Neukölln – Photographien

„Neukölln, du alte Hure“ so heißt ein Musikstück von Kalle Kalkowski. Und weiter im Text: „Neukölln, Niemandsland“. Dieses Stück ist ein Abgesang und zugleich eine Hymne auf Neukölln. Es beschreibt, wie es im Kiez zugeht oder teils auch: zuging: Rau und hart ist das Pflaster dort, und zwar in jeder Hinsicht. Vor noch zehn Jahren war es nicht ratsam, abends durch den Reuterkiez zu schlendern oder zu flanieren, wenn man nicht unbedingt mußte oder wer nicht die entsprechende Street Credibility besaß. Heute herrscht da eine Mischung aus szenigen Kneipen, Bars, Eckkneipen resp. Bierschwemmen, die vom Urneuköllner besucht werden, und türkischen sowie kurdischen Kulturvereinen. Alles dicht nebeneinander. Das hat durchaus seinen Reiz, birgt jedoch die Gefahr, daß ein Viertel teurer wird. Die Mietpreise Nordneuköllns, auch Kreuzkölln genannt, gehen in die Höhe. Allerdings, fatale Ironie: diejenigen, welche das beklagen und trotzdem in diese Bars oder aber, um dem zu entfliehen, in die traditionellen Eckkneipen gehen, sind lediglich die Vorreiter des Kommenden. So auch wir. Aber ich mag nichts zur Gentrifizierung schreiben und analysieren, das machen andere besser. Solange kein Ableger von Tim Mälzers „Bullerei“, keine Zweigstelle von Tim Raues Restaurant, kein Starbucks oder keine Filiale vom IndoChine dort ein Lokal eröffnen, ist es gut. Aber dies alles ist bloß eine Frage der Zeit, bis dann nach den Künstlern die ersten IT-Firmen und die Werber herziehen.

In der Nähe der Schönleinstraße am Kottbusser Damm kehrten wir bei einem Griechen ein, der zwischen den Spielsalons und den Imbissen herausstach. Das Essen war in Ordnung, der Wein schlecht (gibt es überhaupt guten griechischen Wein?) und die eine der beiden blonden Kellnerinnen war so geraten, wie ich mir eine blonde Frau vorstelle. Vor allem: lange Beine. Schon diese Reihung bedeutet in der Gleichung eine Verdinglichung vermittels des Blickes sowie des Vorstellungsvermögens. Ich habe der Kellnerin beim Bezahlen, als sie sich vorbeugte und der Kragen des T-Shirts Dinge freigab, in jenen Ausschnitt geschaut. Sowas macht man nicht. Doch ich gestehe: ich kann nicht anders, vor allem, wenn eine Frau jung und erotisch ist. Und ich sehe meine Fehler ein, um sie dann am nächsten Tag erneut zu begehen.

Demnächst werde ich – vielleicht – einen Text zum Prenzlauer Berg schreiben, um mit einigen Vorurteilen über dieses Viertel aufzuräumen und um andere Vorurteile wiederum festzuzementieren. Ich werde einen kleinen Spaziergang beschreiben, und es wird Photographien geben, so wie heute zu Neukölln: Neukölln bei Nacht.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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