1. Mai und ein Nachtrag zu den Leistungsdarstellern

Ein wenig gilt es, meinen Beitrag vom letzten Freitag aus der grauen neuen Welt der Arbeitstage zu ergänzen: So lese ich heute morgen, auf dem Sofa hingestreckt, die Frau an der Leine am Boden kauernd, bissig und zu mir aufblickend, mit hechelnder Zunge, ich kraule ihren Kopf und berühre das Lederhalsband, während der Hund in der Küche das Frühstück zubereitet und den Kaffee brüht, in der Überschrift des Hamburg Magazins, das in dieser Woche dem Zeit-Magazin als PR-Schrift beigefügt war: „Die Zukunft der Arbeit hat an der Elbe bereits begonnen. Trendforscherin Birgit Gebhardt sagt: Die Grenze zwischen Job und Freizeit schwindet. Wir werden Teamworker. Und unser Büro wird immer da sein, wo wir sind.“

Ist dieser letzte Satz nun absurde Poesie im Geiste Dadas, oder handelt es sich eher um eine wenig subtile Drohung? Vertauschen sich in einem Anfall Hegelscher Dialektik gar Subjekt und Objekt? Wo Du nicht bist, will ich nicht sein, wie es einstmals in kitschigen Liebesgedichten hieß. Ich sehe es in Bezug auf die Arbeit eher umgekehrt: Wo Du bist, will ich nicht sein! Der „flexible Mensch“ (R. Sennett) sagt sich im Geiste des neuen Bürgertums an seinem Arbeitsplatz, der im Grunde überall ist: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein. Pantheismus in seiner säkularen Variante. Wie beruhigend, diese Vorstellung, daß mein Büro immer da ist, wo ich gerade bin. Allerdings: auch die Antworten, die Richard Sennett in seinem Buch aus dem Jahre 1998 gibt, schulden sich dem Geist des sozialdemokratischen Reformismus. Es geht nicht um ein vollständig anderes Konzept von Arbeit, sondern das alte soll – ein wenig an den Stellschrauben gedreht – bloß umgemodelt werden. Der alte Gaul will wieder flottgemacht werden. Dieser sozialdemokratische Konservatismus ist lediglich die andere Seite der Medaille: jener smarten Manager und Angestellten, die mit ihren soft skills und ihrer ungemeinen Effizienz die Teilung von Arbeit und Nicht-Arbeit aufheben wollen. Die Reproduktion der Arbeitskraft geschieht in dieser neuen Welt während der Arbeit selbst: im Crossfit Bootcamp oder im Hochseilklettergarten, zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen, beim Abendessen oder am Meeting Point mit dem Coffee to go. Sogar die dargebrachte Arbeit stellt sich vermittels der Mechanismen der Identifikation als purer Spaß dar.

Lauter Leersätze in diesem Text bzw. in dem Interview: Die Zukunft der Arbeit hat begonnen. So so, es wurde bisher also nicht gearbeitet, die Produktion von Mehrwert fand bisher gar nicht statt, das geschah alles auf rein freiwilliger Basis. Oder wie soll dieser Genitv gedeutet werden? Was ist eine Zukunft, die begonnen hat, wie und wo soll ich diese auf dem Zeitstrahl verorten? Ist eine Zukunft, die begonnen hat, noch eine Zukunft oder bereits die Gegenwart? Hat hier womöglich nur die Zukunft der Leerformeln ihren Anfang genommen?

Gelungen auch die Berufsbezeichnung „Trendforscher/in“. Das mochte ich schon bei der Sabbeltasche Matthias Horx: Das Drauflosschreiben ohne Sinn und Verstand, das Fabulieren gibt sich selber wohlklingende, klingelnde Namen und verkauft sich als prognostischer Blick, um aber in Wahrheit die bloße Affirmation zu betreiben. Es wird hier dem Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeiung gehuldigt: Der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital mithin die Klassengesellschaft, sei doch heute kein Thema mehr und wir lebten nicht mehr in einer Arbeits-, sondern in einer Freizeitgesellschaft, wird so lange als Mantra in die Agora gebrabbelt, bis es jeder für wahr hält. Trendforscher forschen zumeist nicht nach Trends, sondern betreiben die Anpassung an das Bestehende und labeln die Gesellschaft. Kritik an diesem Aspekten ist in so einem Rahmen des Marketings der Anpassung dann „oldschool“.

Und auch die folgenden Sätze von Birgit Gebhardt im Interview sprechen für sich, ich lasse sie unkommentiert:

Gebhardt: Auf Strukturwandel wird häufig mit Überforderung reagiert, daher ist im Moment viel von Burn-out die Rede. Wir müssen lernen, für unser Tun Verantwortung zu übernehmen und uns abzugrenzen. Dann können wir die Vorteile des flexiblen Arbeitens genießen.

Frage: Und die sind?

Gebhardt: Man fühlt sich nicht fremdbestimmt. Ein selbstverantwortlich organisierter Job füllt einen ungleich mehr aus.“

Dies ist dann die vollständige Perversion eines Konzepts von Arbeit, die einmal als nicht entfremdete und nicht verdinglichte wollte auftreten. Fragen über Fragen am Tag der Arbeit zur Zukunft der Arbeit.

„Die individuelle Konsumtion des Arbeiters bleibt also ein Moment der Produktion und Reproduktion des Kapitals, ob sie innerhalb oder außerhalb der Werkstatt, Fabrik usw., innerhalb oder außerhalb des Arbeitsprozesses vorgeht, ganz wie die Reinigung der Maschine, ob sie während des Arbeitsprozesses oder bestimmter Pausen desselben geschieht. Es tut nichts zur Sache, daß der Arbeiter seine individuelle Konsumtion sich selbst und nicht dem Kapitalisten zuliebe vollzieht. So bleibt der Konsum des Lastviehs nicht minder ein notwendiges Moment des Produktionsprozesses, weil das Vieh selbst genießt, was es frißt. Die beständige Erhaltung und Reproduktion der Arbeiterklasse bleibt beständige Bedingung für die Reproduktion des Kapitals. Der Kapitalist kann ihre Erfüllung getrost dem Selbsterhaltungs- und Fortpflanzungstrieb der Arbeiter überlassen. “ (K. Marx, Kapital I, MEW 23, S. 597 f.)

Ja, heute ist Kampftag der Arbeiterklasse, die es nicht mehr gibt. Ein gutes Gedicht von Pier Paolo Pasolini findet sich übrigens in dem Blog Gleisbauarbeiten, und zwar hier.

2 Gedanken zu „1. Mai und ein Nachtrag zu den Leistungsdarstellern

  1. Der Begriff „totalitärer Zugriff“ auf die Subjekte trifft es sehr genau: insbesondere der Hinweis auf Toyota ist da bedeutsam. Der Film „Work Hard – Play Hard“ zitiert eine dieser Subjektkonditioniererinnen, die das Lean-Modell von Toyota (Lean Development) als Maßstab für die Optimierung von Prozessen angibt. Es ist dies eine Form von Arbeit, ein Konzept von „Optimierung“, zu der mir wenig schmeichelhafte Begriffe einfallen.

    Was den Begriff des Neoliberalen betrifft, so kommt es doch wesentlich darauf an, inwiefern man die Begriffe mit Inhalt füllt. Ich würde diesen Begriff zwar einerseits schon für jene Epoche der Friedman-Bande (warum werden die eigentlich nicht als kriminelle Vereinigung geführt?) und der Thatcher/Reagan-Zeit verwenden wollen, zugleich schreibt er sich aber in Kontinuität bis in die Gegenwart fort, wenngleich es im Gang der Zeit (zumindest in der BRD), von den 80ern bis zu den 00er Jahren, eine qualitative Veränderung gab, die einen Wandel ums ganze erzeugte. Aber was in der BRD erst jetzt gespürt wird, ist in vielen Ländern seit Ewigkeiten die soziale Realität.

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