Gallery Weekend Berlin

So stand es im schönsten Englisch auf der Ausstellungs-Broschüre geschrieben. Der Prospekt kam vermutlich gerade aus der Druckerei, denn er roch nach frischer Druckfarbe. Ich mag diesen Geruch, welchen frisch gedruckte Farbe auf matt gestrichenem Papier hervorruft.

Ja, es reiht sich in Berlin bekanntermaßen Kunst an Kunst und Galerie an Galerie. Während des Wochenendes der Galerien vom 27. bis zum 29. April konnten eine Vielzahl von Kunstwerken betrachtet werden. Es besteht bei einem solchen Marathon jedoch die Gefahr, daß die Werke zum bloßen Nebeneinander geraten. Die Besucher klappern eines nach dem anderen ab und wissen am Ende nicht mehr, was sie eigentlich gesehen haben. Die Reihung erzeugt Unverbindlichkeit. Und es scheint mir sehr fraglich, ob bei einem solchen Parkour eine angemessene Auseinandersetzung mit Kunst möglich ist. Aber schließlich wollen die Kunstwerke verkauft und nicht analysiert werden. Wesentlich bleibt in diesem schnellen Durchmarsch das Element des rein Sinnlichen: Viel zu häufig betonten die Besucher das Verzücktsein: alles muß immerzu ein Augenschmaus sein. Es ist das altbekannte Problem der Kunst. Momentan bewegt sich die Spannbreite der Bildenden Kunst in Berlin zwischen der 7. Berliner Biennale, die sich diesmal extrem politisch gibt, und der üblichen kulturschickeriahaften Kunst für Sammler, welche die Kunst als solche schätzen oder aber sie als Wertanlage gebrauchen.

Es gab an diesem Wochenende einige interessante Werke zu sehen: So stellt zum Beispiel die Galerie carlier/gebauer unter dem Titel „The Present“ die Straßenphotographien von Paul Graham aus. Es sind dies sehr eindringliche Photographien, die insbesondere über das Moment des Lichts, das auf die Menschen fällt, eine ungewöhnliche Sicht auf die Straßen New Yorks freigeben. Weiterhin werden in der Galerie Aurel Scheibler die (frühen) expressionistischen Bilder und Zeichnungen von Leon Golub präsentiert. Bei Sprüth Magers gibt es die Ausstellung „Endgames“ von Jenny Holzer, die nach über 30 Jahren wieder zur Malereien findet und sich dort mit der US-Politik von Guantanamo und den Folterlagern auseinandersetzt. Ich will hier nicht zu viel aufzählen, aber das waren die Orte, welche mich am meisten inspirierten. Recht witzig waren die gehäckelten Stoffpuppen von Wesen aus der Cartoon- und Kinderpuppenmedienwelt von Patricia Waller: ein Ernie als Clochard, Winnie-the-Pooh, der sich erhängt hat oder der Sandmann, in einem Bett schlafend, von Joints betäubt. Virtuelle Figuren, die wir aus den Medien kennen, werden als gescheiterte bzw. aus dem Kontext gerissene Existenzen gezeigt – auf die Puppenform reduziert. Nichts Großartiges und von der Idee am Ende monoton, aber dennoch spaßig – sozusagen von der rein subjektiven Seite genommen: es erheiterte mich für den Augenblick, und das ist doch bereits viel wert.

Die meisten der gezeigten Werke können Betrachterin und Betrachter noch über den April hinaus sich ansehen. Eine Besprechung einzelner Ausstellungen, die mich interessierten, mache ich dann im Laufe der Zeit, es eilt ja nicht. Zunächst aber möchte ich einige Photographien von diesem Wochenende zeigen. Ich kommentiere nicht, welches Bild in dieser Serie von einem Kunstwerk stammt, und welches nicht: und als ich, einen kleinen Schlenker zur 7. Biennale unternehmend, ins KW eintrat und mir das dort ansässige Occupy-Camp ansah, da konnte ich den Unterschied eigentlich kaum ausmachen: Was ist Kunst und was nicht? Und da taucht sie wieder auf, jene Frage, was den wesensmäßigen Unterschied zwischen jenem Urinoir im Museum und dem in einer öffentlichen Toilette ausmacht, wieweit es um die Referenzrahmen oder um die Reflexion auf die Struktur eines Werkes geht und bis an welchen Ort der Werkscharakter seine Ausdehnung erfährt.

Allerdings: was ich beim Wochenende der Galerien an Photographien sah, da denke ich mir zuweilen, ich müßte auch einmal meine Bilder irgendwo ausstellen. Aber das wiederum ist ein anderes Thema.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Gallery Weekend Berlin

  1. MelusineB schreibt:

    Den vorletzen Satz unterschreibe ich. Gesagt habe ich es Dir auch schon! Gilt auch für diese Fotos!

  2. Bersarin schreibt:

    Ja, vielen Dank nochmal für Dein Lob und die Ermunterung. Nun muß ich nur noch einen Galeristen finden.

    Ach, und ich bin ja gerade eben ganz wehmütig geworden, denn heute Morgen leerte ich meine Phototasche, um für den 1. Mai in Kreuzberg zu packen: Und was fand ich da?: Die Rennpläne von Hoppegarten! Ach, da wurde ich melancholisch, denn das war ein sehr schöner Nachmittag.

  3. freudefinder schreibt:

    ich denke der Hauptsinn ist, dass die Schwellenangst überwunden wird und man in die Gallery geht wie in ein Museum. Dafür ist es wohl am besten geeignet – Verkaufsgespräche kann ich mir da auch nicht vorstellen. Sei denn, ein Bild klammert sich gleich im Gehirn fest und lässt einen nicht mehr los.

  4. Pingback: Virtueller Wochenrückblick | KUNST MAGAZIN

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