische-idealisierte Weise bis hin zur bürgerlichen Zweckform. Ich gehe nicht mit allem, was Luhmann schreibt, konform, vor allem nicht mit seinen teils doch sehr affirmativen Passagen. Andererseits betreibt er jenen „fröhlichen Positivismus“, welchen ich mag: zu zeigen, wie etwas ist. Und daraus kann man dann etwas machen.

    Der Vergleich mit dem Thermometer – es schreibt sich übrigens mit „h“ – hinkt insofern, weil sich Temperaturen auf ganz unterschiedliche Weise feststellen und kommunizieren lassen. Es bedarf dazu nicht unbedingt eines Thermometer, dieses arbeitet lediglich als ein Instrument der exakten Messung, so daß alle von demselben Wert reden (können).

    „Zu erklären gibt es da ja auch gar nichts. In einer von Prinzessinnen und Prinzen befreiten Welt des ungehemmt-einvernehmlichen Sexus kommen wir vielleicht auch ohne romantische Gefühle aus, aber mit freien Trieben, wie ein immer wachsender Baum.“

    Das ist einerseits richtig, andererseits aber erfordert auch dieses Konzept Rahmen und Medien. Es gibt auch in der Liebe keine Unmittelbarkeit des So-Seins und So-Handelns.

    Braucht es Uhren und Thermometer? Die Französischen Revolutionäre haben, so schreibt Walter Benjamin, auf die Kirchturmuhren geschossen, damit diese Form von Zeit nicht mehr sei.

    Als Pendant zu Luhmann ließe sich vielleicht der etwas in Vergessenheit geratene Günther Anders lesen: zum Beispiel: „Lieben gestern. Zur Geschichte des Fühlens“.

    _____________________

    Wie dichtete es doch so wundervoll Peter Rühmkorf:

    „Die schönsten Verse der Menschen / nun finden sie schon einen Reim! – sind die Gottfried Bennschen.“

    _____________________

    Vielleicht stelle ich diese Passagen noch als einen Extrablogbeitrag ein, weil ich eigentlich nicht mag, daß solches im Kommentarbereich versenkt wird.

  5. T. Albert schreibt:

    Das Watteau-Bild selbst ist die widerständige räumliche Möglichkeit des Entkommens. EIn Ort.

  6. wie würde luhmann es erklären, dass menschen sich trotz unterschiedlicher kultureller prägungen, unterschiedlicher sozialisationen, unterschiedlicher sozialer kontexte, bildungserfahrungen, eben trotz alledem in einander verlieben können? da besteht dann keine gemeinsame kommunikationsebene und oft auch kein gemeinsames konstrukt von wahrnehmung der wirklichkeit ( letzteres sowieso nie). trotz unterschiedlicher sprachen, ansichten, haltungen verlieben sich menschen ineinander und das seit menschen gedenken; wie erklärt er das systemtheoretisch?

    „ich möchte ihre scheide küssen?“ damit könnte man(n) bei mir schon punkten, trotz meines bieder- bürgerlich und lustfeindlichem sozialisationshintergrundes oder eventuell gerade deswegen….freud würde hier frohlocken, eine fundgrube für die psychoanalyse…

  7. summacumlaude schreibt:

    „Niedergang des Psychoanalytikers, Aufstieg des Sexologen“ nannte André Béjin (in „Die Masken des Begehrens…“) genau das: Die Verabschiedung von der Suche nach der großen Ursache und der großen Liebe; hin zur bloßen Suche nach dem Anlaß, zur Suche nach dem Augenblick.
    Aus der Suche nach dem Urschleim wurde die praxisbezogene (Orgasmus)Therapie, das „coping“, das Fertigwerden mit den Schwierigkeiten, welchen auch immer. Hierbei blieb „die Liebe“ auf der Strecke.
    Unsterblich verliebt? Gibt es das noch?
    Wären Tristan und Isolde heute noch aufeinander geworfen? Oder würden sie nach Ablehnung durch den Anderen jeweils einfach weiterziehen und die nächste Gelegenheit ergreifen, evtl. nachdem sie einen Orgasmus-Yoga-Parcour durchritten haben? Aber auch das ist nicht die endgültige Antwort:
    Es gäbe noch viel dazu zu schreiben, nur hat Bersarin Recht: Als Unterdiskussion im Kommentarteil wäre dieses Thema verschwendet. Gruß an alle!

  8. T. Albert schreibt:

    Unsterblich verliebt? Gibt es das noch?

    – Doch, sicher: meine Frau, mein Sohn, und ich.

  9. Bersarin schreibt:

    @ T. Albert (Kommentar 16. Mai 2012 um 09:00)
    Wunderbar geschrieben: Genau deshalb brachte ich dieses Bild. Gut daß es zuweilen Menschen gibt, die es vermögen, mich zu enträtseln. ;-)

    @FrauWunder
    Möchtest Du jetzt eigentlich lieber FrauWunder oder FraufriederikeWunder genannt werden?

    Aber zu Deiner Frage: Das würde Luhmann damit erklären, daß jede Kultur bzw. Gesellschaft solche Kommunikationsmedien ausdifferenziert hat, in der eben ein Liebesdiskurs funktioniert und zur Praktik werden kann. Verlieben ist nicht gleich verlieben, es beruht auf kulturellen Codierungen. Liebe ist keine ontologisch sich durchhaltende Invariante. DIe Liebe in der Antike sah anders aus als Liebe heute. Und auch das Verlieben ging vermutlich anders ab. Man müßte dazu die Quellen studieren.

    Die meisten kennen Liebe als Hollywoodkonstrukt und reden deshalb von der großen Liebe, glauben, es ginge zu wie in Casablanca, Vom Winde verweht, Doktor Schiwago, Ich denke oft an Piroschka, 9 1/2 Wochen oder Die fabelhafte Welt der Amelie. Manchmal muß auch ein idealistisch-romantischer Liebesdiskurs herhalten: der nämlich von der unverbrüchlichen Liebe. Es handelt sich hierbei um interessante Konstruktionsleistungen, die Subjekte nutzen, um sich fortzupflanzen, gemeinsam zu sein und durchs Leben zu schreiten oder aber der Lust zu frönen. Manchmal auch alles zusammen.

    In solchen Diskursen der normalen Liebe fallen andere Varianten der Lustgewinnung oder der Liebe durch. So ist BDSM oder Homosexualität erst seit einiger Zeit etwas, über das man sprechen kann, ohne ins Gefängnis geworfen zu werden. Und das auch nur in bestimmten Ländern bzw. Regionen: In Berlin: alles kein Problem, in Kleinkaulquappendorf, den USA, im Iran oder Uganda schon weniger. Dazu kann man dann mal die Fundamentalisten aus dem christlichen oder dem islamischen Raum befragen. Aber dies ist noch einmal ein anderes Thema.

    Wie ich sehe, muß ich für Dich wohl doch einen kleinen Text zum Luhmann-Buch schreiben. Aber dies wird mir sicherlich Freude bereiten, weil dieses Buch spannend und interessant ist.

    Bei mir könnte eine Frau auf einer Party mit diesem Satz punkten: „Während das Denken dem, woran es seine Synthesen übt, Gewalt antut, folgt es zugleich einem Potential, das in seinem Gegenüber wartet, und gehorcht bewußtlos der Idee, an den Stücken wieder gutzumachen, was es selber verübte; der Philosophie wird dies Bewußtlose bewußt. Unversöhnlichem Denken ist die Hoffnung auf Versöhnung gesellt, weil der Widerstand des Denkens gegen das bloß Seiende, die gebieterische Freiheit des Subjekts, auch das am Objekt intendiert, was durch dessen Zurüstung zum Objekt diesem verloren ging.“

    Leider traf ich bisher noch keine solche Frau.

    Ja, Freud hätte seine Freud mit uns.

    __________________

    Das, was ich schrieb, ist übrigens kein Plädoyer gegen die Liebe, ebensowenig wie Luhmanns Buch. T.Alberts letzter Kommentar zeigt es. Es geht da ja gerade um die Bedingungen der Möglichkeit von Liebe zu einer bestimmten Epoche.

  10. summacumlaude schreibt:

    Auch ich in Arkadien:
    Auch ich bilde mir meine Unsterblichkeit ein. Aber meine Wortwahl – „ich bilde mir ein“ – zeigt schon, dass ich die zeitgemäßen Zweifel an der (an meiner) unsterblichen Liebe mitdenke.

    Tristan und Isolde mag es heute noch geben – nur haben sie pseudowissenschaftlicher Zweifel ständig gewärtig zu sein. Was Du da unsterbliche Liebe nennst, ist nur eine molekulare Konstellation – so schallt es gegenwärtig im scheinaufgeklärten Bewußtsein.

    Man kann natürlich auch sagen: Tristan und Isolde werdens überleben. Sie sind eben unsterblich.

  11. T. Albert schreibt:

    @In solchen Diskursen der normalen Liebe fallen andere Varianten der Lustgewinnung oder der Liebe durch. So ist BDSM oder Homosexualität erst seit einiger Zeit etwas, über das man sprechen kann, ohne ins Gefängnis geworfen zu werden.

    – Ja, die Diskurse der „normalen Liebe“ wollen idiotischerweise ausschliessend sein, die Gründe dafür seien mal dahingestellt, als sei der Einzelfall ein allgemeiner und durch Menschen mit anderem Sexualleben gefährdet. -Was eine exzessiv dümmliche Position der Subjektschwäche ist, um es wenig politisch zu formulieren. Dann ist auch in anderen Lebensbezügen und -beziehungen Grosszügigkeit schon ästhetisch ein Schrecken – und so lebt man dann und erfreut sich neurotisch am eigenen Sklavischen als Norm. Dann kommt man bloss nicht in dem Himmel ,als Neurotiker, das hat man dann davon, dass man sich ständig wertend um die Angelegenheiten anderer Leute gekümmert hat.

    Auch diesbezüglich ist mehr Klassenhass wieder angebracht, um die vom Tod her gedachte Totalverzweckung der „normalen Liebe“, der Schwangerschaft und Geburt zumindest zu relativieren.

  12. T. Albert schreibt:

    Gutes Thema, die angebliche Einbildung der eigenen Unsterblichkeit. Woher wissen die Freunde der Finsternis ohne Gesichtsinn, dass ich sterblich wäre, mithin ihr Objekt im Leben?
    SIe wissen nichts, von meiner Liebe auch nicht.

    Ein schöner Freund von mir, mit anderen sexuellen Präferenzen, irgendwie geht ja hier eins ins andere über, hat mich nach langer Zeit mal besucht und festgestellt, dass ich mit meiner Selbstvergöttlichung doch fortgeschritten sei. Darüber hatte ich nie nachgedacht, aber seitdem denke ich, dass das eben der Job ist, in aller Heiterkeit, die uns nicht einfach zugestanden wird, auch nicht für die Liebe zu wem auch immer.

  13. ziggev schreibt:

    Würden Tristan und Isolde sich nicht irgendwann zutodelangweilen? Dafür, dass Unsterblichkeit nicht wünschenswert wäre, ist ja bereits an verschiedener Stelle relativ überzeugend argumentiert worden. (z.B. Bernard Williams, der sich auf ein Theaterstück von Karel Čapek bezieht.) Hier kommt aber auch Heidegger (bzw. der katholischer Existenzphilosoph Max Müller) vorbei: Ohne Endlichkeit wäre der Augenblick als Grundkategorie des Menschlichen aufgehoben, in die „‚Öde‘ und in das ‚Grau in Grau‘ einer Gleichgültigkeit jedem Augenblick gegenüber getaucht“ (Müller), gäbe es nicht die letzte Würde und Gefahr des Augenblicks (Heidegger).

    „Liebst du mich nicht mehr?“ – „Is doch egal, können wir ja noch irgendwann einmal drauf zurückkommen.“ ? Liebe, so Müller, müsste sich nicht mehr jetzt ereignen, das scheinbare Ideal (sogar der in jeder Hinsicht unsterbliche Gott) wäre eine Karikatur des Lebens.

    Davon (von Müller) ließ ich mich mal bezirzen: ich entliebte mich; und dann fing sie an, Geschichten zu machen, dumme Geschichten, beging eine Dummheit nach der Anderen, legte los, eine Endlichkeit nach der anderen zu produzieren. Allesamt Dinge, die nicht wieder rückgängig gemacht werden konnten. Insofern ist die Liebe die Illusion der Unsterblichkeit; die eigene Dummheit bemerkt man ja nie.

  14. Bersarin schreibt:

    Wie lautete die Weisheit des Silen doch gleich?:

    „Es geht die alte Sage, daß König Midas lange Zeit nach dem weisen Silen, dem Begleiter des Dionysus, im Walde gejagt habe, ohne ihn zu fangen. Als er ihm endlich in die Hände gefallen ist, fragt der König, was für den Menschen das Allerbeste und Allervorzüglichste sei. Starr und unbeweglich schweigt der Dämon; bis er, durch den König gezwungen, endlich unter gellem Lachen in diese Worte ausbricht: »Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Ersprießlichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben.«“
    F. Nietzsche, Die Geburt der Tragödie

    „Insofern ist die Liebe die Illusion der Unsterblichkeit; die eigene Dummheit bemerkt man ja nie.“

    Da sprichst Du ein wahres Wort gelassen aus, und doch vermag es niemand oder nur wenige, diesen Zustand zu vermeiden. Vielleicht sollte man die Heideggersche Gelassenheit walten lassen, womit wir wieder beim Zen wären.

  15. summacumlaude schreibt:

    AAAALSO: Tristans und Isoldes Liebe ist unsterblich (oder auch Romeos und Julias Liebe), nicht aber ihre Körper. Die sind längst vergangen, was ja auch schon in der jeweiligen Geschichte erzählet worden ist. Wäre es nicht an dem, so wären diese Vorzeigepäärchen möglicherweise längst bei der Paarberatung.
    Die Sterblichkeit der Körper aber lässt die Liebe unsterblich sein.

  16. ziggev schreibt:

    LOL, jetzt habe auch ich das endlich kapiert. Danke, summacumlade, you made my day!

  17. detroit music schreibt:

  18. Bersarin schreibt:

    Sehr schön: das lassen wir am Tag des Herren doch mal so und unkommentiert stehen.

  19. MelusineB schreibt:

    Ja, mein Lieber, wir machen ein Zitier- bzw. Link(s)kartell!
    Die Liebe, ach, die „geht“ gar nicht, wie jede/r weiß, entweder läuft sie (fort) oder sie bleibt (ewiglich). Oder so.
    Luhmanns „Liebe als Passion“, das Liebe als Kommunikationscode versteht, kann vieles erklären, aber ich denke, er übersieht (neben den anderen Einwänden gegen die Systemtheorie, von denen du einen nennst) etwas Wesentliches, was Heine (ich glaube, der war´s) so ausgedrückt hat: „Ich habe mit dem Tod in der Brust den sterbenden Fechter gespielt.“ Es gibt eine Kommunikation über Liebe, die bestimmten Codes unterliegt und also kulturell bedingt ist. Dass das so ist, beweist aber nicht, dass es die Liebe nicht gibt (bzw. sie „nur“ ein Code i s t). Auch der Tod, der gespielt wird (repräsentiert), hinterlässt eine Leiche. So auch „die Liebe“.

    Im Juni komme ich wieder nach Berlin. Vielleicht können wir wieder was abzocken oder wo Randale machen ;-). HG Melusine

  20. Bersarin schreibt:

    Großes Nietzscheianisches Jaaa, was die Liebe angeht. Wir Jasager und wir Neinsager.

    Abzocken klingt fein, (aber diesmal mit Alkohol zusammen):Denn was ist der Überfall einer Bank gegen ihre Gründung? wußte bereits Brecht.

  21. fabsefab schreibt:

    „Der Kampf des Geistes mit der sinnlichen Welt ist das Evangelium der Moderne. Ich will keinen Teil daran.“

    Dies schrieb einst Sacher-Masoch mit blutgetränkter Feder. Ich würde ihm Recht geben, wenn ich es könnte. Und trotzdem (oder gerade deshalb?) lausche ich all Deinen Predigten. Kalter Blick. Wärmende Worte. Blut im Tintenfass.

    Danke für Deine Texte und alles Gute für 2016. Möge der Riss in Deinem Herzen niemals heilen.

  22. Bersarin schreibt:

    Ich mag ja die Dualismen nicht besonders, weil sie geworden und gemacht sind -nichts Natürliches. Was häufig leider übersehen wird. Körper und Geist, Subjekt und Objekt sind nicht bloß zwei Dinge die sich starr als Kampfposition gegenüberstehen. Interessanter sind da schon die Widersprüche.

    Predigten halte ich weniger – es sind Essays. Schön aber, diesen alten Text aus dem digitalen Nichts wieder hervorgeholt zu haben. Und dazu die schönen Kommentare der Frau Wunder. Hach, lange ist es her …

    Dir ebenfalls ein gutes neues Jahr.

    [Ein Riß im Herz setzt natürlich voraus, daß da überhaupt ein Herz sei. Und wenn es auch nur „ein Herz im Winter“ ist.]

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